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Bernd Matin (l/1979 mit Bundestrainer Jupp Derwall und Karlheinz Förster) ist mit zwei Minuten azf seine Art „Rekordnationalspieler“.

Nationalspieler: Einmal und nie wieder

  • Günter Klein
    VonGünter Klein
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Kommenden Mittwoch verabschiedet sich Lukas Podolski aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft – mit seinem 130. Länderspiel. Einige zu viel, meinen seine Kritiker. Mag sein. Doch „Prinz Poldi“ startete eben schon in jungen Jahren durch. Mit 19 und zwei Monaten machte er bereits sein 2. Länderspiel – und überholte auf einen Schlag damals 244 Spieler, die nur ein einziges Mal hatten auflaufen dürfen.

Von Günter Klein

Lothar Matthäus ist Deutschlands Rekordnationalspieler. Bernd Martin ist es aber auch. Zumindest stellt er sich in launigen Gesprächen so vor.

Lothar Matthäus besetzt das obere Ende der Rekordskala: 150 Länderspiele für Deutschland. Das untere Ende gehört Bernd Martin: einmal dabei gewesen, 1979 in der 88. Minute eines EM-Qualifikationsspiels in Wales eingewechselt worden. Bernd Martin vom VfB Stuttgart hielt sich also zwei, drei Minuten auf dem Platz auf, er hatte keinen Ballkontakt.

Trotzdem ist er Nationalspieler. Einmaliger Nationalspieler. Wie so viele andere in der fast 110-jährigen deutschen Länderspielgeschichte. Es ist kein außergewöhnliches Schicksal, wenn es bei einem Auftritt geblieben ist. 927 Nationalspieler erlebte der DFB (gerechnet ohne den ostdeutschen Fußballverband und das in den 50er-Jahren mit einer eigenen Auswahlmannschaft angetretenen Saarland) – 254 waren Einmal-Nationalspieler.

Bernd Martin hätte, so schätzt er das ein, sicher einige Länderspiele mehr gemacht, wäre ihm nicht Folgendes widerfahren: Drei Tage nach seinem Kurzdebüt beim DFB brach er sich bei einem Bundesligaspiel den Knöchel. „Das war im wahrsten Sinne des Wortes der Knackpunkt in meiner Karriere“, sagt er. Obwohl er dann sogar noch zum FC Bayern wechselte: Richtig fit wurde er nicht mehr, „und so viele Länderspiele gab es damals auch nicht“. Wenigstens hatte Bernd Martin, ein rechter Außenverteidiger, zuvor schon neunmal für die seinerzeit noch existierende B-Nationalmannschaft gespielt – fremd fühlen musste er sich im DFB also nicht.

Seine paar Minuten im A-Team sind längst vergessen, er hat auch nichts Negatives angestellt, was hätte in Erinnerung bleiben können. Anders bei Zoltan Sebescen, dessen einziger Nationalmannschafts-Auftritt als Paradebeispiel dafür gilt, wie eine Karriere zerstört werden kann in dem Moment, da sie ihren Gipfel erreicht zu haben scheint.

Zoltan Sebescen spielte in der Saison 1999/2000 für den VfL Wolfsburg. Bundestrainer Erich Ribbeck sah ihn selbst zwar nicht live spielen, verließ sich auf die Einschätzungen seiner Zuarbeiter und nominierte Sebescen fürs erste Länderspiel des EM-Jahres. Gegen die Niederlande, in der Amsterdam-Arena.

Die Deutschen wollten es nicht wahrhaben, dass ihre bleierne Zeit längst begonnen hatte. Die moderne Welt spielte in der Abwehr mit einer Viererkette, Deutschland indes noch immer mit Lothar Matthäus, 39 , als Libero. Die Holländer waren bei voller Schaffenskraft, sie hatten wieder eine Generation der Hochkreativen, Boudewijn Zenden, der Linksaußen, war einer von ihnen. Der DFB-Neuling Zoltan Sebescen musste – was überhaupt nicht seiner aus dem Verein vertrauten Position entsprach – als rechter Verteidiger gegen den Wirbler spielen. Er war heillos überfordert und wurde von Erich Ribbeck zur Halbzeit aus dem Spiel genommen. Das enttäuschte Sebescen. Er hatte, wie er verriet, schon gedacht, „dass man als Neuling sich ein ganzes Spiel bewähren darf“. Mit den 45 Minuten jedoch war er draußen, eine zweite Chance nicht zu rechtfertigen.

Andre Hahn blieb ein Koffer mit Klamotten

Es folgte für Zoltan Sebescen aber eine Zeit des noch viel schlimmeren Leidens: Eine Knieoperation nach der anderen, acht Stück insgesamt. Er wurde Sportinvalide. Und ist heute Spielerberater – der seine Aufgabe darin sieht, seine Klienten vor dem zu bewahren, was ihm widerfuhr. Eine Nominierung kann auch zum falschen Zeitpunkt kommen – selbst dann, wenn sich für einen Spieler mit einer Berufung Träume erfüllen.

