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„Es wird niemand alleingelassen“: BFV-Präsident Rainer Koch sieht in Thomas Hitzlsperger einen Mosaikstein, „dass sich die Fußballgemeinde in die richtige Richtung entwickelt, in Richtung Toleranz“.

BFV-Chef zu Coming-Out

„Darf nie eine Momentaufnahme sein“

München - Was bedeutet Hitzlspergers Coming-Out in der Praxis? Wir erörterten mit Dr. Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußballverbands (BFV) die Lage, mit Blick auf Bayerns Fußball.

Nach dem Coming-Out des früheren Nationalspielers Thomas Hitzlsperger sind die Themen Homosexualität und Homophobie im Fußball ein Stück weiter enttabuisiert. Doch was bedeutet das in der Praxis – wir erörterten mit Dr. Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußballverbands (BFV) und Vizechef des DFB, die Lage, mit Blick auf Bayerns Fußball.

Herr Koch, was ändert sich nach dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger?

Jeder, der wie Thomas Hitzlsperger im Fokus der Öffentlichkeit steht, kann etwas, das vorangebracht werden sollte, beschleunigen. Hier geht es um den Kampf für Respekt, um Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung in jeder Form. Für so einen Kampf ist es wichtig, dass sich Protagonisten wie Thomas Hitzlsperger äußern. Es war ein mutiger, ein wichtiger, ein wegweisender Schritt. Wie alle, zollt Thomas Hitzlsperger auch der BFV höchsten Respekt. Wir kämpfen seit Jahren mit vielen Maßnahmen gegen Diskriminierungen aller Art und haben im Herbst auch die „Berliner Erklärung gegen Homophobie für Vielfalt“ unterschrieben, zu deren Erstunterzeichnern DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Bayern-Chef Uli Hoeneß gehört haben. Es ist also kein Neuland, das wir betreten.

Kann Hitzlsperger eine Galionsfigur werden, die man noch gebraucht hat?

Ich glaube, er sieht sich selbst nicht als Galionsfigur. Aber als einen wichtigen Protagonisten, der dazu beiträgt, dass es für die, die unterschwellig in der Gesellschaft noch immer Stimmung machen, immer schwerer wird. Da hat er natürlich enormes Gewicht. Jetzt können sich andere auf ihn beziehen. Es wird so nun viel leichter, sich zu seiner eigenen Position zu bekennen.

Niersbach sagte, Hitzlsperger werde „jede erdenkliche Unterstützung“ bekommen. Was kann der DFB konkret leisten?

Es gehört zu den Aufgaben eines Verbands, Menschen zur Seite zu stehen, die sich persönlich einbringen und wegen eines Bekenntnisses möglicherweise angefeindet werden. Man muss sofort die Rote Karte zeigen, wenn sich jemand gegen Hitzlspergers Weg stellt. Fußball ist mehr als 90 Minuten Wettkampf, Fußball ist ein Bekenntnis zu Werten. Dazu gehört nicht nur Fairplay, sondern auch ein klares Nein zu Diskriminierungen in allen Lebensbereichen. Respekt vor sexueller Entscheidungsfreiheit ist genauso wichtig wie vor Religionsfreiheit, Herkunft oder Hautfarbe. Für all das stehen der DFB und sein Präsident.

Der DFB hat die Broschüre „Fußball und Homosexualität“ auf den Weg gebracht – was kann man zusätzlich machen?

Die Broschüre ist wichtig, um nachhaltig auf die Menschen einzuwirken. Kampf gegen Diskriminierung darf niemals eine Momentaufnahme sein. Wenn wir jede Woche eine andere Thematik ins Schaufenster stellen, ist das Aktionismus und bringt nichts. Man muss die Themen systematisch zur Grundlage des Verbandshandelns machen.

Aus der Praxiserfahrung – inwiefern wird der BFV mit der Thematik Homophobie konfrontiert?

