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Zwei Attraktionen des Weltfußballs kicken für Paris St. Germain und sind für die Bundesliga nicht zu greifen: Kylian Mbappé und Neymar. Zusammen haben sie ihren neuen Verein um die 400 Millionen Euro gekostet.

Studie zeigt Management-Qualität auf

Pommesbude Bundesliga

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In wenigen Tagen beginnt die neue Saison der Champions und der Europa League. Wie wird es sein nach den Transferrekorden des Sommers? Vor allem: Wie werden die Bundesliga-Klubs künftig international positioniert sein? Damit beschäftigt sich eine Studie zur Management-Qualität von Bayern, Dortmund und Co.

Als in der Bundesliga der erste Spieltag dieser Saison war, weilte Henning Zülch in Rumänien. Er wollte sehen, wie sein Verein, Borussia Dortmund, sich in Wolfsburg schlägt. Durch Zufall entdeckte er in Bukarest eine Kneipe, in der sich der rumänische BVB-Fanclub traf. „Ich dachte: Kann nicht wahr sein, dort interessiert man sich für Borussia Dortmund.“ Zülch ließ sich erklären, warum. Die Antwort lautete: Nicht nur wegen des Erfolgs, „sondern weil der BVB einen erfrischenden Fußball spielt. Auch die Underdog-Mentalität ist den Leuten wichtig, und sie können Bundesliga sehen.“

Das also ist das Management-Ranking der Bundesliga mit den Klubs der Saison 16/17. Erkennbar die vier großen Kategorien sportlicher Erfolg, finanzielle Leistungskraft, Fanwohlmaximierung, Führung & Governance. Unterkategorien: Team Performance (TP), Spieler-Trainer-Bewertung (PCC), Spielerentwicklung (PD), Wachstum/Profitabilität (GP), Marke (B), Internationalisierung (I), Mitglieder/Besucher-Charakteristiken (MA), Kommunikation (C), Soziale Verantwortung (SR), Führungsqualität (BQ), Governance (G), Transparenz (T). Farbsystem: von Grün (gut) nach Rot (bedenklich). Die Scores der Aufsteiger: VfB Stuttgart 0,384, das wäre Platz 15. Hannover: 0,291 – wäre aktuell der letzte Platz.

Zülch hat diese Wertschätzung gefreut, die der Verein erfährt, bei dem er, gebürtiger Dortmunder, seit 25 Jahren eine Dauerkarte auf der Südtribüne hat. Und die Affinität der Rumänen hat ihn beruflich aufmerken lassen. Denn Zülch ist Professor an der Leipzig Graduate School of Management, einer der führenden deutschen Business-Schulen, er ist Spezialist für Bilanzierung und Kapitalmarktkommunikation – und hat sich gerade wissenschaftlich Fragen genähert, „die mich seit meinem Studium beschäftigen: Was sind die Erfolgsfaktoren für einen Fußballverein? Kann ich Erfolg planbar machen? Warum ist der FC Bayern immer so weit oben?“

Dazu haben Wissenschaftler ja schon geforscht, er empfand das aber stets als „zu technisch“. Henning Zülch kennt auch die emotionale Seite des Fußballs. „Ich habe Sachverstand auf beiden Seiten.“

Nun kam noch als Fragestellung dazu, inwieweit der Neymar-Deal von Paris Saint Germain, dieser Monstertransfer, 222 Millionen Euro schwer, den Fußball beeinflusst. Können Bundesligavereine noch mithalten in der Zukunft? Sind sie dafür gut genug gemanagt?

„Wir haben in der Betriebswirtschaftslehre eine Methodik, die Balanced Scorecard, mit der wir Planungsgrundlagen schaffen“, so Professor Zülch. Die Schritte: Man überlegte, „was könnten die wichtigen Dimensionen sein?“ Und wie gewichtet man sie? Zülch und sein Team führten Interviews mit Experten, unter ihnen Jan-Christian Dreesen, Finanzvorstand beim FC Bayern. Die wichtigen Kriterien, die sie ausmachten: Sportlicher Erfolg, finanzielle Leistungskraft, Fanwohlmaximierung, Führung und Governance. In die Gesamtwertung flossen diese Felder mit 40 Prozent (Sport), 25 (Finanzen) und die beiden anderen mit je 17,5 Prozent ein.

Es geht um den Sport, das Geld und mehr 

Um das noch etwas zu vertiefen: Wie wird etwa sportlicher Erfolg errechnet? Dafür gibt es 21 Unterkategorien, und sie gehen über die schlichte Interpretation von Tabellenplätzen und Titelgewinnen hinaus. Es wird auch berücksichtigt: Wie sicher war/ist der Trainerjob in besagtem Klub? Wie haben neue Spieler eingeschlagen? Schaffen es Eigengewächse nach oben? Ist man in Jugendauswahlteams vertreten? In welcher Relation steht das Abschneiden zum Budgetrahmen? Es ist schon ziemlich mathematisch.

