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Der späte und größte Triumph seiner Karriere: 2016 wurde Robert Huth englischer Meister mit dem krassen Außenseiter Leicester City-

„Die meisten wollen einfach nur geliebt werden“

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Er war Nationalspieler, 2016 mit Leicester sensationell englischer Meister – und für die Fans hatte er was von Kultfigur: Im Januar hat Robert Huth seine Fußballlaufbahn beiläufig für beendet erklärt. Gesprochen hat der heute 34-Jährige über sich nur selten. Jetzt erzählt er mal aus seinem Leben.

Am Nachmittag des 11. Januar 2019 trat Robert Huth zurück. Oder um es genauer zu sagen: Er ließ seine 229 000 Follower beim Kurznachrichtendienst Twitter wissen, dass er das schon länger getan habe. Er reagierte auf eine Spekulation, er werde einen Vertrag bei Derby County unterzeichnen.

Huth, 34, 19-maliger deutscher Nationalspieler und die ganze Profikarriere bei englischen Clubs gewesen, schrieb: „Das könnte buchstäblich nicht weniger wahr sein. Ich habe aufgehört! (Ich habe nur kein Interview gegeben und darüber geweint)“.

In den meisten Zeitungen kam das nur in die Randspalte. Wer etwas mehr schrieb wie die Süddeutsche Zeitung („Huth ab!“), würdigte die schnörkellose Form, die der gebürtige Berliner für seine Bekanntgabe des Rücktritts gewählt hatte. Und den Humor, der aus dem Tweet sprach: Dass er darauf verwies, nicht rumgeheult zu haben – es ist im Sport ja zum Trend geworden, die Ankündigung eines Endes mit Tränen zu flankieren.

Die Deutschen hatten Robert Huth nie so richtig greifen können. Er war zunächst ein Talent, das beim FC Chelsea gelandet war und 2004 ganz jung in die Nationalmannschaft kam. Markenkern: Robustheit, Dynamik. 2005 beim Confederations Cup vernarrte sich das Publikum in ihn. Später vergaß es ihn, 2016 dann die Wiederentdeckung, als der Innenverteidiger zum Team des Märchenmeisters Leicester City gehörte. Jetzt ist er in einen neuen Lebensabschnitt eingetreten.

Robert Huth, sind Sie nun ein völlig freier Mensch?

Ja! Man weiß, irgendwann ist es zu Ende, man kann sich darauf vorbereiten. Ich hatte nie Angst davor. Ich vermisse ein wenig die Kameradschaft, die man in einem Team erlebt, aber nicht, zum Training zu gehen und Fußball zu spielen. Das liegt hinter mir. Der Übergang war total easy.

Sie hatten in Leicester keinen Vertrag mehr bekommen im Sommer 2018, doch das Ende kam später.

Ich habe für ein paar Wochen in Stoke mittrainiert, um zu sehen, ob noch was geht. Dann habe ich mich am Oberschenkel verletzt und gesagt: Schluss, das war’s. Ganz emotionslos, cool, megaentspannt. Der Druck, körperlich fit und mental bereit zu sein, war weg.

Die englische Premier League ist die größte Liga des Sports. Kein Deutscher kennt sie so gut wie Robert Huth, der schon als Sechzehnjähriger nach London ging. Sprechen wir mit ihm über diese spezielle Welt, die wir nur gefiltert wahrnehmen. Wir sehen Ausschnitte von den Spielen in gut besuchten Stadien, es wird gesungen, es ist laut. Doch zu vernehmen sind auch Klagen, es soll nicht mehr so sein wie früher. Es habe eine Art Gentrifizierung im Stadion stattgefunden, ein Besuch sei nur für betuchteres Publikum erschwinglich. Zuletzt war gar zu lesen, dass manche Clubs sogar die Plätze für die Einlaufkinder verkaufen.

