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Wie lange wird nachgespielt? Der Vierte Offizielle zeigt an, was er Schiedsrichter ihm durchgegeben hat. Im Amateurfußball signalisiert es der Referee mit den Fingern.

Ein Spiel dauert 90+ Minuten

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Die Fußball-Bundesliga absolviert ihren letzten Spieltag vor der Winterpause. Was wir zum Jahresschluss sicher erleben werden: Diskussionen um die Nachspielzeit, wenn eine Partie umkämpft ist. Unter Trainern, Spielern und auch Fans wird es emotional. Da bietet es sich doch an, mal einen Fachmann zu fragen, wie Nachspielzeit berechnet wird, welche Regel ihr zugrunde liegt und was in der Praxis zu beachten ist.

Die Nachspielzeit gab es schon immer, sie wurde nicht erst vor zwanzig Jahren eingeführt, als bei der WM in Frankreich erstmals elektronische Tafeln hochgehalten wurden, um anzuzeigen, wie viele Minuten es sein würden.

Doch 1998 hat sich eingebrannt in der Wahrnehmung der Nachspielzeit, weil der populäre und geachtete ARD-Kommentator Gerd Rubenbauer einen Lapsus beging, der in den gängigen Fußball-Fehlleistungs-Samplern immer wieder zitiert wird. Rubenbauer kommentierte das Spiel Jamaika – Kroatien und war irritiert, als nach Ablauf der regulären Spielzeit von 90 Minuten auf Höhe der Mittellinie diese Tafel hochgehalten wurde. Auf ihr prangte die Ziffer 1.

„Jetzt wechselt Jamaika den Torhüter aus!“, staunte Rubenbauer. Das wäre eine wirklich absolut ungewöhnliche personelle Maßnahme gewesen. Jedoch: Es war kein Spielerwechsel angestrebt. Es ging lediglich um eine neue Anweisung der FIFA: Dass auf diese Weise anzuzeigen ist, wie lange der Schiedsrichter (mindestens) nachspielen lässt.

Jamaikas Tormann blieb auf dem Feld, und die zweite Halbzeit dauerte 46 Minuten. Man gewöhnte sich schnell an die grün, gelb oder rot leuchtenden Zahlen. Im professionellen Fußball sind sie in allen Wettbewerben zu sehen. Ein universaler Code.

Die Regel gilt ja auch überall. Regel 7, Dauer des Spiels. Absatz 3, Nachspielzeit. „Der Schiedsrichter bestimmt in jeder Halbzeit die Nachspielzeit, um die Zeit zu kompensieren, die durch folgende Ereignisse verloren ging: Auswechslungen, Untersuchung und/oder Abtransport von verletzten Spielern, Zeitschinden, Disziplinarmaßnahmen, Trinkpausen, Verzögerungen aufgrund von Videosichtungen und Videoüberprüfungen, Verzögerungen bei der Spielfortsetzung (z.B. beim Torjubel)“. Weil immer was ist, kann ein Spiel nach 90 Minuten gar nicht beendet sein.

Wenn man Details zu Regeltheorie und Schiedsrichterpraxis erfragen will, wendet man sich in Deutschland am besten an Alex Feuerherdt. Er war selbst Schiedsrichter bis zur Oberliga, heute bildet er in Nordrhein-Westfalen aus und coacht – was es zu seiner Zeit noch gar nicht gab – junge Referees. Bekannt ist er zudem als für den Fernsehsender n-tv arbeitender Fachmann zu Schiedsrichterfragen und durch den Podcast „Collinas Erben“, den er mit den Deutschlandfunk-Moderator Klaas Reese betreibt und der zu einer Erfolgsgeschichte geworden ist. In den sozialen Medien wird Feuerherdt oft schon während der Spiele angeschrieben, wenn es knifflige Szenen gegeben hat.

Zur Nachspielzeit. „Ich bin noch in einer Schiedsrichter-Generation großgeworden, der man eingetrichtert hat: Die Nachspielzeit ist der Tod des Schiedsrichters.“ Soll heißen: „Du kannst 90 Minuten klasse gepfiffen haben, doch ab der 91. steigt die Intensität und die Fehlergefahr auf allen Seiten, es ist noch mal Dampf auf dem Kessel.“ Und leicht passiere es, „dass in der Nachspielzeit plötzlich einer im Strafraum auf dem Boden liegt und schreit“. Der Schiedsrichter kriegt den Ärger ab – unabhängig davon, wie er entscheidet. Die eine Seite ist sauer. Oder die andere.

