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Thomas Hitzlsperger ist soeben in die Bundesliga aufgestiegen - als Berater des VfB Stuttgart.

Thomas Hitzlsperger - der gefragte Mann

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Vor dreieinhalb Jahren bestimmte Thomas Hitzlsperger mit seinem Coming-Out die Schlagzeilen. Er war damals „vorgeprescht“ – ins Ungewisse. Wie würde Deutschland reagieren? Und heute: Sein Wagnis hat sich gelohnt, er ist ein gefragter Mann und nicht reduziert auf eine Rolle. Er ist mittendrin im Business.

Am 8. Januar 2014 waren einige Leute von Thomas Hitzlsperger enttäuscht.

Nicht weil er an diesem Tag sagte: Ich bin schwul.

Sondern, weil er die Verbreitung dieser Botschaft über eine Kommunikationsagentur kanalisierte. „dictum law“, so der Name des Anbieters, ist spezialisiert auf „Full-Service-PR“ und „Krisenkommunikation im Insolvenzverfahren“. Und schien so gar nicht zu passen zu Thomas Hitzlsperger, wie man ihn über die Jahre kennengelernt hatte: ein angenehm anderer Fußballprofi, nicht eingebildet, dafür nahbar und unkompliziert erreichbar – und, Journalisten machen diese Erfahrung nicht oft: Ein Gesprächspartner, der sich die Gesichter und Namen der Interviewer merkte und beim nächsten Treffen parat hatte. Am 8. Januar 2014 aber: Hitzlsperger umgeben von einem Abwehrwall.

Man kann es jedoch verstehen, wenn man diese Zahl hört: 277.

So viele Interviewwünsche nämlich gingen ein in den Stunden, nachdem Thomas Hitzlsperger in einem von der „Zeit“ verbreiteten Video gesagt hatte, was er loswerden wollte. Es ging einfach nicht anders, als das straff zu organisieren, mit professioneller Unterstützung. Es war schließlich etwas von Tagesthemen-Relevanz: Der erste deutsche (Ex-)Nationalspieler sagte: „In den letzten Jahren dämmerte mir, dass ich lieber mit einem Mann zusammenleben möchte.“ Und: „Ich möchte die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen. Homophobe Leute haben jetzt einen Gegner mehr.“

Nach einer Phase des Ausnahmezustands benötigte Hitzlsperger die Kommunikationsagentur nicht mehr. Sofort war die alte Zugänglichkeit wieder da.

Dreieinhalb Jahre liegt es nun zurück, das „Coming-out“. Oft wird in Gesprächen darüber der falsche Begriff verwendet: „Outing“. In einer Broschüre, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) herausgegeben hat, kann man nachlesen, dass es da einen Unterschied gibt. Ein „Outing“ wäre nicht selbstbestimmt, sondern eine Enthüllung von anderer Seite – so wie es der Filmregisseur Rosa von Praunheim einmal getan hatte, als er verriet, wer aus seiner Branche schwul sei.

Bei Thomas Hitzlsperger war es ein Coming-Out. Eine eigene Entscheidung nach längerem Abwägen. Sprechen ihn Leute auf das „Outing“ an, fällt er ihnen nicht ins Wort, er korrigiert unaufdringlich, indem er den richtigen Terminus verwendet: „Mein Coming-out.“

Es war natürlich ein Wagnis. Zwar hatte Thomas Hitzlsperger, den viel Pech mit Verletzungen begleitete, die Karriere als Profispieler im Sommer 2013 beendet, doch wie viele andere auch, die ihren Sport liebten, wollte er sich die Option auf eine fortführende Rolle bewahren.

Es hätte sein können, dass die Branche und die Menschen gelassen auf seine Bekanntmachung reagieren, dass sie sich aufgeschlossen zeigen, weil es vorgestrig wäre, nicht so zu sein – aber dass man stillschweigend das Buch Hitzlsperger im Fußball geschlossen hätte. Und dass das öffentliche Interesse, das bleiben würde, immer in diesem einen Kontext stehen würde.

