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Flagge zeigen: Mitarbeiter des Café Rizz in Berlin-Kreuzberg während der Fußball-WM.

Der Fußball in aufgeladenen Zeiten

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Unruhe in Deutschland, Chemnitz war diese Woche die Stadt, auf die sich besorgt die Blicke richteten. Am Aufmarsch der Rechten und Nazis waren auch Leute aus der Fußballszene beteiligt. Ja, wo steht der Fußball? Auch er erlebt die zunehmende Zerrissenheit des Landes – wie eine beliebte Sky-Sportsbar in Berlin erfahren musste.

Birgit Huster kennt diesen typischen Bewegungsablauf der Menschen, die vor ihrem Lokal im Berliner Stadtteil Kreuzberg entlang schlendern.

Es gibt diesen Gang erst, seit jeder ein Smartphone hat. Und ihm das ein Wegweiser durch die Welt ist.

Kommen also die Touristen, das Gerät in der Hand. Sie visieren an, wie das Lokal heißt, das diese einladende Freifläche hat. Aha, Café Rizz. Interessant. Mal googeln, wie das ist. Sofort kommen auf dem Telefon die Bewertungen, die Google-Rezensionen, Tripadvisor, Yelp.

Cafe Rizz, 3,7 von 5,0 möglichen Punkten bei Google, der Schnitt aus über 1200 Bewertungen, das muss also die Wahrheit sein. Mittelmaß, eher schlecht, nichts Berühmtes.

„Mit allem, was unter 4,0 ist, hast du keine Chance“, sagt Birgit Huster, „schon gar nicht bei uns in der Straße“. Da gibt es noch mehr Kneipen als das Rizz. Die Touristen stecken das Smartphone weg, ihr Schritt wird wieder schneller, bestimmter – am Cafe Rizz vorbei.

Es war sogar schon unten auf 3,5. Dass das so kam, das hatte mit Fußball zu tun, mit Bundesliga und WM.

Das Café Rizz ist eine Kneipe, in die die Leute auch wegen des Sportangebots gehen. Es gibt Fußball live, Eishockey (mit den Eisbären als local heroes), das Rizz hat mehrere Räume, überall sind Fernseher, 250 bis 280 Zuschauer kann man unterbringen „auf dem Gelände“, wie Birgit Huster sagt. Sie hat auch schon einen Kurs abgehalten: „Abseits für Frauen.“

Im Frühjahr kam es zu einigen Vorfällen, die die Chefin nervten und trafen. „Behindertenfeindliche Vorfälle“, erzählt sie. Eine Gruppe Taubstummer, die (beim Tatort-Schauen, ein weiteres Angebot im Rizz) von anderen Gästen angemacht wurde. Dann beim letzten Hertha-Spiel. „Wir hatten als Stammgast einen Vater mit seiner 28-jährigen Down-Tochter, die unsterblich in Salomon Kalou verliebt ist.“ Und die dann mitgeht und laut wird.

Was geschah? Eine Gruppe sagte: „Die Alte nervt. Kann man dagegen nichts tun?“ Birgit Huster sagte: Kann man. „Hier ist eure Rechnung. Tschüss.“

Sie war geladen. Und dann kam der Tag, an dem Alexander Gauland von der AfD das Dritte Reich als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ bezeichnete. Birgit Huster hatte nun genug. Zwar konnte sie nicht mit Sicherheit sagen, ob die Gäste, die sich in ihrem Restaurant danebenbenommen hatten, Anhänger oder Mitglieder dieser rechtspopulistischen bis rechtsextremen Partei waren. Doch sie schlussfolgerte: „Mit der AfD hat es Einzug gehalten, dass man Sachen, die man früher vielleicht nur dachte, nun auch ausspricht.“

Birgit Huster, 58, bis vor zwei Jahren als Lobbyistin selbst im Umfeld der hohen Berliner Politik zugange, twitterte unter dem Account des Cafés, dessen Geschäftsführerin sie ist: „Aus gegebenem Anlass weisen wir darauf hin, dass Nazis generell inkl. zur Fußball-WM bei uns nicht willkommen sind. Und damit meinen wir ausdrücklich Anhänger der AfD. #WM2018 #Russia2018 #FIFAWorldCup #Berlin #Kreuzberg #gauland #onafd #nonazis“. Das war am 3. Juni um 9 Uhr morgens. Wenige Stunden später, am Abend, war die Welt eine andere.

