„So weit am Tor vorbei“: Oliver Kahn (re.) kann über sich selbst lachen und betätigt sich als Wortschöpfer.

Europameisterschaft im Fernsehen

EM-TV-Kritik: Schlaue Analysen und Statistikgedöns

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München - Über eine Woche EM im Fernsehen – und die Favoriten auf die TV-Europameisterschaft stehen fest. Unter dem Motto „Heiter, immer heiter“ machen uns Oliver Welke und Oliver Kahn einen Riesenspaß. Was war sonst noch toll bisher, was nicht?

Toll – die Olli-Garchen! Der fensterlose ZDF-Bunker bleibt zwar trist und steril, doch gottlob sitzen die Ollis drin. Mit Welke und Kahn ist die EM im Zweiten ein perfekter Mix aus „heute show“ und „Sportschau“. Welkes lustigster Satz der ersten Woche, als Popsänger Mark Forster im Studio sein Jugendidol Kahn bestaunt: „Das ist der wirkliche Kahn. Du kannst ihn auch füttern.“ Doch der Drucktitan gibt kräftig Kontra, lacht über sich selbst – und erfand mit dem „Überadrenalinabbauschlaf“, das den Stress eines Fußballers beschreibt, das längste und lustigste Wort der EM.

Nicht toll – das Packing! Die ARD hat sich das neue Statistikgedöns von Ex-Fußballer Stefan Reinartz aufschwatzen lassen, mutmaßlich für jede Menge Geld. Seither geht es bei den Spielen im Ersten nicht mehr darum, Tore zu schießen, sondern um eine optimale Packingrate. Jogis Jungs haben das perfekt verstanden – kein Tor gegen Polen, aber irrsinnig starkes Packing. Nur die ARD hat noch nicht kapiert, dass man früher zum Packing einfach nur Steilpass gesagt hat. Bundespackingminister Mehmet Scholl hat sich total reinverliebt in seine neue Quatschstatistik. Leider lehnt die ARD einen Ausstieg aus dem Packing, den sogenannten Paxit, ab.

Klasse – Holger „Stani“ Stanislawski! Der Ex-Coach des FC St. Pauli kann ein Spiel lesen wie kaum ein anderer. Schreitet an den ZDF-Touchscreen wie Cristiano Ronaldo zum Freistoß – trifft aber öfter ins Schwarze. Seine Klamotten mit heraushängendem Hemd beweisen: Eigener Nerd ist Goldes wert. Welke zeigt zunehmend Ehrfurcht: „Der Einzige hier, der wirklich Ahnung hat, Holger Stanislawski, hat sich aufgebaut, um uns an seinem Wissen teilhaben zu lassen.“ Genialer „Stani“-Moment: „Khedira hat gegen die Ukraine drei Zweikämpfe geführt – also nur drei mehr als ich hier am Touchscreen.“

Kann mehr – Mehmet Scholl! Brillanter Unterhalter, zum Beispiel, wenn er über Schweinis Solo gegen die Ukraine spöttelt: „Müller-Wohlfahrt wäre da gewesen, um ihn zu reanimieren.“ Scholl läuft aber Gefahr, sich auf seinem Talent als Entertainer auszuruhen. Wer zugibt, Belgiens Star Romelu Lukaku seit fünf Jahren nicht mehr live gesehen zu haben, nimmt seinen ARD-Expertenjob nicht ernst genug.

Amüsant – Gerhard Delling! Hat sich auf seine älteren Tage darauf spezialisiert, als ARD-Hotelstalker stundenlang vor der DFB-Unterkunft zu stehen, und zu kontrollieren, wer schon schläft. Auf Reisen wird Delling frühmorgens vor dem DFB-Hotel abgestellt und festgetackert, bei Wind betoniert man ihn ein. Nach der EM macht sich Delling als Vor-dem-Hotel-Rumsteher selbstständig. Geld verdient er dann mit Selfies à 3,80 Euro, die Touristen mit ihm machen.

Absurd – Reinhold Beckmann! Das bekiffte Spiritistikspektakel „Beckmanns Sportschule“ im Ersten, bei dem nach dem Geist von Malente gefahndet wird, der armen Sau, versetzt die Nation in Angst und Schrecken. Mittlerweile lässt der eitle Beckmann seinen Altmännerfiebertraum selbst schon als „schlechteste Fußballsendung aller Zeiten“ ankündigen. Viele unken, dass Olli Dittrich durch Malente spukt und jede Rolle selbst spielt. Wobei: Das kann nicht Dittsche sein, denn dann wär’s ja lustig.

Stark – Marcel Reif! Der Privatsender Sat.1 lieferte bei seinem EM-Debüt die bisher unterhaltsamste (beinahe) zuschauerfreie EM-Übertragung. Nur 360 000 waren spätnachts beim Talk aus dem Europapark Rust dabei. Frust in Rust! Dabei war der Fußball-„Fernsehgarten“ mit Frank Buschmann in der Rolle von Andrea „Kiwi“ Kiewel sogar recht unterhaltsam. Marcel Reif bei seinem TV-Comeback im Freizeitpark – das passte zwar so gut wie das „Literarische Quartett“ in ein Wiesnzelt. Das hinderte Reif aber nicht daran, innerhalb von fünf Minuten die EM schlauer zu analysieren als Heerscharen von Experten bei ARD und ZDF an einem ganzen Tag.

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Und: Wir bieten Ihnen die wichtigsten Infos zum Kader von Deutschland bei der EM 2016. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de. Tipps zum Public Viewing in München gibt es hier, den Link zum Tippspiel unter tippkaiser.de.

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