Doch in der Mitte des Jahres 2017 kann Thomas Hitzls-perger resümieren, dass sich sein Leben und seine neue Laufbahn wunderbar entwickelt haben. Kürzlich wurde er in der DFB-Zentrale in Frankfurt als neuer und erster Botschafter des DFB für Vielfalt vorgestellt, das hat sicher „damit zu tun, dass ich damals vorgeprescht bin“, sagt der heute 35-Jährige, der aus einer Forstinninger Großfamilie mit starker Affinität zum Fußball stammt.

Das nächste Ziel: Fußballlehrer

Es soll keine Rolle sein, in der er nur ein bisserl repräsentiert, das hat ihm DFB-Präsident Reinhard Grindel zugesichert: „Wir haben ihn nicht nur wegen des Themas Homosexualität verpflichtet – und auch nicht, um ihn ins Schaufenster zu stellen.“ Der DFB verlangt von Hitzlsperger „inhaltliche Arbeit“, und er soll grundsätzlich gegen jede Form von Diskriminierung rund um den Fußball seine Stimme erheben und seine Expertise beisteuern. Schon beim Confederations Cup ist er Mitglied der DFB-Delegation, vielleicht dann auch 2018 bei der Weltmeisterschaft.

Vor allem aber hat Hitzls-perger es geschafft, tief im normalen Fußballgeschäft verwurzelt zu bleiben. Wie andere Nationalspieler vor ihm, die sich gewählt ausdrücken können, ist Thomas Hitzlsperger Experte geworden. Dienstherr: der Bayerische Rundfunk. Man kann ihn ins Hörfunkstudio als Sidekick bei „Heute im Stadion“ setzen oder vor der ARD-Kamera stellen wie neulich bei den Relegations-Begegnungen zwischen Wolfsburg und Braunschweig sowie 1860 München und Regensburg. Er redet dann – in freundlicher Tonlage – Klartext.

Auch beim Confederations Cup wird er zu sehen sein. Er hat 52 Länderspiele gemacht, er war einer der prägenden Deutschen in der englischen Premier League, seiner Schusskraft wegen wurde er „The Hammer“ genannt. Er hat also was zu sagen.

Beim BR sind sie angetan von ihrem Mitarbeiter. Weil er sich vorbereitet, weil er Manieren hat. Es kann sein, dass er ins Heute-im-Stadion-Studio mit frischgebackenem Kuchen kommt oder in Braunschweig seine Kollegen mit Eis versorgt.

Die Relegation konnte er ganz entspannt verfolgen und kommentieren, weil er selbst auch für einen Verein steht und dieser mit dem Überlebenskampf (mal) nichts zu tun gehabt hatte. Vor einem Jahr, nachdem der VfB Stuttgart aus der Bundesliga abgestiegen war, richtete er sich neu aus. Dazu gehörte, Hitzlsperger einzubinden, der als Mittelfeldspieler mit dem VfB 2007 Deutscher Meister geworden war. „Beauftragter des Vorstands in der Schnittstelle zwischen der Vereinsführung und dem Lizenzspielerbereich“ wurde Hitzlsperger – und seine beratende Tätigkeit zeitigte Erfolge: Die Schwaben schafften den direkten Wiederaufstieg, verbunden mit einer Steigerung bei Zuschauer- und Mitgliederzahlen.

Thomas Hitzlsperger ist nun auch Berater in der Bundesliga. Und er wird Trainer. Okay, das ist noch nicht ganz sicher; zumindest hat er mit der Fußballlehrer-Ausbildung begonnen. „Das bietet sich ja an.“ Es geht ihm zunächst aber nur darum, „eine zusätzliche Perspektive zu gewinnen“. Als in die Bundesliga strebender Trainer sieht er sich nicht. Das wäre dann zu viel der Fußball-Fixierung.

Thomas Hitzlsperger möchte schon weiter nicht nur fachlich, sondern auch gesellschaftlich wirken. Damit fing es ja an, dass man an ihm mehr wahrnahm als die Fähigkeit, gut zu kicken und einen Mordsschuss zu haben. Thomas Hitzlsperger fand, dass ein bekannter Sportler seine Bekanntheit nutzen solle, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Sein erster Fall: Als er bemerkte, wie ein dunkelhäutiger Mitspieler von Zuschauern rassistisch beleidigt wurde. Hitzlsperger begann, für den „Störungsmelder“ zu schreiben, einen Blog des Online-Auftritts der „Zeit“.

