Der Mann im Mittelpunkt des österreichischen Wettskandals: Dominique Taboga - hier bei seinem Prozess.

Der unbekannte Wettskandal

Manipulation – ein leichtes Spiel

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Seit einer Woche läuft in Österreich wieder der Bundesliga-Spielbetrieb. Eine kleine Liga, die international wenig Beachtung findet. Trotz oder wegen ihres Schattendaseins wurde sie Schauplatz eines Wettskandals. Einer der Beteiligten, Dominique Taboga, bekannte die eigenen Vergehen und verriet Wahrheiten über den österreichischen Fußball.

Der Mann hat was angestellt. Aber er hat auch gelitten. Am Ende so sehr, dass seine Geschichte auch ein Happy-End haben muss. Ein kleines.

Das von Dominique Taboga ist: Er wurde, wovon er als junger idealistischer Fußballer geträumt hatte, letztes Jahr österreichischer Nationalspieler. Und er schaffte es auch noch in die Champions League.

Die Einschränkung: Es war nur auf dem Kleinfeld, 40 mal 20 Meter groß, man spielt zweimal 20 Minuten, es folgt ein Zweikampf auf den anderen. Österreich hat da seinen eigenen Verband, sein eigenes Nationalteam. Im richtigen Fußball, zu dem der ÖFB, der österreichische Verband, den Zutritt gewähren könnte, ist Taboga unerwünscht. Er ist für jede Funktion gesperrt. Denn er war eine Figur im großen Wettskandal, den das Land erlebte.

In Deutschland, sogar im nahen Bayern, hat man gemessen an der Aufregung, die der Fall in Österreich verursachte, von ihm wenig erfahren. Das dürfte daran liegen, dass man österreichischen Ligafußball nicht ernst nimmt. Die da mit ihren skurrilen Vereinsnamen – ha ha.

Die Spieler werden interessant, wenn sie in die deutsche Bundesliga wechseln, und international verfolgt man das regelmäßige europäische Scheitern von Dauermeister Red Bull Salzburg und das Auf und Nieder der Nationalmannschaft, bejubelt und beklagt von Edy Finger junior und Adi Niederkorn an den ORF-Mikrofonen.

Der professionelle Spielbetrieb in Österreich ist im internationalen Maßstab eine kleine Nummer. Dennoch: Am anderen Ende der Welt, auf den Philippinen, in Asien, interessieren sich Leute für die Spiele der beiden höchsten Ligen im Alpenland. Und auch wenn in ihnen nicht viel Geld verdient wird – mit ihnen lässt sich guter Gewinn erzielen. Durch Wettbetrug. Mit der Vorhersage eines bestimmten Ergebnisses.

Dominique Taboga, der heute 34 Jahre alt ist, in einem Büro- und Schreibwarengeschäft in Salzburg arbeitet und sich zum „Akademischen Sportjournalisten“ hat ausbilden lassen, packt aus. Es geht um seinen Fall, um seine Geschichte, doch auch um die Struktur des österreichischen Fußballs und seine Anfälligkeit für Einflussnahme von außen. „Es ist mir bewusst, dass viele angewidert auf meinen Namen reagieren und sich jetzt vielleicht denken: Und nun muss er auch noch ein Buch darüber schreiben.“ Genau das hat er getan: „Schweres Foul. Im Labyrinth des schönsten Spiels der Welt“, lautet seine im Wiener egoth-Verlag erschienene Aufarbeitung.

Er wolle erzählen, erklärt Taboga, „was im österreichischen Profi-Fußball geschieht, wie sehr Angebot und Nachfrage auseinanderklaffen, wie attraktiv ein paar Tausend Euro mehr für einen jungen Burschen in der Bundesliga oder in der ersten Liga sein können. Und dafür muss er nur für einen Elfmeterpfiff oder aber halt für das richtige Resultat sorgen.“

Dominique Taboga war an der Manipulation von 14 Spielen beteiligt, er verdiente damit gutes Geld. Doch nicht jede Manipulation glückte, er verlor Geld, er wurde unter Druck gesetzt und erpresst. Er musste Privatinsolvenz anmelden, seine Ehe ging kaputt, er wurde in Untersuchungshaft gesteckt, landete vor Gericht und erhielt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren (zwei auf Bewährung). Taboga: kein Star, aber einer, der genügend Persönlichkeit hatte, in seinem Team Kapitän zu sein. Und der als Verteidiger ein paar Tore schoss und gelegentlich im „Team der Runde“ auftauchte.

