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Bayern-Spiele möglich: Deniz Aytekin (Zirndorf). 

Neuregelung in der corona-Krise

Was der Fußball vom Eishockey lernen kann

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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München– Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) sucht nach Wegen, einen Spielbetrieb aufzubauen, der zu den Vorgaben in der Corona-Zeit passt. Ein Punkt des DFL-Plans: Der Schiedsrichter, der ein Spiel pfeift, muss nun nicht mehr zwingend aus einem anderen Landesverband kommen als die beteiligten Mannschaften. Bis jetzt war es ja so, dass der Münchner Felix Brych oder der der Schiedsrichtergruppe Zirndorf in Mittelfranken angehörende Deniz Aytekin, beide auch international gefragt und mit die Anerkanntesten ihres Fachs, keine Partien mit dem FC Bayern leiten durften. Eine Art Geoblocking für die Referees.

Alex Feuerherdt denkt, „dass Brych und Aytekin es insgeheim schon schade finden werden, dass sie die Bayern nicht pfeifen dürfen. Aber es wird über diese Thematik nicht groß gesprochen, so selbstverständlich unangetastet, wie sie seit Jahrzehnten ist.“ Feuerherdt ist Schiedsrichterausbilder und -coach, im Podcast „Collinas Erben“ und als Experte bei n-tv erklärt er, wie Schiedsrichterentscheidungen zustande kommen, welche Regeln ihnen zugrunde liegen. Die im Profifußball geltende regionale Einschränkung hält er für einen Anachronismus („uralt“) – der nun vielleicht fallen wird. Vielleicht dauerhaft.

Zum einen: „Der Hintergrund ist wohl, dass davon ausgegangen wurde, dass ein Schiedsrichter eine ganz enge Bindung an die Mannschaften und Spieler hat, die aus der gleichen Stadt oder dem Verband kommen.“ Feuerherdt zitiert aus einem Interview, das Sascha Stegemann, langjähriger Bundesliga-Schiedsrichter, gegeben hat: „Er sagt, dass man schaut, wie die Teams aus dem eigenen Verbandsgebiet spielen – doch es verliert sich, wenn man höherklassig pfeift.“

Zweitens: Mit der bisherigen Regelung unterstellt der DFB seinen Schiedsrichtern im Grunde Befangenheit. Doch das steht im Widerspruch zur Professionalisierung des Schiedsrichterwesens. Das Honorar in der Bundesliga beträgt 5000 Euro für einen Einsatz (Assistenten 2500), Schiedsrichter bereiten sich auf ihre Spiele vor, als wären sie Trainer, sie befassen sich mit den Systemen der Mannschaften, um die Spielanlage zu verstehen und Situationen antizipieren zu können. Dann jemandem einen Vorteil zuschustern?

Und schließlich: Andere Sportarten sind längst abgekommen vom Prinzip, dass der Schiedsrichter mit seinem Wohnort oder dem Verein, dem er angehört, Neutralität signalisieren müsse. Feuerherdts Paradebeispiel ist das olympische Eishockey-Finale von 2014 in Sotschi. Kanada gegen Schweden, geleitet von drei Kanadiern und einem US-Amerikaner. Für die Schweden kein Problem. Alle wollten die besten Leute auf dem Eis haben. Nicht die Nationalität sollte über den Einsatz im wichtigsten Spiel entscheiden, sondern das Können.

In Deutschland wurde im Eishockey schon in den 80er-Jahren nicht vorrangig darauf geschaut, aus welchem Regionalverband ein Schiedsrichter kommt. Playoff-Serien, die sich häufig zwischen Vereinen aus Bayern und vom Rhein abspielten, wurden auch von bayerischen und nordrhein-westfälischen Referees geleitet – und eigentlich war es brenzliger für den einen bayerischen Traditionsort, wenn ein Schiedsrichter aus einem anderen bayerischen Traditionsort kam. Die alten regionalen Rivalitäten, hier lebten sie auf. Der aktuell größte Zwist ist ebenfalls ein innerbayerischer: In Nürnberg bei den Ice Tigers gilt Daniel Piechaczek aus Ottobrunn als das Schiri-Feindbild. Eishockey-Grundsatz ist: „Die Besten bekommen die meisten Spiele“, so Schiedsrichter-Chef Lars Brüggemann.

Zurück zum Fußball: Dort wird es auf den Geisterspielrängen lautlos zugehen – auch das dürfte die Aussetzung der Sperrklausel erleichtern. Ein Schiedsrichter wird sich nicht einer Wand aus Voreingenommenheit stellen müssen.

Im nicht ganz hochklassigen Bereich funktioniert es schon, wie Alex Feuerherdt erzählt. Im Westen wird die Regionalliga aus drei Landesverbänden gebildet: Westfalen, Mittel- und Niederrhein. Wenn ein mittel- und ein niederrheinisches Team aufeinandertreffen, muss der Schiedsrichter nicht zwangsläufig aus Westfalen bestellt werden. In der Schweiz experimentiert man damit, dass Referees aus Basel Spiele des FC Basel leiten dürfen – es gibt keine Komplikationen.

Gelegentlich ist es auch so, dass ein Schiedsrichter gar nicht in der Nähe des von ihm repräsentierten Vereins wohnt. Wie Tobias Stieler. Lebt in Hamburg, pfeift für einen kleinen hessischen Veren. die SG Rosenhöhe Offenbach. „Wenn man umzieht, bleibt man normal seinem Landesverband treu, um dem Gerangel und den Eifersüchteleien um die Plätze im anderen Verband aus dem Weg zu gehen“, so Alex Feuerherdt.

Was im Fall einer baldigen Bundesliga-Fortsetzung wohl auch erlaubt wird: Dass die Schiedsrichter-Assistenten aus der Nähe des Spielorts kommen. Ziel: Einschränkung der Reisetätigkeit. Alles ein bisschen anders in nächster Zeit. Und womöglich ein Modell für die übernächste.

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