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„Wir haben uns während des Spiels aufgegeben“: Jens Nowotny (l.) über das 0:3 gegen Portugal. 

„Bayern und Bayer – das führte zum Disput“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Ohne Corona-Krise wäre jetzt Turnierzeit, am Freitag hätte die Europameisterschaft 2020 begonnen. Sie wurde auf nächstes Jahr verschoben.

Doch nutzen wir den von internationalen Spielen freien Sommer, um zurückzublicken auf Turniere und Partien, für die ein Jubiläum ansteht. Zum Auftakt unserer Serie: Wie war das vor 20 Jahren, als die deutsche Nationalmannschaft bei der EM in Belgien und den Niederlanden die Vorrunde nicht überstand? Jens Nowotny, damals Abwehrspieler von Bayer Leverkusen, erzählt es.

Das tut uns leid, Herr Nowotny, dass wir ausgerechnet zu diesem für Sie wohl unschönsten Turnier was wissen wollen.

Ach, eine EM ist immer ein Ereignis und Erlebnis, man ist gerne dabei.

Man fährt ja mit gewissen Vorstellungen hin und denkt als deutsche Nationalmannschaft sicher nicht daran, dass man nach der Vorrunde wieder heimfährt. Wie war denn die Erwartung?

Junge Spieler wie Carsten Ramelow und ich sind mit positiver Einstellung, um das Bestmögliche zu erreichen, zur EM gefahren. Obwohl wir die Unstimmigkeiten im Vorfeld natürlich bemerkt haben.

Es war in den Jahren davor personell unruhig geworden.

1998 hatte man als Bundestrainer noch Berti Vogts, dann kam Erich Ribbeck, das erste EM-Qualifikationsspiel in der Türkei verloren wir gleich, es war alles kein Selbstläufer mehr.

Wenn man sich heute durchliest, wer alles im Kader stand – eine Rumpelfüßler-Truppe war das aber nicht. Es gab mit Matthäus und Häßler noch Weltmeister von 1990, es waren Europameister von 1996 dabei wie Bierhoff, Ziege, Scholl, Babbel, Kahn, dazu die aufstrebenden Supertalente Ballack und Deisler. Eigentlich war Potenzial da.

Auf jeden Fall. Das Offensichtliche, was man sah: Die Mannschaft bestand aus Spielern vom FC Bayern, sie wurde gefüllt mit Topspielern aus der Liga. Es ist das Interne gewesen, warum das auf dem Platz nicht funktioniert hat. Die Situation mit den Bayern- und uns Leverkusener Spielern führte zu manchem Disput.

Bayer Leverkusen hatte die Meisterschaft fast sicher, verlor sie am letzten Spieltag in Unterhaching.

Da sieht man, was Unerwartetes geschehen kann. Bei uns ein Eigentor des jungen Michael Ballack.

Lothar Matthäus war 39 – ein Thema im Nationalteam?

In der Mannschaft wurde darüber nicht gesprochen, aber die öffentlichen Diskussionen hat man mitbekommen und außerhalb des Platzes die Reaktion anderer Spieler auf Lothar wahrgenommen. Es waren mehrere Mosaiksteine, die sich zusammengefügt haben. Auch die Konstellation mit Erich Ribbeck und Uli Stielike, Teammanager plus Trainer, der eine fürs Drumherum zuständig, der andere gibt die Trainingsinhalte vor, hat nicht geklappt wie 2006 zwischen Jürgen Klinsmann und Joachim Löw. Die Vorstellungen von Ribbeck und Stielike liefen konträr, das geht auf dem Niveau nicht.

Stielike warf noch vor der EM hin, Horst Hrubesch sprang ein.

Horst hat noch einiges ausgeglichen.

Der EM-Auftakt: 1:1 gegen Rumänien in Lüttich. Da hat sich das Scheitern schon angedeutet.

Wir konnten nicht aus diesem Spiel rausgehen und sagen: War überragend, wir hatten nur kein Glück. Mit Mühe haben wir 1:1 gespielt, das lässt einen, wenn man England und Portugal als Gegner vor sich hat, nicht spurlos ins nächste Spiel gehen.

Das war gegen England in Charleroi. Man erinnert sich vor allem an die Umstände des Spiels. Die kleine Stadt in Belgien belagert von englischen Fans, die von der Boulevardpresse noch zu Menschenjagden auf alle Nicht-Engländer befeuert wurden. Was hat die Mannschaft davon mitbekommen?

