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Trauriges Ende einer einst erfolgreichen Beziehung: Mesut Özil und Fußball-Deutschland.

Der Fall Özil: „Ungutes Gefühl in Leverkusen“

  • Günter Klein
    VonGünter Klein
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München – Die Özil-Debatte und kein Ende in Sicht. Nun beleuchtet ein Buch, das heute erscheint, den Fall. Geschrieben hat es der Fußball-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling, 62, der unter anderem eine umfassende Chronik des FC Bayern verfasst und dessen jüdische Geschichte aufbereitet hat.

-Herr Schulze-Marmeling, Ihr 190 Seiten starkes Buch „Der Fall Özil“ kommt ungewöhnlich schnell auf den Markt, der Rücktritt aus der Nationalmannschaft bildet die Klammer. Wann wussten Sie, dass aus der Geschichte ein Buch wird?

Unmittelbar nach dem Leverkusen-Spiel (letzter WM-Test gegen Saudi-Arabien mit den Pfiffen gegen Ilkay Gündogan, d. Red.), da hatte ich ein ungutes Gefühl, dass die Debatte sich in eine völlig falsche Richtung entwickelt. Dazu kam, dass ich bezüglich der WM-Aussichten der deutschen Mannschaft ohnehin sehr skeptisch war und nicht die Illusion hatte, dass durch den WM-Titel oder den Finaleinzug das Thema verschwinden würde. Ich war überzeugt, dass es uns die WM durch und auch danach begleiten wird. Noch in der Nacht nach dem Leverkusen-Spiel habe ich angefangen zu schreiben. Noch nicht mit dem Gedanken an ein Buch. Es war mir einfach ein tiefes Bedürfnis, mich dieser Geschichte zu widmen.

-Gab es einen Punkt, an dem sie noch hätte eingefangen werden können?

Wenn der DFB in Person von Herrn Grindel und Bierhoff während des Turniers mal gesagt hätte, dass er – unabhängig davon, wie man das Foto von Özil und Gündogan mit Recep Tayyip Erdogan bewertet – aufs Schärfste die rassistischen Schmähungen gegen die Spieler verurteilt. Ich verstehe nicht, warum das dann wenigstens nicht unmittelbar nach der WM passiert ist. Mesut Özil und seine Berater hätten den dritten Teil ihrer Erklärung ganz anders schreiben müssen.

-Der Untertitel des Buchs lautet: „Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus.“ Sie schreiben, dass auf deutscher Seite die Rassisten, auf türkischer die Nationalisten profitieren – eine klare Haltung.

Ja, was vergessen wird: Der antitürkische Rassismus hat immer eine besondere Rolle gespielt, ich habe ihn schon als 18-Jähriger in den Stadien erlebt, ohne dass Türken auf den Rängen oder dem Feld gestanden wären. Türke und Ausländer, das waren in den Siebzigern Synonyme.

-Das ist jetzt wieder so?

Den Bodensatz gab es immer. Es gab dann Zwischenfälle bei der EM 2012, nach dem Spiel gegen Dänemark in Lemberg, da hat sich die Familie Özil nach Anfeindungen im Netz überlegt, Anzeige zu erstatten. Im Herbst vergangenen Jahres gab es in Prag beim Spiel gegen Tschechien Vorfälle, die sich auch gegen Özil richteten – und vor der Folie einer allgemeinpolitischer Entwicklung ist das weiter eskaliert. Nun sind zwei Stränge aufeinander zugelaufen. Das Unbehagen des gemeinen Volks über die Spielweise der Mannschaft, die vor allem von Özil und Toni Kroos gekennzeichnet wird, auf der anderen Seite die rassistische Grundierung.

