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Über seine Körpersprache diskutieren die Deutschen mit Hingabe: Mesut Özil.

Wie der Sportlerkörper spricht

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Eines der prägendsten Zitate in diesem Sommer war der Satz von Mario Basler über Mesut Özil: „Er hat die Körpersprache eines toten Froschs.“ Während der Fußball-WM fühlten Kommentatoren und Fans sich berufen, Urteile abzugeben über gute Körpersprache, schlechte Körpersprache. Es war höchste Zeit, dass wir einen trafen und um ein Gespräch baten, der eine Koryphäe auf diesem Gebiet: Stefan Verra, 44, Österreicher, lebt in München. Auftritte: weltweit. Medien nennen ihn den „Rockstar der Körpersprache“.

Haben wir schon mal die Stimme von Cristiano Ronaldo gehört? Ist sie fest oder fiepsig? Spricht Ronaldo schnell? Und überhaupt: in welcher Sprache? Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Englisch?

Wir haben nicht gehört, wie Ronaldo spricht, aber wir haben es gesehen. Er hat uns ein Bild von sich vermittelt mit seiner Sprache. Der des Körpers. „Das ist das Faszinierende an der Körpersprache“, sagt Stefan Verra, „dass sie überall auf der Welt verstanden wird.“

Stefan Verra ist ein bisschen schuld daran, dass in Deutschland so viele Leute, die sich mit Sport befassen (und wer tut das nicht in einem Sommer mit Fußball-WM und Leichtathletik-EM?), über Körpersprache reden. Er ist vor einigen Jahren vom damaligen Sky-Sportchef Burkhard Weber entdeckt worden, als er einen seiner Vorträge hielt. Verra wurde von Sky verpflichtet und hat Spiele und Spieler aus seinem Blickwinkel analysiert. Zwei Jahre lang.

Die vergangenen Woche hat’s ihm öfter „einen Stich versetzt“, wenn er hörte, wie Mario Basler, Oliver Kahn oder ZDF-Kommentator mit seinem Thema anfingen. „Wenn es sich darin erschöpft zu sagen, er hat eine gute oder schlechte Körpersprache, muss ich sagen: Das ist keine Expertise. Es ist fragwürdig, wenn in jeder Halbzeit der Begriff ,Körpersprache’ viermal in den Mund genommen wird. Oliver Kahn hat als Spieler eine gute Körpersprache gehabt, aber er weiß deshalb noch nicht, was gute Körpersprache ist. Es ist ein großer Sprung, über jemanden zu urteilen.“

Wir hatten Stefan Verra einige Videos geschickt. Er hatte sie bis zum Treffen alle angesehen und analysiert, sich sogar die Sekunden der Sequenzen notiert.

Es war viel Mesut-Özil-Material dabei. Aktuelles von der WM, aus dem Spiel gegen Südkorea, nach dem viele gesagt haben: Er hat mit seiner Körpersprache gezeigt, dass es nicht ans Weiterkommen glaubt. Es fand sich außerdem ein Video der Bild-Zeitung, schon etwas älter, in der man Özil mal von einer anderen Seite erlebte. Als Praktikant des Blattes sollte er ein Interview mit seinem Bundestrainer Joachim Löw führen.

Bei Özil: „Augenlider auf Halbmast“

Worauf Stefan Verra nichts gibt: auf die hängenden Schultern von Mesut Özil. Ein Merkmal, das die Kritiker immer wieder anführen. Der Experte Verra sagt: „Die Schultern hängen auch, wenn er gewinnt.“

Verra geht eine Beurteilung anders an. Und jetzt wird’s wissenschaftlich. „Gute Körpersprache“, sagt er, „kommt aus der phasischen Muskulatur. Die muss ein Sportler trainiert haben, die kostet aber zehnmal so viel Sauerstoff wie die tonische Muskulatur. Das ist ein Unterschied, wie wenn das Auto sechzig oder sechs Liter verbraucht.“

„Aus der Evolution heraus“, erklärt uns Stefan Verra, „ist der Mensch ein Fluchttier. „wenn der Säbelzahntiger kommt, müssen wir reagieren“. Dafür braucht’s die phasische Muskulatur.

