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Nach EM-Aus: Diese Fragen kommen nun auf

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Bastian Schweinsteiger ist einer der meistkritisierten EM-Spieler © dpa

München - Der „Endless Summer“ Deutschlands endete mit Balotellis Donnerschlägen von Warschau. Zuhause wird diskutiert – über Schuldfragen und die Zukunft der Nationalmannschaft.

Wochenende, Zeit der Märkte, des Treffs in Biergärten, Cafes. Wohin man hörte: Gespräche über das Ausscheiden der Nationalmannschaft im EM-Halbfinale gegen Italien. Von den Kiosken versprach das Bild-Titelblatt im Namen der deutschen Fans (auch wenn von denen beileibe nicht jeder das Boulevardblatt konsumiert) eine Abrechnung. Und von überallher melden sich die Experten zu Wort, die Altvorderen des deutschen Fußballs. Joachim Löw und die Nationalspieler sind im Urlaub – aber das Thema. Diskutiert wird dies und das...

War es eine gute EM oder ein Fiasko?

Trotz des unerfreulichen Endes: Man darf nicht übersehen, dass eine deutsche Elf noch nie so ergebnissouverän eine so schwere Vorrundengruppe bewältigt hat. Der Vergleich zu 2008: Damals siegte man gegen Polen und Österreich, verlor gegen Kroatien – das war deutlich schlechter. Das Viertelfinale gehen Portugal war eine sehr gute Vorstellung, in der Joachim Löw den Gegner taktisch überraschte. Im auf den letzten Drücker gewonnenen Halbfinale gegen die Türkei war viel Glück im Spiel. Objektiv war 2012 das beste der titellosen deutschen EM-Turniere.

Liebe Spielerfrauen, ihr müsst jetzt schön trösten

War die Erwartung überzogen?

Nein. Die Deutschen waren das Team mit der besten Qualifikationsbilanz. Den Titel nicht als Zielsetzung auszugeben, wäre unglaubwürdig gewesen. „Es macht keinen Spaß, immer davon zu reden, dass es in zwei Jahren passieren wird“, sagte Mario Gomez. Die Mannschaft wollte den Titel jetzt. Noch nie wurden Ambitionen so offen ausgesprochen. Folge: Auch die Fans übernahmen diese Sichtweise. Daher die Enttäuschung, die man vor einigen Jahren über Rang drei als unangemessen bewertet hätte.

War das Team zu jung?

Der Vorteil einer jungen Mannschaft ist ihre hohe Belastbarkeit, die kurze Regenerationszeit – eigentlich gute Voraussetzungen für ein termindichtes Turnier. Doch die Erfahrung zeigt: Bei den EM-Gewinnen hatte die deutsche Elf zwar meist ihre Newcomer im Team (1972: Hoeneß, Breitner – 1980: Bernd Schuster), doch immer auch eine Fraktion der Erfahrenen. 1996 war es eine sogar sehr routinierte Truppe mit ein paar Überbleibseln der Weltmeister von 1990, die den bis heute letzten Titel holte. Italien war nicht besser, aber älter und ausgebuffter.

Geht es den Spielern zu gut?

Thomas Berthold, Weltmeister von 1990, moniert die Rundum-Versorgung für die Nationalspieler und rät zur gelegentlichen Rückkehr in die Sportschulen statt zur Logis im Fünf-Sterne-Hotel. Es ist ein teils populistisches Argument (eines ehemaligen Spielers, der Journalisten früher auch mal hat wissen lassen, was seine Gürtelschnalle gekostet hat), doch es steckt auch Wahrheit drin.

Fußballprofis leben in einer Seifenblase, bei der Nationalmannschaft ist es extrem. Da werden Hotels exklusiv für den DFB-Tross geblockt, schirmt ein eigener Sicherheitsdienst die Spieler vor den Fans ab. Wenn Nationalkicker Autogramme geben, dann, weil man sie dafür eingeteilt hat. Der DFB fördert das Popstar-Image seiner Stars, und noch nie bei einem Turnier waren die Spieler so wählerisch im Gewähren von Interviews. Die Berater kommen inzwischen auch mehr aus fußballfremden Branchen, es geht verstärkt ums Image, um Positionierung. Und sogar die Spielerfrauen erbitten inzwischen Distanz.

