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Thomas Hitzlsperger.

Hitzlsperger im Interview

"Kroos wäre bei jedem neuen Klub Stammkraft"

München - Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Thomas Hitzlsperger über den britischen Fußball, Bayerns Duell mit Arsenal sowie WM-Sorgen um Schweinsteiger und Podolski

Es ist still geworden um Thomas Hitzlsperger, seit sich der frühere Nationalspieler vor gut zwei Monaten als Erster im deutschen Profifußball offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Derzeit möchte er sich zu diesem Thema nicht äußern („dazu habe ich aktuell alles gesagt“), in unserer Zeitung spricht der 31-Jährige aber dennoch erstmals exklusiv seit seinem Coming Out. Mit 18 ging er vom FC Bayern zu Aston Villa, vor dem Duell der Münchner heute mit Arsenal analysiert er den Fußball beider Länder.

Herr Hitzlsperger, mal ganz unverblümt: Hat Arenal gegen diese Bayern überhaupt eine Chance?

Hitzlsperger: Theoretisch ja. Aber ernsthaft glauben wohl nur die größten Optimisten an eine Sensation. Die Bayern werden nichts mehr anbrennen lassen, da bin ich mir sicher.

Der britische oder der deutsche Fußball – welcher liegt momentan vorne?

Hitzlsperger: Die Deutschen haben auf jeden Fall aufgeholt. Seit vielen Jahren spielt die Nationalelf hervorragenden Fußball und auch die Bundesliga genießt seit ein paar Jahren wieder einen hervorragenden Ruf. Obwohl die Premier League schon besser war, so ist sie mit der Bundesliga und der Primera Division die stärkste Liga der Welt.

Britische Teams spielten aber schon letztes Jahr in der Königsklasse keine Rolle, jetzt droht Manchester United sogar gegen Außenseiter Piräus das Aus.

Hitzlsperger: ManU befindet sich im Umbruch, da Sir Alex Ferguson letztes Jahr zurückgetreten ist, nach fast zwei Jahrzehnten. Mit Chelsea ist aber wieder zu rechnen, die haben in Jose Mourinho einen Trainer, der es mit Guardiola aufnehmen kann. Und Arsenal hat das Pech, gegen Bayern zu spielen. Gegen jedes andere Team wäre das Viertelfinale drin. Aber es stimmt schon: Die Premier League war früher stärker.

Was lief schief?

Hitzlsperger: Im englischen Fußball wurde seit jeher sehr viel Geld generiert, aber oftmals an der falschen Stelle ausgegeben. Die Qualität der Deutschen war und ist es, dass sie mit ihren Mitteln sinnvoller umgehen. Hier wurde kontinuierlich in die Ausbildung der jungen Spieler und vor allem auch Trainer investiert. Schauen Sie die Bundesliga an: Da arbeiten inzwischen viele Trainer, die selber nicht auf höchstem Niveau gespielt haben, aber exzellente Ausbilder sind. Heute holst du gegen Augsburg oder Mainz nicht einfach deine Punkte ab. In England haben die Klubs lange Zeit darauf vertraut, dass allein das Geld für Qualität sorgt und daher in ausländische Topstars investiert, anstatt die eigene Jugend zu fördern.

Das deutsche Champions League-Finale letztes Jahr in Wembley – war es ein Stich ins britische Herz?

Hitzlsperger: Es hat weh getan, ja. Aber in der Analyse dominierte der Respekt. Die Nationalelf schlägt den Briten schon seit langem immer wieder ein Schnippchen, nun sorgt auch die Bundesliga für Furore, da kam die Frage auf: Was machen die besser als wir? Bei aller Rivalität gestehen die Briten den Deutschen da schon zu, dass sie sehr gut gearbeitet haben.

Es heißt, dass sich Pep Guardiola gegen die Angebote von der Insel und für den FC Bayern entschieden hatte, sei ein Schock gewesen. Stimmt das?

