+
Berühmt gewordener Vertragsverstoß: Mario Götze trägt bei seiner Vorstellung als Spieler des Adidas-Klubs FC Bayern ein T-Shirt des Wettbewerbers Nike.

Was im Fußball Recht ist – und was nicht

  • schließen

Fußballer leben in einer eigenen Welt. Gehaltsmäßig sowieso – doch wie ist die juristische Lage? Müssen Profis einen Zapfenstreich einhalten und eine intelligente Uhr tragen? Welche Arbeitszeiten haben sie? Dürfen sie ihren Arzt frei wählen? Mit all dem hat sich Jurist Christopher Wiencke aus der Wirtschaftskanzlei Dentons in seiner Doktorarbeit befasst.

-Herr Wiencke, die Bundesliga macht bald Pause, die Spieler haben Urlaub. Pierre Littbarski. Star der 80er, buchte sich zu seiner aktiven Zeit unter falschem Namen in einem Skihotel ein, Philipp Lahm hingegen ist immer offen damit umgegangen, dass er auf die Piste geht. Darf ein Fußballprofi Ski fahren?

Die meisten Vereine haben ein Verbot von gefährlichen Sportarten in der Freizeit mit einem sogenannten Einwilligungsvorbehalt vereinbart. Das Verbot gefährlicher Sportarten kommt aus dem Entgeltfortzahlungsgesetz, das besagt: Hat der Arbeitnehmer seine Arbeitsunfähigkeit selbst verschuldet, hat er keinen Anspruch auf Entgeltfortzahlung. Anerkannt sind aber nur Kontakt- und Kampfsportarten, Fallschirmfliegen und Paragliding. Skifahren fällt nicht darunter. Jedenfalls bei geübten Skifahrern halte ich ein generelles Verbot für unzulässig. Ein Sportler hat aber eine besondere Rücksichtnahmepflicht: Ungeübt eine schwarze Piste runterzufahren, das verstößt gegen die vertraglichen Rücksichtnahmepflichten.

-Vieles regelt der Mustervertrag der Deutschen Fußball-Liga (DFL).

Genau. Der wird von nahezu allen Vereinen verwendet, modifiziert werden vorrangig nur die Regelungen zur Vergütung und zu privaten Sponsoringverträgen – wie etwa im Fall Mario Götze, der einen privaten Vertrag mit Nike hatte und zum Adidas-Klub FC Bayern wechselte. Es gab ja den großen Aufschrei, als er bei seiner Vorstellung ein Shirt mit dem Nike-Zeichen trug. Das wird ebenso wie die sogenannten Schuh-Verträge individuell geregelt.

-Wie viele Stunden am Tag muss ein Fußballprofi zur Verfügung stehen?

Die Arbeitsleistung beim Fußballer setzt sich zusammen aus der Trainings- und der Spielleistung. Im Grundsatz gilt das Arbeitszeitgesetz, wonach der Spieler acht Stunden zur Verfügung stehen muss. Aber eigentlich sind die Sportler viel weniger gefordert bei zwei kurzen Einheiten, physiotherapeutischer Behandlung und einem gemeinsamen Essen. Eine normale Arbeitnehmerwoche mit fünf Mal acht Stunden vor Ort wäre untypisch. Es gibt aber auch Vereine wie RB Leipzig, bei denen die Spieler im Grundsatz acht Stunden pro Arbeitstag vor Ort sind.

-Welchen Mindesturlaub hat der Fußballer?

Den gleichen wie sonstige Arbeitnehmer nach dem Bundesurlaubsgesetz, also vier Wochen. Im Mustervertrag ist ein ferner ein vertraglicher Zusatzurlaub von zehn Tagen geregelt. Dessen Dauer wird individuell vereinbart.

-Der Fußballer muss seinen Urlaub ja wohl in den Pausen nehmen. Ginge es auch während der Saison?