Dominique Taboga, der sich heute noch als Fan des FC Bayern bezeichnet, wollte immer so werden wie Lothar Matthäus. Es war ihm aber bald klar, dass er nicht in dessen Dimensionen vorstoßen würde. Sein erstes Profi-Gehalt, das war in der Saison 2002/03, als er beim DSV Leoben zweitklassig spielte: 1000 Euro monatlich, dazu ein Wohnungszuschuss von 220 Euro. Siegprämie 750 Euro, fürs Unentschieden gab es noch 250. Selbst in Österreich, berichtet Taboga, gebe es genügend Fußballer, um den Bedarf der 20 Klubs in den beiden höchsten Spielklassen zu decken. „Spieler können mit dem Argument kleingehalten werden, dass man schnell für sie Ersatz gefunden hätte.“

Schwarzgeld in der Bundesliga

Was von den Spielern ebenfalls verlangt würde: Dass sie sich einlassen auf ein Schwarzgeld-System. „Der offizielle Vertrag wird laut Bestimmungen der Bundesliga vorgelegt. Wohnungszuschüsse, Auto, Einmalzahlungen geschehen inoffiziell.“ So spare der Klub bei den Sozialabgaben.

Dominique Taboga hat es erlebt, dass den Spielern auf der Geschäftsstelle die Differenz zwischen offiziellem und tatsächlichem Gehalt in bar ausbezahlt wurde und sie zugleich ein Formular, gerichtet an die Liga, unterschrieben, dass keiner Schwarzgeld erhalten habe. Alle machten mit.

Wie kam Taboga nun in die Wettszene hinein? Ein Mitspieler in Leoben, Johannes Lamprecht, sprach ihn an. Ob er mitmache, man brauche ein paar Spieler, einer alleine könne zu wenig beeinflussen. Es ging um das Spiel von Leoben gegen den SV Ried. 2. Liga (die in Österreich 1. Liga heißt): Man sei als Fünfter ja eh weit weg von Gut und Böse, Ried als Zweiter sei aufstiegsambitioniert und der Favorit. Würde keinem auffallen, wenn Leoben mit zwei Toren Unterschied verliert.

3:1 gewann Ried, zwei Tore schoss Sanel Kuljic, 20-maliger österreichischer Nationalspieler – und einer, dem noch eine tragende Rolle zukommen würde in der Affäre. Dominique Taboga musste eigentlich gar nichts tun, die Partie entwickelte sich wie gewünscht. In einer DVD-Hülle wurde ihm sein Honorar überreicht: 7000 Euro.

Taboga wechselte nach Kapfenberg, stieg in die Bundesliga auf; er verdiente als Vollprofi nun besser, 3800 Euro netto im Monat, außerhalb des offiziellen Vertrags gab es einen Wohnungszuschuss von 700 Euro und zweimal im Jahr eine Extraprämie von 6000 Euro.

Zwischendurch eine Episode in Tromsö in Norwegen, das Taboga für 80 000 Euro gekauft hatte, weil der sich in Kapfenberg nach dem ersten Bundesligajahr nicht genug wertgeschätzt gefühlt hatte. In Tromsö wurde nicht betrogen. „Jeder Cent wurde auf das Konto überwiesen. Bargeldzahlungen gab es nicht. Auch eine Sonderzahlung von 3000 Euro für den Einsatz im Europacup“ – es war die Qualifikation zur Europa League – „lief über das Bankinstitut. In Tromsö gab es keine Punkt-, dafür eine Auflaufprämie und eine Saisonprämie, die je nach Platzierung schmaler oder üppiger ausfiel und vom Verband an den Verein bezahlt wurde. Die für die Spieler vorgesehene Summe wurde nach einem vom Mannschaftsrat erarbeiteten Schlüssel aufgeteilt.“ Alles transparent also – ganz anders als in Österreich, wo, so Taboga, die Vereine die Zuschauerzahlen nach oben manipulieren, um vor den Sponsoren besser dazustehen.

Taboga konnte sich in Norwegen sportlich nicht durchsetzen, er kehrte nach Kapfenberg zurück, wurde sofort wieder Kapitän, nahm seinen Stammplatz in der Abwehr ein. Und die alten Geschäfte aus Leoben wieder auf. Im Herbst 2008 überbrachte der alte Kumpel Lamprecht das nächste Angebot: Kapfenberg, damals Siebter, sollte gegen den Dritten Rapid Wien mit zwei Toren Differenz verlieren. Es wurde knapp: Rapid schoss erst in der vierten Minute der Nachspielzeit das 2:0 – durch Tabogas direkten Gegenspieler. „Doch auch wenn ich in keine Absprache verwickelt gewesen wäre, hätte ich so agiert, wie ich es tat: ihn von der Strafraumgrenze schießen lassen.“ Taboga bekam 20 000 Euro. Er begann zu verstehen: Er war vor allem als Sicherheit für die Betrüger im Hintergrund eingekauft worden.

