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„Ich bin mir sicher, dass wir auf Sicht in die Zweite Liga  aufsteigen“: Haching-Trainer Claus Schromm, 49.

„Gegen 60 waren wir nicht wir“

Claus Schromm im Interview: „Die Braut Haching wird täglich attraktiver“

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Claus Schromm, Trainer der SpVgg Unterhaching, über Club-DNAs, Marathonläufe, Jahrhunderttalente, Hammerschläge, das Derby gegen 1860 - und eine naive Vision

Unterhaching – Bei seinem Redaktionsbesuch schaut Claus Schromm beim Produktionsablauf genau hin. Den Unterhachinger Chefcoach interessiert, wie die Dinge funktionieren. Am Montag startet sein Drittligist um 13 Uhr die Vorbereitung auf die Rückrunde. Man überwintert auf Schlagdistanz zum Aufstieg.

Herr Schromm, wie kann man Sie sich nun zu Weihnachten vorstellen: Zufrieden unterm Baum oder schon wieder tüftelnd?

Beides. Als Trainer hast du 24 Stunden am Tag Fußball im Kopf. Da ist es nicht so leicht, einfach einmal „Stopp“ zu sagen. Ich saß letztes Jahr bereits zufrieden unterm Baum, das Jahr zuvor auch – eigentlich ist Weihnachten als Haching-Coach immer schön.

Haching-Coach Claus Schromm über das Derby gegen den TSV 1860: „Wir waren nicht wir“

Was muss, kann, darf, soll 2019 noch besser werden?

Müssen wenig. Hinter den Kulissen war die Ausgliederung der Profiabteilung eine entscheidende Weichenstellung. Die Braut Haching wird täglich attraktiver für externe Partner. 2019 werden die Verhandlungen um das Stadion wichtig. Ich hoffe, die Gemeinde erkennt die Vorleistung des Clubs an und kann sich mit uns einigen. Sportlich sollten wir an der defensiven Konsequenz arbeiten sowie an der Überzeugung, dass wir nur erfolgreich sein können, wenn wir wir sind und mutig nach vorne spielen. Gegen 1860 etwa waren wir nicht wir. Da haben uns die Löwen total gestresst. Da müssen wir ruhiger bleiben.

Das klingt fast ein bisschen nach Bayerns „Mia san mia“ – kristallisiert sich eine Haching-DNA heraus?

Die haben wir bereits. Und das sollte das Ziel jeder Firma sowie jedes Vereins sein. Nur sobald man ein eigenes Bild hat, weiß, wie man ausschaut und das nach außen transportiert, weiß auch ein Spieler, ob es passt oder nicht.

Letzte Saison sagten Sie, Ihr Team sei höchstens fit für den Halbmarathon . . .

. . . was man nicht so alles ein Jahr später um die Ohren gehauen bekommt (grinst) . . .

Sie meinten, der Marathon wäre der Aufstieg. Wie steht es heuer um die Puste für den ganzen Lauf?

Um beim Marathon-Bild zu bleiben: Das erste Ziel ist, bald die halbe Strecke, also den Klassenerhalt, zu schaffen. Das sieht gut aus. Dann werden wir sehen, wie lange die Luft reicht. Wenn man die Tabelle anschaut und die Leistungen auf dem Platz, muss man sagen, dass wir da oben nah dran sind. Aber ich halte nichts davon, ein Ziel zu verändern, obwohl man es noch nicht erreicht hat. Erst mal also der Halbmarathon.

Haching in der 3. Liga: „Hier gibt es kein Morgen“

Anders gefragt: Wie lange kann Haching noch Dritte Liga? Jeder Club will raus, so schnell wie möglich.

Ich bin das sechste Jahr hier, davon haben wir vier Jahre Dritte Liga gespielt. Schon im ersten Jahr sagte unser Präsident Manfred Schwabl: „Wir müssen hier raus, hier gibt es kein Morgen.“ Wir haben mit der Ausgliederung die Basis gelegt, uns langfristig besser aufstellen zu können. Aber es ist auch Fakt, dass das System Dritte Liga krank ist. Da ändert sich nicht viel, fürchte ich. Da sind neben uns noch 19 andere Vereine traurig.

Sie waren schon Sportchef und sind jetzt wieder Trainer – wie sehr ärgert Sie aus der Sicht eines sportlichen Planers der stiefväterliche Umgang des DFB mit der Dritten Liga?

Das tut richtig weh. Tagtäglich. Wir als Vereine können da nichts ändern, und es tut so weh, weil es so einfach wäre. Ich bin fest überzeugt, sobald sich DFB und DFL heute vernünftig an einen Tisch setzen, gäbe es morgen eine Lösung. Solange DFB-Chef Reinhard Grindel immer wieder sagen kann, sein Verband könne der Dritten Liga nicht helfen, stimmt doch etwas an dem ganzen Konstrukt nicht.

Die Dritte Liga sollte ein Podium für deutsche Talente sein. Unter den besten 30 Top-Talenten der Welt ist kein Deutscher. . .