Wenn es eine durch Länderspiele bundesligaspielfreie Woche wäre, prinzipiell denkbar, sofern der Trainingsbetrieb nicht aufrechterhalten wird. Grundsätzlich ist der Urlaub jedoch an vereinzelten Tagen oder in der spielfreien Zeit zu nehmen, weil während der Saison dringende betriebliche Gründe entgegenstehen.

-Früher sprach man vom Zapfenstreich: Der Trainer legt fest, wann der Spieler im Bett zu sein hat. Heute noch durchsetzbar?

Vor gut zwanzig Jahren gab es mehrere juristische Ausarbeitungen über Weggehzeiten im Trainingslager. Ein Trainer kann natürlich eine Rückkehrzeit im Hotel anordnen, weil eine gewisse Anzahl an Stunden Schlaf nötig ist für die Leistungsfähigkeit am nächsten Tag. Aber wenn die Spieler auf dem Zimmer noch wach sind, können keine verbindlichen Schlafzeiten angeordnet werden, da hierdurch unangemessen in das Recht auf Selbstbestimmung des professionellen Fußballspielers eingegriffen wird.

-Und dass der Trainer unter der Woche um 23 Uhr beim Spieler zu Hause anruft, um festzustellen, dass dieser zuhause ist?

Heutzutage haben viele kein Festnetz mehr, sondern nur noch Handy. Die faktische Kontrollmöglichkeit dürfte daher weggefallen sein..

-Topklubs haben englische Wochen in Serie. Nach wie vielen Arbeitstagen am Stück muss ein Spieler frei kriegen?

Es gilt das Arbeitszeitgesetz, aber es sieht Ausnahmen vor, im Sport zum Beispiel vom grundsätzlichen Verbot der Sonntagsarbeit. Die freien Tage werden daher verschoben. Nach einem aktuellen Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist es zulässig, zwölf Tage am Stück zu arbeiten. Erst dann muss es einen freien Tag geben.

-Felix Magath war als Bayern-Trainer (2004 bis 07) an einem Montag zu einer Spielbeobachtung in England und wunderte sich, dass er dort einige seiner Spieler traf. Welches Reisemaß ist statthaft, wenn der Profi frei hat?

Kommt darauf an, ob es konkrete vertragliche Vereinbarungen gibt. Das Problem, das Herr Magath gesehen haben dürfte, ist, dass seine Spieler durch Flug und Vor-Ort-sein sich nicht erholen. Aber mittlerweile sind solche Reisen üblich. Rund um NFL-Spiele in London gab es ja auch Bilder von Ribery, Boateng und Alaba. Grundsätzlich ist der freie Tag frei, und man kann machen, was man will, solange es nicht der sportlichen Leistung abträglich ist oder anderweitige Vereinbarungen getroffen wurden.

-Muss der Spieler freigestellt werden, wenn seine Frau vor der Niederkunft steht?

Der Fall, dass man den Profi zwingt zu spielen, würde in der Realität nicht auftreten, weil der Spieler sich im Zweifel krank meldet. Nach der Geburt besteht ein Freistellungsanspruch, prophylaktisch vor der Geburt nicht.

-Kann ein Profi Elternzeit nehmen?

Die Vereine müssten sie gewähren, wenn die Profis die Ankündigungsfristen einhalten. Doch ein Spieler müsste sich darauf einlassen, auf das im Vergleich zum Elterngeld von derzeit maximal 1800 Euro äußerst hohe Gehalt zu verzichten.

-Ein Fußballprofi hat freie Arztwahl, oder?

Der Mustervertrag sieht vor, dass der Spieler sich vorrangig vom Vereinsarzt behandeln lassen und diesen auch von der Schweigepflicht entbinden muss, was medizinische Ereignisse betrifft, die für die Sportleistung relevant sind. Was nicht untersagt werden kann, ist, dass die Spieler sich eine zweite Meinung einholen.

-Vorgesetzte müssen informiert werden. Aber auch die Öffentlichkeit?

Der Mustervertrag enthält eine ausführliche Anlage zum Datenschutz etwa bei den Laktattests und weiteren Tests zur Überprüfung der Leistungsfähigkeit. Die Ergebnisse dürfen nicht öffentlich werden.

