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Die Vermessung des Fußballs

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Von: Günter Klein

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Einer der heimlichen Stars des Fußballs: Sven Mislintat, der Scout, der in seiner Dortmunder Zeit herausragende Transfers tätigte. © Imago

Jahrzehntelang spielte der Mensch Fußball, Taktiken und Tempo veränderten sich. Immer drängender wird nun die Neugier, zu erfahren, warum Fußball so gespielt wird, wie er gespielt wird. Der Wissensschatz wächst – auch dank ganz neuer Denkansätze und Denker aus anderen Bereichen.

Es war an einem Novemberabend 2007, als Karl-Heinz Rummenigge in seinem Zorn einen wuchtigen Satz in die Welt setzte: „Fußball ist keine Mathematik.“ Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern gab sich als Anwalt des Publikums in der Allianz Arena, das gerade ein merkwürdiges Spiel im UEFA-Cup gesehen hatte: Bayern gegen die Bolton Wanderers, ein englisches Mittelstands-Team. 2:2. Die Münchner hatten schon 2:0 geführt, Trainer Ottmar Hitzfeld nahm dann seinen doppelten Torschützen Lukas Podolski und Franck Ribery vom Feld, weil er kalkulierte: Besser ist es, wenn sie sich für die Bundesliga schonen. Bolton glich aus. Rummenigge sagte: „Fußball ist keine Mathematik.“ Er leitete damit auch das Ende der zweiten Amtszeit des Trainers ein. Hitzfeld war mal Lehrer – für Mathematik.

Würde Rummenigge heute noch so sprechen? Gewiss nicht. Denn die Mathematik und die angrenzenden Wissenschaften haben den Fußball erobert – auch in seinem Verein. Einer der wichtigsten Leute beim FC Bayern ist der der Öffentlichkeit unbekannter Michael Niemeyer. Er ist „Head of Department Match Analysis“, leitet die Abteilung Spielanalyse – mit acht Mitarbeitern. Und: Der FC Bayern verschließt sich keinem modernen Thema mehr. Er hatte schon Experten zu Gast, von denen er sich unterrichten ließ, wie Künstliche Intelligenz den Fußball würde beeinflussen können.

Das alles erzählt der Journalist Christoph Biermann, Mitglied der Chefredaktion des Fußballkulturmagazins „11 Freunde“, in seinem neuen Buch „Matchplan. Die neue Fußball-Matrix“ (Kiepenheuer & Witsch, 14,99 ). Für die Arbeit daran ist er um die Welt gereist. Er berichtet von den Menschen und Firmen, die die Zukunft des Spiels bestimmen oder sie zumindest beeinflussen werden

Der Fußball will mehr über sich erfahren, er will keine Wahrnehmungsfehler mehr begehen – das ist der Gedanke. Daniel Kahnemann, Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger, Autor von „Schnelles Denken, langsames Denken“, einem Weltbestseller, hat 188 Arten von Wahrnehmungsfehlern benannt, die Menschen begehen können. Viele kommen auch im Fußball vor. Der größte ist: Bewertungen vom Ergebnis her zu konstruieren. Denn „zwischen Leistung und Ergebnis klafft oft eine Lücke“.

Am Anfang war die Strichliste

Eigentlich hat der Fußball immer schon versucht, Daten zu erheben. Es begann mit den Strichlisten über Eckbälle. Ernsthafter wurden die Bestrebungen dann auch schon lange vor Rummenigges Mathematik-Satz. „1995 begann die Umwandlung des Fußballs in ein Spiel der Zahlen“, schreibt Biermann. Bei Derby County in der 2. englischen Liga wurden acht Wärmebildkameras aufgestellt, um die Wege der Spieler festhalten zu können, in Leeds wurde die Firma Prozone gegründet. Heute heißt sie STATS. 2001 wurden auch in der Bundesliga Wärmebildkameras eingeführt – von einem Unternehmen namens Sports Universal Process. Die ersten Kunden waren: Leverkusen, HSV, Freiburg, VfB Stuttgart – und der FC Bayern. Angebrochen war die Zeit der neuen Player im Fußball: Mathematiker, Informatiker, Statistiker. Ziele: Herauszufinden, welche Faktoren das Spiel bestimmen. Das Scouting zu verbessern. Überhaupt, Daten zu nutzen, um sich zu entwickeln.

Colin Trainor ist ein wichtiger Mann im neuzeitlichen Fußball. Nordire. Er war Wirtschaftsprüfer bei einer Bank. Er gründete die Website statsbomb.com. Ihn interessierte zum Beispiel, wie es kommen konnte, dass Borussia Dortmund, bis dato ein Spitzenklub, seine Hinrunde 2014/15 so in den Sand setzen konnte, dass es auf einen Abstiegsplatz geriet.

