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Das Foto vom Montag (17.01.2005) zeigt den Baufortschritt der Allianz Arena.

Am 19. Mai 2005 erstmals bespielt

Zehn Jahre Allianz Arena: Das Stadion, das niemals schläft

München - Am 19. Mai 2005 wurde der Fußballtempel im Münchner Norden erstmals bespielt – von den Traditionsmannschaften des FC Bayern und des TSV 1860. Es folgten bis heute 469 Partien. Doch Betrieb ist in der Allianz Arena immer. Sie hat an 365 Tagen geöffnet, rund um die Uhr. Ein Besuch.

Ein Hausmeister-Klischee erfüllt Hannes Ertl schon mal. Er trägt an der Gürtelschlaufe seiner Arbeitshose einen Schlüsselbund. Und was für einen. Er hat die Schlüssel nie gezählt, er hat sie gewogen. „650 Gramm.“ Es gibt hier ja auch viele Türen: über 2000. Zu unendlich vielen Räumen. Unter ihnen auch die klassische Hausmeisterwohnung mit einsamer Glühbirne, abgeschabter Kochnische, Eckbank und einem an die Wand geschobenen Einzelbett? Dieses Klischee stimmt nicht. „Ich wohne in der Stadt“, sagt Hannes Ertl.

Er ist der Hausmeister der Allianz Arena. Immer schon. Vor zehn Jahren wechselte er von der einen großen Münchner Sportlandschaft, dem Olympiapark, zur anderen, ins neue Fußballstadion. Und ja, er bezeichnet sich althergebracht als Hausmeister, er muss kein „Facility Manager“ sein, er hat drei Kollegen, aber ist immer noch mehr „an der Front“ als im Büro.

Keiner kennt die Arena besser als er. Sein „Haus“ hat acht Stockwerke, wenn er eine Ebene umrundet, ist das ein Kilometer. „Einmal falsch abgebogen sind 800 Meter Umweg“, beschreibt er die Tücken des Gänge-Labyrinths. Am Anfang war er an Spieltagen mit Schrittzähler unterwegs. Zurückgelegte Distanz: 25 Kilometer. Im Alltag nimmt er öfter „ein Elektrowagerl“. Schließlich ist sein Areal riesig. Jürgen Muth, Geschäftsführer der Allianz Arena München Stadion GmbH, hat die Zahl: 170 000 Quadratmeter. „Das entspricht ungefähr der Hallenfläche der Messe München.

Die Arena, das Prachtstück. Gut, es gibt ein paar schattige Punkte in ihrer Geschichte. Der Schmiergeldskandal bei der Auftragsvergabe, später der Notverkauf der Anteile, die der TSV 1860 hielt, an den FC Bayern, und überhaupt die Überforderung der „Blauen“ mit einem Stadion, das sie nicht füllen können und das von Teilen ihrer Fanszene geächtet wird. Abgesehen davon ist die Allianz Arena ein einzigartiger Erfolg, Jürgen Muth bemerkt das immer wieder, wenn eine Fußball-Europa- oder Weltmeisterschaft vergeben worden ist. Es dauert dann keine zwei, drei Monate, und es stehen die Inspektoren aus Frankreich (EM 2016), Russland (2018) und Katar (2022) vor der Tür, um den Fröttmaninger Prachtbau zu bestaunen und sich den Betrieb erklären zu lassen.

Der Arena-Chef Muth will keine Superlative à la schönstes, bestes, modernstes Stadion der Welt einfordern, er sagt nur: „Wir hatten das Glück, dass wir das Stadion für die WM 2006 neu bauen konnten. Alle anderen in Deutschland mussten umbauen.“ In die Allianz Arena konnte man alles einfließen lassen, was der Stand der technischen Entwicklung war. Etwa über die „Customer Journey“: Die Reisezeit des Kunden durch ein Stadion darf rund um das eigentliche Ereignis Spiel einen halben Tag einnehmen. Man muss dafür sorgen, dass er zufrieden ist, sich nicht in Warteschlangen aufreibt – und dass er konsumiert. Diese Verführung beherrscht das Gebäude.