Die Tabelle, die sich daraus ergibt, wird ein Nicht-Fachmann zuerst als Daten-Ungetüm wahrnehmen, und Henning Zülch glaubt auch, „dass viele die Studie nicht verstehen“. Er hat die Ergebnisse an alle Bundesligavereine geschickt, an Christian Seifert, den Chef der deutschen Fußball-Liga, hat das Papier (59 Seiten plus Quellenangaben) dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel in die Hand gedrückt. Resonanz bislang: gering. RB Leipzig hat sich gemeldet. „Sie haben sich erbost von mir abgewandt.“ Weil sie in Zülchs Management-Qualitäts-Tabelle nur 16. wurden. Bei einer Leipziger Hochschule auch noch: Das hat Red Bull wohl als Verrat empfunden.

Zülch: „Unsere Scorecard muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein“

Zülch sagt: „Unsere Scorecard muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Aber wir sind die Ersten, die das gemacht haben.“ Er will auch niemanden vorführen, sondern der Liga zeigen, „an welchen Stellschrauben sie drehen muss“. Weil es sonst, so erwartet er es, bald vorbei sein wird mit der internationalen Herrlichkeit. Premier League (England), La Liga (Spanien) könnten enteilen, Serie A (Italien) und Ligue 1 (Frankreich) holen bereits massiv auf. In diese Ligen fließt mehr Geld. Aber Zülch meint: „Nicht die Einzelinvestoren machen den langfristigen Erfolg einer Liga aus, vielmehr ist es das gute Geschäftsmodell.“

Zu Leipzig: „Sie sind im sportlichen Erfolg solide, besser als andere, die lange mitspielen.“ Doch schon die finanzielle Performance: „RB Leipzig ist als ein Wachstumsunternehmen naturgemäß fremdfinanziert und nicht profitabel wie andere. Und das Branding: Keiner weiß, wofür der Verein steht.“ Richtig weit hinten liege er bei den Führungsstrukturen: „Der Verein ist komplett intransparent, er kommuniziert sehr wenig. Die Governance-Strukturen sind zu hinterfragen aufgrund der nicht zu leugnenden Nähe zu Red Bull.“ Und Mitglieder hat RB kaum welche. Auch dies ein Nachteil.

„Bayern hauchdünn vor Dortmund“, das ist das Resultat des Management-Rankings. Zwei Vorzeigevereine?

Nicht in allem, findet Zülch. „Auch Bayern und Dortmund haben Bereiche, die geführt werden wie eine Pommesbude.“ Etwa die Bestellung von Hasan Salihamidzic als Sportdirektor in München bewertet Professor Zülch „als mehr als kurios“. Bei der Besetzung von Stellen pflege der Fußball ein geschlossenes System, „da müsste mal das Milieu raus“. Alte Sportvereinskrankheit: „Jeder kann mitsprechen, unternehmerische Entscheidungen werden blockiert.“

Dass Hoffenheim in der Qualifikation zur Champions League klar scheiterte (okay, zumindest an Liverpool) und Freiburg nicht in die Europa League kam (Gegner: ein Klub aus Mazedonien) wertet Professor Zülch als weitere Warnsignale: Es geht bergab mit dem deutschen Vereinsfußball, „wir werden Punkte in der UEFA-Wertung verlieren“. Und bald dann auch Startplätze. „Die Bundesliga ist eine Ausbildungsliga geworden. Was die Niederländer vor fünfzehn, zwanzig Jahren gemacht haben, machen wir jetzt. Wir entwickeln die Talente oder kaufen sie – und können sie nicht halten.“

Auch der FC Bayern tue sich schwer, an die großen Namen zu kommen. Und das baldige Treffen mit Paris St. Germain, mit Neymar und Kylian Mbappé, den edlen Verstärkungen der Franzosen, berge Gefahr für die Münchner: „Sie können an internationaler Strahlkraft nur verlieren.“

Was muss die Bundesliga tun? „Die Klubs müssen gestandene Manager etablieren, nicht nur Sportfunktionäre.“ Sie müssen sich „aufs internationale Tableau heben“, ein Traditionsklub wie der 1. FC Köln dürfe sich „nicht begreifen als Verein, der nur für Köln da ist. Er hebt sein Potenzial nicht.“

Deutschland braucht nicht wie Amerika zu werden. „Halbzeitauftritte von Helene Fischer und Kameras auf Gläsern bei der Weißbierdusche – das muss nicht sein“, sagt Henning Zülch, „man muss es ein bisschen reinhalten“. Aber: „Wer Stars und eine begeisternde Mannschaft sehen will, muss Internationalisierung und das Event annehmen.“

Trotzdem könne man „stolz auf die Tradition sein“. In Dortmund, findet der Dortmunder Zülch, klappe das ganz gut. Und wirkt bis nach Rumänien.

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