+
Maskenpflicht auch für Reporter: Günter Klein beim Geiste rspiel Augsburg – Wolfsburg. 

Wie fühlt sich ein Geisterspiel im Stadion an?

  • schließen

Die Fußball-Bundesliga ist am Samstag, 16. Mai, in eine neue Ära aufgebrochen: Spiele ohne Publikum, unter komplizierten Rahmenbedingungen. Was kann man da vor Ort im Stadion noch erleben, welchen Sound haben Geisterspiele? Reporter Günter Klein war in Augsburg. 

AugsburgMan kann immer etwas tun gegen Stille. Musik dudeln lassen, so haben sie das in der Bundesliga im Vorprogramm der Geisterspiele gemacht, in Augsburg wurde, der Routine folgend, auch das Vereinslied abgespielt. Es hat gedröhnt in der Arena, und als die Wolfsburger zum Aufwärmen auf den Rasen kamen, drehte die Regie den Pegel merklich runter, weil sie spürte: Das kann nicht passen: Leere Ränge muss man nicht mit der Wucht von Bon Jovi beschallen.

Und dann wurde es still. Die beiden Mannschaften hatten um 15.29 Uhr am Samstag Position bezogen, sich in ihrer Grundordnung aufgestellt, es musste nur noch gewartet werden, bis es 15.30 Uhr ist. Im Normalbetrieb eine unruhige Minute, in der in einem gut gefüllten Stadion sich laut artikuliert würde seitens der Fans, manche würden auch das Smartphone bereit halten; der Anstoß ist ein beliebtes Motiv des Arenagängers. Doch nichts regte sich, die Spieler standen eingefroren wie früher am Ende von TV-Serien. Man hörte in Augsburg dennoch etwas: den Lärm, den vorbeirauschende Autos und Motorräder erzeugen. Das Stadion steht direkt an der B17, sie ist vierspurig, und auf Höhe der Arena verlässt man die Stadt und beschleunigt. Es klang einige Male, als fänden draußen Rennen statt.

Die modernen Stadien an den Rändern der Städte sind so gebaut, dass sie sich ihre eigene Welt erschaffen und nicht Teil einer anderen, größeren sind. Dieses Prinzip wird aufgehoben durch Spiele ohne Zuschauer. Die Außenwelt wirkt in die Arena hinein. Der Anpfiff war eine Erlösung. Jetzt wieder Fußball.

Es ist ein Privileg, jetzt in einem Stadion sein zu dürfen. Man muss bedenken: Noch nicht einmal die Spielerfrauen sind gerade zugelassen. Als Journalist hat man Chancen, dabei zu sein. Aber von der Presse darf im „Sonderspielbetrieb Bundesliga“ auch nur ein Bruchteil des üblichen Kontingents rein. Für den Printbereich werden pro Spiel zehn Akkreditierungen vergeben. Die Anzahl derer, die fürs Fernsehen arbeiten und somit „Right Holders“ sind, ist größer, und so trifft man dann doch auf vertraute Gesichter. Man plauscht wenig miteinander, es gelten Maskenpflicht und Abstandsregeln.

Bei diesem ersten Mal notiert man alles: Dass man mit dem Auto recht nahe ans Stadion ranfahren darf, als wäre man VIP. Dass man am Eingang ein Formular abgeben muss, das man zuvor ausgefüllt hat. Man versichert, dass man keine Krankheitssymptome hat. Wenn sich binnen zwei Wochen welche einstellen, sollte man das beim Verein melden. Die DFL und den Verein entbindet man von der Haftung, falls man sich im Stadion ansteckt. Fieber gemessen wird auch, in Augsburg wurde dafür ein Scanner installiert, der binnen einer Sekunde bei drei Personen die Temperatur erfassen kann. Ich habe nichts mitbekommen, dass das Gerät in Betrieb war – doch ich war mir auch sicher, dass die Technik keinen Alarm schlagen würde. Täte sie ab 38,0 Grad.

Alle Kollegen sind früh gekommen, obwohl es nichts zu sehen und hören gibt. Doch das Nichts ist diesmal der Content. Wie wird sich das alles anfühlen? Man achtet auf viele Kleinigkeiten. Wie: Das Konzept lässt acht Greenkeeper zu – und ja, viele Leute arbeiten am Rasen. Balljungen gibt es nur vier – wer wüsste, wie viele sonst dafür sorgen, dass die Partie im Fluss bleibt? Interessant auch die Bandenwerbung: Viel auf Mandarin, auch China scheint auf Augsburg gegen Wolfsburg zu schauen. Vielleicht kennt man in Fernost sogar die Geschichte vom FCA-Trainer Heiko Herrlich, der gegen die Quarantäneregeln verstieß, dies launig und ohne Zwang erzählte und daher nicht bei der Mannschaft sein darf. Er sitzt in einer Loge. Up to date ist auch die Werbung für „hochwertige Gesichtsmasken“. Die bietet ein Sponsor des FC Augsburg an. Eine Firma, die ihre Produktion umgestellt hat. Vor Corona hat sie Schweißtische hergestellt.