Ja, die Allianz Arena steht gut da. Als Faktoren des Erfolgs nennt Hausherr Jürgen Muth: die Optik von außen, die „Weltklasse-Architektur“, der Blickfang in Münchens Norden, „ein Wahrzeichen, wo vor 13 Jahren Einöde war“. Dann die Atmosphäre: „Es gibt keinen Platz, von dem aus die Sicht schlecht wäre.“ Die Arena sei „ein enger Kessel, steiler als unser Oberrang ist, darf gar nicht gebaut werden“. Und schließlich: der FC Bayern. Seinetwegen kommen die Leute. Der erfolgreiche Verein liefert die Ausverkauft-Garantie fürs eigene Haus. Die Stadion GmbH ist „a company of FC Bayern München“ – so steht es auf den Visitenkarten der Menschen, die dort arbeiten.

Doch an den meisten Tagen wird nicht gespielt in der Allianz Arena – und eigentlich ist das für Sportstätten ein riesiges Problem. Für diese nicht. Weil sie längst mehr ist als ein Stadion.

Sie ist ein Tourismusmagnet. Mit über einer Million Besuchern jährlich außerhalb der Spieltage. Dank der Stadionführungen, dank des Museums („Erlebniswelt“), das der FC Bayern eingerichtet hat.

Sie ist ein Kongresszentrum. „Im Schnitt ist täglich in zehn unserer gut hundert Logen eine Veranstaltung“, verrät Jürgen Muth. Die Logen werden immer für fünf Jahre vermietet, 90 Prozent der Firmen haben ihre Verträge verlängert. Zugang: theoretisch jederzeit. „Das ist wie ein Mietvertrag.“ Dazu kann die Allianz Arena Tagungen und Präsentationen mit bis zu 2000 Teilnehmern stemmen.

Sie ist einer der größten Münchner Restaurantbetriebe. „Das können Sie sich vorstellen bei 75 000 Zuschauern“, sagt Jürgen Muth. Doch auch an Nicht-Spieltagen sind zwei der drei Restaurants im Inneren der Arena in Betrieb.

Sie ist eine Film-Location. Werbespots mit der Arena als Kulisse wurden gedreht, auch ein düsterer „Polizeiruf 110“, der einen Terror-Anschlag vor dem Stadion zum Plot hatte. Und begehrt bei Krimiproduzenten sind die Parkhäuser. „Da haben wir“, so Jürgen Muth, „während der Woche eine entspannte Situation“. Daher: Jede Parkhaus-Verfolgungsjagd in einem nichtbayerischen „Tatort“ kann tatsächlich eine aus der Allianz Arena sein. Verschwiegenheitsklauseln in den Verträgen erlauben keine weiteren Details. Offen darf Muth aber erzählen, dass „Galileo“ und „Die Sendung mit der Maus“ da waren und man die Mixed Zone (den Interviewbereich zwischen Mannschaftskabinen und Ausgang) an Aktenzeichen XY vermietet habe: „Da wurde die Ankunftshalle des Flughafens Barcelona nachgestellt.“

Ansonsten hält sich das Verbrechen fern von der Arena. Wobei: Es gab in zehn Jahren schon ein paar Einbruchsversuche. Nicht, dass jemand was mitnehmen wollte. Die Fälle sind eher: In der Nacht, wenn die Arena still daliegt, reinzukommen, auf den Rasen zu gehen und Fußball zu spielen, beschwingt vom Alkohol. „Die Leute haben wir dann abgefangen“, erzählt Muth. Und ihnen gesagt: „Schleicht’s euch.“ Bewertung: Lausbubenstreiche. Keine Anzeige. Zwei bis vier Mitarbeiter sind auch nachts da, wenn nur noch die Osteinfahrt offen ist.

