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Erfüllung einer Karriere: Pierre Littbarski (l.) steht das Glück am 8. Juli 1990 ins Gesicht geschrieben.

Pierre Littbarski und die WM 1990: „In dieses Finale ging ich voller Freude“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Vor 30 Jahren: Kaiser Franz Beckenbauer lustwandelt durch das Olympiastadion von Rom, die deutschen Fußballer blicken nicht nur aufs eigene Endspiel, sondern auch zum Tennis nach Wimbledon - und gesungen wird auch.

Pierre Littbarski, in diesem Jahr 60 geworden, hat als Spieler eine große Ära des deutschen Fußballs erwischt. Er nahm an drei Weltmeisterschaften teil, jedes Mal erreichte die Nationalmannschaft das Finale. 1982 erlebte er die 1:3-Niederlage gegen Italien auf dem Platz, 1986 verfolgte er das Endspiel gegen Argentinien (2:3) von der Bank aus, 1990 wurde er in Rom endlich Weltmeister.

Herr Littbarski, zu Ihrer Zeit nahm die Nationalmannschaft vor einer WM immer noch eine Schallplatte auf. 1982 „Olé Espana“ mit Michael Schanze, vier Jahre später „Mexico mi amor“ mit Peter Alexander, 1990 sang man unter Anleitung von Udo Jürgens „Wir sind schon aufm Brenner“. Welches Lied war das beste?

Schon der „Brenner“. Wir fanden es lustig, und es war Bestandteil der WM.

Die Spieler haben die WM-Lieder auch außerhalb des Aufnahmestudios gesungen?

Ja, manchmal haben wir das gemacht. Innerhalb einer Fußballmannschaft gibt es viel Flachserei – und wir hatten vor allem Co-Trainer Holger Osieck auf dem Kieker. Der kannte alle Texte auswendig und ging perfekt vorbereitet in jede Gesangsstunde, aber eben auch ihm fehlte eine gewisse Qualität beim Vortrag. Im Studio hatten wir Kopfhörer auf. Oft aber ließen wir ein Ohr frei, um Osieck zu hören. Und auf Busfahrten haben wir ihn häufig aufgefordert: ,Holger, sing doch mal.’

Das Turnier 1990 verlief für Sie persönlich nicht geradlinig. In den Vorrundenspielen wurden Sie eingewechselt. Achtel- und Viertelfinale gegen Niederlande und CSFR haben Sie komplett gespielt, im Halbfinale gegen England waren Sie verletzt, im Finale liefen Sie auf. . .

Es war korrekt, dass Franz Beckenbauer mich im Halbfinale nicht eingesetzt hat. Trotzdem und das ganze Turnier über war die Hoffnung da, dass ich für den Fall des Finales berücksichtigt werde. Ich hatte da eine ziemlich realistische Sichtweise: Alle, die in Italien zum Kader gehörten, waren nicht versehentlich Nationalspieler geworden, besonders die Positionen im Mittelfeld waren hart umkämpft.

Fühlte sich das Finale von Rom 1990 im Vorfeld anders an als das von Madrid 1982?

Ja, und das ist altersbedingt. Bei meinem ersten WM-Finale war ich 22 und definitiv nervöser. Mit 30 habe ich eher so etwas wie Freude empfunden. Es hat sich bestätigt, dass Erfahrung wertvoll ist. Man weiß dann, was passieren kann.

Andreas Brehme sagte mal, die Mannschaft sei sich nach Überstehen des Halbfinales sicher gewesen, dass sie den Titel gewinnen würde, weil Argentinien im Vergleich zu 1986 an Klasse verloren hatte.

Die Argentinier waren über ihrem Zenit, sie hatten sich in Italien ins Finale geschmuggelt. Wir waren uns bewusst, dass ein Geistesblitz von Diego Maradona immer gefährlich sein kann, waren uns allerdings sicher, dass wir bei normaler Leistung gewinnen. Unsere Überlegenheit konnte man auch sehen.

Auf Beobachter wirkte das Spiel im Olympiastadion von Rom zäh.

Endspiele mit Spektakel gab es doch kaum. Ein Finale hat immer eine eigene Norm. Man will dem Gegner nicht ins offene Messer laufen, die Teams tasten sich erst mal ab. Doch ich kann mich erinnern, dass wir den Großteil der Chancen hatten. Ich selbst zwei.

Die Entscheidung fiel durch Elfmeter. War’s ein Foul an Rudi Völler?

Wir können uns nicht beschweren, dass Elfer gepfiffen wurde. Doch zuvor war ein Foul an Klaus Augenthaler gewesen, da hatte es keinen Strafstoß gegeben, und wir hatten nicht gejammert.

Die Öffentlichkeit war ja einigermaßen überrascht, dass den Elfmeter nicht Lothar Matthäus trat, sondern Andreas Brehme. Sie auch?

Wir hatten eine Setzliste gehabt. Aber der Fußball hat gewisse Gesetze. Lothar hat ja bereits den Elfmeter im Viertelfinale geschossen, der uns weitergebracht hat – aber macht man bei einer WM locker zwei hintereinander rein? Ich hatte bei Andy Brehme jedenfalls ein gutes Gefühl, eigentlich absolutes Vertrauen. Denn dieser Mensch ist ohne Nerven zur Welt gekommen.

