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Eckball im leeren Stadion – ab Samstag Alltag in der Bundesliga. Das Bild entstand beim Geisterspiel zwischen Gladbach und Köln am 11. März.

Anstoß für die Geistersaison

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Die Bundesliga prescht vor – und setzt ab Samstag ihre Saison fort. Karl-Heinz Rummenigge erwartet ein „Milliardenpublikum“, aber nicht in den Stadien, denn die sind leer. Und auch sonst ist fast allesanders, selbst Tore dürfen die Spieler hygienebedingt nur auf eine ganz spezielle Art bejubeln.

München – Es geht wieder los, zuerst in Dortmund, Leipzig, Hoffenheim, Düsseldorf, Augsburg und Frankfurt, dort sind die Samstagsspiele. Die Fernsehbilder werden wichtiger denn je sein, denn in den Arenen darf kein Fan den Fußball miterleben. Doch auch die Leute, die für die TV-Produktion arbeiten, wissen noch nicht, ob sie alle an ihre Arbeitsplätze kommen werden.

Der Zutritt zum Stadion ist wie die Einreise in die USA. Wer rein will, muss einen Fragebogen ausfüllen. Es geht halt nur nicht darum, ob der Einreisebewerber eine Drogenküche betreibt oder Terrorakte plant. Abgefragt wird: Hatte man „aktuell und in den letzten 14 Tagen“ Fieber, Husten, Kopf-, Hals-, Gliederschmerzen, war man in einem Corona-Gebiet außerhalb Deutschlands, hatte man Kontakt zu einer infizierten oder verdächtigen Person?

Wer im „Symptomfragebogen“ ein Ja ankreuzt, erhält keinen Zutritt. Wer lauter Neins hat, bleibt im Spiel. Es kommt aber noch die Messung mit dem Ohrthermometer. Ab 38 Grad wird der Hygienebeauftragte des Heimclubs zu Rate gezogen, er entscheidet über den Einlass.

Der Fußball ab dem 16. Mai wird anders sein als der Fußball, wie er in der Bundesliga letztmals am 8. März gespielt wurde. Bis zum 25. Spieltag der Saison 2019/20 wurde um den Sieg und den Tabellenplatz gekämpft, ab dem 26. ums blanke wirtschaftliche Überleben. Ohne Spielbetrieb weniger Medien- und Sponsoring-Erlöse. Christian Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), in der die 36 Vereine und Kapitalgesellschaften organisiert sind, sagt: „Die Bundesliga, wie wir sie kennen, würde es nicht mehr geben.“

Sie nennt die Phase, die nun beginnt, „Sonderspielbetrieb“. Und widerlegt damit die politische Sprachregelung, dass der Fußball für „ein Stück Normalität“ sorgen solle. Denn auf jeder der 51 Seiten, die das Hygienekonzept der DFL umfasst, wird der Ausnahmezustand beschrieben. Er gilt auch für die Spieler – und nicht nur bei ihren Quarantäneaufenthalten die Woche über auf abgeschotteten Hotel-Etagen, sondern auch im Stadion.

In der Kabine müssen sie Mundschutz tragen, und falls sie nur Ersatz sind, dann auch auf der Bank. Im Spielertunnel sollen nicht beide Teams gleichzeitig stehen und warten, dass sie auf den Rasen dürfen, sie sollen zeitversetzt einlaufen. Wenn ein Tor fällt, dann ist es verboten, sich zu umarmen. Ellbogen an Ellbogen – mehr ist nicht zugelassen, und man stelle sich dies vor bei einem Treffer, der am Samstag das Revierderby zwischen Dortmund und Schalke oder später in der Restsaison über Meisterschaft und Klassenerhalt entscheidet.

Den Terminus „Geisterspiele“ findet man in der offiziellen Kommunikation nicht. Für die DFL sind es „Spiele ohne Zuschauerbeteiligung“, Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), der sich mit 3. Liga und Frauen-Bundesliga an das DFL-Konzept anhängt, spricht von „Wohnzimmerspielen“ – auf jeden Fall werden es Spiele, für die es kein Vergleichsmodell gibt.

Klassische Geisterspiele sind gar nicht so selten im europäischen Fußball, meist sind sie das Resultat von Sportgerichtsurteilen nach Zuschauerausschreitungen und Rassismusskandalen. Auch der FC Bayern hat ein Geisterspiel erlebt, 2014 in Moskau, bei ZSKA in der Champions League. Trotz der Sanktionen waren rund tausend Fans des russischen Teams im Stadion. Anhänger der Bayern waren auch angereist auf eigene Faust, sie mieteten für ein paar Stunden eine Etage in einem Hochhaus neben der Arena und schauten aus der Ferne zu.

