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Jason von Juterczenka in der Gelsenkirchener Arena. Kann der FC Schalke 04 seine Sympathien gewinnen?

Die (endlose) Suche nach dem Lieblingsklub

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Fußball, so heißt es, führt unterschiedlichste Gesellschaftsschichten zusammen, er verbindet. Was er auch noch leisten kann: Er integriert. Das zeigt die Geschichte von Mirco von Juterczenka und seinem autistischen Sohn Jason, die im Fußball ein großes Projekt gefunden haben.

Drei Episoden über den Jungen Jason von Juterczenka, als er mit seinem Vater Mirco Fußballspiele besuchte.

Auf Schalke: Brodelnde Stimmung in der Arena, die Fans singen „Steht auf, wenn ihr Schalker seid . . .“ und erheben sich. Was macht Jason? Er hockt sich hin, mitten im Stehplatzblock. Er sagt: „Ich muss sitzen. Ich bin kein Schalker.“

Oder der Besuch in Dortmund: Die Mutter hat ihrem Mann und ihrem Sohn noch ein „Und bringt mir drei Punkte mit“ mit auf den Weg gegeben. Es ist eine Floskel. Doch für Jason ist es ein Auftrag. Früh fällt das 1:1 gegen den BVB. Von der 11. Minute an (bis zur 80.) dreht Jason sich weg vom Spielfeld, widmet seine Aufmerksamkeit einer Betonwand.

Auch am Millerntor in Hamburg sind die von Juterczenkas, Jason wird in der St.Pauli-Fankurve für eine Choreografie eingespannt, er hält ein Banner. Ein etwas älterer Junge neben ihm sagt das Sprüchlein auf: „Wir kommen aus dem Norden, wir rauben und wir morden.“ Jason entgegnet: „Wir kommen aus Kassel und suchen für mich einen Lieblingsverein.“

Darum geht es bei den „Wochenendrebellen“. So nennen sie sich: Mirco von Juterczenka, heute 40, Manager in der Systemgastronomiebranche, und Jason, inzwischen zwölf Jahre alt – und ein „besonderer Junge“, wie sein Vater ihn nennt. Jason ist Autist. Asperger-Autist. Zusammen sind Mirco und Jason dieses Fußball-Projekt angegangen: Jeden Verein der 1., 2. und 3. Bundesliga mindestens einmal zuhause und einmal auswärts zu sehen – bis Jason sagt, dass er seinen Klub gefunden hat.

Mit fünf war er erstmals beim Fußball dabei gewesen, in Dortmund. Es hatte ihn fasziniert – auf seine Art. Er studierte die Muster der Spielerschuhe, er wollte wissen: „Wie groß sind die Löcher im Tornetz?“

Wie Dustin Hofmann in „Rain Man“ – und doch ganz anders

Asperger-Autismus. Bevor man in diese Vater-Sohn-Geschichte eintaucht, muss man erst mal Begriffsklärung betreiben. Viele zitieren den Film „Rain Man“ mit Dustin Hofmann. Mirco von Juterczenka meint dazu: Der Streifen, ein Kinohit, habe Aufklärung geleistet, dafür danke – doch „für den Umgang mit Autisten ist der Film nicht förderlich“. Jeder Autist ist anders.

Bei seinem Sohn äußert sich der Autismus eben so: Er mag keine Menschenmengen, er hasst Kinder (obwohl er selber eines ist), er popelt hingebungsvoll in der Nase, „er kann schreien, dass einem die Ohren schmerzen, er kann ekelhaft provokant und aufrichtig gehässig sein“ (Mirco), Jason zückt dann die „Fäkalwörter-Kalaschnikow“. Er wird andere nie fragen, wie es ihnen geht, weil es ihn nicht interessiert. Die Lage kann schnell eskalieren, wenn etwa beim Essen ein Gericht das andere berührt. Mirco steht dann vor den Leuten immer da wie ein Vater, der nicht erziehen kann.

