Campo Bahia
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„Brasilien erleben“ kann die deutsche WM-Delegation im Campo Bahia. Die Anlage in Santo Andre ist kein Luxusressort – aber es fehlt der Mannschaft an nichts. Zufriedener Bauherr: Dr. Christian Hirmer.

Merkur-Interview

DFB-Ressort: Er ist der Münchner Bauherr

München - Im Merkur-Interview spricht Christian Hirmer, der Münchner Bauherr, über sein Quartier für den DFB, das luxuriöse Campo Bahia.

Es ist sein Haus, das Campo Bahia, aber er wohnt gerade nicht drin. Der Münchner Unternehmer Dr. Christian Hirmer, Bauherr des Hotels, das zum Quartier der deutschen Fußballer im brasilianischen Dorf Santo Andre wurde, hat ausweichen müssen. Mit seiner Familie wohnt er im Ressort La Torre, in dem auch die Schweizer Nationalmannschaft unter ihrem Trainer Ottmar Hitzfeld abgestiegen ist. Hirmer ist den Münchnern vor allem durch das repräsentative Herrenbekleidungshaus in der Fußgängerzone ein Begriff, aktiv ist die Familie auch in der Immobilienbranche, in München, Leipzig, Dresden und in der Hotelentwicklung. Aufgebaut hat „dieses zweite Standbein“ in den vergangenen zehn Jahren Christian Hirmer. Unsere Zeitung hat ihn in seiner Ferienwohnung im La Torre besucht. Die Region entdeckte Hirmer vor fünf, sechs Jahren. Begeistert hat ihn „die Freundlichkeit der Menschen, die Ursprünglichkeit hier. Hier fühlen sich die Kinder am Strand noch mit der Schaufel wohl – ohne hochgezogenen Unterhaltungsbereich“.

Herr Hirmer, jeder in Deutschland will wissen: Wie leben die deutschen Kicker im Campo Bahia für die Zeit der WM?

Das Quartier ist nicht für Fußballer gebaut worden, sondern nach unserem Interesse, sich wohlzufühlen. Wir haben es immer eine Barfußluxusatmosphäre genannt. Keinen Fünfsternestandard, wir werden überhaupt keinen Stern führen. Ich glaube, die Wohlfühlatmosphäre haben wir sehr gut realisieren können. Wir waren beim Begrüßungsfrühstück für die Mannschaft, und wenn man die Gesichter beim Training gesehen hat und die Twittereinträge der Spieler liest, sind sie angekommen und können Brasilien auch erleben, so gut es geht, wenn man sich irgendwo abgeschottet befindet. Doch es ist ein Unterschied, ob man in Sao Paulo im Hotel sitzt mit allen Komplikationen wie langen Wegen zum Training, als hier alles kompakt zusammen zu haben.

Und der Unterschied zu anderen schönen Hotels, die es hier an der Nordostküste ja auch noch gibt?

Das Camp ist halbrundförmig gebaut, im Herzen sind Restaurant, Pool, Räume für Physiotherapie, eine kleine Bar, die als Anlaufpunkt dient. Man verläuft sich in der Anlage nicht, weil sie klein und kompakt ist, aber man kann sich auch zurückziehen. Teamgeist kann da sehr gut gebildet werden.

Architektur, die leistungsfördernd sein kann?

Für diesen Zweck ist sie es sicher. Es sind immer sechs Zimmer pro Haus, nicht aufgereiht wie auf einem Hotelflur, es ergeben sich kleine Mannschaften innerhalb der Mannschaft. Gehen wir davon aus, dass das die Leistung unterstützt.

Aber beim Bau hat man kaum an die Anforderungen einer Sportmannschaft oder eine größeren Gruppe gedacht?

An Gruppen schon. In der Anlage können Firmenveranstaltungen stattfinden, Incentives, mit bis zu 65 Leuten. In Brasilien sind große Gruppen auf Reisen üblich, auch dass Großfamilien sich im Urlaub zusammenfinden.

Was wird aus dem Campo nach der WM? Es war zu lesen: ein Hotel. Jedoch auch: Die Wohneinheiten würden dauerhaft vermietet oder  weiterverkauft.

Das Campo Bahia wird als Hotel betrieben, angeschlossen an die Buchungssysteme – mit der Maßgabe, dass wir ein Restaurant betreiben, nach europäischen Maßstäben, gemischt mit brasilianischer Küche, dass wir einen Wellness- und Spa-Bereich anbieten und einen Service wie in einem Hotel. Nichtsdestotrotz vermieten wir nicht einzelne Zimmer, sondern die Häuser nur komplett. Wir haben jedoch auch schon Anfragen von Kaufinteressenten, die den Hotelservice nutzen und die Häuser, wenn sie sie selbst nicht nutzen, weitervermieten wollen. Das ist hier in Brasilien üblich. In die Vermietung gehen wir aber erst nach dem WM-Finale, Übrigens haben wir in zwei Jahren die Olympischen Spiele vor der Haustür, die Segel- und Surfwettbewerbe sind hier im Gespräch.

