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„Wir verstehen uns gut“: Gregor Gysi zu seinem Verhältnis mit Uli Hoeneß. 

Interview mit Politiker Gregor Gysi

Gregor Gysi: „Fußball ohne Fans ist nur der halbe Fußball“

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Gregor Gysi im Interview über Kommerz im Sport, Geisterspiele in der Bundesliga und soziale Verantwortung von Fußballern.

München – Die Verbindung zum Fußball entstand bei Gregor Gysi, 72, schon früh. Der außenpolitische Sprecher der Linken ist in Berlin-Johannisthal aufgewachsen, in der Nähe vom Stadion An der Alten Försterei – Heimat von Union Berlin. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt Gysi, was er von der Fortsetzung der Bundesliga-Saison hält, warum Fußballspieler mehr Verantwortung übernehmen sollten und was ihn an den Olympischen Spielen stört.

Herr Gysi, Sie sind Fan von Union Berlin. Haben Sie das Spiel am vergangenen Wochenende gegen den FC Bayern München verfolgt?

Ich konnte natürlich auch nicht ins Stadion. Ich hasse Privilegien, wenn sie andere betreffen und nicht mich (lacht). Aber im Ernst: Ich habe mir das Spiel aufzeichnen lassen und bislang davon nur Berichte gehört. Ich kann Ihnen aber gerne von einem Stadionerlebnis erzählen, das mir in Erinnerung geblieben ist.

Gerne.

Ich habe in der Hinrunde das Spiel der Unioner in der Münchner Allianz Arena gesehen. Was mir sofort aufgefallen ist: Die Fans von Union waren viel lauter als die Münchner Fans. Es kam mir so vor, als wären wir noch in der Alten Försterei. Aber sowohl die Bayern-Fans als auch die Berliner haben sich wunderbar verstanden und Schals ausgetauscht, das hat mir imponiert.

Trotz der lautstarken Unterstützung konnten Sie aber nicht mit einem Sieg zurück in die Hauptstadt reisen. Der FC Bayern gewann das Spiel 2:1.

Ich saß bei dem Spiel hinter Uli Hoeneß. Er konnte zweimal zum Jubeln aufstehen und ich nur einmal, das hat mich natürlich geärgert.

Wie ist ihr Verhältnis zu Uli Hoeneß?

Wir verstehen uns gut, seitdem wir uns kennengelernt haben. Anfangs hatte er sicherlich Vorbehalte gegen mich. Mich interessieren Leute nicht, wenn sie oben sind. Ich habe mit Hoeneß gesprochen, als immer weniger mit ihm sprachen: als das Strafverfahren gegen ihn lief. Es war für Hoeneß mit so einem prominenten Status, er wird ja teilweise als Halbgott wahrgenommen, sicherlich eine extrem harte Zeit. Ich widme mich Menschen gerade in solchen Phasen. Das ist der Anwalt in mir.

Das große Fußballthema dieser Tage ist der Re-Start der Bundesliga. Was ist Ihre Meinung zu der Debatte?

Ich habe prinzipiell erst mal nichts dagegen, wenn Lösungen gefunden werden. Aber es ist doch klar, dass die Geisterspiele unheimlich sind. Fußball ohne Fans ist nur der halbe Fußball. Zudem muss man aufpassen, dass andere Sportarten nicht zu sehr benachteiligt werden. Sonst heißt es: Der Fußball ist reich, also darf er auch fast alles.

Leon Goretzka und Joshua Kimmich sind mit gutem Beispiel vorangegangen. Mit der Initiative „WeKickCorona“ haben sie Spenden in Millionenhöhe für karitative Zwecke gesammelt. Müssen Fußballer in der Öffentlichkeit mehr Engagement zeigen, damit sich das Bild vom Porsche fahrenden Millionär nicht noch mehr verfestigt?

Es ist logisch, dass viele Fußball-Profis im jungen Alter durchdrehen, wenn sie plötzlich so viel Geld verdienen. Sie haben ja dann noch nicht meine Reife(lacht). Ihnen muss aber auch bewusst sein, dass sie eine hohe soziale Reichweite haben. Sie müssen sich sozial engagieren und man sollte auch erkennen, dass ihr Herz ein bisschen daran hängt und sie es nicht gezwungenermaßen machen.

Das Video von Salomon Kalou ist das jüngste Beispiel dafür, dass sich Fußballer ihrer sozialen Reichweite wohl nicht immer so bewusst sind.

Viele Spieler wissen nicht, was sie mit bestimmten Äußerungen anrichten und was solch ein Video für eine Tragweite hat. Es reicht nicht, wenn ein Fußballer gut spielt, er muss auch außerhalb des Platzes Verantwortung übernehmen. Da sind die Funktionäre im Verein gefragt, dass sie ihren Spielern solche Werte vermitteln. In dieser Hinsicht ist Uli Hoeneß gut: Soziale Verantwortung steht bei ihm immer weit vorn.