Die sozialen Medien waren damals noch nicht so verbreitet wie heute, deswegen weiß Thomas Hitzlsperger nicht, ob er jetzt mit gleicher Vehemenz in das Thema einsteigen würde. Die Art der Auseinandersetzung ist eine viel direktere, unausgewogene geworden, Kommentare sind darauf ausgerichtet, zu verletzen. Würde er sich einer Hasswelle aussetzen wollen?

Er hat als Profi immer abwägen müssen, was an politischer Aktivität nebenher geht. Manchmal wurde ihm latent unterstellt, die Leistung auf dem Platz leide darunter. Im Herbst 2011 wurde Thomas Hitzlsperger mit dem Julius-Hirsch-Ehrenpreis des DFB ausgezeichnet – in Würdigung seines Engagements. Er überlegte hin und her, ob er die Auszeichnung annehmen sollte. Er war relativ frisch zum VfL Wolfsburg gewechselt und zunächst verletzt gewesen. Er kämpfte sportlich um den Anschluss – sollte er da einfach unter der Woche für ein, zwei Tage nach Düsseldorf zur Preisverleihung verschwinden? Er fuhr letztlich hin – begleitet von seinem Trainer Felix Magath.

Unter seinen Mitspielern war der Julius-Hirsch-Preis kein Begriff. Thomas Hitzlsperger ging auch immer davon aus, dass im Mannschaftskreis seine Blogbeiträge nicht gelesen würden. Niemals hätte er Kollegen unter Druck gesetzt, sich ihm in diesen Missionen anzuschließen.

Hundert Prozent – nicht nur Grüß Gott

Als er vor einigen Monaten zu Gast war in der Münchner Fußballkneipe „Stadion“, wo man über die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs diskutierte, wollte er auch nicht zu fordernd gegenüber den Vereinen aufzutreten, ihr soziales Engagement auszubauen. Viele Projekte seien unterstützenswert, sagte er – „aber es gibt immer auch Zwänge. Man will ein sportliches Ziel erreichen, man steht vielleicht im Überlebenskampf.“

Und Spielern solle man nicht zu viel abverlangen. Sicher wäre das schön, wenn mal ein Bayern-Star über die Problematik eines Trainingslagers in Katar sprechen würde – „aber der würde garantiert Riesenstress bekommen“.

Auch Thomas Hitzlsperger redet nicht über alles, bei vielen Anfragen muss er absagen. Er hat seit seinem Coming-Out vor dreieinhalb Jahren mehr als 10 000 Zuschriften bekommen. Viele Organisationen wollen ihn für sich gewinnen, ihr Anliegen mit seinem Namen transportieren. Er will aber kein Grüß-Gott-Thomas sein, es schmerzt ihn, dass er „nicht jedes Projekt bis zum Ende begleiten kann“. Auch für seine Aufgabe als DFB-Botschafter für Vielfalt hat er sich ausbedungen, dass er auswählen kann, wo er sich einbringen möchte.

Aber was er macht, das mit hundert Prozent. Wie bei einem Auftritt vor Schülern. Es waren mal keine Journalisten da, die das Frage-und-Antwort-Spiel dokumentiert und doch nur wieder die Aussagen, die sie für delikat halten, herausgefiltert hätten. Es entstand ein Austausch mit Jugendlichen, der Hitzlsperger nahe ging – wie er im „Stadion“ darlegte.

Das Angebot des DFB, Botschafter zu werden (der bislang einzige – fürs Fachgebiet Integration – ist Cacau), hat Thomas Hitzlsperger gerne angenommen. Zum einen, weil er sich im Verband immer wohl gefühlt hat. Selbst als er als Härtefall aus dem WM-Kader für Südafrika 2010 gestrichen wurde, trug er keinem was nach – bei der nächsten Nominierung war er voller Freude wieder da. Der ehemalige Nationalmannschafts-Sprecher Harald Stenger sagte, eine solch uneingeschränkte Sportsmanship habe er bei keinem anderen Fußballer erlebt.

Nun erweitert die Botschafter-Stelle Hitzlspergers Möglichkeiten. Für alle, die im Fußball Diskriminierung erleben, „kann ich ein Ansprechpartner sein, wenn man sich das wünscht“.

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