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200 Euro für die Anmeldung zur Champions League

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Champions League
Erst am Ende geht es um den Pott: Das Regelwerk der UEFA bringt viel Bürokratie in die Königsklasse. © dpa

München - Es geht um mehr, als nur den Pott in der Königsklasse: Rechte, versteckte Pflichten, der Einfluss der UEFA - das alles steckt hinter der Champions League. Eine Lesereise durchs Regelwerk.

Reisen wir kurz zurück in die Saison 2008/09, es war die, in der der FC Bayern mit Jürgen Klinsmann als Trainer antrat. „Klinsi“, der drahtige Seitenlinienturner, trug für gewöhnlich Sneakers aus Wildleder, Jeans, Poloshirt und, wenn es mal zu kühl war, einen sportlichen Blouson. Zumindest in der Bundesliga war das so. Doch in der Champions League trat Klinsmann anders auf. Lackschuhe – frisch gebohnert. Hemd. Anzug.

Und auch andere Coaches – wie aus dem Ei gepellt. Stellt man auch heute noch fest. Wenn am Dienstag oder Mittwoch um 20.45 Uhr angepfiffen wird, hat selbst Jürgen Klopp, der Dortmunder Emotions-Coach, dem beim Torjubel schon mal die Ballonseidentrainingsjacke aus dem Ballonseidentrainingshosenbund rutscht, feinen Zwirn angelegt. Krawatte inklusive.

Seit Klinsmann vor sechs Jahren nicht im Freizeitlook antrat, geht das Gerücht um: Anzug ist Vorschrift für Trainer in der Champions League, und wenn der Herr Coach sich nicht ordentlich anzieht, muss er blechen. Oder der Verein.

Ein Gerücht. Aber nichts anderes. Denn wenn man sich durch das „Reglement der UEFA Champions League“ arbeitet, findet man dazu kein einziges Wort. Kleiden dürfen sich die Trainer, wie es ihnen beliebt. Wenn sie es festlich tun, ist es also nur der besonderen Atmosphäre dieser europäischen Nächte geschuldet.

Doch ansonsten überlässt die UEFA, der Europäische Dachverband, der Champions League und Europa League ausrichtet, wenig den Akteuren des Spiels. Jeder Klub, der sich für einen der Wettbewerbe qualifiziert, hat viel zu beachten – wie eine Lesereise durch die Regularien zeigt.

Anmelden nicht vergessen!

Hat der Klub sich also qualifiziert und träumt schon von den zig Millionen, die er einnehmen wird – trotzdem muss er sich noch offiziell anmelden (Stichtag 2. Juni). Und eine Gebühr entrichten. Die kann er allerdings aus der Portokasse entnehmen – es sind nur 200 Euro. Nächster Job: Bis 1. Juli je einen Satz von Heim- und Auswärts-Trikot, Hose und Stutzen an die UEFA-Administration schicken, die Spielkleidung muss offiziell abgenommen werden – zum Beispiel ist es Pflicht, auf dem linken Ärmel das „Respect“-Zeichen zu tragen.

Gerne haben sie es in der UEFA-Zentrale in Nyon in der Schweiz, wenn man ihr auch so mal ein Trikot übergibt. Die Klubs sind angehalten, „die Memorabiliensammlung der UEFA zu unterstützen“. Und die Vereine haben je ein Foto vom Trainer, von jedem Spieler und dem Stadion zur Verfügung zu stellen.

Die versteckten Pflichten

Stars haben bekannte Gesichter, einen Franck Ribery muss man nicht nach seinem Ausweis fragen. Aber der Schiedsrichter könnte das tun. Ein Spieler, der zu einer Partie der Champions League antritt, muss Personalausweis oder Reisepass mit sich führen.

Und wenn er dann durch diese Prüfung gekommen und seine Identität bestätigt ist, muss er Hände schütteln. Es gibt da kein Entkommen: Nach der Aufreihungsprozedur und der Hymne (immer nur Champions-League-Hymne, keine Nationalhymnen – darauf weist die UEFA mit Nachdruck hin!) haben alle Spieler einander die Hände zu reichen – und nach dem Schlusspfiff noch einmal.

Das sind eben gute alte Bräuche, die vom Verband hochgehalten werden. Wie auch dieser: „Das Spielblatt ist in Blockschrift auszufüllen.“ Ja, tatsächlich, eine Anweisung wie aus der Bezirksliga.

75 Minuten vor Anpfiff muss das Spielblatt (also die Aufstellung) dem Schiedsrichter übergeben werden. Exakt der Zeitpunkt, zu dem die Mannschaften im Stadion anzukommen haben.

Eine tückische Pflicht ist diese: Man muss „bis zum Ende des Wettbewerbs in bestmöglicher Formation antreten“. Versuchungen, sich nicht daran zu halten, gibt es immer gegen Ende der Vorrunde. Wenn das letzte Gruppenspiel nichts mehr an der Platzierung ändert – da könnte man rotieren, die Reservisten spielen lassen. Das wird tatsächlich auch so gehandhabt – nur sollte der Trainer das nicht so offen kommunizieren, sondern die fehlenden Spieler wenigstens als angeschlagen bezeichnen.

Die UEFA nimmt sich viel heraus

Wem gehört eigentlich der Europapokal, den die Spieler nach dem Finale im Konfettiregen in den Himmel recken? Antwort: der UEFA. Klare Ansage: „Der Pokal bleibt stets im UEFA-Besitz.“ Gut, für ein paar Stunden gibt ihn der Verband mal aus der Hand, womöglich für ein paar Tage. Zügig wird das Original dann durch eine Kopie ersetzt. Mit strengen Auflagen aus Nyon: „Nachbildungen müssen stets unter Kontrolle des Vereins bleiben“, sie dürfen „die Region nur mit schriftlicher UEFA-Zustimmung verlassen“. Heißt: Die Henkelpott-Kopie dürfte nicht einfach von München nach Ingolstadt reisen. Die UEFA müsste die Fahrt erst genehmigen.