Die Anweisung war früher, „dass überflüssige Nachspielzeiten zu vermeiden sind, doch heute kannst du das schon in den höheren Amateurklassen nicht bringen“. So kommt es, dass die Nachspielzeiten üppiger werden und die Partien länger dauern. Die FIFA legte bei der Weltmeisterschaft 2018 nach Ende der Vorrunde eine Bilanz vor: 6:15 Minuten betrug die durchschnittliche Nachspielzeit der 48 Partien – 2014 in Brasilien, wo im Fall hoher Luftfeuchtigkeit oder sengender Hitze Kühlpausen eingelegt wurden – waren es noch 5:19 Minuten gewesen.

Der DFB, so erzählt Alex Feuerherdt, treffe noch eine feine Unterscheidung „zwischen vergeudeter und verlorener Spielzeit“. Vergeudete ist „die klassische Spielverzögerung aus taktischen Gründen“, die verlorene die, welche sich unweigerlich ergibt: durch witterungsbedingte Unterbrechung, medizinische Behandlung.

Verlorene Spielzeit muss nachgeholt werden, daran führt kein Weg vorbei. Im Amateurfußball, der nicht die professionelle Logistik hat, wie man sie von einem Bundesligaspiel kennt, kann es vorkommen, dass ein Spiel auch mal eine halbe Stunde länger dauert. Beispiel: Spieler bricht sich das Bein, kann nicht aufstehen – da heißt es Warten, bis die Sanitäter kommen.

Verlorene Spielzeit ist objektiv messbar, die vergeudete eine Sache der subjektiven Wahrnehmung. „In der Praxis entwickelt der Schiedsrichter ein Gefühl, wie lange bestimmte Situationen dauern“, so Feuerherdt. „Wechselt eine Mannschaft zum zweiten Mal auffällig langsam, dann rechnest du im Kopf schon 30 Sekunden dazu.“ Worauf zu achten ist beim Nachholen von vergeudeter Spielzeit: „Die Vorteilsbestimmung. Eine Mannschaft führt 1:0, sie spielt auf Zeit, dann fällt doch das 1:1 – da sagt man als Schiedsrichter: Ich wollte eigentlich vier Minuten nachspielen lassen, aber jetzt, wo’s 1:1 steht, wird’s weniger.“

Die Bundesliga agiert, die Nachspielzeit betreffend, übrigens etwas ungezwungener als andere Ligen. Auswertungen der Internetplattform „Statsbomb“ von 2017 zeigen, dass die Spiele in England und Spanien länger dauern. „International wird gnadenlos nachgespielt“, weiß Experte Alex Feuerherdt, „da gibt’s die Anweisung für jedes Tor und jeden Spielerwechsel 30 Sekunden zu berechnen.“ In der Bundesliga dagegen kann auch mal pünktlich Schluss sein. Zuletzt der Fall vor einer Woche bei Hannover 96 – FC Bayern. Warum bei 0:4 stur verlängern?

Die längere Nachspielzeit gibt es meist in der zweiten Halbzeit. In der ersten kommt es natürlich auch zu Verzögerungen, „aber es gibt weniger Wechsel, und es kulminiert halt zum Schluss“.

Die Nachspielzeit, die angegeben wird, ist eine Mindestzeit. Der Schiedsrichter kann sie aufstocken, muss es aber nicht weiter anzeigen. Es besteht kein Anspruch darauf, dass nach vier Minuten Schicht ist, wenn zuvor die 4 aufgeleuchtet ist. Allerdings darf der Schiedsrichter dann auch nicht früher abpfeifen – das könnte zum Einspruch gegen die Spielwertung führen.

Beim WM-Spiel Deutschland – Südkorea (0:2) wurden fast neun Minuten draufgesetzt. Zunächst waren es sechs, doch das erste Tor wurde einem Videobeweis unterzogen. Die Zeit dafür musste nachgespielt werden.

Auch in der Nachspielzeit wird getrickst. Die Trainer ziehen noch einen Wechsel, der Spieler, der runter muss, tut dies im Spazierschritt. Feuerherdt: „Bei einem konsequenten Schiedsrichter bringt es keinen Zeitgewinn, weil er nachspielen lässt. Es kann aber den Spielfluss des Gegners stören.“ Die Gelbe Karte wird für so etwas selten gezeigt – es wäre eine weitere Störung des Betriebsablaufs.

Alex Feuerherdt ist auch als Chaperon in der Bundesliga tätig, als Assistenz des Arztes bei Dopingkontrollen. Da steht er in der Schlussphase hinter dem Vierten Offiziellen und bekommt mit, welchem Druck und Feilschen um Zeit der von beiden Trainerseiten ausgesetzt ist. Fazit: „Kein Zuckerschlecken-Job.“

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