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Stolze Promis: Wladimir Putin freut sich übers Foto mit Lothar Matthäus, der Fußballer wirkt geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit des Politikers.

So politisch ist der Fußball

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Eine aufwühlende Woche war das im (großen) Sport. Mit salutierenden türkischen Nationalspielern, mit Rassismus- und Nazi-Eklat in Bulgarien. Und in den vergangenen Wochen und Monaten war ja noch einiges andere: Die Ausfälligkeiten des Schalker Funktionärs Clemens Tönnies, die Diskussionen um die Nähe von Mesut Özil zu Erdogan und um weitere Bilder von Fußballern mit autokratischen Staatschefs. Eine Reise um die Fußball-Welt.

Die FIFA will den Friedensnobelpreis

Dass die FIFA, das höchste Gremium im Weltfußball, überhaupt nicht unpolitisch denkt, zeigte sich schon in der Ära von Joseph Blatter. Keiner konnte so salbungsvoll reden wie der Schweizer, der immer wieder und in seinem ganzen Repertoire an Sprachen die einigende Kraft des Fußballs beschwor. Deshalb, so sagte Blatter das ganz offen, müsste der FIFA allmählich doch der Friedensnobelpreis zustehen. Blatters Nachfolger Gianni Infantino übernahm die Forderung, und selbst das Internationale Olympische Komitee sieht sich als Aspiranten für die Auszeichnung, die ja eine (gesellschafts)politische ist.

Man muss die FIFA auf der einen Seite bewundern: Sie schafft es tatsächlich, die Welt zusammenzubringen. Es ist ein imposantes Bild, wenn beim jährlichen Kongress in wechselnden Metropolen die Flaggen der über 200 Mitgliedsverbände die Hallendecke zieren. Die FIFA ist auch mutig, indem sie Palästina anerkennt – und sie versucht, den Konflikt zwischen Israel und Palästina, der auch im Fußball mit Ausschlussanträgen gelebt wird, zu moderieren. Blatter war sogar sehr souverän darin.

Auf der anderen Seite findet die FIFA keine Linie. Sie hat tatsächlich schon gegen Verbände eingegriffen, wenn sie den Eindruck gewann, die jeweilige Landesregierung würde den nationalen Fußballverband beeinflussen – doch die Sperren trafen immer nur kleine Verbände. Vor dem russischen, bei dem der Einfluss aus dem Kreml offensichtlich war, kniff die FIFA jedoch. Gianni Infantino war während der WM 2018 als Putin-Fanboy unterwegs. Die relevanten Spiele verfolgte der FIFA-Präsident mit den Staatschefs der beiden Mannschaften an seiner Seite – auch das sagt viel darüber aus, wie er die Rolle des höchsten Mannes der FIFA sieht. Im Rang eines Staatsoberhaupts und eines politischen Players.

Nationale Verbände:Politiker willkommen

Nehmen wir den, den wir am besten kennen: den Deutschen Fußball-Bund, den DFB. Der legt sich auf der ersten Seite seiner Satzung fest: „Der Deutsche Fußball-Bund ist parteipolitisch und religiös neutral.“ Was aber nicht heißt, dass er gänzlich unpolitisch wäre. Ein paar Zeilen weiter oben, in der Präambel, steht: „Der DFB handelt in sozialer und gesellschaftspolitischer Verantwortung.“

Zweifelsohne ist er politischer geworden in diesem Jahrhundert. Bei der WM 2006 hat der DFB bemerkt, wie Fußball die Stimmung in einem Land prägen und welches Bild von diesem Land er vermitteln kann. 2010, als seine Nationalmannschaft eine frische multikulturelle Combo geworden war, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, das für seine Markenbildung zu nutzen. Der DFB war ein liberales, cooles Einwanderungsland wie Australien. Im Sommer 2018 geriet im Zug der Özil/Gündogan-Trikotaffäre das Bild des Verbands ins Wanken. Standen Nationalspieler noch für Werte?

Auch die Politik beteiligte sich daran, die Diskussion einzufangen. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier empfing die Nationalspieler Özil und Gündogan, Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte anschließend die Mannschaft in deren WM-Vorbereitungsquartier in Südtirol.

Der Austausch des DFB mit Politikern der demokratischen Parteien ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Manche wurden sogar in die Verbandsarbeit einbezogen. Den inzwischen verstorbenen früheren Außenminister Klaus Kinkel (FDP) gewann man für die Ethikkommission, Claudia Roth von den Grünen saß im Ausschuss für Nachhaltigkeit und tauchte in Umweltschutz-Kampagnen mit Spielern wie Manuel Neuer und den Bender-Zwillingen auf. Unvergessen die Kabinenbesuche von Angela Merkel – und ihr Bild mit Özil: Der Fußballer, Held der Integrationspolitik, nur mit Handtuch bekleidet.

Kein nationaler Fußballverband kann sich freimachen von der politischen Ausrichtung seines Landes. Und weil Fußball in den meisten Kulturen der wichtigste Sport ist, hat der Verband die Bedeutung eines Ministeriums.

Die Politiker:Macht der Selfies

Sie haben den Fußball entdeckt. Er verhilft ihnen zur Präsenz beim Wähler. Das ging in Deutschland in den 90er-Jahren los. Der nicht als sportaffin bekannte Linke Gregor Gysi stellte sich in der Wahlkampfzeit beim FC St. Pauli in die Fankurve, Bundeskanzler Helmut Kohl enterte bei der EM 1996 die deutsche Kabine. Wie war das? „Eng“, sagte Nationalspieler Mehmet Scholl in Anspielung auf die Leibesfülle des Pfälzers.

