Fand ihr Glück im Ausland: Julia Simic, die inzwischen beim AC Mailand spielt. 
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Fand ihr Glück im Ausland: Julia Simic, die inzwischen beim AC Mailand spielt. 

Deutscher Frauenfußball verschläft - Ausland holt auf

Bauchkribbeln im Wembley-Stadion

Julia Simic (früher FC Bayern) erlebte erst in England eine komplett professionelle Frauenfußballliga. Sie weiß, weshalb deutsche Profis dem Lockruf ins Ausland folgen. 

  • Julia Simic spielte acht Jahre lang für den FC Bayern München. Nach den Stationen bei deutschen Vereinen wechselte sie 2018 nach England. 
  • Im Interview erzählt sie von den Fortschritten, dem Atemberaubenden der englischen Liga und erklärt, wo der deutsche Frauenfußball aufholen muss. 
  • Auch Melanie Behringer, Weltmeisterin von 2007 fordert mehr vom deutschen Frauenfußball und den Vereinen. 

München-Julia Simic ist deutsche Meisterin, DFB-Pokalsiegerin und ehemalige Nationalspielerin. Sie musste 29 Jahre alt werden, um eine komplett professionelle Frauen-Fußballliga miterleben zu können. Das FA Women´s Cup Finale zwischen Manchester City und West Ham United war einer der größten Tage ihrer Karriere. In diesem Moment wusste sie: Der Wechsel nach England war die beste Entscheidung. Noch heute bekommt Simic Gänsehaut, wenn sie davon erzählt: „Schon der Weg durch den Tunnel ins Stadion löst Bauchkribbeln aus. Raus ins Wembley Stadion mit 48.000 Zuschauern. Der Blick in die Zuschauerränge während die West Ham Hymne erklingt. Dazu das Feuerwerk! Das kenne ich sonst nur aus der NBA."

2018 wechselte Julia Simic nach Stationen beimFC Bayern München (2005 bis 2013), dem VfL Wolfsburg und dem SC Freiburg nach England zu West Ham United. „Nach 13 Jahren in Deutschland hat mich das Ausland gereizt. In den letzten Jahren haben die anderen europäischen Länder extrem aufgeholt, die englische Liga hat die deutsche mittlerweile überholt. Der Aufschwung ist der Wahnsinn!“ Noch vor zehn Jahren wäre der Wechsel einer Bundesliga-Spielerin ins Ausland unvorstellbar gewesen. Heute zieht es die Top-Spielerinnen nach England und Frankreich. Pauline Bremer ging 2015 zu Olympique Lyon. Sara Däbritz wechselte 2019 zu Paris-Saint Germain. Melanie Leupolz, Kapitänin und Star beim FC Bayern, ging 2020 zuChelsea.

Frauenfußball: In der englischen Liga stehen die Top-Stars unter Vertrag

Die Frauen-Bundesliga verliert an Attraktivität. Die großen Stars spielen in Frankreich oder England. Lucy Bronze ist FIFA Weltfußballerin des Jahres 2020. Die weibliche Version von Sergio Ramos spielt für Manchester City. Tobin Heath ist zweimalige Weltmeisterin mit den USA. Sie ist der Messi unter den Frauen. Auch sie wechselte zu Manchester United.

Deutscher Frauenfußball: Mangel an Zuschauern, Investitionen und ernstzunehmenden Signalen

In der Women´s Soccer League warten auf Spielerinnen Ruhm und Fans. Beim FA-Cup-Finale 2019 zwischen Manchester City und West Ham United kamen 48.000 Fans ins Stadion, mehr als 2,2 Millionen verfolgten das Spiel live über den Bildschirm. Das DFB-Pokalfinale 2019 zwischen dem VfL Wolfsburg und dem SC Freiburg in Köln sahen rund 17.000 Zuschauer live. Vor dem Fernseher waren es rund drei Millionen.

Mangelndes Interesse auf die Zuschauer in Deutschland zu schieben, wäre zu einfach. Das Problem beginnt bei den Profi-Klubs: Nur 17 der 56 Profivereine haben eine professionelle Frauenmannschaft. In England investiert jeder Klub der ersten und zweiten Liga Geld in eine ernstzunehmende Frauenabteilung.