Hitzlsperger: So kann man es sagen. Die Engländer sind eine selbstbewusste Fußballnation. Da ist es schon ein deutliches Signal, wenn einem der beste Trainer der Welt einen Korb gibt. Mourinho tut der Premier League gut, Guardiola würde ihr auch guttun. Er würde auf der Insel genauso funktionieren und das Niveau seiner Mannschaft deutlich anheben und somit der Liga zu mehr Qualität verhelfen.

Ihr Terrain war das defensive Mittelfeld – soll Philipp Lahm bei der WM auf dieser Position spielen?

Hitzlsperger: Ich weiß noch genau das Länderspiel gegen England vor einigen Jahren, als er erstmals auf der „6“ eingesetzt wurde. Schon damals hat man gemerkt: Er fühlt sich auf dieser Position wohl. Für ihn war klar, dass er eines Tages in der Zentrale landen wird, weil er ständig am Ball sein will und in der Zentrale das Spiel besser lenken kann. Für Joachim Löw ist es ein Luxusproblem. Wenn Sami Khedira, Ilkay Gündogan und Bastian Schweinsteiger rechtzeitig fit werden, kann er Philipp ruhigen Gewissens als Verteidiger einsetzen. Aber wenn die anderen nicht fit werden, wird er genauso gut im Mittelfeld spielen können und von dort aus das Spiel mitbestimmen.

Muss man sich um Schweinsteiger sorgen?

Hitzlsperger: Er hat lange nicht Fußball gespielt, das ist schon bedenklich. Er muss jetzt regelmäßig spielen, um auf das nötige Niveau für die WM zu kommen. Bei der EM hat es bei einer vergleichbaren Vorgeschichte am Ende nicht ganz gereicht, und da wird der Bundestrainer seine Lehren daraus ziehen. Seine Erfahrung und Klasse würde der Nationalmannschaft sehr gut tun, aber nur, wenn er auch topfit ist.

Toni Kroos liebäugelt mit einem Wechsel nach England – würden Sie ihm dazu raten?

Hitzlsperger: Wenn er mit den Bayern jetzt erneut die Champions League gewinnt, könnte eine neue Herausforderung nicht schaden. Bei einem neuen Klub wäre er eine Führungsfigur, was ihm wiederum in seiner Entwicklung guttun würde. Bei Bayern ist er ein Top-Spieler von vielen. Wenn er wechselt, wäre er die unbestrittene Nummer eins auf seiner Position.

Mesut Özil zeigt gerade, dass es schwer ist, sich auf der Insel zu behaupten.

Hitzlsperger: Ja, aber er wird hart kritisiert, weil die Messlatte bei ihm so hoch hängt und der Klub sehr viel Geld für ihn bezahlt hat. Wenn er mal einen Durchhänger hat, wie in den letzten Wochen, dann muss man ihm das aber auch zugestehen. Özil hat bisher eine gute Saison gespielt und wird auch wieder seine alte Form erreichen.

Wie sehen Sie die anderen beiden Nationalspieler bei Arsenal London?

Hitzlsperger: Sowohl Per Mertesacker als auch Lukas Podolski haben von dem Wechsel auf die Insel profitiert. Per ist es gelungen, Führungsspieler zu werden und trägt sogar ab und zu die Kaptitänsbinde, das verdient großen Respekt. Wie Özil wird er bei der WM eine wichtige Stütze sein. Lukas Podolski braucht aber mehr Einsatzzeiten im Klub, wenn er bei der WM spielen will.

Sie haben eine britische Vergangenheit, kommen aber aus Forstinning und spielten beim FC Bayern – wem drücken Sie gegen Arsenal die Daumen?

Hitzlsperger: Ich drücke immer deutschen Teams die Daumen. Real Madrid, Paris St. Germain, Barcelona und eventuell Chelsea können mit Bayern noch mithalten, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass die Bayern als Erster die Champions League verteidigen.

Andreas Werner

Abschluss-Training und PK - Bayern-Tag in Bildern

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Arsenal-Training
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