Jason ist jedoch auch: unfassbar klug und gebildet, er geht mit zwölf ans Forschungszentrum der Universität, er betreibt einen naturwissenschaftlichen Blog und hat angekündigt, ein Buch zu schreiben zu einem großen die Welt bewegenden Thema. Mirco hält ihn für den ehrlichsten Menschen überhaupt und für hochloyal. Er möchte ihn nicht anders haben – und Jason möchte nicht anders sein. „Gäbe es ein Medikament, mit dem man das Asperger-Syndrom ,heilen’ könnte, müsste ich nicht lange überlegen, um zum Schluss zu kommen, es nicht zu nehmen“, erklärt Jason im gemeinsamen Buch der von Juterczenkas, „Wir Wochenendrebellen“.

Mirco erläutert. warum sein Sohn anders ist: Das normale Gehirn filtert, was es an Eindrücken erfährt. Jason dagegen nimmt alles in vollem Ausmaß wahr, hochsensibel begegnet er seinem Umfeld, da spielt dann auch eine Rolle, wie das Schuhwerk der Leute auf der Straße klingt. Jason selbst schreibt: „Ich habe immer ein sehr genaues, allumfassendes und intensives Bild von meiner Umgebung. Doch das kann auch Nachteile haben. Bei einem Overload prasseln so viele Reize auf mich ein, dass es sehr, sehr unangenehm wird. Daher der Name Overload – Überlastung.“ Jason spricht von „Krieg im Kopf“: „Es ist so viel, dass, wenn man versucht, die Gedanken zu ordnen, man nur scheitern kann. Diese rasenden Gedanken überfordern mich.“

Jason hat sich strenge Regeln gegeben, die Juterczenkas haben sich auf Familienvereinbarungen geeinigt, sie fixiert. Das ist im gelebten Alltag anstrengend: Wenn Jason nur dann zum Friseur geht, wenn seine abgeschnittenen Haare gesammelt und nicht weggeschmissen werden, wenn beim Einkaufen jedes Produkt auf seine Inhaltsstoffe hinterfragt und eine womöglich nachhaltigere Alternative erörtert werden muss. Jason besteht auch darauf, dass sein Essen nicht weggeworfen wird, wenn er es nicht verzehrt – dann muss „Müllschlucker Papsi“ ran. Oder der Vater muss beim Fußball auf St. Pauli auf dem Klo mit seinem Körper einen Stuhl nachbilden, auf den Jason sich setzt, denn er pinkelt nicht im Stehen, und eine Sitztoilette gibt es gerade nicht. Mirko patscht dann zwangsweise mit den Händen in der Pisse.

Fußball also. In der Saison 2012/13 haben sie mit ihren Wochenendtouren angefangen, mit dem Vater-und-Sohn-Groundhopping. Die Planung der Reisen ging mit der Zeit immer mehr über an Jason, der neue Routinen fand, die er zu schätzen lernte: Anfahrt immer mit der Bahn, Einlasskontrollen, Halbzeitshows, Snack, Souvenirkauf, nie vor dem Ende gehen (außer, es war reiselogistisch erforderlich). Zuletzt heckte Jason eine Interrail-Osteuropa-Tour aus mit den Stationen Slowenien, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Mazedonien, Montenegro, Bosnien, Ungarn und Österreich.

Mirco konnte nur staunen, wie gut das alles funktionierte auf all den Fußballtrips: die Liegewagentouren mit Besoffenen im Abteil, die Enge in den Stadien (auf der Dortmunder Südtribüne bekam Jason sein eigenes kleines Sicherheitsreich von vier Quadratmetern). Jason machte sogar bei vielen Fan-Handlungen mit, was er so erklärte: „Im Stadion kann ich schimpfen und schreien und laut sein, und ich falle dadurch nicht einmal auf.“ Klar gab es weiterhin typische Jason-Situationen: In Hoffenheim weigerte er sich, im gebuchten Hotel zu übernachten, weil die Rezeptionistin gesagt hatte, sie würde mit ihm die Daumen für die TSG drücken. Das war nicht Jasons Absicht, er fand keine logische Basis, warum er in diesem Hotel nächtigen sollte.

