Bemerkenswertes Interview

Depressionen und Homosexualität: Jogi Löw öffnet sich vor EM-Start mehr denn je

  • Florian Schimak
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Joachim Löw wird nach 15 Jahren als Bundestrainer nach der EM im Sommer aufhören. Zuvor gab der 62-Jährige ein bemerkenswertes Interview und ließ tief blicken.

München/Frankfurt am Main - Das Leben als Bundestrainer* ist vermutlich alles andere als leicht, immerhin hat man meist 82 Millionen Menschen, die von sich behaupten, es besser machen zu können. Joachim Löw war 15 Jahre lang für die sportlichen Geschicke von Deutschlands besten Fußballern verantwortlich - nun wird nach der Fußball-EM im Sommer Schluss sein. Am Mittwoch (2. Juni) startet mit dem Testspiel gegen Dänemark die heiße Phase der Vorbereitung auf die EM.

In einem bemerkenswerten Interview mit der Zeit berichtet Löw nun über Emotionen, Triumphe, Verantwortung und erklärt dabei, was ihm oft gefehlt habe. So berichtet der 61-Jährige von schwierigen Gesprächen mit altgedienten Spielern, deren Zukunft nicht mehr bei der Nationalmannschaft lag. Dabei habe er es nie gelernt, solche Abschiedsgespräche besser hinzubekommen, wie Löw offen und ehrlich zugibt. „Natürlich berührt mich das, sehr sogar“, verrät Löw: „Manchmal liege ich nachts wach. Ich bin doch auch ein Mensch!“

DFB: Löw spricht über Homosexualität und Coming Out von Hitzlsperger

Auch zum Thema Homosexualität im Fußball äußert sich der Bundestrainer. Thomas Hitzlsperger, der 2008 unter ihm Vize-Europameister wurde, ist bislang der einzige Profi-Fußballer in Deutschland, der sein Coming Out öffentlich gemacht hat. Löw war damals darüber informiert gewesen. „Thomas hat diesen Schritt gewagt, als seine Karriere eigentlich beendet war. Er hat mich dabei ein Stück weit auf dem Laufenden gehalten“, wie Löw verrät: „In der Gesellschaft ist die Offenheit grundsätzlich vorhanden. Und das ist wichtig. Obwohl sich schon wahnsinnig viel getan hat, fehlt sie aber vielleicht noch ein bisschen im Stadion.“

Dies bedauere der Bundestrainer. „Unsere Gesellschaft, und damit auch der Fußball, steht doch für Offenheit, Vielfalt und Teilhabe“, sagt Löw, der auch dazu stehen würde, wenn es ihn beträfe.

DFB: Jogi Löw depressiv? Bundestrainer gibt intime Einblicke in sein Seelenleben

Aus sportlicher Sicht schildert Löw seine innere Zerrissenheit nach dem legendären 7:1-Erfolg über Gastgeber Brasilien im WM-Halbfinale 2014. „Es war vielleicht das schönste Spiel meiner Karriere, aber es war für mich als Trainer zu viel! Ich habe es nicht nur positiv gesehen“, erklärt der gebürtige Badener: „Mein erster Gedanke war, wie halte ich die Mannschaft bloß auf dem Boden, wie bremse ich die Euphorie.“

Video: Löw - „Motivation und EM-Vorfreude sind groß“

All die unterdrückten Emotionen, sei „der Preis dieses Lebens als Bundestrainer“, wie Löw sagt: „Ich habe mir natürlich so etwas wie einen Panzer zugelegt. Vor allem, als mir so richtig bewusst wurde, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein.“ Das sei auf der einen Seite „wunderschön“ und er wisse es zu schätzen, „aber es gibt Tage, da ist das eine schwere Belastung, da sehne ich mich nach Anonymität. Leider gelingt es mir nicht immer, diesen Panzer im privaten Leben einfach abzulegen“.

Daher habe er sich auch nicht über den WM-Titel* in Brasilien auf diese Art freuen können, wie man das vielleicht erwarten hätte können, wie der Bundestrainer gesteht. Ganz im Gegenteil. „Nach dem Turnier war ich nicht weit weg von einer depressiven Verstimmung“, so Löw: „Nach jedem Turnier ist da eine Leere. [...] Und dann geht man nach Hause. Nach zwei, drei Tagen denkst du, puh, jetzt bin ich hier allein.“

Joachim Löw gibt intimes Interview: „Gefreut? Das letzte Mal als bei der Amateurmannschaft“

Demnach war der WM-Titel 2014 auch nicht sein freudigster Moment. „Gefreut? So richtig gefreut habe ich mich in den Anfängen meiner Vereinstrainerzeit im ersten Jahr, bei der Amateurmannschaft“, sagt Löw: „Da war die Freude am reinsten.“ Über seine Zukunft hat sich der Noch-Bundestrainer bislang noch keine Gedanken gemacht. „Im Moment zählt für mich natürlich einzig und allein die EM und meine Mannschaft“, sagt Löw, aber auf die Frage, ob er nochmal einen Verein übernehmen würde, antwortet er: „Wenn Sie mich nach dem Turnier fragen würden: liebend gern!“

Das DFB-Team startet am 15. Juni in die EM 2021*. Dann trifft die Auswahl von Joachim Löw in München auf Weltmeister Frankreich. (smk) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Imago-Images/Sven Simon

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