Woher kommen die Interessenten?

Aus Brasilien vor allem. Man muss wissen: Porto Seguro, obwohl in Deutschland unbekannt, ist der drittgrößte Tourismusplatz in Brasilien. Dort findet der Pauschaltourismus statt, ein bisschen weiter südlich von Porto Seguro ist eine Gegend, die man das Saint Tropez Brasiliens nennt. Santo Andre liegt im Norden und ist ein Fischerdorf und in Brasilien ein Begriff.

Aber es gibt in Santo Andre noch nicht mal eine richtige Straße. Der Weg zum Campo Bahia ist eine staubige Piste.

Das liegt an den Umweltauflagen. Und die Bürger haben sich mehrfach schon für den Erhalt der Sandpiste ausgesprochen. Auf der asphaltierten Straße würden sie viel zu schnell fahren.

Fiebern Sie mit, dass die Deutschen weit kommen bei der WM? Bei einem Ausscheiden in der Vorrunde würde schwer gespottet – und die Schadenfreude würde auch Ihr Hotel betreffen.

Für den Erfolg der Nationalmannschaft ist die spielerische Qualität das A und O. Sicher würde, wenn sie schlecht spielt, der eine oder andere negative Kommentar fallen. Wir glauben, dass wir mit unserer Anlage die Grundlage gelegt haben, dass es nicht dazu kommt. Klar, wir haben auch gelesen, dass hier kurz das Ufo landet, alle irritiert, bald wieder wegfliegt und alles zerstört hinterlässt – doch wir arbeiten hier nachhaltig, haben die Pataxo-Indianer bei der künstlerischen Gestaltung mit eingebunden, und ein Drittel des eingestellten Personals stammt aus dem Dorf. Wir haben unter der Bevölkerung ein Fiebern wahrgenommen: Wann kommt die Nationalmannschaft?

Ist das Campo wirklich auf den letzten Drücker fertiggeworden?

Man muss die Handwerker rauswohnen, das ist so. Dass das eine oder andere hakt, das wusste die Mannschaft, das wollte sie aber auch so haben, um ein Campgefühl zu entwickeln. Wir haben die Anlage in der Rekordzeit von fünf Monaten errichtet und eingerichtet. Aufgrund von Problemen mit dem Zoll haben wir immer noch nicht alle Sachen hier und mussten bei Tischen oder Gardinen improvisieren. Der Zeitplan war, dass wir am 20. Mai die Anlage in Probetrieb nehmen, das haben wir geschafft. Die Räume, die von Spielern und Trainern bezogen werden und alle Funktionsräume – Besprechungssaal, Physiotherapie, Küche – hatten Priorität und waren weit vorher fertig. Wir liegen von den Baumaterialien weit über Standard, und nach guten Betten und Matratzen haben wir lange im ganzen Land gesucht.

Wen vom DFB kannten Sie? Manager Bierhoff?

Niemanden, nur aus dem Fernsehen. Auch Kontakte zum FC Bayern oder zu 1860 waren rudimentär. Meine Frau hatte die Idee, über ein Unternehmernetzwerk Kontakt aufzunehmen zur Nationalmannschaft, um unsere Anlage vorzustellen. Wir haben uns über „Match“, die Tochterfirma der FIFA, die für WM-Unterkünfte zuständig ist, auch als englisches Base Camp beworben.

Theoretisch hätte jede andere qualifizierte Nation sich für das Campo Bahia entscheiden können?

Ja. Aber wir sind froh, dass es die deutsche geworden ist. Darum haben wir auch mehr Imput gegeben.

Wie ist die deutsche Reputation in Brasilien?

Sehr gut, schon durch die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Alle großen deutschen Unternehmen sind dort, Sao Paulo gilt als größte ausländische Stadt Deutschlands, viele Brasilianer haben deutsche Wurzeln. Auch in Santo Andre leben Deutsche. Und durch unser Projekt ist eine ganz andere Bindung an das Land entstanden als bei anderen Teams, die kommen, spielen, wegfliegen. Es wird ein deutsches Windanlageprojekt hier geben, wir beseitigen Abwasserprobleme, das ist ein Leuchtturmprojekt. In Brasilien wird nur positiv über unser Projekt gesprochen. Globo TV fragte: Warum hat Campo Bahia nicht auch den Berliner Flughafen gebaut?

Das Interview führte Günter Klein

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