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Inside deutscher Fußball

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Von: Günter Klein

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Ein Herz für den deutschen Fußball: Für diese Choreografie hat der Fanclub Nationalmannschaft, betrieben vom DFB, gesorgt. © dpa

Selten standen Fußball-Nationalmannschaft und DFB unter so intensiver Beobachtung wie in dieser Woche rund ums erste Länderspiel nach dem Absturz bei der WM. Es ging um Bilder, um Botschaften, um Politik – und um ein Projekt, das dem Verband wichtiger ist als die nächsten Ergebnisse auf dem Platz.

Es ist schon nach 23 Uhr in der Allianz Arena, aber es ist nicht der Tag des Spiels gegen Frankreich. Es ist Mittwoch, der Abend vor der Partie, in der so viel Schicksal liegen wird.

In der „Säbener Lounge“, einem Saal im vierten Stock des Stadions, ist festlich eingedeckt. Man trifft hier deutsche Fußball-Prominenz: Philipp Lahm, Horst Hrubesch, Berti Vogts, Andy Brehme, Klaus Allofs, Guido Buchwald, Thomas Helmer, Hansi Müller, Mirko Votava, Jens Todt, Oliver Reck, die früher mal Titel gewonnen oder Turniere gespielt haben. Ralph Köttker, einer der Direktoren des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), moderiert, er hat gesagt: „Wir wollen heute gut essen, gute Gespräche führen, ein Gläschen trinken.“

Reinhard Grindel, der Präsident des DFB, macht die Runde, er setzt sich an den Journalistentisch, zu den Leuten, die ihn kritisiert haben vor der WM, während der WM und noch heftiger nach der WM. Er will Kontra geben, ohne die Atmosphäre des Abends zu vergiften, er zieht eine Weißweinflasche aus dem gekühlten Kübel und fragt: „Darf ich Ihnen mal einen einschenken?“ Der Hintersinn seiner Formulierung wird verstanden.

Grindel erzählt, dass der DFB nach jeder WM und EM eine Marktanalyse in Auftrag gibt. Imagewerte von Nationalmannschaft und DFB. Seine Hände begleiten diese Ausführungen. Nach der WM 2014: „Spitzenwerte für die Mannschaft.“ Der DFB: so mittelprächtig. Aber Verbände bekommen per se nicht tolle Werte. Dann die EM 2016: Trotz Halbfinal-Aus das Team immer noch gut bewertet. Der DFB indessen: abgeglitten. Die Zahlen von 2018, noch ganz frisch; Imageabsturz der Nationalmannschaft, erklärbar durch die WM in Russland. Beim DFB kaum ein weiterer Abwärtstrend im Vergleich zu 2016.

Reinhard Grindel macht die 2015 aufgedeckte Sommermärchen-Affäre für den Einbruch des DFB-Werts verantwortlich, sieht aber keine akute Krise des Verbands. Er sagt, man erlebe derzeit doch nicht eine Krise des DFB, sondern „eine Krise des deutschen Fußballs“.

Am Mittwochabend in der Allianz Arena geht es darum, dem Stimmungstief zu entkommen, indem man ein neues großes Ziel findet: Der DFB will die EM 2024 ausrichten, die Vergabe des Turniers erfolgt am 27. September in Nyon in der Schweiz, wo die UEFA sitzt. Bei einem „EURO-Dinner“ stimmt er ehemalige Fußball-Größen darauf ein.

Normal wäre das ein Pflichttermin gewesen für Oliver Bierhoff. Keiner steht mehr für Europameisterschafts-Geschichte als er. Finale 1996, er kam rein, als die deutsche Elf gegen die Tschechische Republik zurücklag, er glich aus und erzielte das berühmte, da erstmalige „Golden Goal“. Er muss seitdem zu fast jedem Jahrestag erzählen, wie das damals war. Bierhoff sieht mit 50 fast noch so aus wie damals in Wembley, x-Male hat er mit viel Selbstironie von seinem unerwarteten großen Tag gesprochen – doch diesmal ist er, obwohl einer der Spitzenkräfte im Verband, gar nicht da.