Konkrete Fälle, dass sich jemand meldet, weil er wegen seiner sexuellen Ausrichtung diskriminiert wird, sind sehr selten. Aber das kann auch nicht der Ansatz für die Frage sein, ob Handlungsbedarf besteht. Das hat Thomas Hitzlsperger meiner Meinung nach sehr gut zum Ausdruck gebracht: Die Problematik ist ja, dass sich die meist jungen Menschen scheuen, sich zu bekennen. Als Sportverband kann man zunächst nur helfen, indem man sich klar bekennt: Genauso wie etwa in Rassismus- und Religionsfragen gilt die Null-Toleranz-Politik, das bedeutet, dass man bei Diskriminierung mit absoluter Strenge reagiert.

Es besteht hier ja auch ein spezielles Problem im Sprachgebrauch: „So ein schwuler Pass“, schreien Zuschauer, „Schwuchtel“ ist ein gängiges Schimpfwort auf dem Fußballplatz.

Wichtig ist, dass der Schiedsrichter solche Beschimpfungen auf dem Platz konsequent ahndet und die Sportgerichtsbarkeit handelt, wo es möglich ist. Bei den Besuchern ist man darauf angewiesen, dass sich der Gedanke in der Menge manifestiert, dass solche Aussagen nicht in Ordnung sind. Und ich denke, dass ein Hitzlsperger da ein gutes Aushängeschild ist. Es wird sich keiner finden, der sagen wird, der habe wie ein Weichei gekickt. Damit lässt sich doch ganz anschaulich argumentieren, wenn es zu entsprechenden Äußerungen in den Zuschauerblöcken kommt.

Es gibt Stimmen, man müsse in Vereinen und Verbänden Vertrauensmänner für Homosexuelle einstellen. Ist das denkbar – oder ist das purer Populismus?

Der Fußball ist sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und muss sich mit dem, was er leisten kann, einbringen. Im Moment sehe ich allerdings keine Notwendigkeit, neue Strukturen zu schaffen. Sowohl beim BFV als auch beim DFB sind Ansprechpartner vorhanden Es wird niemand alleingelassen.

Und sollten sich in Zukunft die Bittgesuche häufen, kann man reagieren.

Natürlich. Aber bisher haben wir keinen Arbeitsrückstand.

In Erinnerung ist noch die Affäre Manfred Amerell, bei der es auch um Homosexualität ging und der DFB keine geschlossen gute Figur abgab. Inwiefern hat man Lehren gezogen?

Bei dieser Affäre war nicht die Frage des Umgangs mit Homosexualität der Streitpunkt. Insofern ist sie nicht relevant.

Wie realistisch ist es, dass sich bald ein aktiver Fußballprofi outet?

Das ist die persönliche Entscheidung eines Menschen, da will ich keine Wertung abgeben. Wir als Verband können nur sagen, dass jeder, der sich entscheidet, einen Weg wie Hitzlsperger zu gehen, Unterstützung bekommt.

Ist die Zeit reif?

Hitzlsperger hat einen wichtigen Beitrag geleistet. Aber jeder Einzelne entscheidet weiter für sich alleine. Da kann und sollte man keinen Druck ausüben. Es ist ein Prozess, dass sich auch die Fußballgemeinde in die richtige Richtung entwickelt, in Richtung Toleranz. Hitzlspergers Mut ist ein weiterer Impuls. Ich denke, noch vor fünf oder zehn Jahren wäre es schwerer gewesen. Da wächst also ein Bewusstsein heran. Und das ist doch eine gute Botschaft.

Sie persönlich kennen Thomas Hitzlsperger seit vielen Jahren, Sie waren früher sogar fast Nachbarn. Würden Sie sich wünschen, ihn als Leitfigur im Verband zu integrieren?

Thomas Hitzlsperger ist allein als Fußballer eine Figur, die man sich an seiner Seite nur wünschen kann. Er wäre immer willkommen, das ist ja selbstverständlich. Ich freue mich, dass er für seinen Gang in die Öffentlichkeit so viel Zuspruch bekommen hat.

Interview: Andreas Werner

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