„Wir dürfen uns nicht spalten“

München – Der dritte Platz ist für den FC Bayern noch keine Garantie auf die Champions League. Im Interview sagt der Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, warum er von der Qualifikation ausgeht, wie man die Beziehung zu den Fans bessern will und was ihn an der FIFA stört.

Herr Rummenigge, abseits des Sports haben diese Saison Querelen mit den eigenen Fans für Misstöne gesorgt. Wie sehen Sie das Verhältnis zum Anhang?

Es hat keinem gefallen, was da passiert ist. Das Thema Ultras ist für uns ja relativ neu. Ich sage dazu deutlich: Wir sind ein FC Bayern – Spieler, Trainer, Verein, Fans. Wir dürfen uns nicht spalten. Sowas wollen wir nicht. Wir wollen einen FC Bayern.

Wie geht es weiter?

Wir planen einen Runden Tisch mit unseren Fans, da werden auch die Ultras dabei sein, mit Klubvertretern und dem einen oder anderen Spieler. In der Runde soll der ganze Verein repräsentiert sein. Am Ende sollten alle an diesem Tisch Rechte und Pflichten eingehen. Wir wollen das unaufgeregt diskutieren. Ich bin überzeugt, dass man eine Lösung finden kann. Und eines sollte im Sinne aller sein – wir wollen keine Eskalation wie in Frankfurt erleben. Sowas darf es bei Bayern nie geben, dass die Emotionen in Gewalt umschlagen. Wir wollen ein harmonischer und erfolgreicher Klub sein. Daran müssen alle interessiert sein.

Hatten Sie Sorge, dass Präsident Uli Hoeneß wegen der massiven Anfeindungen gegen ihn abtritt?

Nein, hatte ich nicht, obwohl er extrem getroffen war, das habe ich ihm angesehen. Ich kenne ihn seit 37 Jahren, wir haben uns früher als Spieler ein Zimmer geteilt – ich weiß, was in ihm vorgeht. Und ich weiß daher auch, dass er ein Mensch ist, der niemals aufgibt oder davonrennt. Sowas kommt für ihn nicht infrage.

Die 16 Richtlinien des FC Bayern

Die 16 Richtlinien des FC Bayern

Die 16 Richtlinien des FC Bayern
Wenn Sie den Fußball am Saisonende 2010/11 so betrachten – wie entwickelt sich die Branche?

Meine größte Sorge ist derzeit ganz klar die Entwicklung bei der FIFA. In diesem Verband herrscht keine Demokratie mehr. Dazu wird er immer egoistischer. Es wird alles für die Nationalverbände getan und nichts mehr für die Klubs. Letzte Woche habe ich mit Michel Platini (UEFA-Boss/d. Red.) telefoniert und ihm geraten, diese Dinge nur nicht zu unterschätzen. Die Klubs sind verstimmt, es läuft auf eine Eskalation zu, weil die FIFA keinerlei Anzeichen erkennen lässt, eine demokratischere Basis aufzubauen.

Was können die Klubs dagegen unternehmen?

Die EU-Kommission regelt die Autonomie des Sports. Dabei ist schriftlich festgehalten, dass die Politik darauf Wert legt, dass die Fußballfamilie demokratisch geführt wird und alle Teilnehmer dieser Familie in Entscheidungsprozessen eine Rolle spielen. Dem wird die FIFA in keinster Weise gerecht. Sie entscheidet alles ohne jegliche Rücksprache. Das geht beim Terminkalender los und hört bei technischen Hilfsmitteln auf – was spricht dagegen, technische Hilfsmittel einzusetzen? Wir finden, die FIFA ist der klassische Fall vom Missbrauch eines Monopols.

Unter anderem fordern Sie auch, die Länderspiel-Zahl zu reduzieren.

Die gesamte Klubszene steht dahinter, diese Termindichte runterzufahren. Nicht nur bei den Vereinen der Top-Ligen, sondern auch auf Malta und Zypern hat man diese Problematik erkannt. Im Jahr 2010 hatten wir 17 Länderspiele! 17! Der Terminkalender steht jetzt bis 2014 fest, da kann man nicht rütteln. Aber ich kann FIFA und UEFA nur dringend bitten, für die Zeit danach mit den Klubs eine Lösung zu erarbeiten. Sollte dies nicht passieren, würde das eine Belastungsprobe.

Auf Ihren FC Bayern warten auf dem Weg in die Champions League womöglich große Kaliber. Haben Sie da Bauchweh?

Stand jetzt ist, dass wir Rubin Kazan aus Russland, Dynamo Kiew, Manchester City oder Benfica Lissabon kriegen können. In Italien sieht es nach Udine aus – es kann ein attraktiver Gegner sein. Ich bin mir aber sicher, dass unsere Spieler unglaublich motiviert in diese Duelle gehen.

Sie wirken da sehr optimistisch. Woher schöpfen Sie diese Zuversicht?

Als ich im Saisonendspurt gelesen habe, dass unsere Spieler sagen, sie wollen nicht Europa League spielen, habe ich allen gesagt: Dann spielt auch so, dass wir den dritten Platz erreichen! Das haben sie dann auch gemacht. Diese Mannschaft will unbedingt in die Champions League. Und sie gehört da auch hin, das wird sie dann auch beweisen.

Philipp Lahm sagte, in der K.o.-Runde muss der zugeloste Gegner sagen: Oje, ausgerechnet Bayern!

(grinst) Ich finde, das hat Philipp wirklich sehr gut ausgedrückt: Wir sind der FC Bayern – das sollte das Worst-Case-Szenario für alle anderen sein. Alle werden zusehen, dass sie nicht uns bekommen.

Ein Mann, der in dieser Saison Angst und Schrecken verbreitet hat, war Mario Gomez. Wie sehen Sie seine Spätzündung?

Er hat eine sehr gute Saison abgeliefert, auch international. Und das unter einer Voraussetzung, die zu Beginn sicher nicht lustig für ihn war. Louis van Gaal hatte ihm ja erklärt, er sei Stürmer Nummer 4. Jetzt ist er Stürmer Nummer 1 – nicht nur beim FC Bayern, sondern in der ganzen Liga. Vielleicht war diese Geschichte im letzten Sommer auch wichtig für die Karriere von Mario Gomez, dass er die Zeichen der Zeit erkannt hat und gemerkt hat, er muss noch mal zulegen.

Mit 28 Toren war er so charmant, unter Ihrer Bestmarke zu bleiben...

(schmunzelt) Stimmt. Wichtig wird sein, dass er seine Leistung bestätigt. Das erwarte ich auch von ihm. Franz Beckenbauer hat immer gesagt: „Ohne Gerd Müller wären wir gar nix gewesen.“ Damit hat er wahrscheinlich auch Recht. Die Position da vorne im Sturmzentrum ist unterm Strich nunmal extrem wichtig. Meine beste Saison waren 29 Tore – ich habe nichts dagegen, wenn er diese Marke nächstes Jahr reißt.

Interview: Andreas Werner

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