Trainor nutzte die Methodik der „Expected Goals“, um Torchancen zu quantifzieren. Dafür wurden Zehntausende Schüsse analysiert, vor allem, von wo sie abgegeben wurden. Daraus ergeben sich Wahrscheinlichkeiten für Positionen und in einem weiterentwickelten Modell, das den Druck der gegnerischen Mannschaft skaliert, für Situationen. „xG“ kürzt man in Fachkreisen den Begriff „Expected Goals“ ab, und es gibt noch mehr aus dieser Familie: Erwartbare Vorlagen, erwartbare Gegentore. Oder Pässe pro Defensivaktion, eine Total Shot Ratio oder ein umgekehrtes xG für Torhüter.

Trainor fand heraus, dass Dortmund aus der ominös missglückten Halbserie mit 25:17 Toren hätte herausgehen und Vierter sein müssen. Tatsächliche 18:26 Tore kosteten massiv Punkte. Eine außerordentliche Pechsträhne. Doch es fanden sich weitere Daten, die auf mehr hindeuteten als nur Mangel an Glück. Die Schüsse aufs Tor erfolgten aus einem Meter mehr als in der Vorsaison, und bevor der BVB seine Pressingmaschine anwarf, wurde der anderen Mannschaft ein Pass mehr gestattet. So kam vieles zusammen – auch die Tatsache, dass Ciro Immobile, der neue Mittelstürmer, eine viel schlechtere Schussqualität hatte als der zu Bayern gewechselte Robert Lewandowski.

Es ist eine Kunst, die Position zu finden, von der man abschließt. Der englische Fußballanalytiker Omar Chaudhuri, der für die Denkfabrik „21st Club“ arbeitet, untersuchte 1490 Torschüsse, die Cristiano Ronaldo zwischen 2010 und 2017 abgab; 13,3 Prozent gingen rein, das liegt klar über dem Schnitt. Weil der Portugiese die erfolgversprechendsten Positionen findet, erzielt er sieben bis zehn Tore mehr pro Saison – der nicht so kleine Unterschied. Größer ist die Torwahrscheinlichkeit, wenn ein Schuss im Strafraum abgegeben wird – Pep Guardiolas Manchester City hat in der Hinrunde der laufenden Premier-League-Saison alle Tore „aus der Box“ (so der neue Fußballsprech) erzielt.

Gute Datenlieferanten sind laut Christoph Biermann Profizocker wie Matthew Benham, Physiker und Derivatehändler, der mit seiner Londoner Firma Smartodds in großem Stil wettet – bis zu siebenstellige Beträgen auf eine Partie. Der Job seiner Mitarbeiter: Spiele aus aller Welt zu schauen, Teams und Spieler zu analysieren und die Erwartbarkeit von Sieg und Niederlage herauszufiltern, zu entscheiden, was relevant ist („Signal“) oder weniger („Noise“, Lärm). „Profiwetter“, so Autor Christoph Biermann, „sind Ingenieure der Wahrscheinlichkeiten“. Benham traf sich auch mit Thomas Tuchel zum Gedankenaustausch über Fußball und beteiligte sich am Projekt FC Midtjylland. Der kleine dänische Club, der in allem von den Konventionen des Fußballs abwich und sein Team auf so ähnliche Weise zusammenstellte, wie man es aus dem erfolgreich verfilmten Baseball-Report „Moneyball“ kennt. Bei Midtjylland wird mit Daten gearbeitet wie nirgendwo sonst. Mit dieser Originalität (die sich darin äußert, für kleines Geld lieber einen Spieler aus Deutschlands 2. Liga zu verpflichten als aus der Premier League, wenn denn der Algorithmus zustimmt) konnte sich der Club einen Namen machen und Landesmeister werden. Matthew Benham setzte die 200 Teilzeitscouts seiner Firma in London ein, Kenntnisse nach Dänemark zu liefern. Für den Trainer gab’s die Infos zum Spiel in der Halbzeitpause live aufs Handy.

Aus München kommt „Dangeriousity“

Die Datenerhebung schreitet immer weiter voran. Wie lange ist eine Mannschaft in Ballbesitz, welcher Raumgewinn pro Sekunde wird erzielt? Der ehemalige Beachvolleyballer Daniel Link entwickelte an der TU München einen Index für Torgefährlichkeit (er schuf das Kunstwort „Dangeriousity“), Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln teilte das Spielfeld in Zellen auf, sein Thema ist die Raumkontrolle. In Laos sitzt eine Firma namens StatDNA, dort analysieren und codieren 80 Mitarbeiter Spiele. Der FC Arsenal hat sich auf Initiative seines Trainers Arsene Wenger in die Firma eingekauft, deren Daten helfen sollen, Fehlkäufe zu vermeiden. Im italienischen Cagliari residiert „Wyscout“, gegründet vom Mathematiker Matteo Campodonico. Angeboten werden Informationen über 400 000 Fußballer, von der Hälfte gibt es Videos. „Goalimpact“, ein weitere Anbieter, hat sogar Karrierevorhersagen im Portfolio.

