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Zu gewinnen gab es Fußballreisen: Damit konnten die Sportschau-Moderatoren wie Adi Furler zu hoher Wahlbeteiligung animieren.

50 Jahre Tor des Monats: Als der Fußball demokratisch wurde

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Vor 50 Jahren bat die ARD erstmals zur Wahl des „Tor des Monats“. Es war nur ein Testlauf – aus dem sich aber eine Erfolgsgeschichte entwickelte. Eine über Dribblings, Fallrückzieher, krachende Schüsse und die Sinnlichkeit aufgeschlitzter Postsäcke.

München– 556 Mal ist das „Tor des Monats“ ermittelt worden, 555 Mal hat die Übergabe der Medaille an den Sieger einigermaßen reibungslos geklappt, doch in einem Fall kam es zu diplomatischen Verstrickungen.

Lange her, zu einer Zeit noch, als man per Postkarte wählte. Die meisten Stimmen entfielen auf den Treffer eines Münchner Spielers. Und weil es der Anspruch der Redaktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR) war, die Auszeichnung so schnell wie möglich zu übergeben und vom preisgekrönten Torschützen die Gewinner unter den Einsendern ziehen zu lassen, wurde ein Redakteur zum FC Bayern geschickt, der gerade im Trainingslager in Florida weilte. Nur: Die Einreise eines Deutschen mit acht Säcken voller Karten, auf denen nichts weiter stand als Zahlen zwischen 1 und 5, machte die amerikanische Immigration stutzig: Schmuggelei? Spionage? „Wir mussten die deutsche Botschaft einschalten. Der Kollege hatte Glück, dass er nicht im Gefängnis landete“, erzählt Klaus Schwarze.

Schwarze (80) hat sein halbes Leben die ARD-Sportschau moderiert. Er ist der Erfinder des „Tor des Monats“. Einige Quellen besagen, er habe es aus dem englischen Fernsehen nur importiert, doch dem widerspricht er. Schwarze ist Anfang der 1970er-Jahre oft in England gewesen, das Erste hat viel englischen Fußball gezeigt, weil es aber nicht so viele Leitungen zum Überspielen gab, ist ein Redakteur mit den Bändern aus dem BBC-Studio nach Deutschland geflogen. Bei der BBC hat Klaus Schwarze die Sportsendung „Grand Stand“ gesehen. „Am Ende liefen da die Highlights des Tages, die der Regisseur herausgepickt hatte. Das konnte der K.o.-Schlag beim Boxen sein oder der Zieleinlauf beim Pferderennen. Die Idee war gut, nur ohne Fußball nicht optimal. Daran hatte die BBC aber keine Rechte.“ Klaus Schwarze spann das Modell weiter: „Highlights aus dem Fußball – doch sie nicht vom Regisseur, sondern den Zuschauern aussuchen lassen.“

Als er damit vorstellig wurde, fand er zunächst wenig Zustimmung. „Sportchef Ernst Huberty hat gefragt: ,Und was sollen wir dafür weglassen, Herr Schwarze?’ Die Sendungen waren übervoll.“ Alle Sportrechte gehörten ARD und ZDF, die Sportschau, so Schwarze, habe 63 Sportarten in ihrem Programm berücksichtigt. Dann auch noch ein Fußballspielchen unterbringen?

Die Chance bot sich dann aber doch, „als wir mal Sauregurkenzeit hatten“. Das war vor 50 Jahren. Das erste „Tor des Monats“ war noch ein Testlauf: Fünf Tore standen zur Auswahl, anonym, die Schützen wurden in der Anfangszeit nicht genannt, um die Zuschauer in ihrer Wahl nicht durch Prominenz von Spielern oder deren Vereinszugehörigkeit zu beeinflussen. Als 600 000 Postkarten eintrafen, wusste man beim WDR in Köln, der federführend war: Das wird was.

Huberty und Adi Furler, ein weiterer Sportschau-Grande, spielten mit dem Trompeter der WDR-Big Band regelmäßig Skat – aus dieser Runde heraus wurde eine schmissige „Tor des Monats“-Musik in Auftrag gegeben, die heute immer noch läuft (zwischendurch wurde auch mal der Klatsch-Hit „Don’t Let Me Be Misunderstood“ der Latin-Band Santa Esmeralda verwendet). Und alle Landesanstalten der ARD waren beteiligt, reichten ihre Tore ein. Das erste Tor des Monats kam vom Bayerischen Rundfunk, ein Schuss des Spielers Gerhard Faltermeier vom Regionalligisten Jahn Regensburg, der im Torwinkel stecken blieb. Klaus Schwarze: „Das Tor aus Regensburg hatte in Köln niemand gesehen. Leitungen waren schweineteuer, man musste dem Kollegen aus Bayern dann einfach vertrauen, wenn er sagte, er habe was Besonderes.“

Bald schon war die Aktion nicht mehr wegzudenken, sie wurde zu einer Marke – „wobei wir nie daran gedacht haben, sie schützen zu lassen“, so Klaus Schwarze. Höchste Wahlbeteiligung: drei Millionen. Es wurde auf Telefonvoting umgestellt, mittlerweile wird natürlich übers Internet gewählt.