Ihr Tweet hatte Karriere gemacht. André Poggenburg, einer der führenden Köpfe und Scharfmacher der AfD, griff ihn auf. Er schrieb auf dem selben Kanal: „Damit offenbart sich das @CafeRizz also als intoleranter undemokratischer und faschistoider Hort in Anlehnung an ,Juden unerwünscht’. Bravo für die Reise ins dunkle Vorgestern.“ Der Shitstorm von rechts war nicht mehr aufzuhalten.

Polizeischutz für das Café Rizz

Birgit Huster erzählt, dass das Landeskriminalamt von sich aus auf sie zukam. Wegen einer Gefahreneinschätzung für sie, für das Café, die Mitarbeiter, die Gäste. Man sagte ihr, was sie erwarten würde, „dass keine Partei so gut aufgestellt ist wie die AfD“. Dass irgendwo im Ausland, in Osteuropa, Leute sitzen würden, die sie mit Nachrichten bombardieren. Die dafür sorgen, dass jede Sekunde eine E-Mail eintrifft. Man warnte sie vor auffälligen Reservierungsanfragen. Größere Gruppen, die nie zuvor da waren. Die groß bestellen, etwa für eine Hochzeit. Und die dann nicht auftauchen. Eine Methode, Lokale in den Ruin zu treiben.

Und dann natürlich die Bewertungen im Internet. „Das ist wirklich geschäftsschädigend“, sagt Birgit Huster. Man sei relativ machtlos. Schon weil man keinen Ansprechpartner findet. Wie lautet die Adresse von Google?

Mit Hilfe eines Anwalts fand sie eine in Deutschland heraus. Sie schrieb hin. 62 Seiten. Sie musste alles an Bewertungen aufführen, von denen sie glaubte, dass sie nicht echt waren, sondern Teil der Kampagne. Sie schickte es als Einschreiben mit Rückschein. Es dauerte elf Tage, bis sie die Sicherheit hatte: Der Brief war angenommen worden.

Die Fußball-WM fing an, die wichtigste Veranstaltung des Jahres für die Sportsbar Café Rizz. Das Lokal wurde unter Polizeischutz gestellt. Es kam zu einer bedrohlichen Situation. Ein Identitärer aus Hellersdorf, eben aus der Haft entlassen, postete, dass er sich Richtung Rizz aufmache. Von unterwegs schickte er an Birgit Huster Fotos, sie verfolgte zusammen mit dem LKA-Kontaktmann, wie er sich näherte. Das letzte Bild, das kam, zeigte die Polizeiwagen vor dem Rizz. Die Nachricht dazu: „Wir müssen den Angriff verschieben.“ Seitdem ist der Identitäre abgetaucht; weil er Meldeauflagen nicht erfüllte, wurde er zur Fahndung ausgeschrieben.

Es ist Ende August, die große Aufregung ums Café Rizz ist etwas abgeklungen. „Die WM ist super gelaufen“, sagt Birgit Huster. Sie hatte Glück mit dem Wetter – und sie verspürte eine Solidaritätswelle, die aus der Gesellschaft und aus dem Fußball kam. Dass die Deutschen früh ausschieden, hat den Strom ins Rizz nicht gestoppt. Die Jüdische Gemeinde fragte an: Sie wolle Fußball schauen, ihre Leute wollten Kippa tragen, im Rizz könnten sie sicher sein, nicht dumm angemacht zu werden. Es kamen aus dem gleichen Grund Ägypter, Peruaner, internationales Publikum.