Gar nichts.

Deutschland verlor 0:1. Beckham auf Shearer, Kopfball, Tor.

Ich meine durch den Dunst des Erinnerns, dass wir auf Augenhöhe waren. Ich hätte mir trotz der Niederlage gewünscht, dass es das erste Spiel gewesen wäre. Aus ihm hätte die Presse nach den Ungereimtheiten im Vorfeld eher das Positive herausgezogen und geurteilt: Da steht ein Team auf dem Platz, aber eine Chance hat den Engländern gereicht, das kann passieren.

Weitergekommen sind aus der Gruppe nicht die Favoriten Deutschland und England, sondern Rumänien und Portugal. Das wäre aber immer noch zu verhindern gewesen.

So wie es gelaufen ist, wären wir mit einem Sieg gegen Portugal weitergekommen. Das ist der größte Kritikpunkt, dass wir diese Chance nicht genutzt und uns während des Spiels aufgegeben haben.

0:3 in Rotterdam. Portugal spielte mit den Reservisten, weil es das Viertelfinale bereits sicher hatte.

Wenn auf der einen Seite unbelastet gespielt wird und auf der anderen, auf unserer, verkrampft, kann so etwas rauskommen. Bei der EM 2004 im letzten Spiel gegen Tschechien haben wir es ähnlich erlebt. Und es passierte, dass beim Gegner einer den Glanztag hatte: Sergio Conceicao hat für Portugal drei Kisten gemacht, das ist ihm danach nie mehr geglückt.

Musste man nach dem 0:3 gegen Portugal und einem Tor in drei Gruppenspielen anerkennen, Entwicklungen im Fußball verschlafen zu haben?

Ehrlich: In meiner ganzen Karriere habe ich unter Spielern nie eine Diskussion über die Ausrichtung des deutschen Fußballs mitbekommen. Dafür hat man weder Zeit noch Muse. In dieser Situation betreibt man „Business as usual“. Scheidet man bei einem Turnier früh aus, versucht man, sich im Urlaub unauffälliger zu verhalten. Gehst du als Weltmeister in die Ferien, hoffst du, unerkannt zur Ruhe zu kommen.

Zuvor feierte die Mannschaft im Hotel in Vaals auf der Terrasse aber noch den Frust weg. Es kam nicht gut an, dass da fröhlich der „Anton aus Tirol“ gesungen wurde, was die „Bild“-Zeitung mithörte.

Man haut mal einen Spruch raus, es wird gelacht – genauso, wie wenn man was gewonnen hat. Interessant: Das eine ist erlaubt, das andere entspricht nicht den moralischen Grundsätzen. Ich würde darin kein Fehlverhalten sehen. Aber die „Bild“ hätte es gerne gesehen, dass sich zwei oder drei erhängt hätten.

Auf dem Titelbild wurden die deutschen Spieler als „Bratwürste“ bezeichnet.

Im Fußball-Fachjargon zwar normal – aber nicht schön, wenn man so bezeichnet wird. Man macht sich mit Abstand dazu schon Gedanken: Mit welcher Berechtigung schreibt jemand, der nie auf diesem Niveau Fußball gespielt hat, so etwas – und macht dann noch sechs Schreibfehler? Und zu dem, was man auf dem Platz sieht, gibt es immer einen Hintergrund.

War es für den deutschen Fußball eine heilsame Erfahrung, dass er 2000 mal richtig auf die Schnauze fiel?

Man landet immer wieder mal auf dem Boden der Tatsachen, das hat man auch 2018 als Weltmeister von 2014 erlebt. Im Nachhinein findet man Erklärungen, und jeder würde sich wünschen, dass man immer innovativ auf die Sache schaut. Aber warum etwas ändern, wenn es gut läuft? Doch durch die EM 2000 wurde vieles angestoßen, besonders Matthias Sammer hat sich dabei hervorgetan.

Bundestrainer hätte dann Ihr Vereinscoach in Leverkusen, Christoph Daum, werden sollen – was seine Kokainaffäre verhinderte.

Das wäre in zweierlei Hinsicht interessant gewesen. Er hatte immer ein Konzept, das auf ein klares Ziel ausgerichtet war. Und: Wie hätten die Spieler von Bayern, aus Dortmund, von Hertha ihn angenommen? In seinen Methoden war er sehr speziell.


Interview: Günter Klein

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