Mit dem Spiel kommt der Sound. Die Spieler rufen „Hintermann“, „Spielen“, „Hejhejhej“, sie reklamieren schnell. Und bei Toren – zwei für Wolfsburg, eines plus ein aberkanntes für Augsburg – wird es tatsächlich laut. Der FC Augsburg spielt seine Puppenkisten-Tormusik „Eine Insel mit zwei Bergen“, die Pfiffe von Schiedsrichter Felix Brych, der als Münchner erstmals ein Spiel fast vor der Haustür in seinem Verbandsgebiet leiten darf, sind bestens hörbar. Und so klar, dass sie Autorität transportieren. Es wird wenig reklamiert, auch nicht, als Augsburgs 2:1 wieder weg ist. Spannend ist, wie gejubelt wird. Ohne Verstöße: Unterarm an Unterarm, Faust berührt Faust, freundliche Ghetto-Grüße.

Als Beobachter braucht man einige Zeit, um ein Gefühl für diesen Fußball, der nicht mit dem Publikum interagiert, sondern nur Selbstgespräche führt, zu entwickeln. Ist das rassig, gut, gemessen an der langen Pause – oder lahm? Lässt Augsburg erkennen, dass es in den Abstiegskampf rutscht, und Wolfsburg, dass es in die Europa League strebt? Man klammert sich an die Spieldaten, um zu einer Interpretation zu finden, oder lauscht auf der Pressetribüne ein paar Plätze weiter, wo sich für „Heute im Stadion“ die Reporter Edgar Endres und Andre Siems abwechseln. Wer spricht, nimmt den Mundschutz ab. Aber man hängt in der Luft ohne Stadionsprecher, ohne Ansage der Aus- und Einwechslungen. Ohne die Zuschauer als Indikator der Befindlichkeit.

Plötzlich ist das Spiel zu Ende. Und es entfallen die Rituale: Verweilen der Spieler auf dem Rasen, der Austausch mit der Kurve. Journalisten würden schnell hinunter in die Katakomben laufen, sich um die Spieler drängen, die mit verschmierten Hosen und Stutzen auf dem Weg in die Kabine Halt machen und erzählen, wie es gewesen war. Doch die Mixed Zone ist gesperrt, auch Sky arbeitet jetzt im Freien.

Die Ersatzspieler machen unter Anleitung der Fitnesstrainer noch ein paar Sprints, ein kleiner Traktor fängt schon an, den Rasen zu bearbeiten, man hört wieder die B 17. Die Reporter bleiben auf ihren Plätzen sitzen und schauen zu. Sie warten, bis die virtuelle Pressekonferenz mit den Trainern beginnt. Es gibt Probleme mit dem Ton, die Fragen werden schließlich per Chat gestellt.

Um 18.40 Uhr ist man mit der Arbeit fertig, das ist die normale Zeit. Am Ausgang würden nun Fans auf die Spieler warten. Autogramme, Selfies, das geht in Augsburg problemlos.

Diesmal sind die Spieler alle längst weg. Und kein Fan da. Die Stadiontore sind geschlossen, die Tür hinaus muss man mit einem Summer öffnen. Als wäre man bei einem Training gewesen, hätte wochentags einen Interviewtermin gehabt und ginge nach Hause.

Es war ein Spiel? Nein, kann nicht gewesen sein.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nach Remis gegen Gladbach: Kohfeldt erklärt, warum Werder Bremen jetzt wettbewerbsfähig ist
Irgendetwas muss doch passiert sein in dieser einen Woche. Nachdem der SV Werder Bremen den Re-Start der Bundesliga mit dem 1:4 gegen Bayer Leverkusen total verpatzt …
Nach Remis gegen Gladbach: Kohfeldt erklärt, warum Werder Bremen jetzt wettbewerbsfähig ist
Baumgartner Matchwinner bei Hoffenheim-Sieg gegen Köln
Acht zum Teil krachende Heimniederlagen hatte Hoffenheim in dieser Saison kassiert. Gegen den 1. FC Köln aber zeigte die TSG, dass sie weiter ein Kandidat für die …
Baumgartner Matchwinner bei Hoffenheim-Sieg gegen Köln
Union Berlin holt gegen Mainz ersten Punkt nach Corona-Pause
Union Berlin und Mainz 05 mussten sich vor dem direkten Duell von deftigen Niederlagen erholen. In der Alten Försterei war das beiden Teams noch anzumerken. Über das 1:1 …
Union Berlin holt gegen Mainz ersten Punkt nach Corona-Pause
„Einverstanden?“ Cristiano Ronaldo überrascht Fans mit wilder Frisur: Team-Kollege reagiert direkt
Wo ist der „Man-Bun“ hin? Cristiano Ronaldo hat sich auf Instagram mit einer neuen Frisur gemeldet und bittet die überraschten Fans um Feedback. 
„Einverstanden?“ Cristiano Ronaldo überrascht Fans mit wilder Frisur: Team-Kollege reagiert direkt

Kommentare