Benediktiner und Botschafter

Und „Don Camillo“ war da. So nennen ihn seine virtuellen Freunde. Pater Maurus Runge, Benediktiner aus Sankt Ottilien und Königsmünster. Er hat ein Buch über den „Tatort“ geschrieben, und auf Twitter ist er ein Star, weil er sich zu seinen Fußball-Lieben bekennt. Platz eins: der 1. FC Köln. Platz zwei: der SV Sandhausen. „Pater Maurus kommt, weil es bei uns auch Kölsch gibt“, sagt Birgit Huster, „er war schon zur EM 2016 bei uns zum Fußball schauen, dieses Jahr hat er seinen Urlaub in Berlin verbracht und seine Mitbrüder zum Fußball mitgebracht.“

Als nächstes kamen die Botschaften von Island, Schweden, Japan, der Justizsenator von Berlin, Fernsehleute, Hauptstadt-Journalisten, Leute, die über die AfD-Geschichte auf den Betrieb aufmerksam geworden sind. Man ging ins Café Rizz, um Flagge zu zeigen. Die Angestellten trugen während der WM T-Shirts: „Nazis raus aus den Stadien.“

Es gibt sie dort. Auch die Rechten interessieren sich für Fußball, unterstützen Vereine. In Italien ist Rechtsradikalismus ein steter Begleiter. Im Oktober 2017 wurden Fans von Lazio Rom ausfällig: Im Stadtderby gegen AS zeigten sie Fotomontagen des im KZ umgekommenen jüdischen Mädchens Anne Frank im Trikot der Roma.

In Deutschland hat Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer klar ausgesprochen, dass er keine AfD-Wähler und Mitglieder im Verein haben will. Aber natürlich gibt es die auch unter den 48.000 Mitgliedern der Eintracht. Einige andere Vereine haben zu lange ignoriert, dass sie auch eine braune Szene haben. Bei Borussia Dortmund mischte sie sich unters Südkurven-Publikum, bei Eintracht Braunschweig waren es die „Alten Kameraden“, die sich den Einfluss in der Kurve sicherten und die linksgerichteten Ultras verdrängten. Im Umfeld des TSV 1860 machten sich Neonazis breit, sodass sich eine Gegenbewegung „Löwen-Fans gegen Rechts“ gründete – doch Anfang August entblößte ein szenebekannter Anhänger sein Brust-Tattoo, das die Nazi-Ikone Ian Stuart, Begründer des Netzwerks „Blood and Honour“. zeigte. Er wurde des Stadions verwiesen, doch zum nächsten Heimspiel war er wieder da – mit abgeklebter Tätowierung.

Im Osten der Republik wird vor allem Lok Leipzig nachgesagt, einen überproportional hohen Anteil rechter Sympathisanten zu haben, von denen etliche vor einem Jahr beim Länderspiel in Prag auftauchten, bei dem „Sieg-Heil“-Rufe aus dem deutschen Block ertönten.

„Zeit online“ berichtete vor drei Wochen über den FC Ostelbien Dornburg aus Sachsen-Anhalt, einen Kreisligisten, in dessen Kader 15 Spieler stehen, die dem Landesverfassungsschutz als Rechtsextremisten bekannt sind. 59 von 65 Schiedsrichtern des Kreisverbandes würden sich inzwischen weigern, Ostelbien-Partien zu leiten.

Und schließlich: Chemnitz. Der Hotspot, das Thema dieser Tage. Die vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingeschätzte Ultragruppe „Kaotic Chemnitz“, vom FC seit 2012 mit Stadionverbot belegt, startete den Aufruf, „zu zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat. Ehre Treue Leidenschaft für Verein ud Heimatstadt.“ Aufnahmen von den Ausschreitungen in der Stadt in Sachsen belegen die Teilnahme von Menschen, die demonstrativ Trikots des Chemnitzer FC tragen. Und Hooligan-Altkader aus den 80er- und 90er-Jahren haben in dem Zusammenschluss HoGeSa (Hooligans gegen Salafisten) eine neue Bestimmung gefunden.

Der Fußball ist politisch aufgeladen in diesen Zeiten. Die Unbeschwertheit der Sommermärchen-Zeit 2006 ist dahin. Birgit Huster, die toughe Chefin im Café Rizz, ist stolz, dass sie und ihr Team sich positioniert haben – obwohl die Sache nachwirkt. Das LKA hält weiter Kontakt zu ihr.

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