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Einer der Gags, die über den HSV kursieren: Das ist sein Fan-Bus.

Fußball

Wie der HSV zum Witzverein wurde

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Der HSV ist nach zehn Spieltagen der Bundesliga Letzter. Kann passieren. Doch der Niedergang begann nicht erst diese Saison. Am schlimmsten: Niemand nimmt den Bundesliga-Dino mehr ernst. Nicht mal der eigene Anhang.

Von Günter Klein

Vor zwei Wochen ging es im „Doppelpass“, der Sonntagvormittagstalkshow auf Sport1, vor allem um den Hamburger SV.

Seine 2:5-Niederlage am Tag, als Uwe Seeler 80 wurde, war größer als alle anderen Themen: als die Vier-Tore-Gala des Dortmunders Aubameyang gegen eben diesen HSV, als der Trainerrauswurf in Ingolstadt oder den Anflug einer neuen Bayern-Krise.

Über die Monitore flimmerten die Abwehrfehlversuche der Hamburger Djourou, Cleber und Spahic, das Publikum lachte über die Querschläger. Reine Comedy!

Der Autor dieses Artikels war einer der Gäste im „Doppelpass“, und er wollte etwas Gutes über den Hamburger Sport-Verein erzählen. Dass Hamburg einer von drei Bundesliga-Standorten sei, bei dem die Show vor dem Spiel so gut ist, dass die Journalisten nicht erst zum Anpfiff raus auf die Pressetribüne gehen. Dortmund ist großartig, wenn das ganze Stadion „You’ll Never Walk Alone“ anstimmt. Köln ist phänomenal, wenn zum Vereinslied von „De Höhner“ („Mer stonn zu dir, FC Kölle“) das Volk sich erhebt und die Schals durch die Luft kreiseln lässt. Und eben Hamburg: Stadionsprecher Lotto King Karl steigt auf die Hebebühne und singt in luftiger Höh „Hamburg, meine Perle“. Die Fans machen mit, alle zwei Wochen sind sie zu frischem Optimismus bereit. Nach diesem Intro glaubt man immer, der HSV würde jeden Gegner gegen die Wand donnern – bis zu den ersten Spielzügen.

Im Grunde hat der HSV guten Humor

Thomas Helmer, der Moderator des „Doppelpass“, meinte, Journalisten würden ja wohl nur so spät auf die Tribüne rausgehen, „weil sie lange am Büffet sind“. Doch dieser These musste gerade im Fall Hamburg widersprochen werden. „Schlechtestes Presse-Catering der Bundesliga“, sagte ich, „da gibt’s nur Würste, die müssen noch aus den 70er-Jahren und irgendwo eingefroren gewesen sein“. Die Leute lachten.

Am nächsten Tag kam die E-Mail mit der Betreffzeile „Ihr Besuch beim Doppelpass.“ Absender: eine Dame der Bellfoodgroup. Es ging um die Kritik an der Wurst: „Ich weiß nicht, was Sie zu dieser Bewertung veranlasst hat.“ Und weiter: „Wir sind seit dieser Saison beim HSV mit unserer Marke Zimbo die neuen Bratwurst-Lieferanten mit Thüringer Rostbratwurst, Currywurst, Krakauer und dem Stadion-Griller. Ihre Aussage hat mich sehr erstaunt. Waren Sie denn diese Saison schon im Volksparkstadion und haben eine Bratwurst probiert? Wenn nicht, würde ich Ihnen gern von dem Stadion-Griller, den es auch bald im Handel geben soll, eine Kostprobe schicken und gern Ihr Urteil dazu hören.“

Der HSV geht unter, doch vor allem sorgt sich sein Wurstlieferant. Und die Dame, die die Beschwerde-Mail schrieb, fing auch noch so an: „Als Borussia-Dortmund-Fan habe ich das Spiel in Hamburg gesehen und am Sonntag dann natürlich auch den Doppelpass.“

Rund um den HSV fügt sich derweil alles in ein großes Bild der Lächerlichkeit.

Der HSV ist, das muss man anerkennen, ein Verein, der Sinn für Humor hat. Olli Dittrich kann das bestätigen. Er ist einer der witzigsten Köpfe Deutschlands, ein begnadeter Parodist. Vor drei Jahren begann er, TV-Formate aufs Korn zu nehmen, etwa das Frühstücksfernsehens mit seinen lockeren Magazinbeiträgen, und einer dieser fiktiven Filmchen ging darum, wie ein Fußballklub, der HSV, einen vermeintlichen argentinischen Starspieler verpflichtet. Dittrich ersann und spielte Pipo. Mit großem Bahnhof wurde Pipo in Hamburg willkommen geheißen, der HSV stellte für die Aufnahmen das Stadion zur Verfügung, alle spielten augenzwinkernd mit. Pipo wurde also als der große Hoffnungsträger des HSV vorgestellt. Nur leider: Einsetzen würde man ihn noch lange nicht können. Das war die letzte Einstellung: Beide Beine von Pipo waren eingegipst.

