Lutz Pfannenstiel steht mit Sonnenbrille vor einem Sportwagen
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USA: Lutz Pfannenstiel baut ein MLS-Team auf.

Ex-Torwart Lutz Pfannenstiel über seine Pionierarbeit in den USA, PS-Werbung und Mentalität

Pfannenstiel im Exklusiv-Interview: „Messi würde nicht zu uns passen“

Lutz Pfannenstiel (47) ist im Fußball herumgekommen wie kein Zweiter. Der gebürtige Zwieseler spielte als Profi auf allen Kontinenten, darum gilt er als „Welttorhüter“. Nach dem Ende seiner Spielerzeit wurde er sesshafter: Acht Jahren bei der TSG Hoffenheim folgten zwei als Sportdirektor bei Fortuna Düsseldorf. Seit August 2020 arbeitet er in den USA. Pfannenstiel baut den Club St. Louis City auf, der 2023 in die Major League Soccer (MLS) einsteigen wird.

Lutz, erst in zwei Jahren wird Ihr neuer Club richtig spielen. Man könnte meinen, Sie schieben derzeit eine ruhige Kugel.

Der Arbeitsaufwand ist groß. Wir haben uns entschieden, nicht eine bestehende Organisation aufzukaufen, sondern hier alles von Null aufzubauen und mit einem weißen Blatt Papier anzufangen. St. Louis ist eine der interessantesten Aufgaben im internationalen Fußball. Die Ziele sind groß, die Möglichkeiten auch.

Lassen Sie uns an den Plänen und an Ihrem Optimismus teilhaben.

Fußball ist hier in der Ecke extrem beliebt und spielt durch die Highschools und Universitäten traditionell eine große Rolle. Die Historie geht bis 1875 zurück. Und durch das Franchise-System der MLS ist alles auf einer soliden Basis aufgebaut. Es müssen alle Kriterien erfüllt sein, um überhaupt eine Chance zu haben, in die Liga aufgenommen zu werden. Die Seriosität der Eigentümer spielt eine große Rolle, und man untersucht Markt, Nachfrage und Entwicklungspotenzial.

Wer sind die Eigentümer?

Das ist die Familie Taylor. Ihr gehört die Enterprise Autovermietung, die größte der Welt, man kennt das grüne Firmenschild von den Flughäfen. Die Taylors wollen einen Verein mit sozialem Hintergrund schaffen. St. Louis hat strukturschwache Gegenden mit hoher Kriminalität. Fußball soll helfen, dass die Jugendlichen nicht auf die schiefe Bahn geraten. Die Familie engagiert sich sozial und investiert – ähnlich wie Dietmar Hopp in Hoffenheim – viel Energie und Geld in diese wichtigen Projekte. Das Misstrauen gegenüber privaten Investoren gibt es in Amerika nicht. Da ist es normal, dass sich Vereine in Privatbesitz befinden. Anfeindungen, wie sie Dietmar Hopp in fremden Bundesliga-Stadien erlebt hat, sind hier gegenüber den Klubbesitzern unvorstellbar. Die romantische Illusion vom schweißgetränkten Traditionsverein existiert hier nicht.

Zur Präsentation des Clubs hat man Sie im Sportwagen vorfahren lassen. Das war laut und plakativ. Was war die Botschaft?

Die amerikanische PR-Maschine läuft etwas anders als in Deutschland. Und ich sehe meine Aufgabe hier als ein „Enterprise“, ein Unternehmen im besten Wortsinn: Krempeln wir die Arme hoch, fangen wir an, bauen wir auf! Wir wollen in Ruhe und mit Besonnenheit etwas Besonderes schaffen. Wir wollen aber auch Rekorde brechen- Und das ist uns auch schon gelungen. Wir haben im September den Verkauf von Dauerkarten gestartet. Unser Stadion, das im Stadtzentrum liegen wird und mitten im Bau ist, wird knapp 25 000 Plätze haben. Nach 14 Minuten hatten wir 30 000 Tickets verkauft, nach 24 Stunden waren es 50 000. Es herrscht ein brutaler Enthusiasmus. Da darf die Motorisierung bei der Präsentation schon mal etwas stärker daherkommen.

Was hat die Stadt an Profisport zu bieten?

Die Cardinals im Baseball , sie sind eine der traditionsreichsten Mannschaften aller Zeiten, die Blues im Eishockey, 2019 haben sie den Stanley Cup gewonnen. Das American-Football-Team der Rams spielt seit einigen Jahren wieder in Los Angeles, dadurch war der dritte Spot nicht besetzt. Die Leute wollten Fußball haben.