In jedem Kommunalwahlkampf tauchen die Bürgermeister- und Stadtratskandidaten auf der Tribüne des örtlichen Vereins auf. Und auch die ganz anderen Themen zugewandte AfD hat schon versucht, auf dem Fußballticket mitzufahren. 2017 bat im VIP-Raum der Berliner Hertha ein älterer Mann den Spieler Marvin Plattenhardt um ein gemeinsames Foto – das dann auf der Homepage der Berliner AfD auftauchte. Der Fan Frank Scheermesser hatte sich nicht als AfD-Politiker zu erkennen gegeben. Plattenhardt erreichte aber, dass das Foto gelöscht wurde.

Es ist so: Bekanntschaften mit prominenten Fußballern werten Politiker auf. Gemeinsame Bilder werden zur Währung. Wladimir Putin hat 2018 kein Selfie ausgelassen (er bekam auch eines mit Lothar Matthäus), der tschetschenische Despot Ramsan Kadyrow wanzte sich gezielt an Stars wie den Ägypter Mo Salah ran.

Die Vereine: KlarePositionierung?

„Unsere Satzung beinhaltet ein ganz klares Wertesystem – gegen Antisemitismus und Rassismus. Das schließt sich aus mit dem, was die Mandatsträger der AfD in unerträglicher Weise kommunizieren“, sagte vor zwei Jahren Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt. Mitglieder der AfD wolle er in seinem Verein nicht haben. Die Resonanz: nahezu weltweite Aufmerksamkeit – und eine Klage der hessischen AfD.

So klar positionierte sich kein weiterer Erstliga-Club. Bei einer Umfrage bemühten sich die meisten, vage zu bleiben. Die Furcht, Fan-Kundschaft zu verschrecken, war offenkundig.

Vereine können es aber nicht mehr verhindern, dass man sie auch politisch einordnet. Links steht der FC St. Pauli, auf dessen Tribüne der Schriftzug prangt: „Kein Mensch ist illegal.“ Links ist auch Union Berlin. Als konservativ darf Erzgebirge Aue gelten, dessen Präsident Helge Leonhardt heftig beklatscht wurde, als er im Stadion zum Muttertag eine gesellschaftspolitische Rede hielt: „Den Frauen, die noch keine Mütter sind, eine Botschaft: Werdet Mütter und tragt die Wismut-DNA weiter.“ Als rechts wahrgenommen wird der Chemnitzer FC, der von Nazi-Umtrieben seiner Fans betroffen ist.

Wie sehr Politik einen Verein aufwühlen kann, zeigte der Fall Clemens Tönnies. Der starke Mann des FC Schalke 04 äußerte sich bei einem Vortrag vor Unternehmern rassistisch über Afrikaner. Und verstieß gegen das elf Punkte umfassende Leitbild, das der Verein sich 2012 gegeben hatte. Darin heißt es: „Von uns Schalkern geht keine Diskriminierung oder Gewalt aus. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein.“ Dass Tönnies lediglich für drei Monate gesperrt wurde, hat viele Mitglieder verstört.

Die Spieler: Von ihrerGeschichte überfordert

Sie sind junge Menschen und häufig Spielbälle ihres Umfelds, etliche stammen aus Familien mit Migrationshintergrund, manche hatten prägende Erlebnisse: Krieg, Flucht. Die Schweiz hat Spieler mit Wurzeln im Kosovo, die Eltern deutscher (National)spieler stammen aus der Türkei. Der Fußball hat sich so verändert, wie es die Welt getan hat.

Sogar sehr junge Akteure werden vor Entscheidungen gestellt, die sie auch in reiferem Alter überfordern würden. Paradebeispiel: Ashkan Dejagah. Es war deutscher U 21-Nationalspieler und verzichtete 2007 auf ein Spiel in Israel. Dejagah hatte auch die iranische Staatsbürgerschaft, von dieser Seite aus war ihm ein Besuch in Israel verboten. Er sagte schließlich, er habe seiner Familie wegen die Reise nicht angetreten; ein Antisemit sei er nicht.

Die Fans: Der KampfLinks – Rechts

Durch das Aufkommen der Ultras sind die Kurven politischer geworden. In Deutschland sind diese Fans überwiegend links, antirassistisch, geschichtsbewusst. Sie hinterfragen Kommerzialisierung, Abschiebepolitik, Polizeigewalt. Sie diskutieren darüber, ob man ein chinesisches Team in der Regionalliga mitspielen lassen soll oder eine WM nach Katar gehört.

Es gibt Versuche von rechts, Fangruppen zu infiltrieren, nicht nur im Osten. Selbst Dortmund hat dieses Problem. Wenn man in die Social-Media-Profile von AfD-Anhängern blickt: Viele folgen auch Sportsendern, Fußballern, Clubs. In Italien sind laut der nationalen Beobachtungsstelle für Sportveranstaltungen von 400 Ultra-Gruppen 151 politisch ausgerichtet, 85 von ihnen rechts.

Der bayerische Grünen-Politiker Sepp Dürr konstatierte schon vor zehn Jahren, „dass der Fußball die Bindungskraft gewonnen hat, die Kirchen, Parteien und Gewerkschaften verloren haben“. Doch der Mensch ist nun mal Homo Politicus, er kann sein Wesen nicht verändern.

Und darum ist der Fußball politisch. Hochpolitisch.

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