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Jonas Hector: „Ich versuche, Fußball als Spiel zu sehen“

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Von: Günter Klein

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Der Vielspieler ist zurück: Jonas Hector greift wieder an – über links. Foto: Imago © Imago

Jonas Hector über den Umgang mit Druck, seine erste große Verletzung und den Wechsel zwischen WM-Traum und Bundesliga-Abstiegskampf

Düsseldorf – Wahrscheinlich ist sein Stammplatz der sicherste in der deutschen Nationalmannschaft: Jonas Hector vom 1. FC Köln ist als Linksverteidiger gesetzt – und Bundestrainer Jogi Löw hat bislang keine zweite Lösung für diese Position gefunden. Komfortable Situation für den 27-jährigen Saarländer – der trotzdem eine schwere Saison erlebt.

-Wir dachten: Wenn einer im deutschen Fußball sich nicht verletzt und das lebende Argument gegen die These von der Überlastung der Profis ist, dann der Vielspieler Jonas Hector. Sie haben nichts ausgelassen, nicht mal den Confederations Cup. Und dann sind Sie doch verwundbar.

Es war mit Fremdeinwirkung, mit muskulären Problemen hatte ich nie zu kämpfen, davor bin ich immer verschont geblieben. Da hat es mich erwischt, aber das gehört in der Karriere eines Fußballers dazu, dass man auch solche Phasen durchlebt.

-Im ersten Kölner Europa League-Spiel ist der Torhüter von Arsenal übel eingestiegen. Resultat bei Ihnen: Syndesmosebandriss.

Einen Vorwurf kann man dem Gegenspieler da nicht machen. Es ist ein Sekundenbruchteil, in dem man eine Entscheidung trifft. Dass es vorher Abseits und darum im Endeffekt irrelevant war, wie der Zweikampf verlief, ist natürlich schon bitter. Aber das gehört zum Fußball.

-Eigentlich war es ein großer Tag für Köln im September – mit all den Fans, die London bevölkerten.

Es war das erste Europapokalspiel nach 25 Jahren, wir haben uns extrem darauf gefreut. Was die Fans abgeliefert haben, war sensationell, wir haben ja auch noch geführt – bis zur Verletzung war es ein gutes Gefühl. Danach war ich in der Kabine und habe leider nicht mehr so viel mitbekommen.

-Stellt sich der Fußball anders dar, wenn man verletzt ist?

Man lernt seinen Körper ein bisschen besser kennen, wenn man versucht, gesund zu werden. Auf einmal funktionieren Sachen nicht mehr so, wie sie sollen, und man geht sechs bis acht Wochen an Krücken. Tritt man dann das erste Mal auf, spürt man den Schmerz. Die Bewegung erscheint ungewohnt, man muss sie ein Stück weit neu erlernen.

-Hatten Sie während der Reha Distanz zu Verein und Mannschaft?

Ich war immer da. Die Verbindung war nicht unterbrochen. Aber man ist anders eingebunden, als wenn man tagtäglich mit den Jungs auf dem Platz stehen würde. Ich konnte mir halt das ein oder andere Wochenende freinehmen, an dem Länderspiele gewesen wären. Und ich hatte mehr Zeit für die Familie.

-Sie betreiben ein Fernstudium: BWL an der Uni Oldenburg. Haben Sie das in der Verletzungszeit intensiviert?

Im Gegenteil. Wenn es in den Bereich des Wiederaufbaus geht, verbringt man mehr Zeit am Trainingsgelände, als wenn man fit wäre. Das wundert die Leute von außen immer, aber es ist so.

-Was macht der Profi, der auf Krücken angewiesen ist, um nicht zu viel an Form zu verlieren. Den Oberkörper aufpumpen?

Man versucht die Bereiche abzudecken und nicht ganz verschwinden zu lassen, bei denen es möglich ist. Natürlich ist da der Oberkörper im Fokus, wenn man das eine Bein gar nicht belasten darf. Nach dem Jahreswechsel konnte ich wieder mit der Mannschaft trainieren.

-Sie haben 14 der 17 Hinrundenspiele gefehlt – die Zeit, in der der 1. FC Köln in die schwere Krise geraten ist. Wie geht es einem, wenn man Führungsspieler ist, aber nicht eingreifen kann?

Man fühlt sich hilflos, das war extrem hart für mich. Wer unsere Vorrunde verfolgt hat, weiß: Viel schlimmer hätte es nicht sein können, das war desolat. Wenn man am 17. Spieltag den ersten Sieg einfährt, ist es das – ohne Wenn und Aber.

-Was zerbricht, wenn, was etabliert war, plötzlich nicht mehr gilt? Manager Schmadtke weg, Trainer Stöger weg.

Es ist schade, wenn es nach zwei, drei Monaten vorbei ist – nachdem man jahrelang gut miteinander gearbeitet hat. Aber das Geschäft war noch nie anders. Ich hatte bis dahin halt nur die guten Seiten erlebt, jetzt kenne ich auch das andere Gesicht des Fußballs.