Was die Unterbringung der Spieler angeht: Das „Dwor Oliwski“ war kein Luxustempel. Seit Abzug der DFB-Kicker kann man dort wieder buchen, das Einzelzimmer gibt es für 90 Euro – das ist etwa weniger als das Novotel in Danzig kostet oder das Sheraton Grand, in dem die Iren wohnten.

Mangelte es an der Einstellung?

Nicht nur „Bild“ hält der Mannschaft vor, dass ein großer Teil die Nationalhymne nicht mitsingt. Die Schweiger sind Boateng, Podolski, Khedira, Özil – es fällt um so mehr auf, wenn die Italiener zuvor ihr Lied mit ultimativer Hingabe geschmettert haben. Mentalitätssache. Bei der WM 2010 haben die Deutschen auch nur verhalten ihre Lippen bewegt – trotzdem großer Jubel um die Mannschaft.

Die Diskussion führt dann zu den deutschen Tugenden. Oliver Kahn moniert, dass die Kriterien „Zweikampfstärke, Wille, Leidenschaft“ für unwichtig gehalten werden, man wolle „alles spielerisch lösen“. Deutsche Identität werde verleugnet. Auch die seit 2010 vielgepriesenen flachen Hierarchien, die das Nationalteam nun prägen, könnten kontraproduktiv sein, „weil Spieler nicht zur Verantwortung gezogen werden“.

Löw erkannte keinen Mangel an Einstellung im Halbfinale. Man habe „alles versucht“, und in der Kabine seien – Zeichen ehrlicher Enttäuschung – „Tränen geflossen“.

Stolperte Löw über seine Eitelkeit?

Es geht bei dieser Frage nicht um die körperliche Eitelkeit, sondern um die des Trainers, als ganz Großer seines Fachs anerkannt zu werden, wenn er das Team nicht einfach zum Titel führt, sondern jedem Gegner auch noch seine strategische Überlegenheit beweist. Gegen Griechenland ging es gut, dass er eine siegreiche Mannschaft einschneidend veränderte, gegen Italien daneben. Ex-Kapitän Michael Ballack kritisiert das Vorgehen Löws: Eher könne man mal in der Vorrunde Veränderungen vornehmen, in der K.o.-Phase würden Umstellungen nur zu Verunsicherung führen.

Vor allem: Löw nahm die Korrekturen dort vor, wo es lief (Angriff), nicht jedoch, wo es hakte (Schweinsteiger außer Form).

Was wird aus dem Bundestrainer?

Die Frage, ob er an Rücktritt denke, gestellt auf dem Heimflug, empörte ihn etwas. Über so etwas rede man vielleicht bei einem Scheitern in der Vorrunde.

Man kann Löw Fehlentscheidungen nachweisen fürs Italien-Spiel – doch es ändert nichts an der Wertschätzung, die er allseits erfährt. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagt, dass man „in dieser Konstellation weitermache“, sogar Löw-Gegner Michael Ballack, bei der EM für einen amerikanischen Sender als Experte in Einsatz, sagt: „Er darf jetzt nicht aufhören.“ Löw gilt als einer der Erneurerer der Nationalmannschaft, sein Vorgänger Jürgen Klinsmann sieht „die Mannschaft noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung“. Er ist sich sicher: „Jogi Löw wirft nicht hin.“ Der Bundestrainer-Vertrag läuft bis zur WM 2014, Löw-Freund und Teammanager Oliver Bierhoff wird bald schon eine Orientierungsreise ins WM-Land Brasilien unternehmen.

Die deutsche Wut wird verrauchen in der Sommerpause, mit Olympia steht das nächste große Sportthema bevor. Man wird die kommenden Wochen etwas weniger an die Nationalmannschaft denken. Sie meldet sich erst Mitte August zurück. Mit neuen Vorsätzen, aber dem bestehenden Konzept. Toni Kroos sagt: „Es wird weitergehen, das kann ich bestätigen."

Günter Klein

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