Reiner Calmund
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Reiner Calmund: Was den Fußball betrifft hat der Ex-Manager von Bayer Leverkusen so einige Wünsche zu Weihnachten.

Ex-Leverkusen-Manager fordert zweite Chance

Calmund: „Hoeneß hat doch niemanden umgebracht“

  • Andreas Werner
    vonAndreas Werner
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München - Reiner Calmunds (65) weihnachtliche Bilanz: Neuer ist der Spieler des Jahres, er träumt von Lahms Comeback zur EM - und nimmt Uli Hoeneß eindeutig in Schutz.

Reiner Calmund (66) ist auch noch viele Jahre nach seinem Ausscheiden als Manager von Bayer Leverkusen in der Fußballbranche ein Mann im wahrsten Sinne von Format. Und: Er hat die Statur sowie den Frohsinn, um locker als Weihnachtsmann durchzugehen. Wir trafen ihn bei einer Podiumsdiskussion der Münchner PR-Agentur „serviceplan“, um die Weihnachtswünsche für den deutschen Fußball zu erörtern.

Herr Calmund, vor der Saison sagten Sie, der FC Bayern kocht alle ab. Zu Weihnachten fühlen sich Propheten wohl – wie gefallen Sie sich in der Rolle?

Ach, diese Prognose können sich auch andere ans Revers heften, da hätten wir dieses Jahr wohl mehr Propheten als Hirten. Die Bayern spielen in einer anderen Liga, das ist klar. Für mich ist entscheidend, dass da die Superstars von einst nun in langen Hosen weiterhin weltmeisterlich agieren: Ob das jetzt ein Karl-Heinz Rummenigge ist oder früher ein Franz Beckenbauer war. Uli Hoeneß hat in seiner Laufbahn als Profi und Funktionär über 50 nationale und internationale Titel geholt, Weltmeister, Europameister Champions League und und und – das ist unglaublich, diesen Rekord wird auf der Welt keiner mehr brechen. Er ist und bleibt der Mister FC Bayern. Aktuell passt Matthias Sammer auch rein, und wie sie alle heißen. Kompetenz, Konzepte und Kapital – das findest du bei diesem Verein.

Sie klingen gerade fast so, als wären Sie selbst der größte Bayern-Fan.

Ich freue mich für jeden anderen deutschen Verein, der es schafft, sie als Meister abzulösen. Aber ich rede hier jetzt ja nur über Fakten. Sehen Sie: Ich habe meine Kilos, das ist Fakt. Genauso ist Fakt, dass der FC Bayern die Visitenkarte, das Flaggschiff des deutschen Fußballs ist. Bei der Internationalisierung, die die DFL vorantreiben will, könntest du ohne die Bayern einpacken. Deshalb ziehe ich da meinen Hut. Zumal sie sich alles erarbeitet haben, die haben keinem Geld gestohlen.

Wie geht das 2015 weiter – was kann man der Liga zu Weihnachten wünschen, dass die Dominanz des FC Bayern bröckelt?

Der FC Bayern ist im Moment nicht verwundbar. Die hatten sechs Spieler in der FIFA-Weltelf zur Nominierung des Weltfußballers, und den Jerome Boateng musst du da noch dazunehmen. Da hat die FIFA geschlafen, den zu vergessen. Ich war beim WM-Auftakt im Stadion, habe gesehen, wie er den Cristiano Ronaldo kaltgestellt hat – keine Schnitte hat der da gesehen! Und im Finale gegen Argentinien war er auch der beste Mann. So, also hast du sieben der Weltbesten im Kader, dazu Xabi Alonso, Robert Lewandowski etc. Klar wünschen sich viele eine spannendere Liga. Nur wissen Sie, was die Leute da übersehen?

Verraten Sie es uns.

Die Schere klafft natürlich gerade enorm auseinander, aber der FC Bayern ist eine unbezahlbare Lokomotive für den deutschen Fußball. Unbezahlbar! Wenn sich Klubs beschweren, dass sie nur 30 Millionen Euro aus dem Vermarktungstopf kriegen, lache ich mir einen Fackelzug! Die Bayern spielen das Geld doch erst rein – und sie bekommen national nur zehn Millionen mehr als ein guter deutscher Mittelfeldklub. International kassieren die Bayern sogar wesentlich weniger TV-Kohle als die europäische Konkurrenz. Noch der Achte in England kriegt bedeutend mehr TV-Geld als der FC Bayern.

Wird der BVB auch weit nach dem 1. Januar unter einem Kater leiden?