Am Montag war der DFB-Tross angereist, checkte ein in einem Hotel am Rande des Englischen Gartens. Bierhoff, sonst ein Frontmann, hat man kaum gesehen seitdem.

Bierhoff und die freie Sicht in Tirol

Er kämpft im Hintergrund darum, seinen Einfluss zu erhalten – und nicht zu einer radikalen Kurskorrektur gezwungen zu werden, wie sie der Volksmund nach der WM fordert. Sogar Präsident Grindel hat sich einer der Forderungen der Basis angeschlossen: Weg mit dem Gedöns um „Die Mannschaft“. Bierhoff hat geantwortet, er wolle den Begriff und seine Wirkung „mit den Stakeholdern analysieren“. Für seine Wortwahl bekommt er nun noch Extraspott ab. Vieles fällt auf ihm ab. Ein älterer Herr, der beim Training auf dem FC Bayern Campus zuschauen will und abgewiesen wird, weil niemand rein darf, fragt die Ordner: „Hat der Herr Bierhoff Angst, dass man ihm was wegschaut?“

Bierhoff will „Die Mannschaft“ behalten. Der Bus hat als Kennzeichen F – DM 2020. DM für Die Mannschaft, nächster Halt ist die EM 2020. Das Kennwort fürs W-LAN im Hotel lautet „Die Mannschaft2018“. Und am Donnerstag endet das Spiel gegen Frankreich mit einer Durchsage des Stadionsprechers: „Das ist klassen. Ein Unentschieden, das sich wie ein Sieg anfühlt. Die Mannschaft!“

Am Montag, als in München alle zusammenkommen, erscheint in der „Tiroler Tageszeitung“ ein ausführlicher Artikel, der in Zeiten des Internets erstaunlicherweise nicht die große Runde macht. Es geht um eine private Aktion des smarten ehemaligen Fußballstars und jetzigen Fußballmachers. „Freizeitwohnsitz: Bierhoff kauft sich freie Aussicht in Hochfilzen“, ist das Stück überschrieben. Bierhoff hat sich in Tirol für 2,15 Millionen Euro einen Hof gekauft und dazu 15 000 Quadratmeter Freiland. Privatsache und legal, doch ein komplexer Vorgang, bei dem es um Flurbereinigungsverfahren geht und man über die Bezirkslandwirtschaftskammer gehen muss – und der benachbarte Bauer unterschreibt einen Dienstbarkeitsvertrag, dass er auf seiner Mähwiese „zum Zwecke der freien Aussicht“ auf die Errichtung von „Aussicht nehmenden Objekten“ verzichtet. Liest man diese komplizierte Geschichte, weiß man, dass Bierhoff ein guter Netzwerker und durchsetzungsfähig sein muss.

In den Tagen in München geht es für DFB und Nationalmannschaft darum, einen weiteren sportlichen Niedergang abzuwenden und sich wieder mehr Freunde zu machen – damit Reinhard Grindel demnächst seine Hand zur Darstellung von Image-Werten wieder ein Stück nach oben führen kann.

Es gibt ein paar Momente diese Woche, in denen der DFB erschrickt. Als Jerome Boateng sich von einem Bekannten im PS-starken und lauten Auto mit personalisiertem Kennzeichen (B – JB) am Hotel absetzen lässt, auf die letzte Minute und so gewandet, als würde er gleich ein Rap-Konzert geben. Er bildet den Unnahbarkeits-Gegenpol zu Jogi Löw, der bei seiner Ankunft eine Taxifahrer-Lederjacke trägt und geduldig Autogramme schreibt.

