+
Geheimnisvolle Welt hinter Milchglasscheiben: ein Wettbüro in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs.

Warum gibt es auf einmal so viele Wettbüros?

  • schließen

Die Fußball-Bundesliga geht wieder los – der Wettbewerb, auf den die Deutschen am liebsten wetten. Bevorzugt tun sie das online, von zuhause aus. Angesichts der Digitalisierung unseres täglichen Lebens ist es erstaunlich, dass das Stadtbild aber immer stärker von Wettannahmestellen geprägt wird. Sie dringen vor bis in die bürgerlichen Stadtteile. Was steckt dahinter? Rechtlich, finanziell, strategisch?

Es ist ein Dienstag, kurz nach 18 Uhr und das Lokal voll.

Wobei es hier nichts zu essen gibt. Getränke nur aus dem Automaten, Softdrinks, kein Alkohol.

Was es gibt: Hoffnungen, Träume, Illusionen. Aber auch das Gegenteil: Verlust, Ernüchterung, Verzweiflung. Man muss danach in den Gesichtern der Gäste suchen. In der Sprache ihrer Körper.

Es ist eine wortlose Gesellschaft, die sich eingefunden hat bei Bet3000 in der Münchner Goethestraße, nahe am Hauptbahnhof. Wenn hundert Leute da sind, dann sind 97 von ihnen Männer. Die drei Frauen sind Angestellte. Sie nehmen die Wettzettel entgegen und zahlen Gewinne aus. Wenn es welche gibt. Das Publikum: überwiegend Schwarzafrikaner. Sie sitzen in Gruppen zusammen, sie schauen Asien-Cup. Überall hängen Bildschirme. Sky, Arena Sport, Eurosport, DAZN. Irgendwo ist immer ein Spiel. Und für jedes Spiel gibt es eine Wahrscheinlichkeit von Sieg und Niederlage. Die Quote.

Im Jahr 2017 wurden in Deutschland 7,7 Milliarden Euro mit Sportwetten umgesetzt. Nahezu jeder Fußball-Bundesligist hat einen Werbepartner aus der Wettbranche. Es ist viel Geld im Spiel.

Was aber verwundert: Dass es auf einmal so viele Wettbüros gibt in unseren Städten. Allein in München sind es um die hundert. Bet3000, Cashpoint, happybet, mybet, XTip. Sie konzentrieren sich nicht nur in der Innenstadt, sie decken die Stadtteile ab. Das Filialnetz der großen Anbieter ist wie das einer Spinne. Jedoch: Braucht’s diese Offline-Büros in Zeiten, in denen die Welt online lebt, mit Mausklicks und über Smartphone-Apps agiert?

Es gibt Leute in der Branche, die bereit sind, über die Hintergründe zu erzählen, namentlich aber nicht genannt werden wollen. Robert Kohlmann (es ist also nicht sein richtiger Name) ist seit 15 Jahren dabei, lange Zeit war er in England tätig, wo sie auf alles setzen (auch aufs Wetter und die Namen königlicher Babys). Er arbeitet bei einem Anbieter in führender Position.

Robert Kohlmann korrigiert einen sanft, wenn man von „Wettbüros“ spricht. „Meistens sind das Wettannahmestellen.“ Dafür seien die baurechtlichen Genehmigungshürden nicht so hoch. In Annahmestellen geht man hinein, platziert eine Wette, verlässt die Örtlichkeit umgehend. Büros sind mit Verweilrecht.

Bleiben wir der Einfachheit halber bei Wettbüros. Und obwohl sie fest zum Stadtbild gehören, stellt Kohlmann klar: „Es gibt außer in Schleswig-Holstein keine legalisierten Wettbüros in Deutschland. Was wir sehen, befindet sich in der Grauzone.“

Trotzdem werden es gefühlt immer mehr Wettbüros. Es begann vor etwa zehn Jahren, dass sie bei uns auftauchten. Manche kamen über die Ankündigung der Eröffnung nicht hinaus, andere wurden schnell wieder dicht gemacht. Das hing mit dem lange geltenden Glücksspielmonopol des Staats zusammen und mit den wechselhaften Bestrebungen, mit einem Glücksspielstaatsvertrag eine verbindliche Grundlage zu finden. Es kam auch zu Klagen gegen die Bundesrepublik und gegen ihren Anbieter, die Sportwette Oddset, die man in den Lottoannahmestellen spielen kann.

