Gerald Asamoah mit Ball am Fuß in einem Spiel der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
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Schwarze Spieler im Trikot der deutschen Nationalmannschaft sind für Rassisten eine Provokation. Gerald Asamoah musste das häufig am eigenen Leib erfahren.

Amazon und das ZDF zeigen die sehenswerte Dokumentation „Schwarze Adler“

Starke Doku über Rassismus im Fußball: Unsere schwarzen Adler

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Wie stark Rassismus noch immer im deutschen Fußball präsent ist, zeigt die überaus sehenswerte Dokumentation „Schwarze Adler“, die nun auf Amazon Prime zu sehen ist. Am 18. Juni zeigt sie das ZDF. Einschalten sollte Pflicht sein - nicht nur für Fußballfans.

  • 1974 stand mit Erwin Kostedde der erste schwarze deutsche Nationalspieler bei einem Länderspiel auf dem Platz
  • Jeder schwarze Spieler hat in seinem Leben Anfeindungen erlebt
  • Es bleibt häufig nicht nur bei verbalen Attacken

Am Anfang steht ein Warnhinweis. „Der folgende Dokumentarfilm zeigt möglicherweise traumatisierende Inhalte wie rassistische Beleidigungen, Übergriffe und rassistisch motivierte Gewalt. Bitte stellen Sie sicher, dass Sie und Ihr Umfeld sich darauf einstellen, wenn Sie den Film ansehen.“ Das sollte man sich zu Herzen nehmen – auch als weißer Zuschauer. Was in der Dokumentation „Schwarze Adler“ zu sehen ist, ist für jeden Menschen mit der Fähigkeit zur Empathie oft kaum zu ertragen.

Immer wieder fragt man sich: Was stimmt nicht mit diesen Leuten? Die dunkelhäutigen Fußballspielern Bananen und Apfelsinen aufs Feld vor die Füße werfen; die Affenlaute imitieren; die, in großer Gruppe zusammengerottet und deshalb bestärkt in ihrer Überheblichkeit, skandieren: „Neger raus!“ Einigkeit und Recht und Freiheit? Gibt’s in deren Köpfen nur für diejenigen, die in ihr Schema passen. Edle Patrioten.

Ab heute ist Torsten Körners ebenso lehrreiche wie erschütternde Dokumentation beim Streaminganbieter Amazon Prime zu sehen, am 18. Juni zeigt sie auch das ZDF. Es ist nicht nur ein Film für Fußballfans. So wie Rassismus nicht nur in Stadien vorkommt. Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, heißt es zurecht. Weil Fußball deutscher Volkssport ist. Doch wer definiert eigentlich, wer dazu gehört, zu diesem deutschen Volk?

Erwin Kostedde (M.) war 1974 der erste Schwarze, der für die deutsche Nationalmannschaft spielte.

Körner blickt mit Archivaufnahmen zurück auf die Zeit des Nationalsozialismus, als diese Frage nach rassenideologischen Kriterien beantwortet wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs mochte das Land in Trümmern liegen – der Hass aber lebte in den Köpfen weiter. „Am schlimmsten waren die jungen Männer, die 17-, 18-, 19-Jährigen“, erinnert sich Erwin Kostedde, der später als erster Schwarzer für die deutsche Fußballnationalmannschaft auflief, 1974 war das. In der unmittelbaren Nachkriegszeit litt der Sohn eines Afroamerikaners unter den Attacken der hellhäutigen Burschen. „Die waren in der Hitlerjugend gewesen. Nun hatte Deutschland den Krieg verloren. Ich war ihr Feindbild.“

Erwin Kostedde wollte seine dunkle Hautfarbe wegwaschen

Man kann sich köstlich amüsieren, wenn man heute Reklame der Fünfziger- und Sechzigerjahre anschaut. Doch bei den Werbespots, die Körner einspielt, um den allgegenwärtigen Rassismus in der jungen Bundesrepublik zu dokumentieren, bleibt das Lachen im Halse stecken. Es verwundert nicht, dass Kostedde als Bub auf die Idee kam, mit Kernseife zu versuchen, seine dunkle Hautfarbe abzuwaschen – das Ideal des weißen Menschen wurde ihm selbst in harmloser Waschmittelwerbung entgegengeschleudert.

Kaum zu fassen sind auch die Filmausschnitte aus der Dokumentation „Toxi lebt anders“ (1957) über Kinder von amerikanischen „Neger-Soldaten“ und deutschen Müttern. Der Reporter fragt die alleinerziehende (weiße) Frau voller Erstaunen mit Blick auf ihren dunkelhäutigen Sohn: „Was soll der werden? Er kann doch nicht zum Zirkus gehen – oder glauben Sie, dass das eine Lösung ist, dass er später mal zum Zirkus geht?“ Und als die Mutter die nicht weniger abscheuliche Frage, ob sie nie darüber nachgedacht habe, die Kinder „wegzugeben“, verneint, folgt ein verblüfftes: „Nein? Warum nicht?“

Rassismus ausgerechnet im „Stadion der Freundschaft“

Was das alles mit Fußball zu tun hat? Die Sportprofis in der Dokumentation machen deutlich: sehr viel. Was ihnen allen gemein ist, ist, dass sie das Gefühl von Zugehörigkeit erstmals in ihrem Leben auf dem Fußballplatz erlebten. Der Sport wurde für sie, die oft Rassismus erfahren mussten (und müssen), zur rettenden Insel. Doch im Fußball erlebten sie auch die Grenzen dieser Zugehörigkeit. Szenen eines Spiels zwischen Cottbus und Hannover im Jahr 1997, ausgerechnet im „Stadion der Freundschaft“, machen das drastisch deutlich. Otto Addo und Gerald Asamoah wurden minutenlang von Zuschauern niedergebrüllt mit der Parole: „Neger raus!“ Weder der Schiedsrichter noch die Verantwortlichen des Gastgebers Cottbus griffen ein.

Auch Frauenfußball-Profi Steffi Jones wurde oft angefeindet.

Doch es gibt auch viele Jubelbilder. Besonders häufig für Asamoah, den ersten Spieler der deutschen Nationalspieler, der in Afrika geboren wurde. 2001 schießt er in seinem ersten Länderspiel gleich ein Tor. Der Kommentator ruft begeistert: „Der deutsche Fußball hat einen neuen Liebling.“ Das hat natürlich ein Geschmäckle. Wer Leistung bringt, der gehört dazu. Auf diesen Aspekt macht Moderatorin Shary Reeves aufmerksam, die selbst große fußballerische Ambitionen hatte – und eine doppelte Diskriminierung aushalten musste: schwarz zu sein und Fußball zu spielen, ist ja schon besonders – aber dann noch weiblich?

Vielleicht muss man – wenn man die Kraft dazu hat – es machen, wie Ex-Profi Jimmy Hartwig: die Gegner mit ihren Waffen schlagen. In seiner lebensfrohen Art erzählt er, wie einmal eine Horde im Stadion minutenlang rief: „Negerschwein! “ Und Hartwig? Stellte sich vor die Brüllenden und schwang einen imaginären Taktstock. „Das war geil – ich hab’ den größten Idiotenchor der Welt dirigiert.“

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