Sven Mislintat, hochgepriesener Scout von Borussia Dortmund (mittlerweile aber abgewandert zum FC Arsenal), führte Christoph Biermann die Arbeit an einem Scout-Panel vor. Der Versuch war, unter 13 000 linken Verteidigern den zu finden, auf den das Anforderungsprofil passt. Immer weiter filtert man sich die in Frage kommenden Spieler heraus, selbst Parameter wie „Leistungsstabiltät“ kann man berücksichtigen. Mislintat beschäftigt sich mit der Übersetzbarkeit von Leistungen, die in verschiedenartigen Ligen erzielt werden; seine profitabelste Entdeckung war Shinji Kagawa in der 2. japanischen Liga. Oder Ousmane Dembele. Jährlich werden dem BVB 2500 Spieler angeboten.

Christoph Biermann resümiert, dass es in den vergangenen zehn Jahren massive Veränderungen gegeben hat. Wer Regeln breche, kann sich dabei für einige Zeit einen Vorsprung verschaffen. Bestätigt würde jedoch auch von der Mathematik: „Über den Zeitraum von zehn Jahren setzt sich Wirtschaftskraft durch.“ Und: Wer seine Spieler am besten bezahlt, wird auf Dauer vorne sein.

Wissenswertes aus „Matchplan“ über Fußball: 

Elfmeter werden in der Bundesliga in 74,69 Prozent der Fälle verwandelt. 

Aus Freistößen und Ecken resultiert ein Fünftel bis Viertel aller Tore; 2016/1 waren es in der Bundesliga 21 Prozent. Dazu kommen acht Prozent aus Elfmetern.

Tony Pulis, ein englischer Trainer, von 2006 bis 13 bei Stoke City, ist auf Standards spezialisiert. Seine Mannschaften erzielten daraus 47 Prozent ihrer Tore. Pulis nutzte auch den Einwurf als Waffe. In der Saison 2008/09 gelangen Stoke acht Tore nach Einwürfen – man hatte einen ehemaligen Speerwerfer verpflichtet, der den Ball 35 Meter weit brachte. 

Lars Voßler war der heimliche Trainerstar der WM 2014. Der Assistenzcoach des SC Freiburg beriet Joachim Löw bei Freistößen und Ecken. Resultat: fünf deutsche Tore aus Standards auf dem Weg zum Titel. 

Thomas Tuchel revolutionierte den Fußball dadurch, dass er das System des Gegners spiegelte und mit Mainz die Rolle des Underdogs übererfüllte – das Gegenteil des Ansatzes, der anderen Mannschaft das eigene Spiel aufzuzwingen. Ein Vortrag von Tuchel bei der „Rulebreaker Society“, einem „privaten internationalen Business Club neuer Art“ erzielte bei Youtube 300 000 Abrufe. 

Pep Guardiola und Thomas Tuchel verfolgen beide die Philosophie, auf dem Platz Überzahlsituationen zu schaffen und mit mehr Spielern als der Gegner in der Nähe des Balls zu sein. 

Lucien Favre ist der Trainer, der aus Mannschaften offensichtlich am meisten herausholt. Sowohl in Mönchengladbach als in Nizza übertraf er die „Expected Goals“ und „Expected Goals Against“ dramatisch. Es gibt zwei Favre-Forscher, den Amerikaner Michael Caley, und den Inder Ashwin Raman, die noch mehr Erstaunliches herausgefunden haben: Mit Gladbach ließ Favre die Gegner bis zwölf Meter vors eigene Tor passen, mit Nizza war er Zweitletzter bei den Schüssen aus gefährlichen Zonen. Die einfache Idee hinter Favres Spiel: Der Gegner gibt schlechte Schüsse ab, das eigene Team gute. 

Durchschnittlich 150 Sekunden während 90 Minuten ist ein Spieler nur am Ball. 

Lars Stindl und Max Kruse sind die besten Zielspieler der Bundesliga. Der Gladbacher und der Bremer haben herausragende Werte darin, „Pässe zu ziehen“. Das ergibt sich aus dem Analysesystem „Packing“ (Anzahl der überspielten Gegner) von Stefan Reinartz und Jens Hegeler, Stindl und Kruse sind die Adressaten von Pässen, mit denen viele Gegner aus dem Spiel genommen werden. Spricht für ihre Laufwege und ihr Spielverständnis. Internationaler Star in dieser Kategorie: Mesut Özil.

 Videos haben die moderne Trainerarbeit erst ermöglicht. Christoph Biermann sieht bei allen Großen Phasen intensiven Videostudiums. Er ist sich sicher: Hätte Sepp Herberger diese Möglichkeiten schon gehabt, wäre aus ihm ein Laptoptrainer geworden.

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