Wir sehen, wie sie wirkt, wenn der Trainer Jürgen Klopp im Interview eine Frage gestellt bekommt, die ihm nicht passt. Er hat eine bestimmte Art, sofort zum Interviewer hinüber zu blicken. „Dieses Hinschauen“, so Verra, „signalisiert uns: Er ist ein wacher Kerl.“

Wenn Leute auf diese Art agieren, sich flink drehen, hinwenden, Regung zeigen – dann beeindruckt uns das.

Jetzt zu Mesut Özil ganz konkret. „Er hat eine Eigenart in seiner Körpersprache. Wenn er redet, bewegt er seine Augenlider nur auf Halbmast. Selten hat er die Augen ganz weit offen. In seiner Mundmimik tut sich wahnsinnig wenig. Das widerspricht dem, dass er Reaktionen zeigen muss. Er müsste ein kleines Signal setzen: Ich hab’s wahrgenommen.“ Wenn Özil sich immer nur so darstelle, „liegt die Vermutung nahe: Er ist nicht wach genug,“ Özil dürfe sich über dieses Bild nicht wundern, „denn wir können nur beurteilen, was wir von außen sehen. Beim Sportler ist wichtig, dass er uns eine gewisse Aktivität vermittelt.“

Wobei Verra sich sicher ist, dass das Bild vom Schläfer Özil „nicht stimmt. Er ist einer der besten und bestbezahlten Fußballer der Welt. Er hat sich in seinem Leben so oft durchgesetzt, er ist schließlich nicht bei Arsenal auf die Welt gekommen.“

Es gibt noch einen anderen Punkt in Özils Körpersprache. Einen guten. „Was mir gefällt“, sagt Stefan Verra, „ist seine Unberührtheit. Selbst wenn’s den Bach runtergeht: Er zeigt keine andere Mimik. Da ist zwar die Schlange in der Nähe, aber sie macht ihn nicht nervös. Oben mitspielen, aber so tun, als würde es ihn nichts angehen, das hat schon seinen Reiz. Ich kann verstehen, warum die Mädchen auf ihn stehen, warum er auf viele Menschen attraktiv wirkt.“ Aber halt: „Es entsteht kein Sog.“

Mesut Özil könnte körpersprachlich mehr punkten, findet Stefan Verra nach Analyse der Videos. „In dem Bild-Film sind Schnittbilder. Da hat der Kameramann wohl zu ihm gesagt: ,Lächle doch mal.’“ Und tatsächlich: „Da sitzt ein sympathischer Mann auf der Lehne einer Couch, hat die Augen weit aufgerissen, zeigt seine schönen weißen Zähne. Er hat ein unglaublich gewinnendes Lachen. Würde Özil es öfter einsetzen, wären alle Kritiker verstummt.“

„Lückenkemper, die starke Jagdpartnerin“

Verras Fazit zu Özil – vorgetragen auf Österreichisch: „Ich glaub’, er ist superhell auf der Plattn, er verkauft sich aber schlecht. Es fehlt ihm die Vielschichtigkeit,“ Özil ist „kein Mittelpunktmensch, eher unsicher und empfänglich für Leute, die ihm Stabilität geben.“ Vielleicht erklärt das die Bilder mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan. „Jemand hat ihn gebeten, das zu machen – und er macht’s halt. Er steht nicht über den Dingen.“

Ein gutes körpersprachliches Studienobjekt ist Mats Hummels. Wir hatten Verra die Aufzeichnung des TV-Interviews mit dem Verteidiger nach dem verlorenen WM-Auftaktmatch gegen Mexiko geschickt. Der Experte ist angetan: „Hummels redet mit dem Interviewer, er zeigt Reaktionen. Er lächelt, was man selten bei einem Nach-dem-Spiel-Interview sieht. Er ist aufrecht in seiner Körperhaltung, spricht laut, er nimmt intensiven Augenkontakt auf, hat eine unglaubliche Vielfalt und körpersprachlich das, was es braucht, um eine Mannschaft zu führen.“

Die ausgeprägte Mimik von Hummels sei für einen Mann bemerkenswert. Denn: „Männer zeigen im Durchschnitt weniger mimische Reaktionen als Frauen. Der Grund: Eine stabilere Mimik verspricht mehr Sicherheit.“