Hochgefühl und Ernüchterung sind nahe beieinander, wie etwa Andre Hahn erfahren musste. Der war ein Aufsteiger der Bundesligasaison 2013/14, Außenstürmer beim FC Augsburg, mit gutem Zug zum Tor. Bundestrainer Joachim Löw lud Hahn erstmals im März ein, in Stuttgart wurde gegen Chile gespielt. Hahn, vor dem FCA-Job Drittligaspieler in Offenbach gewesen, stieg in Augsburg in den ICE, der die Spieler des FC Bayern zur Nationalmannschaft brachte. Die erste Kontaktaufnahme fiel Andre Hahn schwer; im Länderspiel kam er dann nicht zum Einsatz. Als Gewinn verbuchte er die Reise dennoch: Denn er hatte eine offizielle Nationalspieler-Ausrüstung bekommen: Ausgehanzug, Freizeit- und Trainingsklamotten, Koffer. „Man kann das mit nach Hause nehmen oder vom DFB einlagern lassen – und bekommt es dann beim nächsten Mal wieder.“ Er fühlte sich aufgenommen.

Beim nächsten Mal wurde aus dem Nicht-Nationalspieler dann endlich der Nationalspieler Andre Hahn. Er war für den vorläufigen WM-Kader, bestehend aus 28 Spielern, benannt worden, im Testmatch gegen Polen, bei dem wegen des anstehenden Pokalfinales die Münchner und Dortmunder Akteure fehlten, wurde Hahn in der zweiten Halbzeit eingewechselt. Zwei Stunden später machte Jogi Löw die WM-Vornominierung rückgängig, strich Hahn, setzte dafür den Namen Christoph Kramer ein. Für einen Sechser sah er auf einmal größeren Bedarf. Andre Hahn, der nach Mönchengladbach wechselte, erhielt seit Mai 2014 keine weitere Einladung mehr.

Doch es werden in seinem Leben noch etliche nette Briefe kommen mit Hinweisen, wann und wo man sich trifft und dass man sich auf ihn freut – denn mit seinem einen Spiel wurde Hahn automatisch Mitglied im „Club der Nationalspieler“, gegründet 2008 auf Initiative von Uwe Seeler.

Bei Uwe Seeler sind alle willkommen

„Uwe“, so berichtet es Wolfgang Tobien, ehemaliger Chefreporter des Fachblatts kicker“, der im Ruhestand für den DFB arbeitet, „wollte, dass auch die sich zugehörig fühlen, die dachten, sie wären in der Versenkung verschwunden“. Es wurde anfangs überlegt, ob man in den Club der Nationalspieler nur die aufnehmen sollte, die mindestens zehn Einsätze aufzuweisen haben. Aber das wäre eine willkürliche Marke gewesen. Daher die Entscheidung: Nationalspieler ist, wer einmal auf dem Platz stand.

Gerade organisiert Tobien das nächste Jahrestreffen des Clubs der Nationalspieler (zu dem auch die damaligen saarländischen und früheren DDR-Spieler gehören), es findet passenderweise am Mittwoch in Dortmund rund um das Lukas-Podolski-Abschiedsspiel gegen England statt. Podolski macht sein 130. Länderspiel – so viele also, wie 130 einmalige Nationalspieler zusammen geschafft haben.

Trotzdem: Wertschätzung auch für sie, die es zu allen Zeiten gab.

Die meisten haben immerhin ein komplettes Spiel über 90 Minuten bestreiten dürfen – weil bis zur WM 1970 Wechseln bei Pflichtspielen gar nicht erlaubt war (allenfalls bei Freundschaftstreffen kam es vor, war aber verpönt).

Die meisten Einmaligen gab es 1939 – nämlich 13. Für manche endete die Karriere bald darauf an der Front. Einer derjenigen, die im Kriegsbeginnjahr einmal spielten, war der als Trainer nachher legendäre Max Merkel. Eigentlich Österreicher, damals aber angeschlossener Deutscher. Nach dem Krieg wurde Merkel auch noch offizieller österreichischer Nationalspieler – ebenfalls ein einmaliger.

In der „Neuzeit“ gibt es ein Muster, wann die Chance am größten ist, zum ersehnten Länderspiel zu kommen – jedoch auch das Risiko immens, dass es bei einem bleibt.

Vorweihnachtliche und nachsaisonale Fernreisen, die das Stammpersonal meidet. Beispiele: Der Münchner Rainer Ohlhauser spielte am 18. Dezember 1968 in Chile, Rene Schneider am 15. Dezember 1995 in Südafrika, Tobias Weis im Juni 2009 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate in Dubai „im klimatisch extremsten Spiel, das ich erlebt habe“, wie Philipp Lahm sagte. Ebenfalls gefürchtet waren die Confederations Cup-Teilnahmen der 90er-Jahre.