-Leidet der Spieler unter Depressionen und will nicht, dass das publiziert wird durch den Verein . . .

. . . dann darf es nicht veröffentlicht werden. Und der Verein hat eine besondere Fürsorgepflicht. Meine These, die ich auch in der Doktorarbeit vertrete: Der Sportarbeitgeber hat ein stärkeres Direktionsrecht als der normale Arbeitgeber, doch ebenso ist seine Fürsorgepflicht stärker ausgeprägt, besonders im Bereich der psychologischen Betreuung.

-Besteht ein Recht auf Anwendung alternativer Heilmethoden – wie einst bei Luca Toni bei Bayern?

Das wäre eine Sonderregelung, und es ist die Frage, ob eine Methode als wirkungsvoll anerkannt ist. Wir haben gerade den Fall, dass bei einem Bundesligaverein ein Verbot kohlesäurenhaltigen Wassers ausgesprochen wurde. Damit dies zulässig wäre, müsste nachgewiesen werden, dass Kohlensäure gesundheitsschädlich ist. Das ist derzeit aber nicht der Fall.

-Cola ist oft verboten.

Genau. Die Vereine können Ernährungspläne vorgeben und die Verfolgung während der Saison einfordern. Sie können daher festlegen, dass sie auf ihrem Gelände etwa nur stilles Wasser und bestimmte Teesorten anbieten.

-Ein Spieler ist Vegetarier. Kann der Verein argumentieren: Iss Lachs für den Fettsäuren-Haushalt?

Ob man Veganer, Vegetarier oder was auch immer ist, ist Ausdruck des allgemeinen Persönlichkeitsrechts, das darf der Verein nicht einschränken, solange der Spieler keine körperlichen Mangelerscheinungen zeigt. Tut er das, ergibt sich aus der Fürsorgepflicht, dass man dafür Sorge tragen muss, dass es ihm körperlich besser geht. Das könnte bedeuten, dass man ihn nicht mehr einsetzen kann, weil die Höchstleistung für ihn eine Gefahr darstellt. Die Vereine reagieren hierauf aber in der Regel durch individuelle Ernährungspläne.

-Wie ist es mit dem Ramadan?

Will ein gläubiger Moslem während des Ramadan fasten, trifft ihn eine Auskunftspflicht, damit der Verein das beachten kann und besonderes Augenmerk auf die körperlichen Werte legt. Bei 35 Grad sollte man ihn nicht den Berg hochhetzen. Untersagen darf ein Verein das religiös motivierte Fasten nicht.

-Es werden immer mehr Daten erfasst – etwa über intelligente Uhren. Sind sie permanent zu tragen?

Das Tragen solcher Uhren oder sonstiger Wearables ist bereits auf Nachwuchsebene verbreitet. Abhängig von den vertraglichen Vereinbarungen sind die Spieler auch verpflichtet, diese Uhren jedenfalls während des Trainingsbetriebs zu tragen. Aber 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr – da würde ich meine Zweifel haben, ob das vor einem Gericht durchginge.

-Muss der Spieler sich täglich wiegen lassen?

Wenn man es als Teil der Leistungsdiagnostik ansieht, habe ich während der Saison keine Bedenken.

-Dürfte über eine Uhr mit GPS ein Bewegungsprofil erhoben werden?

Das wäre nicht erlaubt. Aber im Sport herrscht eine große Macht des Faktischen. Es ist nicht auszuschließen, dass es so gemacht wird und es keinen Kläger gibt, der dagegen vorgeht. Es wird akzeptiert. Genauso wie ein Spieler sich nicht fitspritzen lassen muss, es aber hinnimmt oder sogar selbst einfordert.

-Welche Strafen muss der Fußballer akzeptieren?

