Schock-Diagnose beim FC Bayern: Nächster Star fällt wochenlang aus

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Die frühen Zeiten: Rudi Brückner (Mitte) moderiert, Udo Lattek (l.) in der Außenposition. Neben ihm Dieter Matz vom Hamburger Abendblatt, er war 66 Mal zu Gast.

20 Jahre Doppelpass

Lasst uns über Fußball reden!

München - Diesen Sonntag feiert der „Doppelpass“ Geburtstag: Er wird 20. Das Format eines Fußball-Talks hat sich also etabliert. Die Zwei-Stunden-Sendung auf Sport1 (früher DSF) findet viele Nachahmer – aber nicht nur, weil sie inspirierend, sondern auch in die Kritik geraten ist.

Der „Doppelpass“ hat schon einiges erlebt. Zum Beispiel die Einführung einer neuen Währung. Bis einschließlich 2001 hatte man die D-Mark, und wer im „Doppelpass“ einen Satz aussprach, der schon tausendmal gesagt worden war (wie „Es geht immer bei 0:0 los“), musste fünf Mark ins „Phrasenschwein“ einwerfen. Aus fünf Mark wurden drei Euro, seit 2002 müssen die Gäste mindestens zwei Münzen bereit halten und aus der Sakkotasche nesteln, wenn sie ertappt werden beim Sprachklischee.

Das Phrasenschwein ist ja auch berühmt geworden, weit über die Sendung hinaus. Vielleicht ist es sogar das berühmteste Plastik-Schwein in der Geschichte des Fernsehens – nach dem aus „Was bin ich?“. Quizmaster Robert Lembke fragte 31 Jahre lang beim heiteren Beruferaten: „Welches Schweinderl hätten’S denn gern?“

Im September 1995 wurde zum ersten Mal der Fußballtalk „Doppelpass“ ausgestrahlt, damals hieß der gastgebende Sender noch Deutsches Sport-Fernsehen, kurz DSF. So viel wie heute wurde vor 20 Jahren auf deutschen Bildschirmen noch nicht geredet, „Sabine Christiansen“, die erste große Talkshow mit politischer Relevanz in der ARD gab es erst ab 1998, zuvor hatten Krawallformate auf RTL („Der heiße Stuhl“) und Sat.1 („Einspruch“) die Landschaft geprägt. Über Fußball zu debattieren war etwas Revolutionäres. Würde der „Doppelpass“ in einem Spartensender mit einem Marktanteil zwischen einem und zwei Prozent eine Chance haben?

Die Sendung wurde berühmter als der Sender. Der Ritterschlag war, als der TV-Satiriker Harald Schmidt in seiner ARD-Late-Night-Show (Zielgruppe: der deutsche Intellektuelle) eine „Doppelpass“-Sendung nachspielte. Inzwischen ist er selbst schon einige Male in der Runde im Münchner Flughafenhotel gesessen. In dieser grotesken künstlichen Palmenlandschaft,in der es hallte wie in einem Bahnhof.

Mit Schmidt, das waren Knallersendungen. Oder natürlich auch mit Uli Hoeneß, wenn er sich provozieren ließ von seinem ehemaligen Trainer Udo Lattek, der irgendwann zum „Doppelpass“ so unverrückbar gehörte wie die Sitzgruppe. Der Satz „Wenn Klinsmann Barack Obama ist, dann bin ich Mutter Teresa“ fiel in der Erregung, die den Bayern-Manager im „Doppelpass“ überkam.

Runter kamen die Diskutanten immer, wenn sie ins „Dopafon“ lauschen mussten, einen Anrufbeantworter für die Zuschauer. Das Beste aus Volkes Stimme wurde abgespielt, und wenn einer sächselte, dass Trainer Soundso die Mannschaft einfach nicht mehr erreiche und gleich der ganze Vorstand mit entlassen werden müsste, hat sich in der Runde aus Journalisten und auch mal Managern oder Trainern wieder alles entspannt.

Es war mit regelmäßig einer Million Zusehern zum Erfolgsformat geworden, was lange vorher als Versuch in der AKK-Sendezentrale in Ludwigshafen begonnen hatte. Ein Labor des Fernsehens, gegründet zu einer Zeit, als man in Deutschland Erstes, Zweites und das regionale Dritte Programm kannte. In Ludwigshafen kam ab 1983, zwölf Jahre vor dem „Doppelpass“, der „kicker-Stammtisch“ zusammen. Redakteure des Nürnberger Fußballhefts debattierten vor der Kamera über Fußball; später wechselte der Stammtisch zu Sat.1, bis 1989 gab es ihn. Den Ur-Doppelpass.

Die Idee hat weitere Nachahmer gefunden. Sky, das lange nur Live-Übertragungen im Programm führte, schließt jeden Spieltag inzwischen mit der Talkshow „Sky90“ ab, in der Regel hat der Meinungsmacher Franz Beckenbauer das letzte Wort des Wochenendes – und gibt die Themenlage für Montag und Dienstag in den Zeitungen vor. Sport1, wie das vormalige DSF mittlerweile heißt, kopiert sich auch selbst: Mit dem „Fan-Talk“, der wochentags live aus einer Kneipe in Essen kommt. Mit Trainer-Unikum Peter Neururer als Dauergast. Gelegentlich schauen die Gäste während der Sendung fern: die Champions League, an der Sport1 keine Rechte hat. Dem Publikum wird dann mitgeteilt, dass gerade ein Tor gefallen ist. Und wie. Eine Art, dabei zu sein. Ohne das Mittendrin-Gefühl, das der Sender propagiert(e).