Man kann das nicht allein daran festmachen, dass die Verbände bei der Dritten Liga viel verschlafen haben. Aber es ist ein Mosaikstein des Gesamtbilds. Es gibt in Deutschland 54 Nachwuchsleistungszentren. Pro Jahr kommen circa 1000 top ausgebildete Talente nach oben. Die brauchen nur eine Bühne, die man bei einer clevereren Geldverteilung mit einem Schlag um Dimensionen ausbauen würde. Ich weiß noch genau, was Anfang der 2000er Jahre alles im deutschen Fußball angekurbelt wurde. Da sagte ein Spezl zu mir: „Der Basti Schweinsteiger, boah: Jahrhunderttalent!“ Und ich sagte: „Der ist super, aber warte ab – solche Talente werden wir bald ohne Ende haben.“ Das ging ja bis jetzt so: Welche Auswahl Joachim Löw nach dem Confed Cup hatte! Er hat nur zu spät den Umbruch eingeleitet. Aktuell ist in der Nachwuchsförderung alles okay. Aber an der Basis dürfen wir jetzt keinen Deut nachlassen.

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SpVgg Unterhaching: Schromm bleibt bescheiden - und glaubt „auf Sicht“ an den Aufstieg

Bei der Jahreshauptversammlung war es Ihrem Team und Trainerstab anzumerken, wie groß die Erleichterung wegen der Ausgliederung des Profibereichs war. Normalerweise sind Spielern solche strategischen Entscheidungen egal. Zeigt das auch das spezielle Hachinger Familiengefühl?

Das bestätigt brutal unseren Weg. Schon beim Infoabend war das halbe Team da – wir hatten gar keinen Platz für alle. Die Spieler sagten, das interessiert sie halt. Sowas gibt mir Kraft. Es zeigt, dass wir einen verschworenen Haufen und gute Typen haben. Natürlich ist bei uns auch nicht alles Fußballromantik pur, aber dieser naiven Vision, einen sympathischen, geerdeten, erfolgreichen Verein aufzubauen, sind wir jetzt sehr, sehr nahe. Es fehlt im Grunde gar nichts mehr dazu.

Entsprechend verwurzelt sind Sie mit dem Projekt. Ihr Vertrag läuft bis 2020 – Abwanderungsgelüste sind nicht erkennbar.

Nein. Ich gehe jeden Tag gerne in die Arbeit und bin mir sicher, dass es meinen Spielern genauso geht. Und mehr Medienrummel brauche ich persönlich nicht. Ich sitze jetzt hier bei Ihnen im Verlagshaus, sogar zufällig auf dem Sitz des Chefredakteurs, wie Sie mir sagten – das empfinde ich als große Ehre. Aber ich brauche das nicht. Früher habe ich Christian Ziege als unseren Trainer erlebt. Den fragten die Leute ständig, ob sie ein Foto haben könnten. Das ist nicht meine Welt. Ehrlich gesagt habe ich sogar Angst, dass wir uns im Laufe der Zeit verändern. Ich habe meinen Co-Trainern gesagt, die alle einen super Job machen und es genauso verdient hätten, heute hier zu sitzen: „Sobald sich der alte Schromm verändert – bitte sofort mit dem Hammer eins drüberziehen! Aber mit dem ganz großen Hammer!“

Sie bleiben, bis das Projekt Haching komplett ist?

Natürlich bleibe ich. Ich bin mir sicher, dass wir auf Sicht in die Zweite Liga aufsteigen – und uns dort etablieren werden. Das Interesse an uns wächst. Ich höre immer öfter Aussagen, dass Haching cool ist. Unser Verein entwickelt sich langsam und gesund – das schafft Stabilität.

Trifft Ihr Torjäger Stephan Hain auch in der Zweiten Liga noch so wie er will?

Warum nicht?

Schromm über Haching-Goalgetter Stephan Hain: „Er wird weiter treffen“

Er wird nicht jünger.

Wir haben vorgestern mit unseren Athletiktrainern unseren Kader mit Blick auf die nächsten drei Jahre analysiert: Wer ist dann bereit, für uns auch in der Zweiten Liga zu spielen? Körperlich bereitet uns keiner Bauchschmerzen – auch Hain nicht. Er wird weiter treffen. Das ist so, weil es einfach so ist.

Kann man das Jugend-/Regionalkonzept auch in Liga Zwei durchziehen?

Sogar noch einfacher.

Aber die Ansprüche steigen, und der hiesige Markt ist doch endlich.

Der Markt ist nie erschöpft. Ich sage unserem Präsidenten schon seit Jahren, dass in der Zweiten Liga sein Telefon nicht mehr stillstehen wird.

Wie ist das Rückrunden-Ziel – mit einem Wort?

(lacht) Sie wollen jetzt Aufstieg hören. Entwicklung, das ist mein Wort. Und wohin sie uns führt, werden wir sehen.

Interview: Andreas Werner

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