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Hoch die Karten – die mit dem Ja: Kontroverse Abstimmungsergebnisse sind bei Profifußballclubs die Ausnahme. Wirtschaftlich geht es ihnen gut.

Zwischen Parteitag und Komödienstadl

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Es ist Herbst, der Oktober beginnt. Im letzten Viertel des Jahres laden die Vereine der Fußball-Bundesliga traditionell zu ihren Jahreshauptversammlungen. Es sind besondere Veranstaltungen – mit trockenen Zahlen und markigen Worten. Sie folgen überall einem ähnlichen Drehbuch.

Richtig begonnen hatte die Jahreshauptversammlung noch nicht. Gerade waren die Spieler in den Saal gekommen, alle im Anzug, angemessen feierlich, und hatten sich an einen für sie reservierten Tisch gesetzt; dann war die Vereinshymne gespielt worden, als wäre man im Stadion. Als sie verklungen war, erhob sich der Aufsichtsratsvorsitzende, um die Mitglieder des Vereins zu begrüßen.

Doch die bekamen eine ganz andere Stimme zu hören, ganz plötzlich. Ein junger Mann in kurzer Hose, die Wade tätowiert, war nach vorne gegangen und sprach in das Mikrofon, das für die Vereinsbosse vorgesehen war. Eine spontane Wutrede zu einem Thema, das nicht auf der Tagesordnung stand. Was denn bitte dieser Herr da in der ersten Reihe zu suchen habe, deutete er auf einen breit sitzenden Mann: der Stimmkreiskandidat der AfD für die bayerische Landtagswahl. Der junge Fan, Mitglied einer Ultra-Gruppe, sagte feurig: „Vorhin ist er noch mit dem AfD-Plakat ums Gelände gelaufen.“ Die Anliegen dieser Partei würden sich nicht mit der antirassistischen und sozialen Ausrichtung des Vereins vertragen. Eine Schande! Wütender Abgang zurück in die Reihen des Saals.

So geschah es kürzlich bei der Jahreshauptversammlung des Bundesligisten FC Augsburg. Das Vereinsmitglied monierte die Anwesenheit des AfD-Politikers Markus Bayerbach auf einem offensichtlich reservierten prominenten Platz – und der Aufsichtsratsvorsitzende Peter Bircks musste eine Situation moderieren, die nicht vorhersehbar gewesen war. Er beschwichtigte: „Der FCA ist politisch neutral.“ Später sagte Präsident Klaus Hofmann, er habe an keiner Stelle im deutschen Fußball Rassismus kennengelernt.

Was für die Fußballprofis das wöchentliche Punktspiel, ist für die Verantwortlichen in einem Club die Jahreshauptversammlung. Sie legen sich einen Matchplan zurecht für den Abend, ein Script, sie wollen die Kontrolle haben - doch sie wissen nicht, was an Überraschungen auf sie zukommt.

Die Augsburger waren die Ersten, die dieses Jahr ihre Mitglieder geladen haben, noch im September, früh. Jetzt beginnt das vierte Quartal. Die Bilanzen der Geschäftsjahre, die vom 1. Juli bis 30. Juni gehen, liegen vor, traditionell gehen die Vereine mit den Zahlen im Oktober und November an die Öffentlichkeit. Doch Fußball ist mehr als ein Wirtschaftsbetrieb, deshalb geht es nicht nur um die Gewinne, wie sie zuletzt 16 der 18 Erstligisten machten. Eine Jahreshauptversammlung eines Fußballvereins ist so viel mehr: Befindlichkeitsspiegel, Stammtisch, Doppelpass-Fußballtalk-Simulation, Parteitag, Schaubühne, Komödienstadl. Was sie nicht unbedingt ist: ein Forum, das die mehrheitliche Meinung der Mitglieder abbildet. Denn die Wahlbeteiligung ist genau genommen armselig.

Den deutschen Rekord für rege Teilnahme an einer Mitgliederversammlung hält der VfB Stuttgart. Der ließ 2017, als er Zweitligist war, die Mitglieder darüber entscheiden, ob die Profiabteilung ausgegliedert werden soll. 84 Prozent waren dafür. Von denen, die gekommen waren. 14 000 von 55 000 eingetragenen Clubmitgliedern. Letztlich also 84 Prozent von gut einem Viertel, unterm Strich also nur 20 Prozent. In der Politik wäre man bestürzt über diese niedrige Wahlbeteiligung, im Fußball indes feierte man diese Zahl – für die der Verein auch einiges getan hatte. Jedem VfBler war für sein Kommen das neue Trikot zugesagt worden; das zog. Und es stand eben auch eine Entscheidung an, die eine wirkliche Weichenstellung für die Schlagkraft des Clubs bedeutete.

Was macht Bayern, wenn (zu) viele kommen?

Die schwächste Beteiligung an Mitgliedern hat in der Regel der FC Bayern – was allerdings auch daran liegt, dass er am größten ist und viele Menschen fasziniert, die Hunderte Kilometer entfernt von München leben (in Deutschland gibt es sogar einen Dauerkarteninhaber aus Itzehoe hoch im Norden). Von einem Spiel, das am Samstag um 15.30 Uhr beginnt, schaffen sie es noch nach Hause, von einer Jahreshauptversammlung, die bis 22 Uhr oder länger dauert und auf einen Wochentag fällt, nur schwerlich. Stehen keine Neuwahlen an, dann reicht der Audi Dome locker als Veranstaltungshalle. Er ist dann so wenig gefüllt wie bei einem belanglosen Basketball-Testspiel. Selbst als 2014 Uli Hoeneß sich wegen der anstehenden Verbüßung seiner Haftstrafe für Steuerhinterziehung für einige Zeit verabschiedete und Karl Hopfner als Nachfolger im Präsidentenamt bestätigt wurde, kamen weniger als 1000 Mitglieder – von annähernd 300 000.