-In Ihrem Buch findet man auch einen Aufsatz von Ilkay Gündogans Bruder Ilhan, Doktorand an der Ruhr-Universität Bochum. „Botschafter wider Willen? Fußballer im Kontakt mit Politikern.“

Ich fand es eine sehr interessante Sichtweise. Den Aufsatz habe ich zufällig entdeckt, auf einem Portal über China und Fußball. Er wurde schon vor der WM geschrieben, zunächst in einer englischen Fassung. Ilhan Gündogan hat Wert darauf gelegt, dass ich diesen Zeitpunkt im Buch auch benenne.

-Schneiden Sie auch das Thema an, dass es Interessensverquickungen zwischen den Familien Özil, Gündogan und Joachim Löw geben soll, gemeinsame Immobilienprojekte in der Türkei?

Ich spreche es indirekt an. Es kann sein, dass es ökonomische Interessen geben mag. Doch das haben wir auf kleiner Ebene in jedem Dorf, dass der Bauer, der Land zur Bewirtschaftung ausschreiben lassen will, sich mit dem Bürgermeister gut zu stellen versucht – ein relativ normaler Vorgang. Ich finde eine andere Geschichte viel interessanter.

-Nämlich?

Wie hat eigentlich die türkische Gesellschaft hierzulande reagiert auf Ereignisse wie in Solingen, Mölln, auf die NSU-Morde? Was hat es in ihrem Denken über die Deutschen verändert? Es hat – darin haben mich Gespräche bestätigt – zu einer Stimmung geführt, sogar unter Erdogan-Gegnern, dass sie sagen: Wir bekommen nicht das Gefühl vermittelt, dass wir gleichberechtigte Bürger dieses Staates sind, dass der Innenminister auch unser Minister, der Polizist auch unser Polizist ist. Die Heimat der ersten Generation wird für die dritte Generation auf einmal wieder eine Rückversicherung.

-Sie waren am Sonntag Gast im Sportgespräch des Deutschlandfunks, mit Ihnen Haci Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien. Der sagte etwas sehr Interessantes: Dass die Widmung Gündogans auf dem Trikot für Erdogan („Meinem verehrten Präsidenten“) keine Unterwerfung darstelle, sondern eine übliche Formulierung sei. Ein lockeres „Herr Staatspräsident“ wäre bereits als Affront bewertet worden.

Mir fiel nach dem Sportgespräch ein, dass mein Sohn, der als Fußballtrainer gearbeitet hat, das von seinen türkischstämmigen Spielern erklärt bekam, dass „mein“ wie ein Artikel ist. Statt „Der Staatspräsident“ sagt man „Mein Staatspräsident“. Bei aller Kritik an dem Treffen von Özil und Gündogan mit Erdogan wird da überzogen, dass man sagt: Dein Präsident – was ist dann mit unserem? Gehörst du doch eher in die Türkei als hierher? Diese Geschichte hat für viele Irritationen gesorgt.

-Der FC Arsenal und Manchester City, deren Trikots am 13. Mai an Erdogan übergeben wurden, haben sich nie geäußert. Warum?

Die sehen das so, wie alle es sehen würden, wenn der Fall nicht so speziell wäre. Man überreicht einem Staatspräsidenten, der zu Besuch kommt, ein Trikot. Das machte man auch, wenn der chinesische Präsident kommt. Man hat keine Probleme mit Katar oder der WM in Russland. Das ist die Doppelmoral, die Özil ja auch in seiner gewiss nicht durchgehend gelungenen Erklärung zurecht anspricht: Fußball spielt bei Autokraten und fragwürdigen Gestalten eine große Rolle. Arsenal und City denken sich: Wenn für unsere Sponsoren auch noch eine Verbindung in die Türkei hergestellt wird, kann das nicht schaden. Und wenn wir als Clubs dort populärer werden und mehr Trikots verkaufen, dann macht das doch bitte.

-Und jetzt sind Sie auch gespannt, wie der Fall weitergeht?

Wir warten alle, was der Bundestrainer sagt, zumal Joachim Löw eine besondere Beziehung zu Özil hat, er selbst in der Türkei gearbeitet hat, auch Türkisch spricht und manche Dinge besser nachvollziehen kann als wir.

Das Interview führte Günter Klein

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