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Krücken statt Ball: Javi Martinez.

Krücke statt Ball: Martinez & Co.

Zu viele Verletzte: Was ist los im Profi-Fußball?

München - Die Saison ist noch jung, doch der Profifußball beklagt eine Welle an Verletzungen. Man ist sich einig, dass sich was ändern muss. Es sind zu viele, zu intensive Spiele - aber was soll man tun?

Ein bisschen Blut, das über die Wange rinnt, ein zugeschwollenes Auge – mit 19 betrachtet man so etwas noch als Auszeichnung. Tim Jedvaj, junger Verteidiger von Bayer Leverkusen, war dermaßen lädiert aus dem Bundesligaspiel am Mittwoch gegen Augsburg (1:0) gegangen. Aber er wusste: Es ist nichts Ernstes. Eis auf die Schwellung, er wird wieder spielen können.

Wie hält man einen solchen Moment fest? Per Selfie. Über Instagram und Twitter fand das Dokument von Jedvaj mitsamt seinem Kommentar „Drei Punkte sind wichtiger als mein Gesicht“ den Weg in die Öffentlichkeit.

Platzwunde – die klassische Kontaktverletzung. Nicht immer zu vermeiden beim Fußball. Häufig ist der Kopf betroffen, Nationalspieler Sven Bender (Dortmund) hatte einmal drei Gesichtsverletzungen in Serie (bis zum Bruch von Nasenbein und Augenhöhle). Doch diese Art von Blessuren sind eben immer ein wenig schicksalhaft, und Schicksal ist nicht zu beeinflussen. Das große Thema im deutschen Profifußball sind die anderen Verletzungen, diejenigen, die aus Überlastung der Spieler resultieren – etwas, das man ändern könnte. Oder doch nicht?

Der FC Bayern ist gerade in eine dieser Saisonphasen eingetreten, in denen man im Drei-Tages-Rhythmus gefordert ist. Bundesliga mit einem Wochenspieltag, nächste Woche Champions League, demnächst Pokal in Hamburg. Dazwischen sind auch noch zwei Länderspieltermine – was etliche Akteure des multinationalen Münchner Kaders betrifft. Trainer Pep Guardiola ließ neulich einen Hilferuf los – auf Englisch, in der Sprache, in die er ausweicht, wenn er etwas klar ausdrücken will: „We kill the players.“ Übersetzt: Wir töten die Spieler. Karl-Heinz Rummenigge, der Boss der FC Bayern AG, hat umgehend miteingestimmt. Sein Kritikpunkt: zu viele Länderspiele.

Doch sind es die Verpflichtungen für den DFB und die anderen Verbände allein? Die Argumentation des FC Bayern ist nicht schlüssig. Die Tatsache, dass sieben Spieler Weltmeister geworden waren, hatte der Klub gezielt als PR-Werkzeug eingesetzt, als er sich im Juli auf eine Werbereise in die USA begab. Seine Champions flog er extra für ein Spiel ein. Sogar Bastian Schweinsteiger kickte mit – obwohl er von der WM noch mitgenommen war. Inzwischen ist er Langzeitpatient.

Rummenigge hat schon öfter moniert, dass der DFB Länderspiele ausrichte, um zu kassieren, der Gewinn pro Heimpartie beträgt sechs Millionen Euro. Doch der FC Bayern ist kein passender Ankläger, denn er ist selbst auf Gewinn aus. Beispiel: Am Montag, den 6. Oktober, tritt er in Unterhaching zum Spiel um den Paulaner Cup an. Zwei Tage nach der Bundesligabegegnung mit Hannover – und am nächsten Morgen fahren die Nationalspieler zu ihren Auswahlteams. Paulaner ist ein wichtiger Sponsor, das Cup-Spiel auch gut, um die Bindung von Fans an den Verein zu stärken – doch der FC Bayern muss dafür seine Stars aufs Feld schicken. Das hat er vertraglich zugesichert.

Der Gegner ist eine Truppe aus zusammengecasteten Hobbyspielern, sogar sechs Chinesen wurden ausgewählt für den 30-Mann-Kader. Im vorigen Jahr hatte das Cup-Spiel im Trentin in der sommerlichen Vorbereitung stattgefunden, Bayern-Kapitän Philipp Lahm erinnert sich, dass Pep Guardiola sogar ein Video angeschaut hatte, um den Gegner einschätzen zu können („Da war er noch neu und wusste nicht, was ihn da erwartet“) – zur Halbzeit stand es auch nur 2:0, reines Larifari war er also nicht, dieser Kick.

USA-Reise, Telekom-Cup, Paulaner-Cup – auch beim FC Bayern gibt es Extraspiele, die verzichtbar wären. Allerdings ist die hohe Zahl an Spielen auch nicht der alleinige Grund dafür, dass in München und weiten Teilen der Bundesliga die Verletztensituation angespannt ist. „Da kommen mehrere Faktoren zusammen“, glaubt Philipp Lahm. Der Fußball ist schneller geworden, Bundestrainer Joachim Löw nennt ihn seit vier Jahren eine „Seriensprintsportart“. Sieht man heute Aufnahmen von vor zwanzig, dreißig Jahren an, erschrickt man: Die Abwehr des Teams, das angegriffen wurde, zog sich in tänzelndem Rückwärtsgang an den eigenen Strafraum zurück – im heutigen System des Gegenpressing beginnt das aggressive Verteidigen 80 Meter vor dem eigenen Tor. Manche Spieler absolvieren 30 bis 40 Hochgeschwindigkeitsläufe während eines Spiels. Und die moderne Generation von Fußballschuhen, die Leichtathletik-Spikes nachempfunden sind, erlauben es, sich in den Rasen zu krallen, abrupt zu stoppen und zu wenden. Der Augsburger Kniespezialist Professor Ulrich Boenisch, der diverse Bundesligaprofis operiert hat, konstatiert „eine Zunahme bei Muskelverletzungen“.

Pep Guardiola hat noch angemerkt, dass das Problem, das die Bayern mit Überlastung haben, Leverkusen, Schalke, Dortmund genauso betreffe. BVB-Coach Jürgen Klopp, hält es für unvermeidbar, „dass wir das Rad zurückdrehen“. Aber: aussichtslos. „Das kannst du auch einer Mikrowelle erzählen.“

Günter Klein

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