Dortmund wird sich fangen. Aber wenn dir ein Mario Götze, Lewandowski, Ilkay Gündogan, Mats Hummels und Marco Reus wegen Verkäufen oder Verletzungen verloren gehen, sagst du nicht einfach „Hokuspokus“ und holst dir Neue, die gleich einschlagen. Die haben jetzt einen ganzen Bus voll mit Problemen und müssen den Kampf gegen den Abstieg annehmen.

Die Bayern hatten auch viele Verletzte – was lief in München besser?

Sie haben schon noch einmal einen stärkeren Kader als die Dortmunder. Aber ich muss da auch mal warnen: Wenn es in die Endphase der Champions League geht, brauchst du einen Philipp Lahm und David Alaba. Die kannst du gegen absolute Weltklasse nicht so leicht ersetzen. Da kommt ja keine Laufkundschaft.

Sollte sich das Lazarett also nicht lichten, wird es wohl nichts mit der Bescherung am 6. Juni in Berlin?

Dann wird es eng mit dem Finale in der Champions League. Wenn du an dieser Bescherung teilnehmen willst, muss der eine oder andere zurückkommen. So ein Lahm fehlt sonst an allen Ecken.

Glauben Sie, dass es noch Hoffnung gibt, dass er seinen Rücktritt aus der DFB-Auswahl storniert?

Philipp ist einer der schlauesten Spieler, die ich kenne. Er hat sich das gut überlegt, also lässt er sich jetzt auch nicht kurzfristig beknieen. Ich habe mal den Reise-Aufwand eines Nationalspielers berechnet: In einer Saison mit einem großen Turnier – also alle zwei Jahre – kommen die Spieler auf 220 Übernachtungen in Hotels. Egal, wie bequem ein Flieger ist, wie dick die Matratzen im Hotel sind – das kostet Kraft. Ich kann verstehen, wenn er jetzt mal gesagt: „Klingeling, ich höre meinen Körper, der braucht eine Pause!“ Der ganze Termindruck drückt nicht nur auf Muskeln und Sehnen, sondern auch auf die Birne. 220 Tage in fremden Betten, zehn, zwölf Jahre lang, sind kein Spaziergang. Aber wissen Sie, ich bin ja so ein kleiner Traumtänzer, und als Traumtänzer habe ich einen Wunschtraum . . .

Welchen denn?

Ich hake seine DFB-Karriere noch nicht ganz ab. Wenn im Sommer 2016 Bayern wieder früh Meister wird, Philipp komplett fit ist und Jogi Löw Probleme hat, könnte der Bundestrainer zum Hörer greifen. Und dass Philipp da für das EM-Turnier noch mal für unsere Nation einspringt, das könnte ich mir vorstellen.

Neulich sagte er, selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel könne ihn nicht mehr überreden . . .

Wenn er dem Jogi in der eben von mir skizzierten Situation absagt, kann sie wohl auch nichts mehr ausrichten. Aber Sie können das ruhig auf meinen Wunschzettel für Weihnachten schreiben, dass Philipp in der Not parat steht. Weihnachten 2015 schreiben wir das gleich nochmal auf unsere Wunschzettel (lacht).

Ganz oben auf Bayerns Wunschzettel steht Reus – wäre dieser Wechsel der Todesstoß für die Liga?

Nein, das wäre es nicht. Mein größter Wunsch zu diesem Weihnachten ist, dass Reus in Deutschland bleibt, und das am liebsten bei Dortmund. Es wird aber schwer. Sollte er gehen, dann bitte zu Bayern. Dann bleibt er in der Liga.

2015 wird das erste Highlight die Weltfußballerwahl. Wie sind die Chancen von Manuel Neuer?

Die WM ist das größte Turnier der Welt – und wie ist da der Cristiano Ronaldo davongeschlichen! Als Fußball-Patriot brülle ich laut: Manuel Neuer soll gewinnen! Neuer steht immer allein, er muss die Fehler der anderen ausbügeln. Wie er die „falsche 5“ bei der WM und auch bei den Bayern spielt, ist eine Revolution. Ohne ihn wären wir nicht Weltmeister geworden.

Aber bei der WM wurde am Ende Lionel Messi zum besten Spieler gewählt – die Branche greift gern nach Bewährtem. . .

Als Messi auf der Bühne neben Neuer stand, der bester Torwart wurde, hat er sich selber nicht wohlgefühlt. Er hätte am liebsten die Trophäe weitergegeben, wenn es nicht respektlos gegenüber der FIFA gewesen wäre. Neuer war der Titelgarant. Er hat eine bessere Spieleröffnung als viele Liberos und ist ganz klar mein Spieler des Jahres 2014.

