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Sogar ein Gespenst war zugange beim ersten Geisterspiel in Aachen. Im Kostüm steckte die Frau des Alemannia-Geschäftsführers.

So war das erste deutsche Geisterspiel: „Schrecklich und wunderbar zugleich“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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München– Alemannia Aachen – 1. FC Nürnberg im Januar 2004, das erste Geisterspiel im deutschen Fußball. Nötig geworden durch einen Abbruch beim ersten Versuch zwei Monate zuvor. Günther Koch, heute 78, Hörfunklegende, war bei der Partie ohne Zuschauer, seine 95 Minuten lange Reportage, die als Echtzeit-Hörspiel aufgezeichnet wurde, wird noch heute gehört (über Kochs Homepage und den Hörspielpool des Bayerischen Rundfunks). Eine Meinung zum Thema Geisterspiele hat Koch als Journalist, als Fan und auch als Aufsichtsratsmitglied beim 1. FC Nürnberg.

Herr Koch, wie kam es 2004 zu diesem Projekt?

Ich habe mich mit der Idee an Herbert Kapfer, den Leiter der Abteilung Hörspiel und Medienkunst im BR, gewandt. Der WDR, dessen Hoheitsgebiet es war, stellte eine Leitung zur Verfügung, damit wir die Geräusche hatten. Offiziell kommentiert hat Burkhard Hupe vom WDR. Ich habe für das Echtzeit-Hörspiel über 90 Minuten durchgesprochen, ich war der Erste, der so was gemacht hat und hatte Sorge, dass die Stimme hält. Es war Januar und kalt.

Was haben Sie erzählt?

Ich konnte mich frei bewegen, es wurde eine Mischung aus Reportage und Hörspiel. Ich habe mich auf die Wurstverkäuferinnen und die leeren Sitze konzentriert, hätte am liebsten die Spieler auf dem Platz interviewt, doch das hätte Theater gegeben. Beim Aachener 3:2-Siegtreffer stand ich hinter dem Tor von Raphael Schäfer, den hat das wohl irritiert. Ich habe kein Tore verpasst, obwohl ich viel aus der Geschichte der Vereine erzählt habe. In der Halbzeit fragte mich der Reporter der Bild: „Hast du nicht noch mehr aus dem letzten Jahrhundert?“ Die haben alle gelauscht.

Waren Sie im leeren Stadion leiser?

Nein, man hat ja sein Organ.

Wie viele Leute waren überhaupt im Stadion?

Medienschaffende höchstens zwei Dutzend. Einen offiziellen Zuschauer gab es: Egidius Braun, den ehemaligen Präsidenten des DFB. Der lebt in Aachen. Offizielle waren ansonsten nur etwa 20 zugelassen, die Eintrittskarten waren personalisiert.

Und wie war es nun, von diesem Spiel zu berichten?

Freundlich gesagt: komisch. Der deutlichere Ausdruck wäre pervers. Ich habe die Reportage oft angehört. Es war schrecklich und wunderbar zugleich, es hat wehgetan, trotzdem glaubte ich, man müsse das festhalten. Es war ja auch ein Privileg, dabei zu sein. Die Szene und die Situation waren mir wichtiger als die Tatsache, dass der Club gespielt hat – was ja bei mir nicht immer so war. Aber der ist am Ende der Saison aufgestiegen, nicht die Alemannia.

Setzt während der 90 Minuten Gewöhnung an die Situation ein?

Spontan gesagt: ja. Man ist im Stadion, schaltet um sich herum alles ab, geht in das Spiel, spielt da unten mit. Aber dann blickt man auch wieder hoch, erkennt, dass etwas fehlt und bemerkt den Selbstbetrug.

Man hört die Spieler, die rufen ja wohl auch banale Sachen. Entzaubert das den Fußball?

Nein, ich werde jetzt pathetisch. Wenn wir als Kinder früher spielten, bis es dunkel wurde, haben wir auch nur die gehört, die geschrien haben. Du bist trotzdem gefangen von dem Spiel, weil du den Fußball liebst. Jedes Fußballspiel ist dann wichtig, egal wann und wo. Aus Sicht des Reporters muss man die Unwirklichkeit annehmen und sich einbilden, es wäre ein normales Fußballspiel. Daraus eine Reportage zu machen, das hat Freude gemacht.

Herr Koch, Sie sind Aufsichtsratsmitglied beim
1. FC Nürnberg. Eine Rolle, in der Sie Geisterspiele wohl nicht ablehnen können.

Natürlich brauchen wir diese Spiele, damit die Mehrzahl der Vereine überleben kann. Ich kenne unsere Zahlen und die einiger anderer Clubs. Sie sind ein Übel, aber ein geringeres. Es ist vertretbar.

Keine Alternative?

Vielleicht, und da spinnt der Koch jetzt mal rum, könnten wir Geisterspiele zu Abstandspielen umgestalten. Das ist ins Unreine gedacht, aber es müsste doch möglich sein, dass man in jeder Reihe zwei, drei Zuschauer auf Abstand zueinander platziert. Die Sitze markieren, die benutzt werden sollen, das wäre kein zu großer Aufwand. Damit wenigstens ein paartausend da wären – mit Leidenschaft.

Gäbe wohl Streit, wer ins Stadion darf.

Die Karten müsste man verlosen. Ich gehe aber davon aus, dass es schon richtige Geisterspiele werden. Nach den derzeitigen Plänen sollen nur 34 oder 46 Leute dabei sein dürfen, inklusive der Rettungsdienste. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich als Aufsichtsrat reinkommen würde,

Sonstige Ideen, um die Stimmung zu beleben?

Bei Promi-Spielen habe ich von CD schon mal Stadiongeräusche eingespielt. Aber da ist es eine Gaudi. Bei einem richtigen Punktspiel wäre es Betrug.

Eine Idee, was das Fernsehen machen könnte?

Das Bild ist eine Trostlosigkeit, die müsste man aufzuhellen versuchen durch Stimmen und Geräusche. Der Ball spricht, die Spieler sprechen. Der Ball klingt immer anders. Ein satter Schuss klingt anders als der von Oliver Bierhoff beim Golden Goal bei der EM 1996, als er den Ball nicht richtig traf. Man hört, ob ein Pass zu stark gerät, wie ein Ball festgemacht wird, ob eine Annahme butterweich gerät – all das könnte man mehr würdigen als sonst. Oder wie Torhüter mitspielen, das könnte man gut darstellen. Ein Oliver Kahn hat seinen Gegnern schon durch seine Stimme Angst gemacht.

Das Fernsehen müsste technisch anders arbeiten.

Es müssten Richtmikrofone aufgestellt werden – damit die Zuschauer hören, was die Spieler sich zurufen oder wie der Schiedsrichter mit ihnen kommuniziert. Es wäre ein ganz neues Erlebnis, das mitzubekommen: „Nummer 33, umdrehen. Ich verwarne Sie.“ Das Fernsehen könnte sogar seine Quoten erhöhen.

Geisterspiele wären also nicht das Ende?

Die Atmosphäre muss leben. Auf den Rängen ist keine, aber auf dem Platz. Die muss man dann eben bringen. In der jetzigen Zeit ist Einfallsreichtum gefragt.

Interview: Günter Klein

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