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„Es geistern zu viele Klischees herum“

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Olympia 2012 – danach ist Schluss: Nadine Angerer (32) stellt sich auf ein baldiges Karriereende ein. © dpa

Nadine Angerer über ihre Bisexualität, den Ärger über Gegentore und den großen Traum: Mit dem Bus durch Afrika

Berlin – Nadine Angerer, 32, ließ bei der WM 2007 in China keinen Ball durch – 540 gegentorlose Minuten bei einem Großereignis gab es zuvor nie. Gegen Kanada musste sie nun gleich zu Beginn hinter sich greifen. „Der Mythos ist gebrochen“, sagte Linda Bresonik, „aber das ist nicht so schlimm. Dann ist dieses Thema vom Tisch.“ Sie teilt mit der Torfrau das Zimmer. „Ich musste keine Aufbauhilfe leisten, Natze war ja machtlos.“ Auch Nadine Angerer stellt im Interview klar, dass das ewige Minutenzählen nicht das Ihre ist.

Frau Angerer, ganz Deutschland erwartet von den DFB-Frauen den Titel – wie finden Sie das?

In erster Linie angenehm. Das ist doch Lob und Anerkennung für die Leistungen der vergangenen Jahre. Und wenn Sie jetzt das Thema Druck ansprechen wollen: Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Wir wollen Weltmeister werden und bekommen es mit schweren Gegnern zu tun. Das ist uns bewusst.

In der Offensive ist das Repertoire beeindruckend, die Defensive in der Mannschaft wird als Schwachstelle gesehen...

Wer sagt das? Unsere Defensive ist auch stark. Grundsätzlich kann man die Leistung in jedem Mannschaftsteil und immer optimieren.

Beim WM-Coup 2007 blieben Sie ohne Gegentor – haben Sie sich Druck gemacht, dass Sie diesmal wieder nichts reinlassen?

Ehrlich gesagt nicht. Bei Olympia 2008 war das so. Dann habe ich gegen Brasilien ein Tor kassiert und habe mir gedacht: Mist, Gegentor! Aber gleichzeitig war es auch eine Art Befreiung. Dann hatte diese Rechnerei ein Ende.

Für Sie ist jedes Gegentor eine Niederlage – eine ziemlich radikale Ansicht, wie man sie von Torhütern allerdings gewohnt ist...

Mag sein. Ich fühle einfach so. Ich mag generell keine Niederlagen. Ob das im Privatleben oder auf dem Platz ist. Allerdings ist mir bewusst, dass Rückschläge im Leben dazugehören. Ich weiß auch, wie ich wieder möglichst schnell die Kurve kriege, wie ich mich ablenken kann.

Oliver Kahn war Tage lang schwer zu genießen – lassen Sie in so einer Situation Leute an sich ran?

Natürlich. Zumal viele meiner Freunde gar nichts mit Fußball zu tun haben. Manchmal stellen so richtig banale Fragen wie „Was ist Abseits?“ oder „Warum winkt der eine Schiedsrichter mit der Fahne?“ Da rollt man mal die Augen, die wissen das wirklich nicht. Aber wenn es dann um andere Themen als Fußball geht, sind ärgerliche Gegentore ratzfatz vergessen. Die sind ein lustiges Völkchen, meine Freunde.

Der Punkt rückt näher, dass Sie bald mehr Zeit für Ihre Freunde haben. Olympia 2012 ist noch ein Ziel, dann naht das Karriere-Ende. Schon mal Gedanken darüber gemacht?

Ach, uns geht es ja soweit ganz gut. Es ist ja nicht so, dass man sich sagen muss: Oh Gott, jetzt kommt mein letztes Spiel und einen Monat später bin ich pleite. Wir haben schon Zeit, uns was zu überlegen. Und ich überlege gern verschiedene Sachen.

Sie haben keine Angst vor dem Karriere-Ende?

Nein, nein, überhaupt nicht – es ist doch was Schönes, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Das Leben hört ja nicht auf, wenn ich aufhöre, Fußball zu spielen. Dann fängt auch ein cooles Leben an.

