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Ein Medienereignis: Jürgen Klinsmann übernimmt einen Trainerjob – wie am Mittwoch den in Berlin. 

Klinsmann - der Aufreger

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Da können für ein paar Tage nicht einmal die Bayern medial mithalten: Die Aufmerksamkeit Deutschlands richtet sich auf Berlin, auf Hertha BSC, ein Kellerkind der Bundesliga. Weil dort Jürgen Klinsmann übernommen hat. Der Welt-Schwabe beschäftigt die Fußball-Fans wie kein anderer. Man begegnet ihm mit Misstrauen – und doch jedes Mal mit Interesse: Bricht wieder eine Revolution aus?

Als sich am Mittwoch die Nachricht vom Trainer-Comeback Jürgen Klinsmanns in der Bundesliga verbreitete, diskutierten bei Twitter drei Journalisten, die ihn in seinem Jahr beim FC Bayern, 2008/09, erlebt hatten, über die bevorzugte Grußformel aus seinem Mund.

Sagte er nun „Mahlzeit“, „Mahlzeit, Männer“ oder „Mahlzeit miteinander“? Vielleicht hat er die Formel leicht variiert, doch „Mahlzeit“ war unstreitig der Kerngruß. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. „Mahlzeit“, wenn er zu den (vor-)mittäglichen Gesprächsrunden mit der Presse kam, „Mahlzeit“ auch um halb zwei in der Früh, nach dem Bankett bei Champions-League-Reisen, wenn man sich auf dem Hotelflur traf. Stand ein Tisch in der Nähe, klopfte er drauf.

Was Jürgen Klinsmann mit seinem „Mahlzeit“ wohl ausdrücken wollte: Dass er bodenständig, konservativ und verlässlich ist – wo ihn doch alle für abgehoben und einen Revoluzzer hielten.

Die Öffentlichkeit hat Klinsmann immer belauert und distanziert behandelt. Nur einmal löste sich das Misstrauen auf: Als in diesem Wahnsinnssommer 2006 mit der Heim-Weltmeisterschaft das ganze Land erfasst wurde von Euphorie um das von ihm orchestrierte Team. Da hielten die Leute Jürgen Klinsmann ziemlich vorbehaltlos für den richtigen Bundestrainer. Sie waren traurig, als er sagte, er sei nun erschöpft und verbraucht und werde sein Amt zur Verfügung stellen.

Sonst war um Jürgen Klinsmann herum ein ständiges Pro und Kontra. An keiner anderen Figur des Fußballs konnten sich die Deutschen so reiben.

Der Spieler Klinsmann: Einer der effektivsten deutschen Stürmer, der an guten Tagen Spiele gewann – wie 1990 das WM-Achtelfinale gegen die Niederlande. Doch auch einer, dem die Bälle versprangen, weswegen die, die technisch mehr drauf hatten, ihn „Flipper“ nannten. Er stand unter dem Verdacht, sich unlauter in die Weltklasse geschlichen zu haben.

Der Typ Klinsmann: Bäckersohn, Strahlemann, offen für die Welt, Rucksacktourist – doch an anderen Tagen verschlossen, genervt, einsilbig und mit First-Class-Ticket unterwegs.

Der Trainer Klinsmann: Große Pläne, Start mit Elan – doch die Projekte versanden. Oder bleibt von ihnen doch irgendwas bestehen?

Mehr zumindest, als man glauben mag.

Die deutsche Nationalmannschaft coachte Klinsmann nur zwei Jahre, 2004 bis 06. Doch vieles von dem, was er einführte, gibt es immer noch. Vor 15 Jahren engagierte er den amerikanischen Fitnesstrainer Mark Verstegen, der die Spieler Schlitten hinter sich herziehen oder sie in Hockstellung an Gummibändern watscheln ließ. Die Verbindung des DFB zu Verstegens Company hielt, Shad Forsythe, einer seiner Trainer, ist nach wie vor bei allen Länderspielen und jeder Turniervorbereitung dabei.

Klinsmann machte aus der Verkündung eines Turnierkaders einen feierlichen Akt, das wurde beibehalten. Ebenso die Art der intensiven Vorbereitung auf WM oder EM – auch wenn aus Termingründen das Regenerations-Trainingslager, zu dem die Spieler ihre Familien mitnehmen durften, allenfalls noch in gekürzter Form stattfindet.

Dass die Spieler bei der Nationalhymne den Nebenmann umfassen – auch das führte Klinsmann ein, zur WM 2006. Er hat Standards gesetzt. Und sogar dem FC Bayern einiges hinterlassen, obwohl diese Beziehung nach weniger als einem Jahr im Chaos endete.