Robert Huth hat die Zeit, als es in den englischen Stadien noch Stehplätze gab, nicht miterlebt („So alt bin ich auch nicht“). Doch er spürt die Veränderungen: „Vor Jahren war die Stimmung besser, ganz klar. Früher gab es auch Fan-Sprüche, die heute nicht mehr gehen, weil sie als politisch inkorrekt gelten.“

Man führe als Profi auch ein abgeschlossenes Leben. Die Fans dürfen nicht zum Training, „es steht Security vor dem Tor“. Die Presse darf einmal wöchentlich eine Viertelstunde filmen: aber nur das Aufwärmprogramm.  „Mir persönlich würde eine Öffnung nichts ausmachen, aber ich bin ja auch kein Messi“, sagt Huth. Kontakt mit Fans schätzt er: „Viele haben total viel Ahnung vom Fußball.“

Und wie hält er es mit den Medien? Er liest die „Times“, den Boulevard nimmt er nicht ernst. Er muss schon ein wenig lachen über manche Reporter von Blättern wie der „Sun“: „Die stellen sich freundschaftlich vor – und zack kommt der K.o.-Schlag.“

Was wurde über Sie so geschrieben?

Meistens nur Sportliches. Negatives manchmal über die Leistung: schlechte Spiele, Gelbe und Rote Karten, Eigentore. Positives aber auch über meinen Spielertyp. Ich hatte ja auch relativ viel Erfolg damit.

Die Berichterstattung ist ambivalent. Fachlich über die Spiele, doch es gibt auch einen hohen Boulevardanteil, es geht oft um Spielerfrauen. In einer Beschreibung von Wayne Rooneys Verlobten haben wir den Begriff „Shopaholic“ kennengelernt.

Die Medien können richtig fies sein, wenn sie dir sogar im Urlaub auflauern. Aber für manche Spieler ist das auch nicht schlecht. Sie wollen in der Öffentlichkeit sein, für die Frau ist es ein Weg, Geld zu verdienen. Für die Zukunft bleibt man im Geschäft, wird zu Premieren eingeladen. Aber für mich ist das nichts.

Wie geht man mit Kritik um?

Ich habe früh gelernt, dass, was ein Journalist schreibt, immer nur eine Einzelmeinung ist. Nicht mal die eines Blattes und nicht die der Nation. Das Problem ist, dass Spieler etwas lesen und meinen, alle dächten so.

Das wühlt viele auf.

Die lesen es, bekommen eine Panikattacke und rufen ihren Berater an. Nach dem Spiel machen sie ihr Instagram und Twitter an, und wenn es ein Livespiel auf Sky war, das Millionen gesehen haben, hast du da tausend Meinungen stehen. Die Spieler sitzen also in der Kabine, haben gewonnen, lesen aber die drei schlechten Nachrichten vom Arsenal-Fan, der sagt, dass er dich hasst. Die meisten wollen einfach nur geliebt werden. Von irgendwelchen Leuten, die sie gar nicht kennen. Dabei ist das Wichtigste, ob beim nächsten Meeting dein Trainer den Daumen hebt oder senkt.

Aber Bekannt- und Beliebtheit strebt man doch an, wenn man Fußballprofi wird?

Ich habe Fußball gespielt, um besser zu werden. Meine Generation hat mehr ins Sportlerleben investiert. Jetzt ist es umgedreht; Viele spielen Fußball, um berühmt zu werden. Heute denken die 16-, 17-Jährigen: Wie ist mein Profil? Wie werde ich angesehen von anderen? Sie füllen Nischen aus, damit sie nebenbei noch Geld verdienen können, sie haben Werbeverträge, Schuhsponsoren, sie machen in der Kabine Fotos, als wären sie in Gangster-Bands. Doch wirf die mal in Los Angeles raus – dann posen sie gleich nicht mehr so.

