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DFL-Präsident Rauball: „Sportschau - der Ball liegt bei der ARD“

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2011 – ein gutes Jahr für Reinhard Rauball: Der zweifache Präsident kann mit der DFL und besonders mit seinem BVB zufrieden sein. foto: dpa

München - In Kürze entscheidet ein Schiedsgericht über die 50+1- Regel, im Herbst beginnt die Ausschreibung der TV-Rechte. Und auch die Turbulenzen beim TSV 1860 beschäftigen DFL-Boss Dr. Reinhard Rauball. Das Interview.

Am kommenden Freitag ist Dr. Reinhard Rauball Gastgeber und Ehrengast zugleich. Als Präsident der DFL eröffnet er mit dem Spiel Dortmund - Hamburg die 49. Bundesliga-Saison, als Präsident der Borussia schaut er anschließend dem Deutschen Meister auf der ersten Etappe seiner Titelverteidigung zu. Rauball und der Liga stehen ereignisreiche Monate bevor.

In Kürze entscheidet ein Schiedsgericht über die 50+1- Regel, im Herbst beginnt die Ausschreibung der TV-Rechte. Und auch die Turbulenzen beim TSV 1860 beschäftigen den DFL-Boss.

-Herr Rauball, wird der Freitag einer Ihrer schönsten Termine des Jahres?

Den allerschönsten Termin des Jahres habe ich schon hinter mir. Das war der Tag, an dem ich unserem Kapitän die Schale übergeben durfte. Die Saison als Ligapräsident zu eröffnen, ist aber natürlich auch ein bemerkenswerter Tag.

-In beiden Ämtern war die Entwicklung zuletzt klar positiv. Der BVB ist neuerdings wieder auf dem Vormarsch, die Liga schon etwas länger.

Besser hätte ich es nicht formulieren können. Die Liga ist ganz klar ein Premiumprodukt geworden, mit einer Nachhaltigkeit, die sich darin zeigt, dass die Liga zuletzt Jahr für Jahr Rekordzahlen präsentieren konnte. Bei den Zuschauerzahlen, beim durchschnittlichen Besuch von rund 42 000 Zuschauern, bei den Sponsorenerlösen, bei der Präsenz im Ausland. Es war nicht selten der Fall, dass Bundesligaspiele oder auch der Supercup in 175 bis 200 Länder übertragen worden sind Das befördert vieles, insbesondere die Beliebtheit der Liga und damit das Interesse für Sponsoren und der TV-Anstalten..

-Deutlichstes Indiz für den Aufschwung ist die Übernahme des vierten Champions League-Platzes ab 2012 von Italien. Es ist noch nicht so lange her, dass die Seria A eine Liga für sich zu sein schien. Hätten Sie vor einigen Jahren erwartet, dass es so schnell gehen würde?

Klares Ja. Als ich zum ersten Mal zur Wahl als Ligapräsident stand, hatte ich mit Karl-Heinz Rummenigge ein Gespräch. Da fragte er auch: „Wie stellen Sie sich vor, dass die Bundesliga wieder einen weiteren Champions League-Platz erzielt?“ Da habe ich klar gesagt: „Wir warten ab. Die anderen Länder kommen von oben auf uns zu. Deren Wettbewerbsvorteile sind verknüpft mit gewagten wirtschaftlichen Erwägungen. Unsere Philosophie - die Nachhaltigkeit, das seriöse Wirtschaften, unsere Investitionen in den Nachwuchs - sorgen dafür, dass der Abstand verkürzt wird. Und irgendwann werden wir den vierten Platz auch wieder bekommen.“ So ist es dann auch eingetreten. Ich habe immer daran geglaubt und glaube auch jetzt daran, dass wir gerade unter dem Eindruck des Financial Fairplay die Spanier eines nicht so fernen Tages vom zweiten Platz verdrängen werden.

-Wo sehen Sie die Überlegenheit gegenüber der Primera Division?

Das sind zwei völlig verschiedene Ligen. Spanien ist gekennzeichnet durch sehr erfolgreichen Fußball zweier Vereine, während die Bundesliga die spannendste Liga überhaupt ist. Wir haben in den letzten fünf Jahren vier verschiedene deutsche Meister gehabt. Im Pokal ist es genau so. Das spricht für Ausgeglichenheit und Wettbewerb. Wir haben ja nicht nur den Meister, sondern bis zu Platz sechs Mannschaften, die in europäischen Wettbewerben Punkte sammeln im UEFA-Ranking. Das macht unterm Strich eine Menge aus.

-In München gab es zuletzt Unruhe, als sich Arturo Vidal gegen den FC Bayern und für Juventus Turin entschied. Ist ein Wechsel nach Italien überhaupt noch ein Aufstieg?

