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Jens Lehman spricht im Interview über Kroos, Schweinsteiger und Alonso.

Jens Lehmann im Interview

„Klose wird nicht bei Big Brother den Clown machen"

München - Ex-Profi Jens Lehmann spricht im Interview über Kroos’ Wechsel zu Real, Schweinsteigers Ziele, Xabi Alonso – und Kontroversen mit Netzer.

Seine Geschichte wird immer auch ein wenig an ein Duell mit Argentinien geknüpft sein: Bei der WM 2006 zog die deutsche Nationalelf gegen die Südamerikaner ins Halbfinale ein, weil auf ihren Torwart Jens Lehmann aufgrund eines geheimnisvollen Zettels beim Elfmeterschießen Verlass gewesen ist. Am Mittwoch trifft die DFB-Auswahl wieder auf die „Albiceleste“ – im Interview spricht der 44-Jährige, der ab Sonntag als RTL-Experte das Nationalteam begleitet, über die WM 2006, Joachim Löw, Toni Kroos und den FC Bayern.

Herr Lehmann, Hand aufs Herz: Nervt es Sie eigentlich inzwischen, auf Ihren Zettel von 2006 angesprochen zu werden?

Nein, es nervt nicht. Das gehört zu meinem Leben und es ist ja auch eine Geschichte, die schöne Erinnerungen hervorruft. Inzwischen ist es einfach nur so, dass ich dann lieber zuhöre, wie andere damals das erlebt haben. Ich selber habe, denke ich, mittlerweile alles dazu gesagt.

Sie werden ab sofort als TV-Experte viel zu sagen haben – wie sehr haben Sie damals als Profi eigentlich diese Ex-Profis geärgert, die ständig analysieren und kritisieren?

Bei mir gab es das noch nicht so, dass da ständig einer sagte: „Der steht drei Meter zu tief, der läuft falsch.“ Bei Länderspielen gab es den Kloppo (Jürgen Klopp/d. Red.) und Günter Netzer – mit Netzer hatte ich damals einen Austausch, den wirft er mir immer noch vor, obwohl wir ein gutes Verhältnis haben. Ich fand damals, dass er den Konkurrenzkampf mit Oliver Kahn einseitig kommentiert hat.

Fand er es gut, dass Sie ihn zur Rede stellten?

(lächelt) Im Nachhinein fand er es nicht schlecht, ich war ja auch nicht anmaßend oder beleidigend. Für meine Arbeit sehe ich das auch so: Als Experte oder Kommentator sollte man nie persönlich werden. Polemik braucht keiner.

Mehmet Scholl sagte bei der EM 2012 mal über Mario Gomez, er sei so inaktiv, er habe „Angst, dass er sich wundlegt“. War das ein Tick zu viel Schärfe?

Wenn mir sowas mal passieren sollte, wäre das schlecht. In so einem Fall müsste man schnell zum Telefon greifen und das ausräumen.

Polemik ist das eine, Tipps von ehemaligen Profis sind auch immer heikel. Dennoch die Frage: Was raten Sie Bastian Schweinsteiger, dem neuen Kapitän – warum war ein Rücktritt keine Option, obwohl er doch so oft verletzt ist?

Ich denke, das muss jeder für sich entscheiden, wie lange er spielen möchte. Man steckt ja nicht drin in den Leuten, und irgendwo weiß es am Ende nur derjenige selbst, wann es Zeit ist, aufzuhören. Da geht es um die Psyche – kann ich mich noch motivieren? Erreiche ich noch etwas? Und die Physis – macht mein Körper noch alles mit, wie ich es mir vorstelle? Bastian hat jetzt eine starke WM gespielt, im Finale war er ein Held, hat die Leute begeistert – auch wenn er jetzt gerade mit einigen Beschwerden kämpfen muss, sehe ich aktuell keinen Grund für ihn, warum er zurücktreten sollte. Mein Rat an ihn lautet: Mach’ weiter, solange du dich gut fühlst, solange es geht, solange du gut bist!