Aber selbst dieses Geisterspiel war noch ein normales Fußballspiel, mit Zweikämpfen ohne Rücksichtnahmen. Frei von Gedanken, dass es eine andere gesundheitliche Gefahr geben könnte als den Bänderriss oder den Brummschädel beim Kopfball. Kann man sich auch auf dem Platz infizieren?

„Unser Konzept sorgt dafür, dass nur gesunde Menschen in die Trainingslager reisen“, so DFL-Chef Seifert, die für die Fußballer zuständige Verwaltungsberufsgenossenschaft interpretiere das Risiko als „extrem niedrig und gegenüber anderen Arbeitssphären nicht erhöht“. Doch bereits im frühen Trainingsbetrieb, in dem auf Nähe und Zweikämpfe noch verzichtet wurde, ist es zu gegenseitigen Ansteckungen gekommen. Im schnellen Sport, wo tief geatmet und viel Luft ausgestoßen werde, warnen Wissenschaftler, könnte das Virus direkt in die Lunge gelangen.

In einem Punkt ist der moderne Fußball aber sehr weit: Er erhebt Tracking-Daten. Kameras und Software halten jeden Schritt auf dem Spielfeld fest. „Es wurde herausgefunden, dass die Spieler nur neun der 90 Minuten einen Abstand von weniger als eineinhalb Metern halten“, fasst Aki Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, zusammen. Die spanische Liga, die ebenfalls an einem Konzept zur Wiederaufnahme der Saison arbeitet, würde für den Fall einer bekannt werdenden Infektion eines Spielers die Gegner in Quarantäne befehlen, die fünf Minuten direkten Kontakt hatten.

Der Fußball wird sich nach Labor anfühlen, und die große Ungewissheit ist, ob man ihn lieben oder nur nüchtern als Notwendigkeit anerkennen wird. Ralf Rangnick, Fußballdirektor der in Leipzig tätigen Red-Bull-Gruppe, spricht pathetisch von einem „Zeichen für die gesamte Menschheit“, Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge erwartet ein „Milliardenpublikum“ beim Re-Start der Bundesliga. Das klingt nicht mehr nach der Demut, mit der man sich vor ein paar Wochen in die Hände der Politik begeben hatte, sondern nach Selbstüberhöhung.

International wird die Bundesliga natürlich Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die einzige Konkurrenz sind die Ligen von Weißrussland, Turkmenistan, Estland, Färöer, Südkorea, Taiwan. Doch die Kernkundschaft ist nicht einhellig begeistert. Drei Tage vor dem avisierten Start schlossen sich zahlreiche deutsche Fan-Gruppen einem Aufruf an, den Spielbetrieb in ganz Europa auszusetzen, solange Spiele mit Publikum nicht möglich sind. Unterzeichnet haben auch vier Fanclubs aus der Bayern-Südkurve, zudem einer vom Drittligisten TSV 1860 München. Erst wenn Publikum wieder zugelassen sein wird, kann der Fußball wieder er selbst sein. Spieler werden dann ihren Namen hören und danach in die Kurve gehen.

Und bis dahin? Die DFL kann nur hoffen, dass sie ihr Restprogramm abwickeln kann. „Runterspielen“, wie der Dortmunder Watzke, der sich als Romantiker ausgibt, es formuliert. Und dass kein Gesundheitsamt dazwischenfunkt. Dass kein Spieler einen gesundheitlichen Schaden davonträgt. „Wir spielen unter Bewährung und müssen an jedem Spieltag beweisen, dass wir den nächsten verdient haben“, sagt Christian Seifert.

Die Bundesliga wird zur reinen Fernsehinszenierung für einige Zeit. Die Bilder, die ihr Produzent, die DFL-Tochterfirma Sportcast liefern und die Sky übernehmen wird, entscheiden über die Wahrnehmung. Henning Wenzel von Sportcast kündigt an, dass man das Geschehen auf dem Platz in den Mittelpunkt stellen wolle. Die (gefürchteten) Zwischenschnitte ins Publikum entfallen. „Da keine Fans gezeigt werden können, werden vermehrt Reaktionen von Spielern, Trainern und Auswechselspielern eingefangen. Die Slomo-Pakete bei einer Torerzielung müssen angepasst werden, da der Jubel der Zuschauer wegfällt und somit die Zeitspanne von Torerzielung bis Wiederanpfiff verkürzt ist.“

Sky will eine Audio-Option mit „eingespielter Publikumsatmosphäre“ anbieten. Vergleichbar den Lachern in amerikanischen Sitcoms. Fußball wird unwirklich.

Die Trainer sollen mit Mundschutz coachen

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