In letzter Zeit fällt häufig das Wort Demut im Zusammenhang mit dem Fußball. Transfers im dreistelligen Millionenbereich, absurd hohe Gehälter führen viele Fans zu der Ansicht, dass der Fußball am eigenen System erkrankt.

Die Kommerzialisierung im Fußball kann wohl keiner mehr aufhalten, da braucht man sich keine Illusionen zu machen. Was mich extrem stört, dass Vereine teilweise irgendwelchen Prinzen gehören. Da entstehen dann abenteuerliche Strukturen und die Fans haben überhaupt keinen Einfluss mehr. Der Fußball ist aber bei Weitem nicht das einzige Beispiel, bei dem mich die Kommerzialisierung stört.

Wo stört Sie die Kommerzialisierung noch?

Es wäre so wichtig, dass Olympia entkommerzialisiert wird. Die Olympischen Spiele waren einmal so ein schönes Fest mit einer enormen Strahlkraft der Wettbewerbe. Ich würde wohl nie zum Bogenschießen gehen. Bei Olympia schaue ich beim Bogenschießen aber mit Begeisterung zu.

Was missfällt Ihnen denn konkret?

Die Wettbewerbe und der Sport stehen doch längst nicht mehr im Fokus. Es geht nur noch um Reklame und wer die schicksten und teuersten Stadien baut. Mit dem olympischen Gedanken hat das selten etwas zu tun. Ich erinnere mich an den Sprung von Bob Beamon bei der Olympiade 1968. Man hatte das Gefühl, der kommt überhaupt nicht mehr runter. Oder das Basketballfinale bei den Olympischen Spielen 1972 in München: Die Sowjetunion gewinnt in der einzigen und letzten Nachspielsekunde mit einem Punkt Vorsprung gegen die USA. Das war der Wahnsinn. Ich erzähle Ihnen das, weil es so tolle Momente waren, in denen der Sport noch im Vordergrund stand.

Der Sport war bei Ihnen schon früh präsent im Leben. Sie sind unweit vom Stadion An der Alten Försterei aufgewachsen.

Genau, ich bin in Berlin-Johannisthal aufgewachsen, in der Nähe vom Stadion. Union Berlin darf übrigens nie das Stadion wechseln. Die Alte Försterei und Union Berlin – das ist eine perfekte Ehe. Und die Fans sind ohnehin Weltklasse, die würden auch in der 9. Liga noch ihre Mannschaft nach vorne schreien.

Von den Fans scheinen Sie ziemlich begeistert zu sein.

Aktuell sieht man doch wieder, wie wichtig die Fans für den Fußball sind. Man muss einfach mehr mit den Fans ins Gespräch kommen. Mit ihnen und nicht über sie reden. Es kann doch nicht sein, dass bei manchen Spielen 1000 Polizisten gebraucht werden, um Schlachten zu verhindern. Da muss man früh ansetzen und sich fragen, wo die Aggressionen bei den Fans herkommen. Dann sollen sie lieber nachmittags mal eine Runde Boxen gehen und die Energie rauslassen. Da gibt es beim Eishockey einen entscheidenden Vorteil.

Nämlich?

Beim Eishockey hauen sich die Spieler auf dem Eis schon mal, das wirkt beruhigend auf die Zuschauer. Hat mir jedenfalls mal ein Psychologe erzählt. Ich mag es aber auch nicht, wenn der Vollblut-Fußballfan immer grundsätzlich als aggressiv dargestellt wird. Ich habe Ihnen davon erzählt, wie die Fans von Union Berlin und FC Bayern miteinander umgegangen sind. Bei aller Rivalität stand da die Freude am Sport im Vordergrund.

Wie sieht es mit eigenen sportlichen Erfahrungen aus?

In der Schule stand ich beim Fußball immer im Tor, weil ich zu faul war, ständig zu rennen. Durch meine Kürze war es aber natürlich schwer, bis zur Latte zu kommen (lacht). Ich habe zudem jahrelang Judo gemacht. Aktuell schwimme ich gern und fahre Rad. Da schummele ich aber meistens ein bisschen und nehme mir ein E-Bike. Und einmal im Jahr fahre ich nach Österreich zum Skilaufen. Mittlerweile gehe ich auch gerne wandern, das fand ich früher noch kotzlangweilig.

Herr Gysi, eine Abschlussfrage: Was ist nervenaufreibender, ein spannendes Spiel in der Alten Försterei oder eine harte Debatte im Bundestag?

Ein Spiel in der Alten Försterei natürlich. Ich bin liebend gerne im Stadion und würde gerne noch öfters hingehen. Bei einer Debatte im Bundestag besteht meine Aufgabe häufig darin, nicht einzuschlafen (lacht).

Interview: Nico-Marius Schmitz

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