Philipp Lahm trat überraschend zurück. Joachim Löw ist geblieben, obwohl einige dachten, er würde mit dem Titel abdanken. Kann er ab jetzt nicht nur noch verlieren?

Nein, das sehe ich nicht so. Die EM sehe ich als ein absolut lohnenswertes Ziel. Der Favoritendruck ist jetzt natürlich noch einmal größer geworden – jeder erwartet nach der WM auch einen Triumph in Frankreich. Das macht aber auch einen ungeheueren Reiz aus, finde ich, das ist eine Herausforderung, die einen ambitionierten Menschen einfach jucken muss. Außerdem bin ich persönlich ein Fan davon, wenn Menschen das machen, was ihnen Spaß bereitet. Und wenn man Joachim Löw so sieht, vermittelt er einem ja durchaus den Eindruck, dass ihn seine Aufgabe absolut erfüllt und dass er eine tiefe Freude empfindet, in allem, was er als Bundestrainer macht, gut zu sein.

Ausgebrannt wirkt er nicht mal nach der WM.

(lächelt) Nein. Und wenn im Schnitt einmal im Monat ein Spiel ist, ist die Gefahr auch nicht so akut, auszubrennen. Ich finde, dass es schon was zu tun gibt. Insgesamt war die WM nicht so überragend, das Finale hätte auch verloren gehen können. Es gibt also immer was zu verbessern.

Das erste Aufgebot nach der WM enthielt keine Überraschung. Mario Gomez ist wieder zurück. 

Es ist nachvollziehbar, dass er wieder eingeladen worden ist, zumal Miroslav Klose aufgehört hat. So viele gute Stürmer haben wir in Deutschland leider nicht, das ist neben der Vakanz auf der defensiven Außenbahn das große Manko, das man auch bis zur EM wohl eher nicht lösen wird. Ich weiß nicht, ob Gomez fit ist, aber er muss natürlich in den kommenden Monaten seine Chance nutzen.

In München wurde zuletzt viel über den Wechsel von Toni Kroos zu Real Madrid diskutiert. Sie selbst spielten einst beim AC Mailand und beim FC Arsenal – wird Kroos der Schritt ins Ausland guttun?

Grundsätzlich ist es erst mal super, dass er das gewagt hat. Man macht im Ausland zunächst einmal die Erfahrung, dass man ziemlich klein ist. Und das ist förderlich. Wenn du einmal deutscher Nationalspieler bist, bist du in deinem Verein eigentlich so gut wie unantastbar. Im Ausland interessiert das aber keinen. Entweder, du bist gut und bringst deine Leistung – oder nicht. Und wenn du nicht gut bist, kommt im nächsten Jahr eben wieder ein anderer Nationalspieler aus einem anderen Land – und du bist weg. Du lernst eine gewisse Demut, du musst dich beweisen, musst deinen Weg finden und einfach deinen Mann stehen.

Was ist der Schlüssel, wenn man sich im Ausland durchsetzen möchte?

Am wichtigsten ist, dass man die Sprache schnell lernt. Ich verstehe immer nicht, wenn Spieler Jahre im Ausland sind und die Sprache nicht lernen. Aber Kroos wird das schon schaffen, er ist ein heller Junge. Für seine Persönlichkeitsentwicklung ist dieser Schritt großartig. Ob er da jetzt aber zwingend ein besserer Fußballer wird, weiß ich nicht. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er jetzt zu einem größeren Verein gegangen ist. Ob das sportlich alles in Madrid besser ist oder ob der Verein über den Bayern steht, da habe ich schon meine Zweifel.

Sie stellen Real Madrid nicht über den FC Bayern? Das wird man in München ziemlich gerne hören.

Ich finde, dass sich beide Vereine nichts schenken.