Heute wäre es nicht verwunderlich, würde der HSV Pipo, gäbe es ihn, verpflichten.

Die Einkaufspolitik ist eine verzweifelte geworden. Weil der HSV einige Talente, die mal in seinem Nachwuchsleistungszentrum waren, falsch eingeschätzt und gehen lassen hat (wie Shkodran Mustafi und Andre Hahn, die Nationalspieler wurden), kauft er nun ein, was mal mit einer U-Nationalmannschaft zu tun hatte und als begabt galt: Lewis Holtby, Aaron Hunt, Matthias Ostrzolek, Dennis Diekmeier, Pierre-Michel Lasogga. Besser geworden ist von ihnen keiner, seit er in Hamburg spielt. Wer sein Talent bestätigt wie Heung Min-Son oder Hakan Calhanoglo, geht weg.

Die andere Seite ist der Hang zu nostalgischen Transfers. Rafael van der Vaart und Ivica Olic holte man noch ein zweites Mal, obwohl der Leistungsabfall schon offensichtlich war. Torwart Rene Adler landete beim HSV, nachdem er in Leverkusen nur noch Nummer zwei war. Ruud van Nistelrooy bekam in Hamburg ein Austragsstüberl, als er weder in Spanien noch England eine ansprechende Stelle fand. Bruno Labbadia wurde ein zweites Mal als Retter engagiert, obwohl sein erstes Engagement als Trainer in einem Zerwürfnis geendet hatte. Und auch Didi Beiersdorfer, der Vorstandsvorsitzende und starke Mann, hat ein Scheitern in Hamburg hinter sich. Seit zwei Jahren ist er zurück, 2009 hatte er beim HSV gehen müssen. Damals konnte man sich aber gelegentlich noch für den UEFA-Cup qualifizieren.

Die letzte Saison, in der der HSV mehr Tore schoss, als er kassierte, war 2009/10. Die letzte, in der er auf einem einstelligen Tabellenplatz abschloss, 12/13. Danach musste er zweimal in die Relegation, die erste gegen Fürth überstand er, ohne ein Spiel zu gewinnen, mit zwei lausigen Unentschieden. Die Fans zweifelten, ob sie sich unter diesen Umständen überhaupt noch freuen dürfen.

Die Fans. Es gibt sie noch, die Wütenden, die kontern, wenn man was gegen ihren HSV vorbringt. Sie ziehen von der S-Bahn in Stellingen zum Volksparkstadion und schmettern „Drei Mal Deutscher Meister, sechs Mal Pokalsieger, immer erste Liga – Ha-Ess-Vau.“ Doch die Mehrzahl der Sympathisanten ist dazu übergegangen, ihren Verein als Witzfigur wahrzunehmen.

Der Klassiker: Rucksack im Park

Seine Akteure liefern ja auch komödiantischen Stoff. Peter Knäbel, in der Vorsaison als Sportdirektor und Trainer (für zwei Spiele) im Amt, lässt in einem Park seinen Rucksack liegen, in dem Verträge mit Spielern enthalten sind. Als dann neulich mit Markus Gisdol wieder mal ein neuer Trainer vorgestellt wurde, sagte der in aller Naivität, er hoffe, die Mannschaft werde „den Rucksack bald ablegen“. Danke für die Steilvorlage.

Das Ungeschick hat beim HSV seinen Stammplatz gefunden. Pierre-Michel Lasogga fiel mehr durch eine verstörend semierotische Fotosession mit seiner Mutter Kerstin auf als mit Toren. Nur selten hilft dem Stürmer sein ärmelloses Glücksunterhemd – auch dies eine beliebte Geschichte im HSV-Kosmos.

Lasogga, der als Leihspieler von Hertha BSC am Klassenerhalt wesentlich beteiligt war, sodass der HSV ihn für zehn Millionen kaufte, ist mittlerweile einer der meistkritisierten Spieler. Wenn man die Stimmungslage der Fanszene erkunden will, muss man eintauchen in die Welt der Blogs und Podcasts. Hamburg hat da eine aktive Szene.