Sie hätten für ungebetene Eindringlinge ja sogar ein Gefängnis in der Arena. Vier Zellen. Gedacht als Verwahr- und Ausnüchterungsmöglichkeit an Spieltagen. Je zwei Arreststuben für Heim- und Gästefans. Sie stehen aber unter der Hoheit der Polizei, und es muss auch immer ein Staatsanwalt Dienst haben. Aber grundsätzlich ist die Allianz Arena in zehn Jahren von Ausschreitungen verschont geblieben. Jürgen Muth: „Unser Personalaufwand ist geringer als beim letzten Regionalliga-Derby im Grünwalder Stadion.“

Knast, Kulisse, Kneipe – die Arena ist vieles, nebenbei auch ein Bürohaus (Fläche: 2000 Quadratmeter). Ihr Vorplatz, die Esplanade, ein Park, den die Jogger vereinnahmt haben, sind Teil einer Radachse von der Innenstadt in den Norden.

Was die Arena nicht ist: ein sakraler Ort. Sie hatte schon Anfragen für Trauungen und Taufen, geht beides nicht. Für eine Hochzeit müsste ein Raum erst eine standesamtliche Widmung erfahren, für Taufen verweist die Arena-Leitung ans nahe Fröttmaninger Kircherl. Was aber geht: der Heiratsantrag auf einer Stadionführung. Muss man anmelden; der Guide wird dann instruiert, dass er auf dem Rundgang dramaturgische Vorkehrungen trifft. Ein „Willst du meine Frau/mein Mann werden?“ in der Bayern-Kabine – Traumszenario.

Die Kabine ist das Allerheiligste, ein magischer Ort. Für den Betrieb der Arena aber nicht der wichtigste. Das ist vielmehr die Technikzentrale, Ebene 4, mit Blick aufs nahe Autobahnkreuz. Richard Ponteles, der Technik-Chef, hat hier seinen Arbeitsplatz. Mit acht Bildschirmen. Wenn er Live-Cams und Diagramme aufruft, wird klar, was für ein komplexes Gebilde solch ein Stadion ist. Es geht um Zuluft und Abluft, um Raumtemperaturen, um Fahrttreppen und Aufzüge, um Fluchttürenwächter und Gebäudeleittechnik, um Schrankensteuerung. Manchmal schlägt ein Rauchmelder an – „dann hat meistens der Koch im Restaurant was zu lange auf dem Herd gehabt“.

Passiert ist in zehn Jahren nichts Schlimmes, auch den Sturm Niklas vor ein paar Wochen hat die Arena überstanden. „Nervös waren wir schon“, räumt Jürgen Muth ein. Drei der Membran-Kissen, die die markante Außenhaut der Arena bilden, gingen kaputt; sie wurden ersetzt.

Zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff eines Spiels gibt es immer eine große Sicherheitssitzung, die „Kalte Lage“, mit Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz. Man spricht denkbare Szenarien durch. Passiert etwas, käme es zur „Heißen Lage“. In zehn Jahren kam das nur einmal vor. An einem Spieltag tobte der Orkan Kyrill, das war 2007.

Richard Ponteles, der Mann, der über die Arena wacht, kann auch bestimmen, wann und wie sie leuchtet. Das ist eine Sache von ein paar Mausklicks, jedes computeraffine Kind könnte die Einstellung vornehmen. Rot, Blau, Weiß – in diesen Farben erstrahlt die Arena im Wechsel. Es wird Sommer und später dämmrig, der Technik-Chef stellt den Beginn der Lichtspiele auf kurz vor 21 Uhr ein. Sie enden um 23.30 Uhr.

Dann wird die Fassade dunkel, und nur noch der Name des Stadions ist zu erkennen. Die Allianz Arena ruht, aber es ist jemand da, sie schläft nicht.

Sie schläft nie.

Von Günter Klein

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