Bei Bayern hatte Kroos den Ruf, zu phlegmatisch zu sein. Wird er, muss er das nun bei Real abstellen – wird er also durch diesen Wechsel endgültig zum Weltklassemann reifen?

Meine Erfahrung ist: Ist einer ehrgeizig, bleibt er das auch. Ist einer faul, ist einer faul. Und wenn einer phlegmatisch ist, wird er auch nicht mehr einfach so plötzlich super-agil. Ich denke, die Menschen ändern sich nicht mehr ab einem gewissen Punkt. Lassen Sie mich mal überlegen, was ist ein gutes Beispiel? Ach ja: Miro Klose zum Beispiel. Sehen Sie: Er ist ein ruhiger Typ. Er wird jetzt nicht auf einmal bei RTL bei „Big Brother“ im Container den Clown machen. Das passt einfach nicht. Und ob also Kroos jetzt wegen des Wechsels zu Real ein anderer Mensch wird? Ich bin mir da nicht so sicher.

Im Gegenzug kam Xabi Alonso von Real nach München. Kritiker sagen: Ein schlechter Tausch.

Da habe ich eine andere Meinung. Xabi Alonso ist ein Spieler, der mit seiner immensen Erfahrung sofort helfen kann, ohne große Anlaufzeit – und das ist angesichts der Verletztensituation bei den Bayern wichtig. Er hat ein unglaubliches Auge und ist defensivstark. Die einzige Frage ist das Alter, er wird bald 33, aber kurzfristig hilft er auf jeden Fall. Die Bayern-Mannschaft sucht sich gerade ein bisschen selbst, und bei so einer Suche ist so eine Persönlichkeit wie Xabi Alonso eine Stütze, die Gold wert ist.

Es gibt Stimmen, die bekritteln, dass die Bayern inzwischen zu viele Spanier beschäftigen – ist die Sorge vor einem Staat im Staat berechtigt oder eine Debatte für Außenstehende?

Also ich kann nur sagen, ich habe beim FC Arsenal früher mal mit zehn Franzosen beziehungsweise französisch sprechenden Spielern gespielt – es herrschte ein Wahnsinnsteamgeist, es war wahrscheinlich die beste Mannschaft, die Arsenal je hatte. Der Charakter jedes einzelnen Spielers ist am Ende entscheidend, wie Zusammenhalt entsteht und gelebt wird, ganz egal, woher die Spieler kommen. Wenn du zwei Deutsche im Kader hast, die komisch sind, reicht das, die können den Laden auch durcheinanderbringen.

Wie sehen Sie als ehemaliger Torwart Manuel Neuer – hätte der Bayern-Keeper es verdient gehabt, letzte Woche statt Cristiano Ronaldo als Europas Fußballer des Jahres ausgezeichnet zu werden?

Manuel war mit Abstand der beste Torwart bei der WM in Brasilien. Aber das Turnier war wohl nicht so entscheidend für die Wahl. Cristiano Ronaldo hat eine starke Saison in der Champions League hingelegt, und da hat Manuel mit den Bayern gegen Real in zwei Spielen fünf Gegentore kassiert. Da fehlen dir dann irgendwo die Argumente.

Wie bewerten Sie denn generell die Chancen des FC Bayern diese Saison, in der Bundesliga wie in der Champions League?

Die Bundesliga werden sie gewinnen. Und in der Champions League haben sie mit dem Kader auch gute Chancen.

Führt der Weg zum Titel in der Königsklasse heuer nur über Real Madrid?

Das glaube ich nicht. Ich finde gar nicht, dass sich Real Madrid so besonders toll verstärkt hat. James Rodriguez muss sich auf diesem Niveau erst beweisen. Kroos ist ein toller Spieler, ja – aber gibt er Real jetzt wirklich den ganz großen Kick? Dafür fehlen Xabi Alonso, Angel di Maria, schon seit einem Jahr ist Mesut Özil weg. Vom Kader her ist Bayern besser besetzt.

Interview: Andreas Werner

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