Nach zehn Jahren endlich Kapitän: Schweinsteiger, Anführer Nr. 119 der DFB-Historie. afp
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Nach zehn Jahren endlich Kapitän: Schweinsteiger, Anführer Nr. 119 der DFB-Historie.

Nach zehn Jahren

Mit Kapitän Schweinsteiger nach Paris

München - Bastian Schweinsteiger folgt als Kapitän in der Nationalmannschaft auf Philipp Lahm. Der Bayer steht für heroische Kraftmeierakte – große Parolen sind da keine Lachnummern mehr.

51 Tage sind vergangen seit dem WM-Sieg in Rio, seitdem hatte sich Bundestrainer Joachim Löw nicht mehr blicken lassen. Sein erster Auftritt gestern wäre also ohnehin schon recht spannend gewesen, aber den Bogen überspannte zudem, dass richtungsweisende Mitteilungen zu erwarten waren. Er genoss in Düsseldorf sichtlich die Szenerie, erinnerte zunächst noch mal an die „Momente für die Ewigkeit“, die die WM in Brasilien beschert hatte. Dann schaute er nach vorne, schon wieder kampfeslustig: „Ziel soll, muss jetzt das EM-Finale in Paris sein.“ Und schließlich, es war 12.45 Uhr, tat er die wichtigste Personalie kund, die auf dem Platz den Übergang zwischen WM und EM regeln helfen soll: „Bastian Schweinsteiger wird der neue Kapitän sein.“

Zehn Jahre ist es her, dass der Bayern-Profi im Alter von zarten 20 in der deutschen Nationalelf debütierte. Am 6. Juni spielte die DFB-Auswahl in Kaiserslautern gegen Ungarn, Schweinsteiger kam zur Pause für Andreas Hinkel.

Es liegen Welten zwischen Sanssouci und Rio de Janeiro

Es stand schon 0:2, dabei blieb es auch, und es war eine Partie, die plakativ steht für eine schwere Phase im deutschen Fußball. Zwar hütete Oliver Kahn das Tor, doch Sportkameraden wie Jens Nowotny, Torsten Frings oder Fredi Bobic, die an jenem unseligen Abend gegen die Magyaren untergingen, gehörten nicht zu dem Menschenschlag, die den Fußball prägten. Michael Ballack galt damals als einziger Hochbegabter, nun, zehn Jahre später, wenn Schweinsteiger als neuester Erbe des ehemaligen „Capitanos“ das Amt übernimmt, lässt sich wieder einmal feststellen: Puh – es hat sich, Gottlob, einiges getan in diesen zehn Jahren.

Heute kann der Bundestrainer unverblümt das Finale einer EM als Ziel ausgeben – mit Kapitän Schweinsteiger nach Paris, bei dieser Parole lacht keiner. Mit Ballack gastierte die Auswahl im Februar 2001 mal in der französischen Hauptstadt. Endergebnis 0:1, Zinedine Zidane hatte den Unterschied ausgemacht, und über den völlig indisponierten Anführer Ballack lästerten die Zeitungen: „Der Spaziergänger von Sanssouci“.

Es liegen Welten zwischen den desinteressiert wirkenden Auftritten von einst und beispielsweise jenem heldenhaften Kraftmeierakt, den der neue Kapitän den Fans beim Finale von Rio de Janeiro bot. Auch diesem Schweinsteiger ist oft nachgesagt worden, er bliebe hinter seinen Möglichkeiten, und noch heute sehen ihn einige als überbewertet – aber eines darf man dem Mann nicht absprechen: Im Laufe der Jahre hat er an Aura gewonnen, an Reife. Er ist der logische neue Kapitän.

Löw sagte, er habe nicht lange grübeln müssen nach der Demission von Philipp Lahm. In der letzten Woche traf er sich mit dem bisherigen Vize, und schnell wurde klar, dass Schweinsteiger mit dem Amt gerechnet hat. „Er sprüht nur so vor Ehrgeiz, das habe ich sofort gespürt. Sein großes Ziel ist diese EM“, schilderte der Bundestrainer die Unterredung, „er ist der legitime Nachfolger von Lahm.“

Nicht alle sehen das so in der Branche, was typisch für den Oberbayern ist, den seit Jahren Skepsis begleitet. Dass er aufgrund seiner Erfahrung, seiner Erfolge mit der Nationalelf und seines FC Bayern sowie seines Dienstalters mit stolzen 108 Länderspielen eine fast zwangsläufige Lösung war, bestreitet keiner. Auf der anderen Seite verweisen Kritiker aber auch auf die hohe Verletzungsanfälligkeit des 30-Jährigen, der heute Abend im Testspiel gegen Argentinien ebenfalls von Manuel Neuer als Kapitän vertreten werden muss – und auf die Tatsache, dass er sich im Gegensatz zu seinem Torwart oder dem Verteidiger Mats Hummels öffentlich eher bedeckt hält. Dass er intern ein großer Kommunikator sein soll, ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar. Und selbst hinter den Kulissen heißt es oft, die wahren Meinungsführer seien andere. Schweinsteiger hat es bisher versäumt, diese Vorwürfe mit pointierten Bemerkungen zu entkräften. Er zeichnete zuletzt lieber das Selbstporträt der beleidigten Leberwurscht.

Er wird also auch an dieser Aufgabe DFB-Kapitän wachsen müssen, was im Herbst der Karriere abseits des Platzes seine letzte große Herausforderung werden dürfte. Er habe seine eigene Art zu führen entwickelt, ließ er gestern wissen, „ich weiß aber auch, dass ab sofort weitere Verpflichtungen dazukommen werden, insbesondere außerhalb des Fußballfeldes. Ich werde mich da reinarbeiten.“

Vize rekrutiert sich abwechselnd aus Mannschaftsrat

Schweinsteiger stellte sich aber auch gestern nicht persönlich als Ansprechpartner, er ließ stattdessen lieber über die Medienabteilung des DFB eine „Regierungserklärung“ verschicken. „Das Ziel ist klar der EM-Titel“, bestätigte er den Bundestrainer darin, „wir wollen als Mannschaft unsere Geschichte weiterschreiben.“

Es sei zunächst verabredet, dass Schweinsteiger bis 2016 die Binde trägt, sagte Löw, einen Abschied nach der EM könne man daraus aber nicht ableiten: „Das ist einfach die nächste Periode.“ Auf einen neuen Vize-Kapitän legte sich der Bundestrainer nicht fest: Der Mannschaftsrat um Neuer, Hummels und Sami Khedira werde abwechselnd den Vertreter stellen. In den Augen von Schweinsteiger funktioniere ein Team heute ohnehin nur, wenn sich mehrere Spieler der Verantwortung stellen: „Am erfolgreichsten waren wir immer, wenn elf bis 14 Kapitäne auf dem Platz gestanden sind – bei der Triple-Saison mit den Bayern und jetzt beim WM-Sieg hatten wir in den Kadern nur Kapitäne.“ Wie schon gesagt: Es hat sich viel getan seit den Spaziergängen von Sanssouci.

Andreas Werner

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