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Schon vor 21 Jahren miteinander vertraut: Joachim Löw, damals Trainer des VfB Stuttgart, mit dem schwäbischen Stürmer Fredi Bobic.

Fußball

Gemeinsame Initiative von DFB und DFL: Das neue Miteinander im deutschen Fußball

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    Jan Christian Müller
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Anfang Dezember reist DFB-Manager Oliver Bierhoff mit führenden Bundesligamanagern zur Fortbildung nach San Francisco - auch ein Zeichen, dass Nationalteam und Klubs wieder näher zusammenrücken wollen.

Jahrelang ist sich der deutsche Fußball in der Spitze in regelmäßig mindestens gegenseitiger Ignoranz begegnet. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf der einen Seite und die für die beiden Bundesligen zuständige Deutsche Fußball-Liga (DFL) mitsamt der Manager führender Vereine hatten sich wenig Nettes zu sagen. Allenfalls traf man sich in diversen Gremien und rollte oft genervt die Augen. Und nur wenige merkten derweil, dass der deutsche Spitzenfußball im weltweiten Vergleich dabei an Boden verliert. 

Inzwischen haben es alle miteinander kapiert. Die gleichsam enttäuschenden Ergebnisse der Nationalmannschaft bei der WM und der Nations League sowie der Klubs in der Champions League in den vergangenen fünf Jahren haben Augen geöffnet, die vorher noch verschlossen waren.

Gerade hat Oliver Bierhoff das „Projekt Zukunft“ als ausdrücklich gemeinsame (!) Initiative von DFB und DFL vorgestellt. Ziel ist es, dass DFB, DFL und Klubs zusammenwirken, um, so Bierhoff, „die Weltmeister von morgen“ zu formen. Der für die Entwicklung des Elitefußballs hierzulande zuständige DFB-Direktor und Manager der Nationalmannschaft treibt die Sache vehement voran: Anfang Dezember wird sich eine 17-köpfige Delegation aus Bierhoffs DFB-Abteilung mit Akademieleiter Tobias Haupt und führenden Vertretern der Bundesligaklubs für vier Tage zu einer Fortbildungsreise nach San Francisco aufmachen. 

Es ist das erste Mal, dass DFB und Bundesliga in dieser Form als gemeinsame Reisegruppe unterwegs sind. Zur Delegation gehören Männer wie Sebastian Kehl (Borussia Dortmund), Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt), Markus Krösche (RB Leipzig), Rouven Schröder (Mainz 05), Jochen Saier (SC Freiburg), Jörg Schmadtke (VfL Wolfsburg), Simon Rolfes (Bayer Leverkusen, Thomas Hitzlsperger (VfB Stuttgart) und Marcell Jansen (Hamburger SV). Sie besuchen Professoren der Eliteuniversität in Stanford, Unternehmen im Silicon Valley sowie das American-Football-Team der San Francisco 49ers.

Fredi Bobic hat sich ein bisschen über WM-Aus gefreut: „So konnte ein Neuanfang gestartet werden“

Gerade hat die DFL auch ihre neu zusammengestellte „Kommission Fußball“ namentlich veröffentlicht, zu der unter anderem auch Hasan Salihamidzic (Bayern München), Frank Baumann (SV Werder Bremen), Max Eberl (Borussia Mönchengladbach) und Jonas Boldt (Hamburger SV) gehören. Erst kürzlich hatte der DFB ein Fortbildungstreffen in Hamburg organisiert, bei dem sich Krösche, Hitzlsperger, Rolfes und Boldt über die neuesten Entwicklungen in der Digitalisierung informierten. Die große Fragestellung, der sie alle miteinander nachgehen wollen, lautet laut DFB-Akademiechef Haupt: „Was muss sich verändern im deutschen Fußball, damit wir es zurück in die Weltspitze schaffen?“

Seit Bierhoff noch unter Präsident Reinhard Grindel beim DFB zum Direktor befördert wurde, gibt es kürzere Entscheidungswege, was in der Bundesliga sehr wohl wahrgenommen wird. Wahrgenommen wird zudem, dass Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw ihren von 2014 bis 2018 gepflegten Weltmeister-Habitus weitgehend abgelegt haben.