Es gibt im DFL-Mustervertrag eine umfassende Vertragsstrafenregelung und dann in jedem Verein einen Vertragsstrafenkatalog. Die Strafen können finanzieller Art sein, wobei sie meist in einem Bereich sind, dass sie Spieler der 1. und 2. Bundesliga nur bedingt interessieren. Bei Schalke gab es jetzt die Regelung, dass Spieler im Fanshop arbeiten müssen. Das würde sicher zu einem gewissen Verhalten anregen. Aber es ist nur möglich, wenn das vertraglich vereinbart ist.

Der rechtliche Maßstab ist, dass eine Vertragsstrafe vorhersehbar sein muss.

-Rausgeworfen wird ein Spieler praktisch nie.

Die üblichen Sanktionen aus dem Arbeitsrecht, Abmahnung und Kündigung, sind im Sport zwar möglich, werden aber fast nie ausgesprochen. Denn eine Kündigung würde dem Verein mehr schaden als nützen. Ein gekündigter Spieler hätte keine Restlaufzeit mehr, es könnte keine Ablöse verlangt werden.

-Man hat den Eindruck, Strafen würden verhängt, aber nicht eingetrieben.

Kann sein. Einige Vereine verrechnen es mit den monatlichen Zahlungen. Bei anderen ist es so geregelt, dass ein Mitglied des Mannschaftsrates die Vertragsstrafenkasse verwaltet – wie seinerzeit beim FC Arsenal Per Mertesacker. Diese Strafen sind eine Ehrenschuld, die dann auch eingelöst wird – ähnlich dem Vorsingen neuer Spieler vor der Mannschaft.

-Einige Bayern-Spieler haben in der Ancelotti-Zeit zusätzlich trainiert. Okay?

Sie dürfen es, müssen aber darauf achten, dass sie nicht durch zu viel Training ihre Leistungsfähigkeit einschränken. Aber es war ja sogar bei David Beckham und Ronaldo so, dass sie nach dem Mannschaftstraining eine Stunde lang Freistöße geübt haben. Fühle ich mich nicht genug gefordert, kann ich auch noch joggen gehen oder Steigerungsläufe machen.

-Müssen Spieler zu Adventsfeiern der Fanclubs?

Im Rahmen eines für den Spieler hinnehmbaren Umfangs kann man ihn zu Auftritten in der Öffentlichkeit verpflichten. Auch zu Sponsorenterminen. Es herrscht Teilnahme- und Repräsentationspflicht.

-Klassiker: Kann ein Trainer Sex einschränken?

Das private Liebesleben ist Teil der Intimsphäre, da kann der Verein nicht mitreden. Auch das Verbot des ehemaligen brasilianischen Nationaltrainers Scolari, akrobatische Stellungen betreffend, ist nicht haltbar.

Das Interview führte Günter Klein

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig: Wen wird Adi Hütter heute auf den Platz stellen?
Eintracht Frankfurt empfängt heute RB Leipzig am vierten Bundesliga-Spieltag. So wird Hütter die Adler aufstellen.
Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig: Wen wird Adi Hütter heute auf den Platz stellen?
So sehen Sie die Eintracht gegen RB Leipzig heute live im TV und im Livestream
Heimspiel am vierten Bundesliga-Spieltag: Die Eintracht empfängt heute RB Leipzig. So sehen Sie die Partie live im TV und im Livestream!
So sehen Sie die Eintracht gegen RB Leipzig heute live im TV und im Livestream
"Das macht Spaß": Hertha im Hochgefühl
Die Kurzzeit-Tabellenführung von Hertha BSC sorgt für Euphorie beim Hauptstadtclub. Mit begeisterndem Offensivfußball und Rekorden erinnern die Berliner nicht nur ihren …
"Das macht Spaß": Hertha im Hochgefühl
Weltfußballer-Wahl im Live-Ticker: Wieder Ronaldo? Salah und Modric wollen die Krone ebenfalls
Cristiano Ronaldo, Mohamed Salah oder Lukac Modric - so heißen die drei Kandidaten bei der Wahl um den Weltfußballer, bestimmt durch die FIFA. wir berichten im …
Weltfußballer-Wahl im Live-Ticker: Wieder Ronaldo? Salah und Modric wollen die Krone ebenfalls

Kommentare