Immerhin aber rückt die UEFA für den Siegerverein 40 Goldmedaillen heraus – da hat also auch der Physiotherapeut eine gute Chance, ein Andenken an den großen Tag zu bekommen. Aber: Bei 40 ist dann auch Schluss. „Die Herstellung zusätzlicher Medaillen ist nicht erlaubt.“

Neue Bilder: Highlights aus Europas Fan-Choreos

Die UEFA gibt etwas: Geld. Die Champions League ist grandios dotiert, ein Top-Verein kommt aus einer guten Saison mit über 50 Millionen Euro heraus. Doch die UEFA nimmt auch. In den Durchführungsbestimmungen hat sie an ihre Leute gedacht und sich großzügige Kartenkontingente festgeschrieben. Man könnte meinen, dass das F in UEFA für Freiverpflegung steht. Der Europäische Verband bekommt pro Spiel 50 VIP-Karten gratis, dazu 340 weitere Freikarten. Ganz ganz wichtig ist der Passus: „Bis zu fünf UEFA-VIP-Karten-Inhaber sind auf den bestmöglichen Plätzen neben den höchsten Vertretern des Vereins“ unterzubringen. So kommen Funktionäre aus Nyon verlässlich ins Fernsehen. Im Halbfinale stehen der UEFA 2280 Kaufkarten zum Nominalwert zu.

Und nicht zu vergessen: Es sind der UEFA 400 Quadratmeter für ihre eigene Hospitality zu überlassen, sie will ja ihre Partner angemessen bewirten. Für die sind übrigens auch noch 180 Parkplätze zu reservieren.

Die Sonderrechte der UEFA

Wenn Finale ist, dann bekommt jeder Verein die gleiche Anzahl an Karten für seine Fans – oder? So ist es nicht. Der UEFA steht es zu, der einen Partei weniger Tickets zu geben als der anderen, dafür kann sie Sicherheitsaspekte geltend machen. Was die UEFA auch kann: Hin- und Rückspiel auf ein Spiel reduzieren – die Voraussetzungen sind aber schwammig formuliert: „Unter gegebenen Umständen“.

Die Sache mit dem Fernsehbild

Bei der WM in Brasilien lief das TV-Bild auf den Videotafeln des Stadions¡ mit – in der Champions League ist das verboten. Nur zeitversetzt dürfen Bilder gezeigt werden – und wenn der Ball nicht im Spiel ist. Außerdem heißt es: „Spieler und Offizielle dürfen keinen Zugang zu TV-Bildern haben.“ Dann wird es wohl bald Kontrollen geben, ob auf der Bank ein Tablet ist und auf diesem „Sky Go“ läuft. Zugelassen sind simultane Fernsehbilder lediglich im Stadionumlauf – dort wo der Fan sich seine Bratwurst holt; er bleibt während des Kaufvorgang also auf dem Laufenden.

Das Medium Fernsehen wird von der UEFA natürlich hofiert. Da sind alle Kamerapositionen festgelegt (unser Favorit: die „Beauty-Shot-Kamera“ – in großer Höhe angebracht, zeigt ein Panorama des Stadions), für die TV-Studios im Innern der Arenen ist gesichert, dass sie mindestens fünf mal fünf Meter Fläche haben und die Decke 2,30 Meter hoch ist.

Der UEFA entkommt nicht mal der interviewfaulste Trainer oder Spieler. Cheftrainer und „ein Schlüsselspieler“ müssen vor jedem Spiel dem wichtigsten audiovisuellen Medium des Landes (und möglichst auch des Landes, aus dem der Gegner kommt) für Interviews zur Verfügung stehen.

Was außerdem geschrieben steht

Kein Verein ist gezwungen, zur Champions oder Europa League anzutreten – verzichtet er aber, gibt es auch keinen Nachrücker aus dem Verbandsgebiet. Weigert sich ein Klub im laufenden Wettbewerb anzutreten, wird’s teuer. Geldstrafe, wenn man das Finale nicht spielt: eine Million Euro.

Es darf auf Naturrasen gespielt werden – ausgenommen im Finale. Ein Verein darf in der Saison einmal sogar wechseln – von Natur- auf Kunstuntergrund oder umgekehrt. Das kann aber nur nach der Gruppenphase geschehen. Die neue Unterlage muss 30 Tage vor dem Achtelfinale installiert sein.

Als maximale Höhe des Naturrasens ist 30 mm festgesetzt, bei Training und Spiel müssen die Halme gleich hoch sein. Der Schiedsrichter kann das Gras aber mähen lassen, wenn es ihm zu lange gewuchert erscheint. Die Bewässerung des Rasens muss 60 Minuten vor Anpfiff beendet sein. Die Klubs können sich auf eine Nachwässerung zehn bis fünf Minuten vor Beginn einigen. Bewässerung muss gleichmäßig sein – also geht es nicht, den einen Strafraum unter Wasser zu setzen und den anderen trocken zu lassen.

Die UEFA zahlt Geld nie direkt an einen Verein aus, sondern immer an den nationalen Verband. Von dem muss der Klub es sich holen – die Bankgebühren hat er zu tragen.

Nach 106 Seiten voller Anweisungen soll nicht dien kleinste Unklarheit bestehen bleiben.

Günter Klein

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