„Man musste sie nach der WM 2018 ein bisschen auf den Weg führen, dass sie kritischer mit sich selbst sind“, sagt Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic, „die Liga wurde ein bisschen auf Abstand gehalten.“ Nach dem Aus in Russland habe es „ein Gespräch mit Oli und Jogi gegeben, in dem wir alle klar miteinander gesprochen haben“. Löw wurde dabei zwar deutlich kritisiert, aber in einer aufbauenden Art und Weise. Bobic berichtet von seinen Gefühlen nach der Schmach von Kasan, als ein 0:2 gegen Südkorea das vorzeitige Scheitern bei der WM bedeutete: „Es war keine Schadenfreude, aber innerlich habe ich mich schon ein bisschen gefreut, dass wir ausgeschieden sind. So konnte ein Neuanfang gestartet werden, danach sind wir, Liga und DFB, wieder zusammengekommen.“

Der Ex-Nationalspieler lobt die Zusammenarbeit mit Akademiechef Haupt und dem Sportlichen Leiter der Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou. „Man merkt, da sind junge Leute am Werk, die nach vorne denken.“ Und er stellt klar: „Der Misserfolg 2018 hat ja schon viel früher angefangen, es war eine schleichende Entwicklung, die schon 2014 begonnen hat. Manche Spieler haben aufgehört, andere waren satt, was ja auch normal ist nach solch einem Triumph.“ Man dürfe sich aktuell nichts vormachen: „Ich glaube, dass es noch eine gewisse Durststrecke geben wird. Mittlerweile wird auch weniger erwartet, und das ist gut.“

Der 47-Jährige mahnt im Namen der meisten Bundesliga-Fachleute an: „Es muss auch Spieler geben, die die Ellenbogen rausstrecken. Nur so, als Einheit, konnte 2014 der WM-Titel gewonnen werden.“ Und der einstige Torjäger fügt hinzu: „Wir hatten ja plötzlich keine Mittelstürmer mehr, nur noch falsche Neuner in Deutschland. Aber was ist das? Falsche Neun, falscher Hase?“

Deutscher Fußball muss Mut zu Veränderungen haben

Einig sind sie sich im Verband und bei den Vereinen laut Bobic: „Man muss weiter Mut zu Veränderungen haben.“ Die US-Reise vom 2. bis 5. Dezember soll das vorantreiben. „Es ist die Aufgabe von Oliver Bierhoff und den Trainern der U-Mannschaften, die Kommunikation zu den Klubs hochzuhalten“, sagt Löw. Mit dem bisher an den ersten sieben Spieltagen erlebten Spielniveau in der Bundesliga kann der Bundestrainer sich nur mittelmäßig gut anfreunden. Diplomatisch spricht er davon, dass einige Mannschaften „stark“ spielten, andere aber „spielerisch nicht das darstellen, was wir uns vorstellen“.

Emre Can rennt sich fast ins Glück: Der Frankfurter Bub spielt gegen Argentinien erstmals in dieser Saison von Beginn an und hofft nun auf mehr Einsatzzeiten bei Juventus Turin.

Was die Zukunft angeht, besteht offenbar dringender Handlungsbedarf: Im Kader der deutschen A-Nationalmannschaft gibt es nur einen einzigen Spieler, der jünger ist als 22: Ausnahmetalent Kai Havertz (20) von Bayer Leverkusen. Und in der U21 von Stefan Kuntz findet sich lediglich ein Profi, der unangefochten Stammkraft in einem deutschen Erstligaklub ist: Dennis Geiger (21) von der TSG Hoffenheim. Das sind klare Indizien dafür, dass die Abschaffung der U23-Teams in diversen Klubs in erster und zweiter Liga (unter anderem Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt, RB Leipzig) keine kluge Idee war. Denn die allermeisten Talente schaffen nicht direkt den Sprung in die Bundesliga und werden so im eigenen Klub oft im Stich gelassen.

Von Jan Christian Müller und Daniel Schmitt

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