Die Deutschen reden offensichtlich sehr gerne über Fußball, das auch öffentlich – und sie nutzen dazu neue Kanäle. Im Internet etablieren sich Doppelpass-ähnliche Formate, von amateurhaft bis professionell, vor allem Podcasts sind angesagt, eine Art Radiosendung, die man sich herunterlädt und anhört, wann es einem passt. Inspiriert wurde diese Welle sicher auch vom Erfolg des „Doppelpass“ – ebenso jedoch auch von der Unzufriedenheit mit der bekannten Vorzeigesendung. Der Münchner Max-Jacob Ost war vor gut einem Jahr einer der Gründer von „Rasenfunk – Die Schlusskonferenz“, sein Antrieb war: „Frust über Populismus, Themenauswahl und Oberflächlichkeit des Doppelpasses.“ Nun talkt Ost am Sonntagabend über Skype mit seinen Gästen über den Spieltag, manchmal hört man im Hintergrund, wie eine Katze miaut oder ein Baby schreit. Geschnitten wird nichts, das ist ein Grundsatz der „Rasenfunk“-Macher. Man kann den Podcast umsonst bei iTunes abonnieren, die Bewertungen für den „Rasenfunk“ sind exzellent, die Zahlen steigen. Am Anfang waren es 2000, nun lauschen 7000 bis 8000. „Und bald werden wir im fünfstelligen Bereich sein“, erwartet Max-Jacob Ost.

„Rasenfunk“-Sendungen sind lang, so um die zwei Stunden nimmt die Nachbesprechung von neun Spielen schon in Anspruch. Die Königssendung war die zum Abschluss der Saison 2014/15. Ein Special, bei dem zu jedem der 18 Vereine mit einem Experten – Journalist oder Fan – gesprochen wurde, Gesamtredezeit: elfeinhalb Stunden.

„Jede Woche kommt gerade mindestens ein neuer Podcast dazu“, sagt Ost. Es sei so wie vor ein paar Jahren die Welle der Blogs. Nun also wird nicht nur geschrieben, sondern vermehrt getalkt. In manchen Klubs gibt es sogar mehrere „Radios“. Technisch ist das nicht schwer. Man könnte mit der Aufnahmefunktion des Smartphones aufzeichnen, sich bei iTunes anmelden und den Podcast hochladen. Fertig.

Wie erfolg- und einflussreich Podcasts sein können, zeigt sich an Beispielen aus dem Ausland. Besonders an einem außerhalb des Sports. In den USA wurde 2014 in dem zwölfteiligen Podcast „Serial“ ein tatsächliches Verbrechen aus dem Jahr 1999 aufgerollt, ein Highschool-Mord: Sitzt der Verurteilte zurecht im Knast? War ein anderer der Täter? Jede Woche wurde der Fall weitergetrieben. Anzahl der Downloads: 68 Millionen. Die Justiz begann, sich wieder für den Fall zu interessieren. Der bekannteste deutsche Podcast ist „Sanft und sorgfältig“ von Entertainer Jan Böhmermann und Musiker Olli Schulz. Als internationaler Top-Podcast im Bereich Sport gilt „Football Weekly“ aus der Werkstatt der Qualitätszeitung „Guardian“.

Werden auch sie alle mal 20. Geburtstag feiern wie der „Doppelpass“ – oder verglühen Formate schneller?

Klar ist: Der „Doppelpass“ hat sich gewandelt. Manche finden, er sei zu glatt, zu angepasst geworden. Ein Insider der Fernsehbranche meint, schon mit dem ersten Moderatorenwechsel (von Rudi Brückner zu Jörg Wontorra) sei dem „Doppelpass“ der Biss abhanden gekommen, und Thomas Helmer, dem neuen Diskussionsleiter, fehle es am journalistischen Ansatz. Sport1 habe spürbar Angst, der Deutschen Fußball-Liga auf die Füße zu treten – nicht dass nachher die wertvollen Fußballrechte weg sind.

Max-Jacob Ost vom „Rasenfunk“ stört es, dass aus dem Quotendruck heraus zu viel über Bayern und Dortmund geredet wird. Und die Altstars in der Runde (wie Thomas Helmer, Thomas Strunz oder Mario Basler) verlören sich in Querverweisen zur eigenen Karriere – selbstironisch gemeint, doch was bringt’s?

Noch ein Kritikpunkt: Weil die Sendung vor Publikum läuft, würde gerne mal die populistische These gesetzt – nur um Beifall einzuheimsen. Bei „Sky90“ werde überlegter getalkt. Im Studio gibt es keine Zuschauerplätze. Nur ein Aquarium. Mit Fischen in ihrer eigenen Welt.

Günter Klein

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