Tobias Bracht: „Der DFB muss sich positionieren!“

„Noch hat der DFB alle Möglichkeiten in der Hand. Um den Frauenfußball längerfristig professionell gestalten zu können, muss sich der DFB positionieren, wie es weitergehen soll“, sagt Tobias Bracht. Der 32-Jährige kümmert sich um die strategische Beratung der Frauen-Bundesligaklubs. Bracht hat alle Wünsche der Frauen-Bundesliga-Klubs gesammelt und sie dem DFB vorgelegt. Statt Horror-Szenarien zu zeichnen, nennt er Baustellen, die der Frauenfußball schnellstmöglich angehen muss: die Übertragungsrechte der Spiele und die Infrastruktur der Frauen-Teams. Selbst in der Regionalliga erhalten gehobene Amateurkicker oft bessere Möglichkeiten als weibliche Profis. In England können Fans alle Frauen-Spiele kostenlos live sehen. In Deutschland laufen nur die Top-Spiele der Frauen auf dem Bezahlkanal Magenta.

Julia Simic: „In Freiburg durften wir nicht auf dem beheizten Rasen der Männer trainieren.“

In Sachen Infrastruktur stehen den Spielerinnen in England Top-Bedingungen zur Verfügung. Selbst bei Absteigern der ersten Liga fehlt es den Kickerinnen an kaum etwas, erzählt Julia Simic. Von der Sauna über die Behandlungs-Räume, die Rasenbeheizung bis hin zur Kantine und den Fitness-Studios ist alles auf dem neusten Stand. „BeimSC Freiburg mussten wir im Winter oft bis in die Schweiz fahren, weil wir nicht auf dem beheizten Rasen der Männer trainieren durften.“ Auch die Arbeit neben dem Platz ist im Ausland auf einem höheren Niveau: „In Deutschland sind oft nur die Trainer und Torwarttrainer festangestellt. In England arbeiten dagegen auch die Physio-Therapeuten und Video-Analysten in Vollzeit. Das bietet dir ganz neue Möglichkeiten und stärkt den Zusammenhalt“, erklärt Julia Simic. „In England nehmen die meisten Männer-Profi-Vereine die eigene Frauenmannschaft sehr ernst.“

Internationaler Vergleich: Auch die Top-Teams in Deutschland werden bald überholt 

In Deutschland dienen die Frauenteams oft nur der Imageverbesserung oder werden als nebensächlich angesehen. Im Vergleich zuTobias Bracht zeichnet Julia Simic das Horrorszenario: „Aktuell können Wolfsburg und Bayern noch jedes Team derWomen´s Soccer League schlagen. Aber auch hier ist es absehbar, dass das Leistungsniveau in England weiter steigt und die Top-Teams in Deutschland überholt werden.“

Weltmeisterin Behringer sieht auch die Männer-Vereine in der Verantwortung

Melanie Behringer, Weltmeisterin von 2007 und ehemalige Kapitänin des FC Bayern München, hofft auf mehr Unterstützung der Bundesligisten. Die Vereine müssen Geld investieren und ihre Reichweite einsetzen, um für den Frauenfußball zu trommeln: „Die Frauen brauchen die Männer einfach. Sie sind mit dem Geld hinten dran.“ 

Melanie Behringer bejubelte 2016 als Kapitänin gemeinsam mit Philipp Lahm die Meisterschaft der Männer und Frauen beim FC Bayern. 

Es gibt ernstzunehmende Signale von deutschen Klubs, wieBehringer andeutet: „Mit Sydney Lohmann konnte der FC Bayern eine Spielerin binden, die mit 20 Jahren eine der Besten ist. Für mich wird sie das Aushängeschild beim DFB. Das ist ein wichtiges Zeichen, dass solche Spielerinnen in Deutschland gehalten werden können.“

Sydney Lohmann (20) verlängerte bis 2024 beim FC Bayern München. 

Julia Simic fordert Players-Voice, Eigeninitiative und Investitionen

Julia Simic fordert, dass alle Spielerinnen der deutschen Liga Profis sein sollten: „Es muss weiterhin in die Liga investiert werden, um diese professioneller zu gestalten.“ Anders als bei den deutschen Top-Teams üben Spielerinnen der anderen Mannschaften neben dem Fußball oft noch einen Hauptberuf aus. „Die Konzentration auf den Fußball fehlt. Für mehr Ansehen und Qualität muss der Fußball für alle Frauen-Bundesligaprofis zum Hauptberuf werden. Doch Simic will mehr als Geld und Reichweite. Die Spielerinnen sollen und dürfen Anerkennung und Geld einfordern, da sie sich den Respekt hart erarbeitet haben. „Mein Appell ist: Nehmt es selbst in die Hand!“ Laut Simic sollten noch viel mehr Frauen die sozialen Netzwerke nutzen, damit die eigene Players-Voice gehört wird. Die 31-Jährige fordert ein Umdenken: Mitgestalten statt Mitlaufen.

Johanna Grimm

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