Juventus Turin heute ist nicht mehr das Juventus der achtziger und neunziger Jahre. Dafür ist in der Zwischenzeit zu viel passiert. Das sieht man ja auch am aktuellen Tabellenstand. Ich möchte aber nicht so einen Einzelfall zum Maßstab nehmen.

-Aber die Seria A gibt ja insgesamt ein verheerendes Bild ab. Veraltete Stadien, leere Ränge, Fan-Ausschreitungen, Manipulationsskandale.

Dazu kommen noch große finanzielle Probleme. In der zweiten Liga, der Seria B, wurden die meisten Spieler über Monate hinweg nicht bezahlt. Die Ligen konnten sich nicht einigen, wie die TV-Gelder verteilt werden. Da glaube ich, dass wir auf einem ganz anderen Weg sind, weil wir die Belohnung von Leistung mit einem Solidaritätsgedanken verknüpfen. Mit der Ausnahme Frankreich gibt es in Europa keinen anderen Fußball, wo die erste Liga die zweite in Teilen subventioniert. Das macht sich bezahlt. Italien hat es versäumt, in die Infrastruktur und den Nachwuchs zu investieren.

-Kann man sagen, dass Financial Fairplay ein deutsches Lieblingsthema ist und dass keine große Liga der Saison 2012/2013 so entgegenfiebert wie die Bundesliga?

Aus unserer Sicht ist es ein großer Schritt in Richtung Wettbewerbsgleichheit. Das Thema wird sicherlich ganz eng mit der Bewertung der Amtszeit von Michel Platini verknüpft bleiben Es wird für ihn aber genau so wichtig sein, wie das in der Praxis umgesetzt wird. Es wird sich zeigen, ob gegebenenfalls Sanktionen gegen solche Vereine getroffen werden, die in der Vergangenheit erfolgreich waren, einen großen Namen haben, die Kriterien aber nicht erfüllen.

-Der FC Barcelona hat letzte Saison 21 Millionen Euro Verlust gemacht und hat insgesamt 364 Millionen Schulden. Der FC Chelsea hat noch im Winter 59 Millionen für Fernando Torres ausgegeben. Von profitablem Wirtschaften kann man dort ebenso wenig sprechen wie bei Manchester City. Die UEFA wird sich mit den ganz Großen anlegen müssen. Und mit den ganz großen Verbänden.

Die Glaubwürdigkeit wird nicht dadurch gesteigert, dass die UEFA einem unbekannten Verein die Zulassung zur Champions League verweigert. Man muss insbesondere auf die Großen schauen.

-Ein eher deutsches Thema ist die Konstruktion 50+1. Der TSV 1860 hat als erster Profiklub einen ausländischen Großinvestor, der nun trotz offiziell nur 49 Prozent der Anteile massiv nach der Macht zu greifen scheint. Wie beunruhigend ist die Situation für Sie?

1860 München hat bei den Verhandlungen sehr engen Kontakt zur DFL gehalten. Es hat über einen längeren Zeitraum Diskussionen gegeben, diese mündeten in dem Abschluss von Verträgen, die mit den Liga-Statuten in Einklang stehen. Das sieht die DFL nach wie vor so. Ich glaube nur, dass der Verein gut daran tut, auch die Öffentlichkeit einmal aufzuklären über die Befugnisse der Gremien. Was ist die Aufgabe des Beirates, der ja die Kontrollinstanz ist für die Geschäftsführungs-GmbH? Und was ist die Aufgabe des Aufsichtsrates? Der hat in Deutschland immer einen sehr bedeutenden Klang, aber in diesem Fall ist der Beirat das entscheidende Gremium, weil der das Kontrollorgan der Komplementär-GmbH ist. Und dort kann der eingetragene Verein nicht überstimmt werden.

-In der Theorie ist der Fall eigentlich klar: Die Löwen halten 51 Prozent der Anteile und sollten die Richtung vorgeben. Ist es in der Praxis nicht auch ein Problem, dass der Mehrheitseigner nicht mit einer Stimme spricht?

Das ist ein demokratischer Prozess. Wenn der e.V. Mitglieder in Gremien entsendet und die ein gedankliches Eigenleben entwickeln, ist das eine Sache, die der Verein für sich bewerten muss. Wenn dadurch der Einfluss des Investors steigt, ist das unter demokratischen Gesichtspunkten nicht zu beanstanden. Der Verein muss sich nur überlegen, wie er mit einer solchen Situation umgeht und ob da nicht andere Überlegungen greifen könnten.

-Welche konkret?

Der Verein hat ja das Entsendungsrecht und muss überlegen, ob er das so akzeptiert. Aber das hat nichts mit der grundsätzlichen Konstruktion zu tun.

-Man hat nur den Eindruck, die Löwen sind entweder nicht so stark, wie sie es laut Statuten wären, oder sie sind sich ihrer Stärke nicht bewusst.