Wird dann der Fußball keine Rolle mehr spielen?

Gute Frage. An einem Tag denke ich mir, puh, ich will mit Fußball wirklich nichts mehr zu tun haben. Dann aber ist es halt doch eine Sache, von der ich weiß, dass ich sie wirklich gut kann. Ich habe im Trainerbereich eine Philosophie entwickelt, die ich schon jetzt gerne an meine Kolleginnen weitergebe. Das muss ja dann nicht zwingend in Deutschland sein.

Ihr Traum ist ohnehin, einmal mit dem Bus durch Afrika zu reisen – das ließe sich ja womöglich mit einer Art Fußball-Entwicklungshilfe koppeln.

Ja, das sind so Ideen, die ich mir auch schon gemacht habe. Aber sowas kann man nicht planen. Solche Dinge entstehen einfach. Ich fahre wohin und schaue, was möglich ist. Ich würde gerne einfach im Norden von Afrika losfahren, die Ostküste entlang und dann mal sehen. Wo es mir gefällt, bleibe ich.

Klingt unkompliziert. Sie gehen auch bemerkenswert locker mit dem Thema Sexualität um. Sie haben kein Problem, zu Ihrer Bisexualität zu stehen.

Ich bin einfach ein offener Mensch. Als ich mich zu dem Thema öffentlich geäußert habe, hatte das nichts mit Taktiererei zu tun. Ich bin einfach, wie ich bin und finde, dass da ohnehin zu viele Klischees herumgeistern. Für mich ist das kein Thema.

Ein anderes, neues Klischee ist die kickende Traumfrau, das gerade von der Werbung entworfen wird. Viele Medien stürzen sich derzeit vorrangig auf die Riege um Fatmire Bajramaj und Co. – nervt Sie, wenn Äußerlichkeiten in den Fokus rücken?

Gar nicht. Es ist wichtig, dass wir Identifikationsfiguren haben – die Leute identifizieren sich mit Gesichtern. Ob das jetzt das von Lira ist oder ein anderes, spielt doch keine Rolle. Wenn die Leute da mich nicht sehen, ist das völlig egal. Ich finde mich selbst ja auch total unspannend.

Würden Sie sich als Teamplayerin bezeichnen?

Zu tausend Prozent. Ich habe so viele Einzelsportarten gemacht: Triathlon, Karate, Tennis, Leichtathletik – alles ja ganz schön, aber ich verstehe es nicht. Leichtathletik zum Beispiel: Da trainiere ich jeden Tag, um ein Hundertstel besser zu werden, muss enorm viel dafür aufwenden und wenn ich dann am Wettkampftag einen schlechten Tag habe, war alles umsonst. Also für mich ist das nichts.

Was ist eigentlich aus dem roten Feuerwehrauto geworden, mit dem Sie früher herumgefahren sind?

Es war beige. Man denkt nur, es sei rot gewesen, weil man Feuerwehrauto hört. Naja, was soll ich sagen? Es war einfach ein super Auto, hat Spaß gemacht, aber in meiner Zeit damals in Berlin war es auf Dauer unpraktisch: Sieben Meter lang, vier Meter hoch – die Überführungen sind hier oft nur 3,40 Meter. Ich bin einfach aus der Stadt nicht gescheit herausgekommen und habe es schweren Herzens verkauft. Vielleicht schaffe ich mir mal wieder sowas an. Damit könnte man super durch Afrika fahren.

Wie wird Ihr Urlaub nach der WM ausfallen?

Ich gehe erst in Spanien tauchen und fahre dann nach Schweden. Camping oder so. Ich mag die Backpacker-Art, Rucksack auf und los – ich brauch’ es nicht exklusiv.

Was war Ihr schönster Backpacker-Urlaub?

Südafrika war toll: Vier Bungalows direkt am Meer, alles offen, keine Schlüssel, kaum Tourismus. Da, wo ich war, brauchte man vier, fünf Stunden hin. Offroad. Ich hab’ zehn gebraucht, weil ich mich festgefahren hatte – herrlich!

Interview: Andreas Werner

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