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Halt in der Heimat: In Forstinning begann Thomas Hitzlsperger seine Karriere als Fußballer. Nun ist sie zu Ende – und er wagte sein Coming-Out.

Im Merkur-Interview

Hitzlsperger: Enormes Echo hat mich "überwältigt"

München - Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger spricht nach seinem Coming-Out im Interview mit dem Münchner Merkur über Lebenslügen, seine Ziele und den Rückhalt in seiner Familie.

Am Montag will er in den Urlaub fahren – und der kommt gerade zur rechten Zeit. Denn in den vergangenen Tagen hatte Thomas Hitzlsperger, 31, keine ruhige Minute. Mit seinem Coming-Out hat er ein gewaltiges Echo erzeugt, und das weltweit. Die Anfragen von Medien prasselten auf ihn ein – mehr als 400 waren es alleine in den ersten 24 Stunden nach seinem mutigen Schritt. Als erster prominenter deutscher Fußballer hat Hitzlsperger seine Homosexualität thematisiert.

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Thomas Hitzlsperger lehnt am Ortsschild von Forstinning, seinem Heimatort.

So viel Rummel um ihn gab es nie in seiner aktiven Karriere, die ihn immerhin in die deutsche Nationalmannschaft führte (52 Länderspiele). Er spielte als Bub kurz beim VfB Forstinning, dann als blutjunges Talent beim FC Bayern. Schon mit 18 ging er nach England, blieb dort sieben Jahre lang, spielte später in der Bundesliga (Stuttgart und Wolfsburg) und in Italien. Er war 2007 Deutscher Meister sowie Teilnehmer der WM 2006 und der EM 2008.

Heute wohnt Hitzlsperger, derzeit Single, in München. Aufgewachsen ist er in Forstinning im Kreis Ebersberg – als jüngstes von sieben Geschwistern. Wir sprachen mit ihm über den größten Auftritt seines Lebens.

Hitzlsperger: Enormes Echo hat mich "überwältigt"

Herr Hitzlsperger, was ist das vorherrschende Gefühl, das Sie in diesen Tagen bewegt. Erleichterung?

Ich fühle mich sehr gut.

Warum sind Sie an die Öffentlichkeit gegangen?

Es ist ein guter Zeitpunkt. Ich habe meine Karriere als aktiver Profifußballer vor kurzem beendet. Jetzt möchte ich in eine neue private und berufliche Phase meines Lebens starten. Ich vertrete schon eine ganze Weile die Ansicht, dass die distanzlose Fragerei nach meiner Sexualität und der anderer Fußballer vorbei sein muss. Das kann für manchen zur Lebenslüge werden. Wenn meine Homosexualität in der Öffentlichkeit ein Thema sein soll, dann möchte ich beeinflussen, was gesagt, geschönt oder verdeckt wird. Mein Wunsch ist es, jetzt offen damit umzugehen.

Seit wann wussten Sie, dass Sie homosexuell sind?

Das wurde mir nach und nach klar. Es war ein langer Prozess, der reifen musste.

Wie haben Sie sich in den Tagen vor Ihrem Coming-Out gefühlt?

Genauso gut wie heute. Ich habe mein Ziel klar vor Augen gehabt.

Hat Sie das enorme Echo überrascht?

Ich würde eher sagen: überwältigt! Ich freue mich riesig über die vielen positiven Reaktionen.

"Viele Mails, SMS und Anrufe, die mich berührt haben"

Was war die bewegendste Reaktion? Hat Sie irgendetwas besonders berührt, im Negativen wie im Positiven?

Da sind viele Mails, SMS und Anrufe, die mich berührt haben. Am meisten die, in denen mir Leute gesagt haben, dass ihnen meine Entscheidung Mut macht. Insbesondere auch die einiger junger Fußballspieler.

Der Zuspruch war enorm, aber Hand aufs Herz: Haben Sie auch Freunde verloren?

Nein, meine Freunde stehen zu mir und unterstützen mich. Dafür bin ich sehr dankbar.

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Sie haben eine sehr große Familie – wie haben Sie sie informiert, in einem großen Familienrat?

Ich habe meiner Familie vor etwa drei Jahren von meiner Homosexualität erzählt.

Wie hat Ihre Familie reagiert?

Fantastisch! Der Zusammenhalt und die Unterstützung waren und sind sehr groß. Das ist für mich ein großes Glück und dafür bin ich sehr dankbar!

Gab es Reaktionen aus Ihrer Heimat, also aus Forstinning?

Ja! Von meiner Familie habe ich gehört, dass es viele positive Reaktionen gab.

Wo haben Sie die Tage nach Ihrem Coming-Out verbracht?

Ich war in München mit einem kurzen Ausflug nach London, um dort auch Interviews zu geben.

"Ein Hilfsangebot anzunehmen, kann dienlich sein"

Sie sagen, Sie wollen in Zukunft mithelfen, das Thema Homosexualität im Profisport zu enttabuisieren – haben Sie schon konkrete Vorstellungen?

Ich denke, dass ich mit meinem Schritt in die Öffentlichkeit einen wichtigen Beitrag geleistet habe. Ich wollte Mut machen und eine Diskussion anstoßen, und das ist mir gelungen. Was darüber hinaus geschieht, wird die Zeit zeigen.

Viele sehen Sie nun als Leitfigur, als Botschafter – sehen Sie sich auch so?

Nein, ich wollte jetzt nur einen wichtigen Impuls geben.

Als Sie Bundestrainer Jogi Löw und DFB-Teammanager Oliver Bierhoff in Kenntnis gesetzt haben, wie war die Reaktion?

Beide haben positiv reagiert, was ich auch nicht anders erwartet habe.

Haben Sie das Gefühl, dass der Verband den Umgang mit Homosexualität noch optimieren kann?

Ich bin kein aktiver Profifußballer mehr, und ich möchte dem DFB keine Ratschläge geben. Aber der DFB hat im vergangenen Jahr eine Broschüre zum Thema „Fußball und Homosexualität“ veröffentlicht und damit unmissverständliche Zeichen gesetzt.

Braucht es für homosexuelle Profis, die an die Öffentlichkeit gehen wollen, Hilfe von institutioneller Seite, wie der Vereinigung der Vertragsfußballspieler?

Ein Hilfsangebot anzunehmen, kann dienlich sein. Es gibt Menschen, die eine solche Hilfestellung annehmen. Ich bin einen anderen Weg gegangen. Die Entscheidung, sich öffentlich zu äußern oder auch nicht, die muss letztlich jeder für sich allein treffen. Entscheidend aber ist die Unterstützung im Familien- und Freundeskreis.

"Im Profifußball als bekennender Homosexueller zu bestehen, ist alles andere als einfach"

Gibt es jemanden, der Sie inspiriert hat?

Ich habe aufmerksam beobachtet, welche Profisportler sich öffentlich zu ihrer Homosexualität geäußert haben. Im deutschen Profifußball bin ich der erste Spieler.

Rechnen Sie damit, dass Ihrem Beispiel bald weitere Fußballer folgen?

Das kann ich nicht beurteilen und möchte auch darüber nicht spekulieren.

Würden Sie sich das wünschen?

Wenn jemand sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennen möchte und sich durch meine Entscheidung ermutigt fühlt, freut mich das.

Es gibt Stimmen, die sagen, ein Coming-Out könnte einen Profifußballer auch befreien, da ein Versteckspiel auf die Leistung drückt. Sehen Sie das auch so?

Das kommt auf den einzelnen Menschen an. Im Profifußball als bekennender Homosexueller zu bestehen, ist sicher auch alles andere als einfach.

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