Oder am Dienstag, als die erste Pressekonferenz ist und Kapitän Manuel Neuer gebeten wird, zu sagen, was an der „Spiegel“-Story über die „Kanaken“ und „Kartoffeln“ im Team stimmt oder falsch ist. Neuer sagt, er habe das gar nicht gelesen. Hinterher gibt es schon wieder Krisengespräche zwischen DFB-Kommunikationsabteilung und Journalisten.

Löw wirkt gehemmt. Beim Training vermeidet er es, Bilder von Lockerheit zu liefern, denn die Fotografen sind ja da und lauern. Lässt er als „Jogi Cool“ den Ball auf der Hacke tanzen, schießt er ihn verspielt ins leere Tor? Nichts davon. Und als er am Mittwoch seine Pressekonferenz gibt, geschieht dies ohne Espresso-Tässchen. Es war geschrieben worden, dass er manchmal auch daran nippt, wenn sie leer ist.

Der DFB will sogar Olympia anschieben

Man spürt die Spannung. Keiner weiß, wie es in der Arena sein wird? Werden die Zuschauer pfeifen? „Ich glaube nicht, dass sie kommen, um uns verlieren zu sehen“, sagt Toni Kroos. Er glaubt an die „echten Deutschland-Fans“.

Doch auch die haben gezweifelt: Zu viel Werberummel, zu wenig Nahbarkeit, die Verwerfungen um Mesut Özil – kann man die Mannschaft noch mögen?

Tendenziell hat der DFB sich zu einem „Weiter so!“ entschieden. Er hat den zunächst schleppenden Vorverkauf für das Spiel in München mit seinen Mitteln angeschoben. Reinhard Grindel räumt ein, dass die Fußball-Familie mit vergünstigten Angeboten versorgt wurde, das lief vor allem über den Bayerischen Fußball-Verband. Für Grindel eine faire Sache, Nachwuchsspieler und verdiente Mitarbeiter zu begünstigen.

In der „Säbener Lounge“ am Tag vor dem Frankreich-Spiel wird spürbar, dass das wichtigste Datum für den DFB der 27. September ist. Es geht um einen größeren Kontext als Sieg oder Niederlage in einem Spiel. Das Bewerbungsgesicht Philipp Lahm sagt: „Alle 15 bis 20 Jahre sollten wir solch ein Ereignis haben.“ 2006 – 2024. „Wir hatten nie so viele Neuanmeldungen wie in Folge der WM in Deutschland“, weiß Reinhard Grindel, „die EM 2024 wäre unser Leuchtturmprojekt, 2024 werden wir in Konkurrenz mit digitalen Freizeitangeboten stehen“. Der DFB braucht wieder einen Schub.

Er will groß bleiben. Und relevant. Es geht um seinen gesellschaftlichen Einfluss. Philipp Lahm stellt sich vor, dass die Wochen eines EM-Turniers „die Deutschen wieder zusammenbringen könnte“. Er sagt das in einer Woche, in der Deutschland nach Chemnitz blickt und sich zerrissen darstellt.

Reinhard Grindel benötigt einen Abstimmungserfolg über die Türkei am 27. September, um sich im Amt des DFB-Präsidenten zu halten. Um Sportpolitiker bleiben zu können. Er visioniert. „Vielleicht können wir einen Impuls setzen für andere deutsche Verbände, sogar Anschub für eine neue Olympia-Bewerbung geben.“

Am Donnerstag spielt Deutschland 0:0 gegen Frankreich. Es ist okay. Es ist, wie es vor der WM war. Die alten Lieder, Werbung für den Fanclub Nationalmannschaft und Mercedes, den scheidenden Premium-Sponsor. Der hat im Pressebereich der Arena ein riesengroßes Bild aufgehängt. Die Nationalspieler im Mai in Südtirol vor dem „Best Never Rest“-Fuhrpark.

Sie sind nicht mehr die Besten. Sie fangen ein Stück weiter unten neu an. Die Mannschaft, der Verband.

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