Mirco von Juterczenka stellte fest, dass die klassischen Kriterien, wonach jemand seinen Lieblingsfußballverein auswählt, bei seinem Sohn nicht verfangen. Jason hatte eine leichte Affinität zu Augsburg, weil es die Stadt ist, in der er geboren wurde. Ihm gefielen, als die Familie in München lebte, die Bayern-Amateure, da schätzte er das Grünwalder Stadion, in dem man die Plätze frei wählen und während des Spiels wechseln konnte. Er entdeckte Stadien wie die Alte Försterei in Berlin, das Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg, den Saarbrücker Ludwigspark. Sie gefallen ihm besser als die modernen Arenen.

Aalen – Sandhausen: Das Spiel zum Mitfiebern

Das erste Mal, dass Jason nach Wahrnehmung seines Vaters bei einem Spiel richtig mitfieberte, war die Zweitliga-Begegnung zwischen Aalen und Sandhausen. Dafür waren die von Juterczenkas 500 Kilometer einfache Strecke angereist. Für Mirco war’s ein „Grottenkick“ bei „Dreckskälte“, Jason fand Gefallen am skurrilen Werbekonzept (eine örtliche Apotheke stellte die ausfallenden Spieler vor) und vor allem am Eckball-Sponsoring durch die „Jimbo-Autowäsche“: Bei jeder Ecke setzte ein Elefantengetröte ein. „Jason konnte seine Aufregung kaum im Zaum halten. Immer wenn einer der Spieler in Strafraumnähe zum Abschluss kam, hoffte er auf einen Eckball. Er hoffte, er bangte, war voll dabei. Eckbälle waren seine Tore.“

„Was wir machen“, so Mirco, „muss keinen Sinn ergeben, es muss ausnahmsweise auch nicht zwingend einer besonderen Logik folgen, sondern es soll uns Spaß machen, uns weiterbringen, uns ablenken, uns amüsieren. Mit einer etwas anders geregelten Routine überwinden wir die Zwänge des Alltags. Bis auf wenige Fixpunkte sind wir frei.“

Was die Suche nach dem Lieblingsverein betrifft, galt mal, „dass Dortmund gut im Rennen liegt“, aber nach Jasons Logik muss man ja erst einmal alle kennenlernen, bevor man sich entscheidet. Endet ein Spiel 0:0, gelten die beiden Klubs als nicht besucht. Findet Jason einen Verein seines Herzens, dann müssen sein Vater und er, so haben sie es vereinbart, eine komplette Saison mit diesem Klub verbringen: Alle 34 Punktspiele plus eventueller internationaler Verpflichtungen (der FC Bayern, so befürchtet Mirco, könnte die teuerste Angelegenheit werden). Vielleicht endet die Suche aber niemals. Und vielleicht ist auch der Weg das Ziel und ist Jason ein Fußball-Fan im ganz Allgemeinen geworden: Einer, der das Drumherum goutiert. Sozusagen ein Event-Fan.

Auf alle Fälle sind Jason und Mirco ein wenig bekannt geworden. Sie haben frühzeitig begonnen, ihre Erlebnisse in einem Blog (wochenendrebellen.de) zu verarbeiten, der Podcast Radiorebellen ist dazugekommen; sie haben den Grimme-Online-Award gewonnen, jetzt gibt es das Buch „Wir Wochenendrebellen“ (Benevento-Verlag), das gut geworden ist, weil es nichts verklärt (schließlich hat Mirco noch eine Frau und eine Tochter, denen durch die Vater-Sohn-Geschichte vieles abverlangt wird).

Der Fußball hat viele Freundschaften und ein Netzwerk geschaffen, er hat geholfen, dass Mirco ein positives Zwischenfazit ziehen kann: „Heute habe ich einen Sohn, der Riesenschritte in Richtung Selbstständigkeit gemacht hat.“

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