Die Phase vor einem großen Turnier: Es läuft nicht, Deutschland in Angst, der Bundestrainer probiert unter dem Druck eben noch was aus – und verwirft es. Vor der WM 2002 wurde sogar ein 1860-München-Spieler (Torjäger Martin Max) in reifem Alter (33) zum Nationalspieler für einen Moment. Oder 2014: Das Andre-Hahn-Spiel erlebte vier weitere Neulinge, die – bisher – nicht wiederkamen.

Aber Einmal-Nationalspieler-Karrieren werden seltener. Jogi Löw überlegt sich Nominierungen genau, und seine Mannschaft hat nur noch Doppelspieltage. Zwei Chancen also,

Die Mitgliedschaft im Club der Nationalspieler besteht ab dem ersten Länderspiel. Wolfgang Tobien: „Aktiviert wird sie, wenn ein Spieler seine Karriere beendet.“ Wie Weltmeister Philipp Lahm – er nahm bereits an einem Ehemaligen-Treffen teil. Als Jüngster. Die ältesten sind Werner Otto und Willy Sippel, beide 88 und einst fürs Saarland am Ball gewesen.

Beim jährlichen Treffen bekommen alle Teilnehmer das aktuelle Heimtrikot der Nationalmannschaft. So wird es auch am kommenden Mittwoch sein.

Bernd Martin, der Rekordnationalspieler, hat zugesagt.

Die Einmal-Nationalspieler:

1908 bis 1953: 175 Spieler mit einem Länderspiel.

 1954: Alfred Beck, Franz Islacker, Gerhard Kaufhold, Michael Pfeiffer. 

1955: Rudi Hoffmann, Hans Weilbächer. 

1956: Erich Bäumler, Willi Köchling, Hans Neuschäfer, Theo Schönhoft 

1957: Willi Gerdau, Wolfgang Peters, Herbert Schäfer 

1958: Helmut Faeder, Günter Jäger, Helmut Kapitulski. Heinz Kördell, Alfred Pyka, Karl Ringel, Walter Zastrau.

 1959: Matthias Mauritz, Erwin Stein. 1960: Josef Marx, Ingo Porges, Willy Reitgaßl, Jürgen Sundermann. 

1961: Werner Olk.

 1962: Ernst Trimhold.

 1964: Theo Redder (Dortmund), Rudolf Steiner (1860 München), Willi Sturm (Dortmund/12 Minuten)

 1965: Rudi Nafziger (FC Bayern) 

1966: Bernd Rupp (Mönchengladbach) 

1967: Peter Meyer (Mönchengladbach), Klaus Zaczyk (Karlsruhe/45)

 1968: Joachim Bäse (Braunschweig), Rainer Ohlhauser (FC Bayern)

 1969: Dieter Brenninger (FC Bayern/67 Minuten) 

1970: Peter Dietrich (Mönchengladbach/45 Minuten), Volkmar Groß (Hertha) 

1971: Arno Steffenhagen (Hertha BSC/26 Minuten), Dieter Zembski (Bremen/45)

 1973: Klaus Wunder (Duisburg/26)

 1974: Bernd Nickel (Frankfurt/45 Minuten)

 1975: Bernd Gersdorff (Braunschweig), Ferdinand Keller (1860 München/18 Minuten), Uwe Kliemann (Hertha). 

1978: Herbert Neumann (Köln/79 Minuten)

 1979: Bernd Martin (VfB Stuttgart/2 Minuten). 

1980: Kurt Niedermayer (FC Bayern) 

1984: Manfred Bockenfeld (Düsseldorf), Helmut Roleder (VfB Stuttgart/45 Minuten), Christian Schreier (Leverkusen/17 Minuten)

 1985: Thomas Kroth (Frankfurt/45 Minuten)

 1988: Frank Neubarth (Bremen/9 Minuten).

 1990: Paul Steiner (Köln/45)

 1991: Dietmar Beiersdorfer (Hamburger SV).

 1992: Heiko Scholz (Leverkusen), Thomas Wolter (Bremen/59) 

1993: Bernd Hobsch (Bremen/13 Minuten), Karlheinz Pflipsen (Mönchengladbach/20 Minuten), Thomas Ritter (Kaiserslautern/3 Minuten) 

1995: René Schneider (Rostock)

 1996: Oliver Reck (Bremen). 

1999: Marco Reich (Kaiserslautern/79 Minuten).

 2000: Zoltan Sebescen (Wolfsburg/45 Minuten)

 2002: Martin Max (1860 München/ 7 Minuten)

 2003: Hanno Balitsch (Leverkusen/28 Minuten) 

2008: Marvin Compper (Hoffenheim/77 Minuten),

 2009: Tobias Weis (Hoffenheim/24 Minuten).

 2014: Maximilian Arnold (Wolfsburg/14 Minuten), Andre Hahn (Augsburg/45 Minuten), Christian Günter (Freiburg/8 Minuten), Oliver Sorg (Freiburg/82 Minuten), Sebastian Jung (Frankfurt/19 Minuten).

 2016: Yannick Gerhardt (Wolfsburg), Benjamin Henrichs (Leverkusen), Niklas Süle (Hoffenheim/59 Minuten).

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