Als es 2014 zum Prozess kam, erfuhr er, wie das Geschäft mit den Wetten läuft. Und wo: vor allem in Asien. Es gibt ein System mit Agenten, Superagenten, Masteragenten, die die Wetten platzieren. Doch der Spieler, der die in Auftrag gegebene Manipulation vollführt, kennt nur eine, allenfalls zwei Managementebenen über ihm.

Taboga rechnete hoch, dass, wenn das noch ein paar Jahre so weiterginge, er nebenher eine halbe Million Euro dazuverdienen könne. Den Lohn bekam er stets in bar, er wusste gar nicht, wohin mit dem Geld, zur Bank konnte er es nicht bringen. Dann es lieber ausgeben. Für stylishe Klamotten, fürs Auto. Man nannte Dominique Taboga und seine Frau Nicole die „Kapfenberg-Beckhams“.

Doch dann gelingt das „Matchfixing“, so der Fachbegriff für die Manipulation, nicht mehr. Für das Spiel der Kapfenberger bei Red Bull Salzburg war wie üblich die Niederlage mit zwei Toren bestellt; es gewann der Falsche, Außenseiter Kapfenberg, mit 2:0. „Was willst manipulieren, wenn sich der erkorene Sieger so dumm anstellt?“, sagte Taboga zu sich. Er lernte dann einen der Hintermänner kennen, einen Albaner mit Namen Ilir Nasto. Der sagte, sein Kartell hätte 200 000 Euro verloren. Über Skype wurde Taboga mit einem Auftraggeber verbunden. Taboga konnte gesehen werden, aber sein Bildschirm blieb dunkel. Ihm wurde beschieden, dass man Wiedergutmachung erwarte. Er war erleichtert, als er mit Kapfenberg gegen Graz 0:4 verlor. Sein fünftes verschaukeltes Spiel.

In Kapfenberg an seiner Seite: Ex-Nationalspieler Sanel Kuljic, der Stürmerstar, der für Torlosigkeit vorne sorgen konnte. Taboga verlor seinen Stammplatz, sollte aber von der Bank aus an Manipulationen mitwirken – indem er andere Spieler gewann. Er hatte in einem Fall Glück, sagte, er habe den Torwart gekauft. Stimmte gar nicht, aber der Torwart patzte im richtigen Moment. Die 40 000 Euro, die er hätte übergeben sollen, behielt Taboga für sich. Er betrog jetzt auch die Betrüger. Es wurde immer komplizierter.

Warum Bayern-Stars nie manipulieren

2012 stieg Kapfenberg ab, Taboga wechselte zum Zweitligisten SV Grödig. „die coolste und schönste Station meiner Karriere“. Manager Christian Haas und dessen Visionen beeindruckten ihn. Doch er manipulierte auch in diesem kleinen Paradies. Aber: Es funktionierte nicht mehr, die Spiele endeten falsch. Honorare wurden zurückverlangt, Schadenersatzforderungen gestellt. Sanel Kuljic, der noch viel tiefer drin steckte (und fünf Jahre Gefängnis bekam), setzte Taboga unter Druck.

Dominique Taboga geriet in finanzielle Engpässe, vom Grödiger Manager musste er sich unter einem Vorwand 19 000 Euro leihen, um seine Schulden bezahlen zu können. Diejenigen, die ihn zu Manipulationen veranlasst hatten, bedrohten ihn mit der Enthüllung – und damit, bei Frau Taboga und den Zwillingen vorbeizuschauen, wenn er nicht zuhause sei.

Im Oktober 2013 schrieb er einen Abschiedsbrief für die Familie, er wollte sich vor den Zug werfen. Seine Frau fand den Brief, rief wieder und wieder an, bis er ans Handy ging, sie hielt ihn von seinem Vorhaben ab. Dominique Taboga offenbarte sich seinem Vereinsmanager und der Öffentlichkeit. Er kam in Untersuchungshaft.

Zum Glück hatte er Freunde, die sich für ihn einsetzten. Ihm Anwälte und nach der U-Haft eine Arbeitsstelle besorgten.

Wenn Taboga über das Thema Wettbetrug nachdenkt: An Manipulationen an der Spitze des Fußballs, wo top verdient wird, glaubt er nicht. Die Gerüchte, der FC Bayern habe 2008 sein UEFA-Cup-Halbfinalrückspiel bei Zenit St. Petersburg (0:4) verkauft, hält er für absurd. Selbst ein gewöhnliches Bundesligaspiel sieht er nicht gefährdet, weil der Aufwand zu groß wäre: Man müsste drei Spieler bestechen, mit je 150 000 Euro mindestens. Das holt man nicht mehr rein, ohne dass es auffallen würde. Seines Wissens wurde so viel Geld für die Beeinflussung eines Matches auch noch nicht in die Hand genommen.

Doch abseits des Glamours bleibt der Fußball angreifbar, „Wettspiel-Betrügereien werden immer ein Thema bleiben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten ans Tageslicht kommen.“

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