Am Anfang durfte Jürgen Klinsmann an der Säbener Straße alles. Er hatte bis zu seinem Dienstbeginn (1. Juli 2008) ein halbes Jahr Vorlaufzeit, und die nutzte er zu einem großflächigen Umbau des Profitrakts. Er ließ einen Hörsaal, ein Sprachlabor und eine Bibliothek einrichten, die Spieler sollten Fortbildungskurse belegen. Aufs Dach kam ein Loungebereich mit DJ-Pult (und den berühmten Buddha-Statuen) – das Mobiliar war so wuchtig, dass der FC Bayern um die Statik seines Gebäudes fürchtete. In der Kabine wollte der neue Trainer ein Entmüdungsbecken haben, dessen Wasser aber so kalt zu sein hatte, dass der FC Bayern Eisblöcke anliefern lassen musste, um es herunterzukühlen.

Zunächst war der FC Bayern stolz auf das Leistungszentrum und lud die Ressortleiter der Münchner Zeitungen zu Führungen ein – als es sportlich nicht lief, wurden die Kosten auf zwei Millionen Euro heruntergerechnet und die Umbauten modifiziert: nur ein neuer Anstrich.

Geblieben ist das Medienzentrum, das das alte Pressestüberl, Schauplatz großartiger Szenen (Trapattoni-Wutrede 1998, Stefan Effenbergs „Freunde der Sonne“) ersetzte. Klinsmann versprach den Reportern entspanntes Arbeiten in modernem Ambiente – tatsächlich gewann er mit der neuen Einrichtung die Kontrolle darüber, wer sich wann mit wem traf. Das stärkte auch die vereinseigenen Kanäle: Das FC Bayern.tv gab es damals schon, Klinsmann stärkte den Sender, der heute ein Vollbetrieb ist.

Klinsmann scheiterte beim FC Bayern als Trainer auch an seiner Umtriebigkeit und der Überbewertung von Details. Uli Hoeneß ermüdete es, dass Klinsmann ihn zu Fragen wie der Wahl des richtigen Tageshotels vor den Spielen konsultierte. Es ging darum, wo die Spieler besser Mittagsschlaf halten können, was wiederum mit der Lichtundurchlässigkeit der Vorhänge zu tun hatte. Ausschlaggebend für die Trennung war aber, dass Klinsmann – so sah es Hoeneß – nicht das Format hatte, mit einem edel besetzten Kader zurechtzukommen. Seitdem geht der Club Experimente wie mit Klinsmann auch nicht mehr ein.

In München hat Klinsmann verbrannte Erde hinterlassen. Doch er pflegt auch viele und stabile Freundschaften – wie zu Berti Vogts, den er als Assistent in den US-Verband holte, oder Arne Friedrich, den er jetzt in Berlin als „Performance Manager“ einspannt. Er selbst kann im Umgang knurrig sein („Zwei Fragen? Eine reicht“), doch umgibt sich mit Menschen, die grundfreundlich sind und gut kommunizieren können. Andere Stars springen von Manager zu Manager – Klinsmanns Umfeld ist stabil, zu seinen Freunden ist er loyal.

Womit manche halt Probleme haben, ist sein Pendeln zwischen den Welten. Es könnte der Eindruck entstehen, dass Jürgen Klinsmanns Wertschätzung für die alte Heimat Deutschland sich nach seiner Ertragssituation richtet. In seiner Bundestrainerzeit war der Hauptwohnsitz am Huntington Beach in Kalifornien das Reizthema schlechthin, zuletzt flog er zu seinem Experten-Job bei RTL ein, den er eher uninspiriert verrichtete.

Er hat sein Interesse an einer Position beim VfB Stuttgart anheizen lassen (Roland Eitel, Verfasser der ersten Klinsmann-Biografie 1988, Wegbegleiter und Berater: „Bei einer Stuttgarter Nummer auf dem Telefon wird er immer abheben“) und seine alten Berlin-Connections nun wiederbelebt. Sofort stand das Misstrauen wieder im Raum: Ist Hertha auf einmal interessant, weil Investorengeld ins Spiel gekommen ist? Kurz zuvor hatte es noch so geklungen, als wolle er sich dem umstrittenen WM-2022-Ausrichter Katar („Wird eine WM der Extraklasse, ein wundervolles Erlebnis. Ich kann es kaum erwarten“) als Botschafter andienen.

Klinsmann landete also in Berlin. Er startet mit tiefen Einschnitten ins Vereinsgefüge, mit weitreichenden Kompetenzen, mit Schwung und großen Ansagen. Das Land ist in Aufregung, es vernimmt den Klinsmann-Sound.

Mahlzeit, Deutschland!

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