Der Experte Kohlmann kritisiert „schwammige Reglementierungen. Dass Wettshops gerade aus dem Boden sprießen, liegt daran, dass der deutsche Staat mehr duldet als vor zwei, drei, vier Jahren. Wir haben keinen Glücksspielstaatsvertrag, der auch europarechtlich bestehen würde.“

Für Shops sieht Kohlmann trotz des Online-Geschäfts einen guten Markt. „Es gibt den Zuspruch auf der Straße, vor allem unter Mitbürgern mit Migrationshintergrund.“ Sie können ohne Kreditkarte und Registrierung wetten, es genügt, in eines der Terminals einen Geldschein einzuschieben oder einen Zettel am Schalter abzugeben. Es ist anonym und unkompliziert. „Ein Wettbüro kann profitabel sein.“ Außerdem: „Der Shop ist auch Werbung.“ So oft, wie man den Schriftzug und das Design sieht, bleibt man vielleicht online an einer Marke hängen.

Die Wetten werden nicht direkt mit dem jeweiligen Büro abgeschlossen, sie werden nur vermittelt. Die Zentralen sitzen häufig auf Malta – etwa der Fall beim von Oliver Kahn beworbenen Tipico oder auch bei Bet3000. Hinter dieser Firma steht der Münchner Simon Springer, einst der führende Buchmacher, als in Deutschland nur auf Pferderennen gesetzt werden durfte. Die Springer Sport Ltd hat als Adresse: Cornerstone Business Center, 16th September Square, Mosta/Malta.

In seltenen Fällen betreiben die großen Firmen ihre Filialen selbst. Das geht über das Franchisesystem. Wer ein Ladenlokal hat, kann sich bewerben – er muss die Einrichtung (von den Folien auf den Milchglasscheiben bis zum Empfangstresen und den Terminals, von denen eines 5000 bis 8000 Euro kostet) dannkaufen. „Es gibt natürlich Modelle, in denen der Anbieter von der Lage des Shops überzeugt ist und einen Teil der Investitionen trägt.“

Was aber auch gesagt werden muss: Dass schon Wettbüros eingerichtet wurden, um Geld zu waschen. Vergangenes Wochenende kam es in Nordrhein-Westfalen zu einer spektakulären Razzia gegen Clankriminalität, 1300 Polizist(inn)en waren im Einsatz. Verdächtige Objekte: Cafés, Shisha-Bars, Wettbüros. Und seit Ante Sapina und dem Berliner Café King weiß man auch: Spiele können manipuliert sein.

Daran denken die Menschen wohl nicht, die in ein Wettbüro gehen. Einige übrigens kommen auch wegen des guten Fernsehangebots; man kann ja alles sehen. Vor allem in Köln sind Wettbüros ein guter Tipp, wenn der FC spielt und die Sky-Kneipen alle ausgebucht sind.

Und Wettbüros können auch soziale Treffpunkte sein. Als München neulich im Schnee erstickte, waren die Wettbüros Wärmestuben.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Live-Ticker: Verzichtet der VfB im Nervenspiel auf Relegations-Held Gomez? 
Im Relegations-Hinspiel trifft der abstiegsbedrohte Bundesligist VfB Stuttgart auf den Zweitligisten 1. FC Union Berlin. Mit unserem Live-Ticker verpassen Sie nichts.
Live-Ticker: Verzichtet der VfB im Nervenspiel auf Relegations-Held Gomez? 
Wehen Wiesbaden oder Ingolstadt? Die Relegation um die 2. Liga im Live-Ticker
In der Relegation um die Zweitliga-Qualifikation spielen der SV Wehen Wiesbaden und der FC Ingolstadt gegeneinander. Wir begleiten das Spiel im Live-Ticker.
Wehen Wiesbaden oder Ingolstadt? Die Relegation um die 2. Liga im Live-Ticker
Testspieltermine, Trainingslager, Europa-League-Start - Sommerfahrplan der Eintracht
Hinter der Eintracht liegen kräftezehrende Wochen. Doch aufgrund der Europa-League-Qualifikation werden die freien Tage der Hessen wohl kürzer ausfallen als erhofft. Wir …
Testspieltermine, Trainingslager, Europa-League-Start - Sommerfahrplan der Eintracht
Pleite für FIFA-Boss: Mammut-WM in Katar gescheitert
Die FIFA-Absage einer Aufstockung der Fußball-WM 2022 beerdigt eines der Lieblingsprojekte ihres Präsidenten Gianni Infantino und lässt die Vernunft über den schnöden …
Pleite für FIFA-Boss: Mammut-WM in Katar gescheitert

Kommentare