Arnd Zeigler (55) hat früher oft mitgevotet. „Es hatte was Sinnliches, die aufgeschlitzten Postsäcke zu sehen und zu denken, da ist jetzt irgendwo auch meine Karte. Mit 14, 15 saß ich wirklich mit schweißnassen Händen vor dem Fernseher und dachte, gleich wird meine Karte gezogen.“ Er erinnert sich aber an einen Systemfehler der Wahl in den Anfangsjahren: „Da konnte man als Zuschauer nur gewinnen, wenn man das Tor wählte, das es dann auch wurde.“ So hätten die Leute womöglich nach Kalkül entschieden und nicht immer nach ihrem Empfinden. Ausgelobt von der Sportschau waren in der Regel Reisen. „Gefühlt“, so Zeigler, „immer zum WM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien in Düsseldorf.“

Zeigler ist Erfinder und Moderator der Sonntagabend-Show „Zeiglers Wunderbare Welt des Fußballs“, das „Tor des Monats“ war für ihn deshalb wertvoll, weil es für die Demokratisierung des Fußballs stand und dafür, dass er für jeden einen Platz hat. „Selbst als unbedarfter Amateurspieler kannst du Traumtore schießen. Als semibegabter Hochspringer wirst du aber keine 2,40 Meter springen.“ Klaus Schwarze sieht das auch so. Die Auswahl zum „Tor des Monats“ gab auch denen Öffentlichkeit, die kaum welche hatten. Bärbel Wohlleben (TuS Wörrstadt) war 1974 die erste Frau, die beim „Tor des Monats“ berücksichtigt wurde und tatsächlich gewann. Oder 1975 die für den Bonner SC spielende Jamaikanerin Beverly Ranger mit einem Solo über das halbe Spielfeld. Für Arnd Zeigler bis heute eines der unvergesslichen Tore. „Es war gar nicht leicht, Frauen unterzubringen“, weiß Klaus Schwarze noch, „der DFB war heftig gegen den Frauenfußball. Ich bilde mir ein, dass wir für den Frauenfußball einiges bewegt haben. Bärbel Wohllebens Tor sahen auf dem Platz ein paar hundert Menschen, im Fernsehen dann aber sicher eine Million.“

Ein einschneidender Moment in der „Tor des Monats“-Geschichte war die Sache mit Helmut Winklhofer. Der Bayern-Spieler hatte einen Ball aus 30 Metern ins eigene Tor gezimmert. Ist ein Eigentor ein Tor im klassischen Sinn? Kann man eine Fehlleistung adeln, als wäre sie eine Leistung? „Es gab heftige Diskussionen“, blickt Klaus Schwarze zurück. „Einige Kollegen meinten, man müsse die Tore berücksichtigen, über die am intensivsten gesprochen wird.“ Man nahm Winklhofer in die Auswahl, die Zuschauer wählten ihn, die Bayern waren beleidigt. Die Übergabe der Medaille erfolgte erst mit etwas Verspätung bei günstiger Gelegenheit (eine Bayern-Feier), als der Rauch sich verzogen hatte. „Glücklich mit der Entscheidung war keiner“, weiß Schwarze noch.

Arnd Zeigler hat für seine wunderbare Welt des Fußballs das „Tor des Monats“-Format weiterentwickelt. Bei ihm gibt es – bei der offensiven Bezeichnung setzte er sich gegen seinen Redakteur durch – das „Kacktor des Monats“. Preis für den Gewinner: Klobrille statt Medaille. Für ihn ist das Kacktor „die Hommage an das Tor des Monats, aber auch das genaue Gegenteil. Eine Geschichte des Versagens. Unvorhersehbares, von dem du glaubst, das gibt es nichts, und du kannst es nicht nachstellen.“ Eigentlich reine Poesie. Vor Material kann sich die Zeigler-Redaktion schon gar nicht mehr retten. „Mit dem Smartphone kann man seit einigen Jahren in HD-Qualität filmen. Einige tun das auf Verdacht. Wir haben jedenfalls einen riesigen Pool an solchen Toren.“ Und so wie das originale „Tor des Monats“ einem blutigen Amateur gelingen kann, ist der Profi nicht davor gefeit, ein Kacktor zu fabrizieren. Leverkusens Tormann Lukas Hradecky war der erste Bundesligaspieler beim „Kacktor des Monats“. Wer diese Version übrigens wunderbar findet, ist Klaus Schwarze.

Das Lieblingstor des „Tor des Monats“-Erfinders ist der legendäre Fallrückzieher von Klaus Fischer im Länderspiel gegen die Schweiz – es war auch das Tor des Jahrzehnts und Jahrhunderts. Fallrückzieher, so seine Beobachtung, gingen immer gut, ebenso „die sogenannten Kracher vom rechten Strafraumeck links in den Winkel oder die Granaten. Die Kunsttore mit vielen Dribblings hatten ihre Liebhaber – aber das ist nicht unbedingt die Mehrheit.“ Arnd Zeigler sind Fallrückzieher „zu mechanisch“, er würde immer „bevorzugen, wenn einer was Unorthodoxes macht“.

Aber so hat jeder sein Tor und seine Geschichte dazu – und die kann noch viel länger weitergehen als 50 Jahre.

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