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Seelenruhig, auch im Getümmel: Toni Kroos findet selbst auf engstem Raum meist Lösungen. 

Kroos im Blickpunkt

Krone trotz Krise - woran Kroos noch wachsen muss

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Dass die deutsche Nationalmannschaft kriselt, liegt auch daran, dass Toni Kroos noch nicht der Anführer ist, den man nach dem Abschied von Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger braucht.

Berlin - Die Augen wandern permanent durch den kugelrunden Glassaal, rastlos, als würde Toni Kroos auch jetzt, wo er auf seinem Stuhl oben auf dem Podium bei der Pressekonferenz sitzt und nicht auf dem Platz steht, Anspielpartner suchen. Wenn er mal keine Lust auf eine Frage hat, lehnt er sich zurück und nickt seinem Nebenmann Timo Werner zu: Mach’ du mal! Gerade wollte ein Reporter wissen, wie sich die Bayern trotz ihrer Krise im Kreis der Nationalelf machen. „Ich bin raus“, sagte Kroos, lehnte sich zurück und nickte Werner zu. Der sagte artig, die Münchner würden weiter so Witze machen wie zuvor. „Sie sind so, wie sie sind.“

Auch Kroos ist so, wie er ist. Seit Jahren schon. Und genau das ist ein Problem, das auch dazu führt, dass die Nationalelf schwächelt. Ob er bereit sei, Führung zu übernehmen, wird er gefragt. Er schmunzelt. „Ich bin bereit“, sagt er, „ich bin seit Jahren bereit.“

Ist das wirklich so?

Kroos tauchte bei Bayern auch mal ab

Beim FC Bayern erinnern sie sich bis heute gut daran, dass Kroos zwar einer der talentiertesten Fußballer seiner oder womöglich aller Zeiten ist - aber eben auch gerne abtauchte, wenn es ernst wurde. Er gewann nun drei Mal in Serie die Champions League mit Real Madrid, doch an seiner Seite arbeiten Männer wie Luka Modric, der nicht zufällig zum besten Fußballer der Welt gekürt wurde. Seine Rolle in der Nationalelf habe sich nicht verändert, meinte Kroos am Donnerstag, da muss man aufzeigen: Nach dem Abschied der Strategen Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger sollte er das Team leiten. Sein Anspruch sei, Einfluss zu üben, auf und neben dem Platz, sagte er. „Das ist schon seit Jahren so.“ Wenn er sich so zurücklehnt, hat das etwas Königliches. Nur ohne Krone.

Wobei ihm eine gut stehen würde. Denn auch die Krise im Verein lässt ihn kalt, was Fragen aufwirft: Ist er so cool - oder so unbeteiligt? Oft ist es auch seine saloppe Rhetorik, die irritiert. „Mal ist es hier schwierig, mal dort“, meinte er auf die Frage, wie er mit der Situation umgehe, in Madrid eine Krise zu erleben und auch in der DFB-Auswahl stabile Zeiten fern sind. „Es ist so oder so schön, bei beiden Mannschaften.“ Das dürfe man „nicht an ein, zwei Spielen“ festmachen.

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Kroos will sich noch nicht schonen

Bringt er diese Haltung auf den Platz, wäre das genau das, was der deutschen Elf aktuell fehlt: Einer, der solide über den Dingen steht, der zeigt: Wir wissen, wer wir sind. Und man kann ihm ja auch nicht vorwerfen, dass er sich drückt. Nach der WM in Russland hieß es, er werde in Zukunft weniger Spiele in der DFB-Auswahl bestreiten, um sich auch mal zu schonen. Aber dafür sei jetzt keine Zeit, erklärte er am Donnerstag. „Nach diesem nicht zufriedenstellenden Turnier ist es wichtig, dass wir die Kurve bekommen und Ergebnisse erzielen - da will ich mich nicht rausziehen.“ Es herrsche bei ihm „ziemliche Vorfreude auf die Spiele gegen die Niederlande und Frankreich, es wird keiner von uns gezwungen, hier zu sein.“

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Das Ziel sei klar, sagte er: Zwei Siege. „Ich bin es seit Jahren gewohnt, mit dem Anspruch aufzulaufen zu gewinnen - daran ändern drei nicht ideale Spiele bei der WM nichts“, sagte er. Er sei auch überzeugt, dass Joachim Löw der richtige Mann für den Neustart ist. Kroos debütierte im März 2010 unter ihm, „und ich habe seitdem ja gesehen, wie sich auch der Trainer immer weiter entwickelt hat“. Löw habe sich diese Chance „absolut verdient“.

Natürlich hat sich auch Toni Kroos die Chance verdient, in die Rolle des Anführers so reinzuwachsen, so dass in Analysen bald einmal die Namen Lahm und Schweinsteiger verzichtbar sind. Es war klar, dass nach der WM alles hinterfragt werden würde, sagte Kroos. „Ich bin ja nicht blöd.“ Dass auch er auf dem Prüfstand ist, versteht sich von selbst - obwohl ihm seine Ausnahmestellung fraglos bewusst ist. Es wäre nur zu wünschen, dass er sich noch mehr auch unliebsamen Themen stellt - wie die kriselnden Bayern gestern. Als er Timo Werner zur Antwort vorschickte, klingelte im Auditorium plötzlich ein Handy, zum wiederholten Mal schon. Der Verursacher der Störung erntete böse Blicke. Nur Toni Kroos visierte nach ein paar Augenblicken schon wieder das nächste Ziel an.

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