Wie sieht Ihr Job aus?

Stadion und Trainingsgelände bauen, mein Team mit Trainer, Scouts und Administration finden, Nachwuchsstützpunkte in der Stadt etablieren, ein gesamtes Nachwuchsleistungszentrum aufbauen, die Profimannschaft zusammenstellen. Langweilig ist mir selten.

Eine Mammutaufgabe. Ich konnte zum Glück Bernhard Peters gewinnen.Der ehemalige Hockey-Bundestrainer, der auch für den DFB, die TSG Hoffenheim und den Hamburger SV arbeitete.

Ja, und er ist eine absolute Koryphäe. Wir wollen kein Copy-and-Paste-Verfahren machen, doch es gibt Parallelen zu Hoffenheim, da kann man einiges übernehmen. Bernhard Peters ist auf Consulting-Basis für uns tätig und übernimmt eine wichtige Rolle in meinen sportlichen Planungen. Momentan läuft vieles über Zoom und Teams – aber in meinen letzten Monaten in Düsseldorf, als Corona schon in der Welt war, war es auch nicht anders.

Sie kennen den Fußball auf der ganzen Welt. Gibt es etwas, das Sie in Amerika überrascht?

In der Tat, ja, und das hat in Deutschland niemand auf dem Schirm: Weltweit gilt Fußball als Massen- und Volkssport, erschwinglich für jeden. In Amerika ist das nicht der Fall, da ist Fußball - nicht an der Schule, aber an der Akademie oder im Verein – der Sport für die Kinder der eher reichen Bevölkerung. Leute mit geringerem Einkommen können ihn sich nicht leisten. Das „People’s Game“ ist hier eher nicht Volkssport. Dieser Unterschied hat mich am meisten überrascht, Es gehen Talente verloren, weil sie in das Gefüge gar nicht hineinkommen. Auch das will St. Louis City ändern. Die Ausbildung, die wir in Stützpunkten in der Stadt anbieten, wird komplett kostenfrei sein. So kommen wir an alle Teile der Bevölkerung, zum Beispiel auch an die bosnische Community, die hier die größte außerhalb Bosniens ist und der Fußball im Blut liegt. Die Familie von Vedad Ibisevic etwa lebt in St. Louis. Minderheiten und Migrantenkinder werden bei uns den Weg in den Fußball finden können. Wobei unser Konzept ein ganzheitliches sein wird. Nur drei bis fünf Prozent schaffen es in den Profifußball, wir wollen den 95 bis 97 Prozent einen Plan B bieten für das normale Leben.

Wie wird der Nachwuchs aufgebaut sein?

U7 bis U13 in den Stützpunkten, ab der U14 kommen die Kinder in die Akademie. Wir fangen 2021 mit dem Spielbetrieb der U16 und U17 an, 2022 steigen U14, U15 und die Development Squad, die zweite Mannschaft, ein, 2023 die Profis. Sechs Teams werden unter dem Wappen St. Louis City SC spielen.

Start in zwei Jahren – da werden Sie jetzt wohl noch keinen Spieler verpflichten?

Im November 2022 anzufangen, wäre aber der falsche Ansatz. Wir wollen die Transferfenster 2022 nutzen, um Anfang 2023 den kompletten Kader zur Verfügung zu haben. Als Expansionsteam dürfen wir auch Spieler aus anderen Vereinen wählen.

Ist daran gedacht, dass ein großer internationaler Name das Team veredelt?

Seit Lionel Messi sagte, er wolle in den USA spielen, habe ich Hunderte Mails bekommen, dass ich ihn verpflichten soll. Ich war zu Pep Guardiolas Zeit beim FC Barcelona dort einen Monat im Praktikum, ich kenne Messi. Ich glaube, er würde sich eher Richtung Florida oder Kalifornien orientieren. Der Mittlere Westen steht für Bodenständigkeit, Arbeit, die Coolness von New York, Miami, Los Angeles passt nicht hierher. Wie die Blues im Eishockey wollen wir junge Mentalitätsspieler. Und einen Stil, der Speed ausdrückt, Dynamik, Energie. So wie der Sportwagen bei meiner Vorstellung, den Sie vorhin ansprachen (lacht). Ein Spiel, bei dem es nicht um riesige Ballbesitzanteile geht. Schnell und giftig in den Zonen, wo sich das Spiel entscheidet, das soll unsere DNA sein.

Interview: Günter Klein

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