Fünf Minuten vor Schluss war das das 1:0. Hatten Sie sich schon auf Verlängerung eingestellt?

Man macht sich Gedanken, ja, und ein spätes Tor ist auch Glück. Aber vom Spielverlauf her hatte ich doch ein sicheres Gefühl.

Wie hatte Franz Beckenbauer die Mannschaft auf das Finale eingestellt?

Oh, das war keine besondere Ansprache. Ruhig und gelassen wie sonst auch. Franz war ein Trainer, der auf die Qualität seiner Spieler vertraut hat. Ein wenig aufgeheizter wirkte er nur vor dem Spiel gegen England, das war aber auch eine Fifty-fifty-Geschichte. Vor dem Finale sah er dann ziemlich klar, dass wir anders als 1986 in Mexiko nicht mit verletzten Spielern reingegangen und gut aufgestellt sind. Die taktische Einstimmung übernahmen Berti Vogts und Holger Osieck.

Berühmtes Bild am Ende: Alle feiern, der Kaiser spaziert abseits über den Rasen des Stadions.

Wir Spieler liefen euphorisch mit dem Pokal unsere Runde. Es fiel mir aber auf, dass Franz ganz alleine unterwegs war. Ich spürte, dass er einfach glücklich war und diese Minuten nur mit sich selbst teilen wollte.

Wenig später auf der Pressekonferenz lief er zu großer Form auf. Da fiel seine berühmte Ankündigung, die deutsche Nationalmannschaft würde, wenn jetzt noch die Spieler aus der DDR dazukämen, auf Jahre hinaus unschlagbar sein.

Eine gewagte Aussage, der Euphorie geschuldet. Wir haben es am Abend noch mitbekommen, was er gesagt hat. Ich zumindest, denn ich bin keiner, der viel Alkohol konsumiert. Mein erster Gedanke war: Armer Berti.

Dem Nachfolger Vogts wurde einiges aufgeladen. . . Ohne Sie allerdings. Sie hörten als Nationalspieler auf.

Ich bin sehr pragmatisch. Bei der nächsten Weltmeisterschaft wäre ich 34 gewesen. Und da dachte ich mir eben: Du wirst kein viertes Mal ins Finale kommen.

Am 8. Juli 1990 war noch ein zweites Finale, das die Aufmerksamkeit der Deutschen auf sich zog: Tennis, Wimbledon, Boris Becker gegen Stefan Edberg am Nachmittag. Becker hatte angekündigt, idealerweise als Wimbledonsieger einzufliegen am Abend in Rom den neuen Fußballweltmeister zu erleben. Er verlor allerdings in fünf Sätzen.

Gesehen habe ich ihn in Rom dann auch nicht.

Mal ehrlich: Haben Sie und die anderen Spieler Beckers Match am 8. Juli, in den Stunden vor dem eigenen großen Auftritt, angeschaut?

Unsere Mannschaft bestand zum Großteil aus begeisterten Tenniszuschauern und Tennisspielern. Wenn ich an meine Montagsduelle mit Hansi Flick denke, als der bei uns in Köln gespielt hat. . . Die Spiele von Boris habe ich immer verfolgt. Und in Rom war es zumindest so, dass ich die Leute, die am Nachmittag noch um uns herum waren, bei jeder Gelegenheit gefragt habe: ,Wie steht’s bei Boris?’

Rückblickend: Eine WM in Italien zur damaligen Zeit war eigentlich nicht zu überbieten, oder? Italien war das Sehnsuchtsland des Fußballs.

Es war die Premier League der Altzeit, alles, was Rang und Namen hatte, spielte dort bei einem Club. Auch viele unserer Nationalspieler. Die Wahrnehmung hat man vor Ort ganz extrem gespürt.

Sie spielten nicht in Italien. Warum nicht?

Ich hatte mal ein Techtelmechtel mit Florenz, aber in Köln beim FC haben sie mich immer bequatscht, dass ich dableiben soll. Und das habe ich dann gemacht.

Thomas Häßler nicht. Der bestritt vor der WM sein letztes Spiel für Köln und heulte bei seiner Verabschiedung. Er hatte bei Juventus Turin unterschrieben und schien nicht glücklich zu sein. Mussten Sie als der ältere Kölner ihm helfen?

Als Berliner Junge, der wie er in Köln spielte, war ich ja sein Ziehbruder. Ich hatte 1986/87 in Frankreich gespielt, und als ich nach Köln zurückkehrte, war er etwas traurig, weil er dachte, ich würde seine Position übernehmen. Ich sagte zu ihm: ,Icke, du wirst erst recht glänzen, weil du Freiräume bekommst, wenn die Gegner sich auf mich konzentrieren. Der Wechsel 1990 weg von Köln ging ihm zu Herzen. Er wollte nicht, musste aber, weil es lukrativ war. Diesen Zwiespalt hat er mit ins Turnier genommen.

Lassen Sie uns die Erinnerungen musikalisch ausklingen. ,Un’ estate italiana“, das WM-Lied von Gianna Nannini und Eduardo Bennato. . .

. . . haben wir mit Begeisterung gesungen. Man stand morgens damit auf und ging abends damit ins Bett. Diese Musik hat die WM geprägt.

Interview: Günter Klein

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