-Länderspiel-Zuschauer kennen Sie als Mann auf der linken Abwehrseite, im Klub haben Sie jedoch auch im zentralen Mittelfeld und gegen Leipzig offensiv ausgerichtet gespielt. Als was sehen Sie sich?

Wenn der Trainer sagt, dass er mich für dieses oder jenes Spiel in der oder der Position sieht, nehme ich das genau so an. Trotzdem: Links hinten bin ich am erfahrensten, habe die konstantesten Spiele gemacht...

-….sind in der Nationalelf als Linksverteidiger konkurrenzlos...

… hier gibt’s gar keine andere Option als diese für mich als diese Position. In Köln ist es mir auch leichter gefallen, nach der Verletzung auf der angestammten Position in den Rhythmus zu kommen.

-Sie gehörten als Stammkraft der Nationalmannschaft an, die die WM-Qualifikation bestritt, waren aber auch Bestandteil der überwiegend anders besetzten Nationalmannschaft, die den Confed Cup gewann. Sind beide Kader zusammengewachsen?

Die Spieler, die beim Confed Cup gute Leistungen zeigten, haben es verdient, weiter dabei zu sein. Mit dem Titelgewinn hätte ja kaum jemand gerechnet. Im Endeffekt war die Personalauswahl eine gute Entscheidung. Wer über Jahre eine Dreifachbelastung hatte, bekam mal einen Sommer frei – und die Nachrücker haben Druck auf die Arrivierten ausgeübt.

-Sind Sie froh, gerade etwas Abstand zum Verein zu haben?

Es war schon eine sehr intensive Zeit die letzten Monate mit Köln angesichts des Auf und Ab.

-Aktuell aber mit mehr Auf als Ab.

Nach dem Spiel am Wochenende (Kölner 2:0 gegen Leverkusen, auf vier Punkte an den Relegationsrang herangerückt, d. Red.) definitiv.

-Kriegen Sie das Wechselspiel hin? Planerisch an die WM zu denken, aber emotional im Verein verankert sein und Abstiegskampf zu bestreiten?

Ja, bis jetzt konnte ich es immer trennen. Ich kann um-switchen, wenn die Aufgabe kommt. So will ich es weiter halten. Nach den Länderspielen ist absoluter Fokus auf Abstiegskampf und FC.

-Wir wollen Sie nicht ängstigen. Andy Köpke, heute Co-Trainer, ist 1996 mit dem 1. FC Nürnberg abgestiegen und danach Europameister geworden. Es gehen beide Extreme.

Lieber wäre es mir, die Klasse zu halten. Wenn wir das Turnier danach gewinnen und Weltmeister werden, hätte ich aber auch nichts dagegen.

-Jetzt aber erst mal gegen Spanien und Brasilien...

… zwei Nationen, gegen die ich noch nicht auf dem Platz gestanden habe. Daher eine schöne Aufgabe – wenn ich ran darf. Vor einer WM sollte man auch solche Spiele haben.

-Ihre DFB-Karriere begann im Herbst 2014, nach der WM. Wie haben Sie das legendäre 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien miterlebt?

Wir waren mit dem 1. FC Köln im Trainingslager, haben das Spiel in einer größeren Gruppe geguckt. Ich hatte als Zuschauer eine gewisse Anspannung – die aber schnell verflogen war.

-Erschien Ihnen, was Sie sahen, unwirklich?

Ja. Wann hat man das schon mal, dass ein Halbfinale bei einem großen Turnier so ausgeht? Auch weil es so früh so hoch stand – extrem überraschend. Und gegen Brasilien! Sie hatten immer überragende Einzelspieler.

-Ein Thema im Fußball waren die Aussagen von Per Mertesacker über den Druck, dem man als Profi ausgesetzt ist. Sie waren bei einem kleinen Amateurverein, sind erst relativ spät nach Köln gewechselt und zunächst beim FC in der zweiten Mannschaft gewesen. Hat sich der Druck mit dem Aufgaben und der Spielklasse gesteigert? Oder ist Druck überall gleich?

Druck war auch schon auf Amateurebene da. Bei den Profis geht es mittlerweile halt um richtig viel Geld, was den Verein betrifft. Es geht – das kriegt man mit, wenn ein Klub zwischen Bundesliga und Zweiter Liga steht – um Einsparungen, um Arbeitsplätze, um die Fernsehgelder. Das steigert dann den Druck.

-Per Mertesacker litt besonders vor dem unmittelbaren Beginn eines Spiels. Wie geht es Ihnen da?

Ich versuche es immer als Spiel zu sehen in diesen Momenten. Denn nichts anderes ist es, wenn man auf den Platz geht und einem Ball hinterherjagt. So kann ich den Druck, der von außen kommt, von mir persönlich nehmen.

Das Interview führte Günter Klein

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