 Robert Huths größter Erfolg: die Meisterschaft mit Leicester 2016. Darüber wird er sein Leben lang sprechen müssen. Er kam im Februar 2015, Leicester steckte im Abstiegskampf: „Mein erstes Spiel war auswärts bei Arsenal, wir verloren 1:2. Aber mit anderen Clubs hatte ich nie so gut gespielt gegen Arsenal. Wir wussten, da war was, wir müssten nur warten, bis es Klick macht. Es war nie die Stimmung, dass wir absteigen. In Leicester war das Vertrauen immer da.“ City blieb drin und wurde in der folgenden Saison Meister. Die Spieler wussten allerdings: Die Story würde nicht zu wiederholen sein. Obwohl es in der Champions League ganz gut lief, musste Trainer Claudio Ranieri gehen. Ob das was zerbrach? Huths Antwort ist unsentimental: „Nee. Trainer ist Trainer, jeder kennt das Geschäft. Danke, tschüss, aus, ein Neuer kommt. Als es gut lief, war der Trainer der König gewesen.“
 Anfang Dezember starb der thailändische Besitzer von Leicester, Vichai Srivaddhanaprabha, bei einem Helikopterabsturz. Er war sehr beliebt, heißt es. „Er war immer total bei der Mannschaft, immer happy“, bestätigt Huth. „Auch als wir Letzter waren, wirkte er nie gestresst. Und als wir auf Eins standen, hat er auch nie Druck ausgestrahlt. Seine Einstellung war: Der Verein wächst, super, aber es gibt wichtigere Dinge im Leben.

 Zu Huths Karriere als deutscher Nationalspieler: Ein Spiel, an das er mit warmem Herzen denkt, war die Partie um Platz drei beim Confed-Cup 2005 in Leipzig gegen Mexiko (4:3 nach Verlängerung, Huth schoss das 3:2). Er wurde gefeiert: „Huth, Huth, Huth“-Rufe bei jedem Ballkontakt. 2006 fiel seine Rolle kleiner aus.

Bei der WM spielten Sie in der Vorrunde nur gegen Ecuador, vor dem Spiel um Platz drei verletzten Sie sich beim Aufwärmen.

Ich war schon vor der WM verletzt, das ging dann über die sechs, sieben Wochen. Die Knöchelprobleme, die ich immer hatte, haben damals angefangen. Als junger Spieler machst du die Reha nicht richtig, fängst zu früh wieder an, bist hohl im Kopf. Vielleicht hätte ich mit mal mehr Pause eine verletzungsfreie Karriere haben können.

In der WM-Vorbereitung 2006 hat beim Training in Genf Co-Trainer Jogi Löw Sie mal richtig rundgemacht. Wir hörten ihn nie so schreien.

Angeschrien wurde ich oft in meiner Karriere, aber das damals hat mich überrascht. Das entsprach nicht der Atmosphäre beim DFB, die war immer strukturiert und positiv-aggressiv. So richtig laut war es nur das eine Mal. Es ging dabei ums Passspiel. Man hat sich halt den Jüngsten ausgesucht.

Sie machten nur 19 Länderspiele.

Klar hätte ich lieber 50 gemacht. Aber die Nationalmannschaft hat ja auch ohne mich Erfolg gehabt.

 Und was kommt jetzt? Gerade hat das Fernsehen Huth entdeckt. Auftritt bei „Goals on Sunday“ in England (da kann man hören, wie akzentfrei sein Englisch ist), Einladung zu BeInSports in Katar, erster deutscher Fernsehauftritt bei Sky. Außerdem möchte Robert Huth Sport sehen, anderen: den Super Bowl nächstes Jahr in Miami, die Australian Open im Tennis. Er ist offen für alles.

Robert, was fangen Sie mit Ihren Freiheiten an?

Ein bisschen mehr Spaß am Leben haben, die Zeit nachholen, die über die Profijahre verloren gegangen ist. Und mal Ja sagen bei Anfragen.

 Robert Huth hat sich bislang zurückgenommen, ließ Reporter abprallen.
2005 beim Confederations Cup wollte einer mal, ohne sich vorzustellen, seine Handynummer haben. Huth fragte: „Wozu denn?“ – „Falls mal was ist.“ – „Was soll denn sein?“
Ein echter Huth. Irgendwie gut.

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