Der FC Bayern schämt sich nicht dafür, dass er auf weniger Mitglieder-Teilhabe verweisen kann als Clubs wie Dortmund, Schalke, Köln, Frankfurt, HSV – denn bei breiter Beteiligung bekäme er ein nicht zu lösendes Problem: Wohin mit den wahlberechtigten Leuten? Im Jahr 2009, als die missglückte trophäenlose Klinsmann-Saison hinter den Münchnern lag und es unter dem neuen Trainer Louis van Gaal auch nicht so recht lief, befürchtete der FC Bayern ein räumliches Problem. Er mietete sich in der Messe Riem ein, belegte mehrere Hallen – mit der Option, sie zu einer zusammenzuschließen. Bis zu 10 000 Leute hätte er einlassen können, 6000 kamen. Mehr wurden es nur einmal: zu Uli Hoeneß’ Rückkehr und Krönungszeremonie 2016. Dabei kam es zu Problemen. Im Audi Dome waren die verfügbaren Plätze schnell weg, vorsorglich war draußen ein Zelt aufgebaut, in das die Sitzung auf Bildschirmen übertragen wurde. Es regte sich Unmut derer, die nicht in die Halle eingelassen werden konnten, sie fühlten sich als Mitglieder zweiter Klasse – dabei waren sie gekommen, um ihren Uli hochleben zu lassen. Als er vor sie trat und sagte, man werde doch auch im Zelt verköstigt, pfiffen und reklamierten sie. Ihr (kommender) Präsident hatte sie nicht verstanden. Die Teilnahme an dieser Jahreshauptversammlung war für seine Anhänger etwas Religiöses.

Der VfB Stuttgart hätte 2017 auch keine Halle für 14 000 Besucher bieten können, er wich von vornherein ins Stadion aus. Weil auf der Haupttribüne nicht alle untergebracht werden konnten, wurde auch die Cannstatter Kurve noch geöffnet. Für den FC Bayern wäre die Allianz Arena die letzte Option – sie wäre allerdings auch nur groß genug für ein Viertel aller Mitglieder. Im Normalbetrieb genügt die Basketballarena, so wie früher auch Olympiahalle und der Nockherberg gereicht haben. Am Nockherberg, wo zur Starkbierzeit die Landespolitik derbleckt wird, fand übrigens die berühmte Uli-Hoeneß-Wutrede in Richtung der kritischen Fans statt: „Was glaubt ihr, wer ihr seid? Für die Sch...stimmung im Stadion seid ihr doch verantwortlich.“

In den 90ern zuckte auch mal die Faust

Konflikte sind selten geworden auf Jahreshauptversammlungen, lange schon nicht mehr ist eine eskaliert wie jene legendäre in den 90er-Jahren bei Eintracht Frankfurt, als ein Redner aus der Mitgliedschaft nicht mehr aufhören wollte, zu poltern. Der Vereinsvorstand beorderte einen Ordner zum Pult, um den aufgebrachten Mann von der Bühne zu bitten. Der reagierte mit einem nicht zu erwartenden Knockout-Schlag.

Grundsätzlich geht es bei den Jahreshauptversammlungen darum, sich zu feiern. Für die wirtschaftlichen Daten, die, seit vor einigen Jahren das große Geld in den Fußball gekommen ist, positiv sind („Ergibt einen Gewinn nach Steuern von . . .“). Geschmäht wird der unmittelbarste Gegner – bei Bayern-Versammlungen traf es, in den Reden von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, jeweilige hartnäckige Aufsteiger („Hoffenheim, wo habt ihr euch über hundert Jahre versteckt?“ - „Leipzig: Wir haben endlich wieder einen Feind“). Ansonsten genügt die Erwähnung des TSV 1860 oder des 1. FC Nürnberg, und schon geht’s im Saal zu wie im Stadion. Das große und laute Pfui und Buh.

Mittlerweile überall Pflichtprogramm: Dass auch die Profi-Mannschaft sich sehen lässt und demonstriert, dass ihr die Basis wichtig ist. Das ganze Programm absitzen müssen die Fußballer aber nicht. Die Erlösung kommt nach den Berichten des Vorstands und der Kassenprüfer. Dann heißt es: „Wir verabschieden unsere Mannschaft jetzt, denn sie hat am Samstag ein schweres Spiel.“ Ein Rechtfertigungssatz, der auch an einem Montagabend geht.

Allerdings wird eine Jahreshauptversammlung immer besser, je später der Abend. Anträge und Aussprache sind der unterhaltsamste Teil. Die Klassiker werden jährlich aufgelegt: Rauchverbot im Stadion, Bezahlsystem (Karte oder bar?), Ein- oder Mehrwegbecher, Bierangebot.

Manchmal jedoch werden durch Wortmeldungen auch große Projekte auf den Weg gebracht. Beim FC Bayern waren es die Schaffung der Erlebniswelt (in mehreren Versammlungen war die Errichtung eines Museums gefordert worden) und die Satzungsänderung, dass der Verein nicht mehr als 30 Prozent seiner Anteile veräußern darf. Demokratie kann funktionieren, auch wenn die meisten schweigen.

Was allen Jahreshauptversammlungen eigen ist: Man versichert sich gegenseitig, einem ganz speziellen Verein anzugehören. Beim FC Augsburg, der die Viertes-Quartal-Show der Bundesliga eröffnete, hieß es im Schlusswort: „Wenn wir hinfallen, stehen wir wieder auf. Das sind wir. “ Den Satz wird man im Herbst öfter hören.

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