Begeistert ist er von der Körpersprache der Leichtathletin Gina Lückenkemper, die bei der EM in Berlin das Publikum mitriss. „Genau das, was der Mensch sehen will. Sie zeigt Reaktion auf das, was um sie herum passiert. Sie erweckt das Gefühl: Sie redet mit uns, sie interessiert sich für uns. Sie hebt die Augenbrauen, hat einen großen Mund – das ist faszinierend.“

Auch ein Vorteil: „Die tiefe Stimme.“ Stefan Verra zitiert aus einer Studie zum Volk der Hadza in Tansania, „700 Menschen, die leben fast noch so wie in der Steinzeit, ohne Einfluss von außen. Suchen die Männer die Frau aus, die die Mutter ihrer Kinder sein soll, nehmen sie eine Frau mit höherer Stimme. Suchen sie eine Jagdpartnerin, nehmen sie eher die mit der tieferen Stimme. Gina Lückenkemper ist die starke Jagdpartnerin, die burschikose Frau, die Kraft vermittelt. Das wirkt auf beide Geschlechterattraktiv. Wenn die Werbeindustrie klug ist, holt sie solche Leute.“

Ein Rat, den Stefan Verra für alle Sportler hat: „Habt weniger Angst, euch zu blamieren oder nicht ganz perfekt rüber zu kommen. Jeder Sportler tut nämlich gut daran, wenn er sich bewusst macht, was seine persönliche Körpersprache ist. Mit allen Ecken und Kanten. Wer das authentisch nach außen zeigt, wirkt einladend und selbstbewusst. Innerhalb der Mannschaft und auch nach außen.“

Die Körpersprache der Trainer

Jupp und Pep

Was ist die Rolle der Körpersprache? Botschaften, die wir aussprechen, erklärt der Körpersprache-Experte Stefan Verra, „werden verstanden, aber oft nicht ernst genommen“. Mit guter Körpersprache kann man dem entgegenwirken.

So auch im Sport. Verra hat viele Trainings beobachtet und festgestellt: „Ob eine Mannschaft ihren Trainer akzeptiert, hat nie was mit den Worten zu tun, sondern immer damit, wie der Trainer es den Buben sagt.“ Spitzenfußballer verlangen ihrem Trainer einiges ab, „denn sie strotzen vor Energie, der Testosteronspiegel steigt. Der Trainer muss da viel Stabilität zeigen.“

Ihm ist eine Szene rund ums Champions-League-Finale 2013 zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund in Erinnerung geblieben. Noch vor dem Spiel sprintete Arjen Robben hinter dem Rücken von Jupp Heynckes vorbei. „Das hat dem Jupp nicht gepasst, er hat sofort rübergeschaut. Man hat gemerkt: Der Sir Jupp Heynckes weiß, dass es wichtig ist, dass er im Zentrum sein muss, um diesen Haufen von Egos unter Kontrolle zu behalten.“ Heynckes habe Angst, nicht ernstgenommen zu werden – so wie Pep Guardiola auch.

Körpersprachlich das Idealbild eines Trainers stellt Jürgen Klopp dar. Verra: „Ein natürliches Zentrum. ein Mittelpunktsmensch, ein Alphatier. Er ist nicht nur lustig, er kann auch unheimlich unsympathisch sein.“ Auch gut: Jose Mourinho (Manchester United): „Sicher kein Sympath. Aber ein natürliches Kraftzentrum.“ Enttäuschend: Carlo Ancelotti: „Hat bei Bayern zu viel laissez faire zugelassen.“ Verra findet es „wichtig, was ein Trainer am Spielfeldrand macht“ – als Zeichen an die Spieler: „Sehe ich Ancelotti mit wenig Spannung, kann sein, dass für ihn alles in Ordnung ist. Oder dass es ihm egal ist – ich kann es von draußen ja nur interpretieren.“

Zu Joachim Löw. Vermittelte zuletzt den Eindruck, nichts ernstgenommen zu haben. Und er hat Angst, sich zu öffnen. Die Frisur geht mittlerweile weit ins Gesicht rein, der Unterkiefer bleibt nahezu unbewegt, wenn er redet – es sieht nicht aus, als wolle er was von uns.“ Verra will fachlich nichts aussetzen am deutschen Bundestrainer: „Aber er hat die Körpersprache eines Co-Trainers. Er steht nicht für Enthusiasmus, den es jetzt braucht.“

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