Das kann ich aus der Ferne nicht beurteilen. 1860 ist ein Traditionsverein und in München sehr beliebt, wie jedermann weiß. Ich bin davon überzeugt, dass der Verein nach einer kurzen Eingewöhnungszeit diese starke Stellung mit Leben erfüllen wird. Was ich zuletzt gelesen habe, sind alle Beteiligten dabei, sich zusammenzuraufen. Aus Sicht der Liga begrüße ich das.

-Spielt dieses Modell - und was daraus in der Praxis geworden ist - in den aktuellen Erwägungen des Schiedsgerichts zur 50+1- Frage eine Rolle?

Die DFL prüft zu jeder Zeit die Einhaltung der Statuten, natürlich auch die des Prinzips 50+1. Wenn sich da etwas vertraglich ändern sollte, wird darauf zu reagieren sein. Das ist ja gar keine Frage. Aber das schiedsgerichtliche Verfahren war ein anderes. Da ging es um die generelle Aufhebung des Grundsatzes 50+1. Davon hat Hannover 96 in der mündlichen Verhandlung abgelassen und die Anträge umgestellt. Der Klub strebt, populär ausgesdrückt, die Gleichstellung mit Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg an, nicht die komplette Aufhebung des Konstrukts 50+1. Dadurch ist dieses Thema schon jetzt vor dem Schiedsspruch entschärft worden.

-Löwen-Präsident Dieter Schneider hat auf dem Höhepunkt der Querelen seinen Rücktritt angedroht. Hätte so ein Schritt aus Sicht der DFL konkrete Folgen haben können?

Nein. Die Statuten stellen nicht auf konkrete Einzelpersonen ab, sondern auf Prinzipien. Bei einem Rücktritt hätte 1860 München einen neuen Präsidenten wählen müssen.

-Das heißt, auch ohne einen starken Präsidenten und mit einem wachsenden Machtvakuum hätte kein Szenario bis hin zum Lizenzentzug gedroht?

Nein. Wenn ein starker Präsident ausscheidet, aus welchen Gründen auch immer, ist das sicherlich schwierig für den Klub, aber keine Strukturfrage.

-In der neuen Saison werden die TV-Rechte ab 2013 neu ausgeschrieben. Bisher vertrat das Bundeskartellamt die Auffassung, dass die Bundesliga samstags zeitnah im Free-TV auszustrahlen sei. Mittlerweile hat sich diese Position verändert, auch eine zeitnahe Ausstrahlung im Internet wäre alternativ denkbar. Bedeutet das, dass die „Sportschau“ nicht mehr unantastbar ist?

Dem Wettbewerb um einen solchen Sendeplatz ist damit neuer Raum geschaffen. Auf der anderen Seite sind wir nicht angetreten, um die „Sportschau“ abzuschaffen. Klar ist aber: Jemand, der zu dieser Sendezeit immer seinen Platz hatte, ist nicht zwingend auch sein eigener Nachfolger. Es kommt auf die Gebote an. Der Ball liegt damit bei der ARD.

-Verspürt die DFL Genugtuung, dass es die Vorzugsbehandlung des Free-TV nicht mehr gibt?

Nein, darum geht es nicht. Wir spüren allerhöchstens eine gewisse Freude, dass unsere Hartnäckigkeit in Bezug auf unsere Argumente belohnt worden ist: Wir haben nun Planungssicherheit und Wettbewerb.

-DFL-Geschäftsführer Christian Seifert sagt, das mediale Produkt Bundesliga werde „nicht zu Tode optimiert“. Eine Ausweitung des Internet-Fernsehens wäre sicherlich eine Optimierung. Aber zu welchem Preis?

Die Medienlandschaft wandelt sich in einem Maße, wie man das vor 20 Jahren noch nicht geglaubt hat. Es gibt sehr viele junge Leute, die mit den Medien anders umgehen als ältere. Wir geben keinen Kommentar dazu ab, wem wir einen Vorrang einräumen. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Die Aufgabe der DFL ist es, die Gebote einzuholen und zu bewerten. Danach werden Liga-Vorstand und Mitgliederversammlung entscheiden.

-SAT.1 hat vor zehn Jahren die Samstags-Zusammenfassung freiwillig von 18.30 auf 20.15 Uhr verschoben, um innerhalb der Kirch-Gruppe den Pay-TV-Sender Premiere zu stärken. Nach vier Wochen kapitulierte man vor den katastrophalen Einschaltquoten. Wenn es um die Bundesliga im Free-TV geht, ist sich der Kunde seiner Macht sehr bewusst.

Das stimmt. Die kommende Ausschreibung ist aber nicht mit damals vergleichbar. Unsere Planungen gehen dahin, dass der Zuschauer die Spieltags-Zusammenfassung am Samstag in jeden Fall vor der Tagesschau sehen kann: Entweder im Free-TV oder kostenlos über das Internet auf dem Computer, dem Handy oder dem i-Pad.

Das Gespräch führte Marc Beyer

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