„Pierre-Michel Lasogga“, sagte da neulich „Der Hoobs“, Anbieter von „Nur der HSV“ – und wie er den Namen des Spielers schon aussprach, ließ tief blicken: Er schätzt ihn nicht sehr, „Pierre-Michel Lasogga verdient mehr Geld als Pierre-Emerick Aubameyang.“ „Der Hoobs“ hält oft halbstündige Monologe über die Spiele des HSV, er schweift ab in Einzel- und Rundum-Kritik und findet: „Solche Fans wie mich und euch hat der HSV gar nicht verdient.“ Am folgenden Tag nimmt er dann den nächsten Report zur Lage des Vereins auf. Er kann nicht anders. Auch dem Fan Sascha Rebiger geht es so. Er produziert den Podcast „Wunderbarer HSV“. Er tut es mit leichter Ironie, das zeigt sich am Motto, unter dem seine Redebeiträge stehen: „Ich versuche, aus schlechten Nachrichten gute zu machen und aus guten sehr gute.“

Wenn debattiert wird über den Untergang des HSV, dann ist ein Argument immer, dass die Strukturen nicht stimmen würden. „Ich war ja auch mal Trainer beim HSV“, blickt der weit herumgekommene Trainer Armin Veh zurück und sagt, er habe sich „mehr mit den Aufsichtsräten als mit der Mannschaft auseinander setzen müssen“. Der Aufsichtsrat: ein vielstimmiges Gremium von Mitbestimmern, manche hatten eigene Pressesprecher.

Aus dieser Sache ist der HSV eigentlich heraus. Seit zwei Jahren greift das Modell „HSV plus“. abgesegnet von einer 87-Prozent-Mehrheit von bei der entscheidenden Versammlung anwesenden 10 000 Mitgliedern (eine Zahl, die nicht mal der FC Bayern vorweisen kann, wenn gewählt wird). Die Fußballabteilung ist nun ausgegliedert, aber verbleibt im Mehrheitsbesitz des Vereins, und es gibt nur noch sechs Aufsichtsräte. Aber auch hier spürt man wieder die Sehnsucht des HSV, sich an starken externen Persönlichkeiten anzulehnen. An Bernd Bönte, der der Manager der Klitschko-Brüder ist, an Jens Meier, Chef des Hamburger Hafens, an Felix Goedhart von der Capital Stage, einem Energieunternehmen. Erfolgreiche Menschen in ihrer Branche – doch im Fußball geht nichts voran.

Weiteres Kühne-Geld: Bloß nicht!

Elf Prozent des Fußball-HSV gehören dem Milliardär Michael Kühne, der auf Mallorca sitzt und von dort Geld schickt. Verehrt wird er dafür nicht. In den Podcasts wird die Hoffnung formuliert, Kühne möge in der Winterpause bitte bloß kein weiteres Geld zuschießen. Der HSV würde es nur sinnlos verbraten und seine Spieler überbezahlen. Andernorts mag Geld Tore schießen – in Hamburg haut es über den Ball.

Die jüngste Blamage erlitt der HSV bei der Suche nach einem Sportdirektor. Öffentlich wurde mit Christian Hochstätter verhandelt – doch mit dem VfL Bochum kam keine Einigung über die Freigabe zustande. Im Hamburger Weltbild wird das so formuliert: „Der HSV sagt Christian Hochstätter ab.“

Die Fans sind nicht unfroh darüber, der Kandidat hat ihre Phantasie nicht beflügelt. Es wird nie mehr so werden wie in der besten Zeit, Ende der 70er- und hinein in die 80er-Jahre, als der HSV die Trends setzte. Mit Günter Netzer als Manager (bevor es in München Uli Hoeneß gab), mit dem Grantler Ernst Happel als Trainer, mit einem wirklich großen Transfer wie dem des Engländers Kevin Keegan. Der HSV hatte eine Spitzentruppe mit Rudi Kargus. Manni Kaltz, Felix Magath, Horst Hrubesch, Ditmar Jacobs. Sein Präsident Dr. Peter Krohn, der fand, Trikots dürften auch rosa sein, um Frauen ins Stadion zu locken, war ein exzentrischer Selbstdarsteller – aber erfolgreich. Didi Beiersdorfer ist viel bescheidener, ein guter Mensch, der als Spieler in Bremen jede Woche zum Bibelkreis ging, ein netter Kerl, wie alle sagen. Aber was er machen soll, das könne er einfach nicht.

Zehn Spiele, zwei Punkte – der HSV ist historisch schlecht in dieser Saison, nicht nur für seine Verhältnisse. Wer glaubt noch an die Rettung? Es wäre schon ein Erfolg, wenn der HSV vermitteln könnte, dass es noch um die Wurst geht.

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