Calmund: Uli Hoeneß verdient zweite Chance

Weihnachten wird Uli Hoeneß zuhause verbringen. Wie sieht es die Branche, dass er im Januar als Freigänger zurückkehrt?

Nicht nur unsere Branche, sondern das ganze Land hat das Motto: Jeder Mensch verdient eine zweite Chance. Ich muss sagen, dieser Knasttourismus vor seiner Haftstrafe, als da 200 Journalisten sehen konnten, wo lebt er dann, wo schläft er, wo geht er auf die Toilette – das hat mich sehr, sehr irritiert. Er muss für seine Fehler geradestehen, aber meiner Meinung nach wurde alles wegen seiner Persönlichkeit überzogen. Er hat niemanden umgebracht. Uli ist Vater, Opa – und ein feiner Mensch. Ich freue mich sehr, dass er Weihnachten zuhause unterm Christbaum sitzt. Und dass er jetzt Freigänger wird, ist keine Bevorzugung – in anderen Bundesländern wäre er schon viel früher aus dem Gefängnis gekommen, das ist ein Fakt und wird mir zu oft gern unter den Teppich gekehrt.

Sie haben früher einige Sträuße ausgefochten.

Unser Verhältnis war immer von Respekt geprägt. Den Jorginho-Transfer haben wir per Handschlag fix gemacht, sowas geht nur unter ehrlichen Häuten. Ich habe ihm auch von Anfang an in dieser Phase die Stange gehalten und stehe dazu, obwohl ich böse Briefe deshalb bekommen habe, mit denen ich die Wände tapezieren könnte. Ich erzähle Ihnen jetzt mal eine Anekdote, wie der Uli tickt . . .

Bittesehr.

Bei der WM 2002, ich war damals Mitglied der DFB-Delegation, hat mich Stefan Raab in seiner Sendung „TV-total“ häufiger persifliert, mit so einer Fleischmütze auf dem Kopf und einem Plumeau, einem Federbett unterm Hemd. Nach der WM war ich dann Gast in seiner Sendung. Ich saß da und er rief als „Calli“ Ulis Sekretärin an. Er konnte das echt gut. Uli war nicht da, aber der Raab bestellte dann einfach für ein fiktives Grillfest eine Tonne Bratwürste in die BayArena nach Leverkusen. Einen Tag später wurde mir die größte Palette geliefert, die man sich vorstellen kann – Uli hatte das nicht einmal hinterfragt! Er hat uns auch später riesige Paletten Würstchen für Opfer der Flutkatastrophe in Dresden geschickt und so weiter. Das wollen vielleicht viele gerade nicht hören, weil es nicht so in das Bild passt vom „kriminellen Hoeneß“ – aber die Wahrheit ist: Er ist ungemein großzügig, er hat mit seinem FC Bayern und vor allem persönlich vielen Menschen in Not geholfen, und für ehemalige Mitarbeiter, Spieler und Freunde war er immer mit Rat und Tat zur Stelle. Er gibt sein letztes Hemd für dich. Ich kenne ihn gar nicht anders.

Abschließend eine Frage, die auf der Hand liegt: Bei Ihrer Statur und Ihrem Gemüt – wie oft waren Sie schon Weihnachtsmann?

(lacht) Oft, sehr oft! Ich habe mich immer gerne als Weihnachtsmann verkleidet. Ich liebe Weihnachten: Das Prickeln, die Freude, auch diese Spannung. Als Vater und Opa genieße ich es jetzt fast noch mehr. Kinderlächeln ist das schönste aller Geschenke.

Wo verbringen Sie heuer Weihnachten?

Mit meiner Familie in Thailand, das hat bei uns schon fast Tradition. Elefanten und das Christkind – das ist doch eine schöne Kombination. Ihr in Bayern denkt ja immer, es müsste an Weihnachten schneien – aber in Bethlehem hat es doch auch nicht geschneit (lacht)! Am 25. Dezember besuchen wir immer ein Waisenhaus, die Kinder dort freuen sich nicht nur über die Geschenke, sie lechzen förmlich nach Umarmungen und Wärme. Viele Thais denken da immer, wenn sie mich sehen: Da kommt ja der Bruder vom Buddha! Dann klopfen sie mir auf den Bauch und alle lachen. Ich kann Ihnen nur sagen: Herrlich!

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